Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 14 (5.4.1862)
- Date
- 1862-04-05
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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t 107 י— Beziehung genugsam bekannt ist, als den Ersten unter thnen Franz Deäk, dessen ganze» politische- Leben in der That da» glänzendste und beste Programm genannt «erden darf. Wenn man den Gang, den die Geschichte der Menschheit und der Civilisation nimmt, häufig mit der Wellenlinie verglichen hat, so gilt die» wohl noch insbesondere von dem Berhältnisse der vffentlichen Meinung zur Judenfrage. Dir glauben aber nicht zu irren, wenn wir in der gegenwärtigen Phase in unserem Baterlande den aufstetgenden Bogen der Curve erkennen, und darum von der begin- »enden Legi-lationSepoche die günstigste Lösung der Judmfrage erwarten. MÜ freudiger Ahnung oder mit Beklommenheit mag Mancher am dte-maltgrn Peßachabend die Worte gesprochen haben: Kn®,ד עבדי?1®נד. הבאה בני חורין; wir glauben, daß die freudige Ahnung zur freudigeren Gewißheit sich gepalten werde, und daß wir im künfltgen Jahre uns nennen werden: בני חודין freie Männer. — Frühlingsgrdsnken und Erinnerungen. Do» Dr. Sk. Schmiedl» Rabbiner zu Proßnttz. I. כי הנה הסתיו עבר . הבשם חלף הלך לו. Man müßte eine durch und durch prosaische Natur sein, wenn mit der jedesmaligen Wiederkehr des Frühlings nicht ein Stück Poesie in die Brust einziehen sollte, und so jünglinghaft schwärmerisch eS sein mag, über Blumen und Lerchen, über Sonnenaufgang und Blüthrnkeime in dichterische» Entzücken zu grrathen, so können doch selbst ernste.Männer einer solch dichterischen Anwandelung sich nicht erwehren, jede-mal wenn die Erde ihren Winterpelz abgelegt hat,*) und den grünen, blumendurchwirkten Frühlingsmantel anzteht. Und jüdische Männer hätten umsoweniger einer solch poetischen Anwandlung sich zu schämen, da ein offener Sinn für Natur und Naturschönheiten grwissermaffen mit zu den nationalen Erbschaften gehört, die wir von unfern Vätern überkommen. Wie hätte auch ein Volk von Ackerbauern, wie e» unsere Bäter waren, nicht ein offene», empfängliche» Gemüth für alle Vorgänge in der Natur in sich tragen sollen. — Ja, ohne Furcht, daß e» un», wie einst dem berühmten Rabbiner David Nieto (geb. 1654) ergehen könnte, der angeklagt wurde, daß er in der Synagoge zu London über da» Thema gepredigt: הטבע והאלהים והאלהים והטבע הבל אחד — nebenbei gesagt aber, von dem eben so berühmten Rabbiner Zewt Aschkenast frei gesprachen wurde — **) ja, ohne solche Furcht sprechen wir es au»: Die Natur galt unsem Vätern stets als die zweite Bibel Gotte», in der sie lasen mit allen Augen ihre» Geistes. All die großen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gotte-erkenntniß und Gottbegeisterung schöpften sie nicht nur aus dem geschriebenen Buch ihrer Thora, sondern auch aus rem ebenso von Gottes Finger geschriebenen Buche der Natur. Wo ist denn unser« Vater Abraham die große Idee der Gottheit aufgegangen? In der freien Natur — ״Gott erschien ihm im Haine Mamre" — unter dem grünen Dach der Bäume und dem blauen Dom de» Himmels. Und als er die erhabene Gottesivee vrrbreiten und verkünden wollte, wo schaarte er seine Zuhörer um sich? Die Schrift sagt: ״Er pflanzte eine Tamariske und verkündete dort den Namen des Ewigen." Wieder unter dem grünen Dach der Bäume und dem blaue« Dom de» Himmel», da strömte die erhabene Idee um so lebendiger von seinen Lippen in die Herzen. Und wo ist unser« Lehrer Mose» zum erstenmale daS Licht der göttlichen Offenbarung aufgegangen, das heute noch alle Welt erleuchtet? Etwa in seiner engen Studierstube? Nein, mitten in der freien, großartigen Natur der sinaiitischen Wüste. Und wo hat D a v t d, der größte Sänger und Dichter, der je gelebt, jene wundervollen Oden und Psalmen gedichtet, die heute noch keine Lippe nachbeten kann, ohne daß sie mächtig wiederklingen in tiefster Seele? In der, freien, großen Gotte-natur, da strömten sie auseinem Herzen. Man' *) Der gelehrte »nd aetstvoll« Oberrabbtner Schwab, s. A. erklärte sehr! trefflich die Stelle: ״ -- הגותן שלג כצמרGott gibt de» Schnee, das er schlitzend wie rtne Wolldecke die winterlich« Erde etrchülle." **) S. חכם צבי ,®אלה י'ח• lese nur sein בדכי נפשי rmd sagd dann. ob die Pracht und Herrltchkeit der Natur einen bkredtern Dolmetsch finden könnte. — Und David'S Sohn, SaIomö, der z« reden wußte von der Zeder auf dem Libanon bi» zum Zssop an der Mauer. und der mit Vögeln und Bäumen in ihrer Sprache zu sprechen verstand, muß gewiß rin eben so begeisterter Naturfreund als sein Vater gewesen fein.