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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-06-07 · 23 (7.6.1861) · p. Seite 181

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
23 (7.6.1861)
Date
1861-06-07
Page
Seite 181 (sequence 5)
Language
German
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י• 181 1 Harmlose Betrachtung und krummer Wunsch. .01» *72V איזהו חכם ד.ל*וםד F« eet •b boete doceri. Ben So me. Ovid. Die Außerachtlassung der beiden hier voran gestellten, von dem «eisen Rabblnen und dem römischen Dichter empfohlenen Maximen dürste, bei oberflächlichem Anblick, der heutigen Juden heit kaum zum Borwürfe gemacht werden köuuen. Ist doch die Bereitwilligkeit deS mode, neu JSraelite» von Allen und von Jedem zu lernen, eine gar zu auffallende; uud daß e» an Hofmeistern und Mentoren nicht fehlt, die jeden Schritt und Tritt de» Juden beobachten, die bald seine Haltung und Sprache, seine Kleidung und Nahruugsweise, bald sein Beten und Glauben, sein Erwerben und Genießen zum Gegenstände ihrer Rüge und Belehrung machen, — wer wüßte das nicht! — Freilich bewährt fich auch hier die alte pädagogische Erfahrung, daß der Zögltng vor lauter Lehrern und Hofmeistern oft nicht zum Lernen kommt. Die viele Dressur hemmt jede freie Bewegung, unterdrückt jede Selbstständigkeit des Geiste- und deS Charakters, und in der ängstli'chen Brsorgniß, eS in Nichts zu verderben und es Diesem und Jenem auch recht zu machen, hört alle Sicherheit des eigenen UrthrilS auf, schwindet jede Eigenthümlichkeit de» Wesens. Dennoch knüpfe ich an die beiden Motto's, welche e» empfehlen von jedem Menschen und auch vom Feinde zu lernen, die harmlose Betrachtung, welche ich den geehrten Lesern ans Herz zu legen im Begriffe bin. — Die geehrten Leser erinnern sich wohl noch an die Vrrhandluvg der Pester städt. Repräsentanten am 18. April und an die Aeußerungen, welche dort über Juden, deren Charakter und Streben gefallen sind, namentlich an den Vorwurf: ausschließlich materiellen Streben-. Die Rüge kam von feindlicher Seite und war in dem Munde Derer, welche sie rrthrilten, allerdings eine unberechtigte. Doch wril's eben «recht ist auch vom Feinde belehrt zu werden", mögen wir dadurch angeregt werden zur Prüfung, ob die anerkannter Maßen allgemeine materielle Richtung unserer Zeit nicht zu sehr von unseren modernen Juden mit eingehalten wird, und ob diese Richtung bezüglich unserer Verhältnisse und Bestrebungen nicht noch besonderen Schaden bringe. —, , In den Kreisen außer uns und um un» her gilt der Satz: «Xoblesse oblige״; den beachtet Jeder, der durch Geburt oder gesellschaftliche Stellung zur «besseren" Klasse gerechnet wird, und zeigt für gemeinnützige Zwecke, für HumanitätS- und Culturbestrebungen eine Opferfähigkeit, wozu die steie sittliche Anregung im sonstigen materiellen Thun und Treiben vielleicht schon abhanden gekommen. In unseren Verhältnissen müßte die Devise lauten ״Rivbesse oblige." Kennen und würdigen nun jene Männer in unserer Mitte, welche dieser Satz zunächst angeht und die so viel Geltung und Einfluß in unseren Gemeinden beanspruchen und in der That auch genießen und üben, auch nur zum Theil die Pflichten und den Beruf, die in dem Satze augedrutet liegen? Ehre und Anerkennung für die Spenden und Beiträge, womit häufig und von Viele«, Hilfe dem Leiden, Linderung der Noth verschafft wird. — Ist aber damit, selbst angenommen, daß in dieser Beziehung Nichtzu wünschen übrig bliebe, der volle Inhalt der Devise erschöpft? Gibt es außer dem in die Augen fallenden Elend keine andere materielle und geistige Noih zu heben? Gibt rS nicht» für die Ehre und Hebung unseres Stamme» und Glaubenzu thun, gibt e» nicht Bestrebungen und Anstrengungen hiefür zu fördern? — Ich will meine geehrten Leser verschonen mit der Wiederholung der Klagelieder, die in dieser Beziehung so oft schon angestimmt, und mit der Aufzählung der pi» ckesiäeri», die von so vielen Seiten ausgesprochen worden. Ich hebe nur einen Factor des jüdischen Leben» heraus, dessen materielle Unterstützung verhältnißmäßig nur das kleinste Opfer erheischt, und vergleichen wir wie eS damit auSfieht, — ich meine da» jütische Schriftthum. In nächster Nähe um unS her gewahren wir eine Literatur erstehen und blühen, getragen von einem kleinen Häuflein, und angewiesen eben auch nur auf eine, t« Vergleiche zur gefammten übrigen civilifirten Welt, nur sehr klein zu nennende Zahl. Da aber hält rS jeder, den Geburt und Stellung dazu aufforderu, für gebotene Pflicht keine literarische Erscheinung unbeachtet zu lassen, obgleich er eS weiß, j daß