— Und nicht' mindere Freunde und Verehrer der NatU^ waren die Rabbinm de» Talmud'». Ja, vielleicht hat jener Lehrer, welcher fiigte - 4ל עיד שאין בה ירק אין תלמיד חכם רשאי לדור בה, hiermit unter Ander« auch dasaftige Grün der Diesen gemeint, welche» da» geschwächte Auge de- Gelehrten stärkt und erquickt- — Und der Verfasser de» ״Perek Schirah*, der fast jedem Wesen im großen Haurhalt der Natur eine» Spruch in den Mund legt, sollte der etwa keinen offenen Sinn für die Natur und ihre Erscheinungen gehabt haben? Für den J-raeliten aber hat der Frühling nicht nur die rein menschliche Bedeutung: sondern auch gar mannigfache״ theil» freudige, theil» tieftraurige historische Erinnerungen treten da von Jahr zu Jahr mit aufgehobenem Zeigefinger an ihn heran and rufen mit feierlichem Ernst: ״Beachte den Frühlingsmonat." Wenn die verehrltche Redaktion e» un» gestattet, so wollen wir eine Reihe solcher historischen Momente, die uns allefammt ein feierliches Memento! zurufrn, den geschätzten Lesern hier vorzuführen versuchen. *) Die Juden in Warschau. Die jüngsten Vorgänge in Warschau, von welchen diese Blätter bereit- Bericht erstatteten, bieten wegen der lebhaften, man «Achte sagen, muthigen und selbstverläugnenden Thrilnahme, welche die vortigen Juden daran bezeugten, rin lehrreiches Beispiel von der Bereit- Willigkeit der Juden, die Leiden und Gefahren jener Nationen zu cheilen, unter denen sie leben und deren aufrichtige brüderltche Sympathie sie vorauSsrtzen dürfen. Gerade der Umstand, daß diese Manifestation in der ehemaligen polnischen Kapitale, in Warschau, stattgefunden, macht sie um so auffallender und lehrreicher. Bedenkt man den im Allgemeinen wenig vorgeschrittenen BlldungSgrad der russisch - polnischen Inden; bedenkt man ihr schroffe» Festhalten an Sitte und Tracht, und «ehr noch an den heiligen Ueberkommntffen und Satzungen ihrer Väter; bedenkt man noch die bi» in jüngster Zeit bestandene starre Sonderung zwischen dm Juden und dm meisten Ständen der polnischen Nation — so muß der eben so herzliche als muthverrathende, entschiedene Anschluß an die dortige nationale Bewegung von Seiten der Juden mit vollem Rechte tu Erstaunen setzen. Wer, dem die Geschichte der 30ger Jahre und daS Verhalten der damaligen nationalen Führer gegenüber den Juden bekannt ist, wer hätte denken können, daß e» nur eines so geringen Anstoßes von Außen bedurfte, um daS unmöglich Scheinende zu verwirklichen! . ' In der That gibt rS keinen BolkSstamm auf Erden der für erlittencS Leid so leicht zu brsänftigm wäre, der aber auch so anerkennend und dankbar für sein, wenn auch spät erlangte» Recht ist — als der jüdische. Dies lehrt die tägliche Erfahrung in all jenen Länder«, welche den Forderungen der Vernunft und de» Rechtbezüglich der Juden Nachkommen. Ueberall erweist sich die Anhänglichkeit, Treue und Opferfähigkeit unserer Brüder aufS Glänzendste. Ueberall ist es anerkannt worden, daß der, so lange der äußere Druck auf ihn lastetetc, als dem Gemeinwohl in vieler Beziehung für schädlich Erachtete, nachdem die Schranken der Ausschließung gefallen, binnen Kurzem sich als der beste und nützlichste Bürger herausstellte. Wer da weiß, was eine nur halbwegs politischen Lharakter tragende Demonstration im Reiche de» Ezaren zu bedeuten habe; «er eS bedenkt, um wie viel der Jude sich unter gleich obwaltenden Derhältnissen mehr erpontrt. um wie viel größerer Strafe er fich aussetzt, als sein christlicher Parteigenosse, der ihn nach fich gezogen - und wem eS bekannt ist, wa» des Juden wartet, fallein ungünstiger Umschlag der Dinge in Rußland Platz greift - der wird un» sicherlich nicht den Vorwurf machen, al» hätten wir die Wichtigkeit der Warschauer Demonstration, bezüglich der Juden, überschätzt und zu hoch angeschlagen. Was nur recht bald geschehen möge. Red. 1