manche- Schale, Mittelmäßige, Unbrauchbare und Ungenießbare | mit unterläuft, denn ״Noble«•« oblige." — Und bei uns? — Wir besitzen eine ältere Literatur, die ewig zur Sbr und Zier gereich-« wird, wir sehen seit nahe einem halben Jahrhundert einen Eifer und eine Thätigkeit -von Seite mehrerer GetsteSherorn entfallen und Produkte an'» Tageslicht kommen, auf die wir gerechter Weise stolz sei» dürfen, uud die nicht wenig zu den Fortschritten in unserem socialen und eultuellen Leben betgetragen haben. Wie vrrbaltrn fich nun un. sere Reichen und Wohlhabenden dazu? Ich denke hiebei nicht etwa an Pensionen, Subventionen, Preise u. vgl.; ich denke nur an da» gewiß sehr bescheidene Opfer de- Ankaufalle» dessen, was von Juden für Juden und Judeuthum geschrieben wird. Fällt eS unseren Strichen uud Bemittelte« auch ein, vermöge der Deviie ״Richessa oblige" daS für ihre Schuldigkeit anzuiehen? Unsere Vorfahren, ihrer Zeit, thaten eS; da gab'» kein bessere- Hau-, wo nicht der «Bücherkasten" zu finden war, - und nicht rtwa au» purer Frömmigkett, auch nicht, weil man ihn auch selbst benützen konnte. — Nein, Ehre und Sitte grboten e» dem damaligen Gemeinde» Aristokraten, und auch der Nichtunterrichtrte erachtete e» für Pflicht, den jüdischen Literaten auf diese Weise zu unterstützen und die Benützung seiner literarischen Schätze dem unbemittelten Jünger der jüd. Wissenschaft zu gestatten. — Wo, fragen wir, find in den Häufern unserer Reichen, deren PrnnksalvnS von hundertfältigem überflüssigen und kostspieligen Tanv strotzen, wo find die Werke eine» jüdischen Gelehrten und Schriftstellerzu finden? In wie vielen Häusern findet der Rabbiner und Lehrer, der heutigen Tage» so viel' zu lerne« und zu lesen hat, um den Ansprüchen der Gemeindeglieder zu genügen, ein SltrrereS oder neueres jüd. Werk, wenn er. der' selten oder nie mit GlückeSgütern gesegnet ist, eS nicht anzuschaffr« vermag? ein Umstand, der nebenbei gesagt, ganz außer Rechnung bleibt, wenn die edlen Gemeindeglieder in ihren Mußestunden da» Hausbudget fothaner «Meschubodim" rontrolliren. — Man sage nicht, daß die meisten literarischen Erzeugnisse doch nur für Fachmänner geschrieben sind, und von der Mehrzahl nicht benützt werben kännea. Ich antworte darauf: Unsere Vornehmen und unsere jeunesse dor4e verenden Hunderte und Tausende auf Dinge, wovon — wie mgp zu sagen pflegt — weder גוף noch ■נשמד Nutzen oder vergnügen schöpfen; so lasset hievon auch ein kleine- Bruchtheil, und mehr bc» darfcSnicht, jener Verlassenen zukommen, die man «jüdische Lite« ratur" nennt, und denket noch außerdem, daß ״Reichthum verpflichtet." Doch lassen wir die Einzelnen, und betrachten wir die Gemeinden, rückfichtlich welcher wir mit einem Vorschläge sckrließen wollen. Vormals gab eS überall «Lote bumickrusob" mit größeren oder kletnern Büchersammlungen, »ach damaligem Bedarf. Warum ist e» unseren modernen, «gebilveten" Gemeinden, deren Budgets sich auf viele Tausende belaufen, noch nicht eingefallen, einen winzigen Theil hievon auf die Anschaffung aller jährlich erscheinenden unv einiger älteren, jüdischen periodischen und anderen Schriften zu verwenden, und so nach und nach eine jüdische Gemeindebibliothek zu gründen. — Wenn das große Pest, zum Beispiele, irgend eine eingehende Denkschrift oder sonstige gründliche Arbeit über jüdische Angelegenheit abfassen lassen wollte, welche Hilfsmittel kann die Gemeinde dem Abfasser anbieten? Ich halte e» nicht für nöthig über den Nütze« solcher Gemeindebibliotheken viel zu sprechen. Wer ihn nicht von selber einsieht, mit dem lohnt fich's -gar nicht darüber zu reden. CS genüge nur das, daß der vielbeklagte Mangel an Rabbinerseminarien bet Weitem nicht so fühlbar wäre. — B r e»l a u ist, wie in Nr. 18 dies. Bl. gemeldet, mit gutem Beispiele vorangegangen, dem wayrlich jede kleine Gemeinde leicht Nachfolgen könnte. — Ist es da auch nicht tnöglich, sogleich eine bedeutende Büchersammlung zu gewinnt« (Pest versäumte zweimal solche Gelegenheit, 1844 u. 1857), so ist eS ja doch ein Geringes, ein oder einige Hundert Gulven jährlich für literari che Zwecke, und zwar theilS für Ankauf allrS Neuen und theilfür Nachschaffung res Aelteren, zu bestimmen. Ist einmal der Anfang gemacht, so werden Schenkungen und Legate an Büchern dazu kommen, und so Grmeiod-» Bibliotheken gegründet, wodurch Literaten und Literatur gestützt und gefördert werden, und die Gemeinden einen Besitz und eine Zierde erhalten, würdiger, nützlicher und ehrender als mancher Pomp und Lurus in den Bauten unserer Tempel und bei zwecklosen Paraden. — » o.

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