Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 13 (29.3.1861)
- Date
- 1861-03-29
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 er Leid und Freude mit ihnen. Der ungarische Jude sah sich nicht mehr v»rberechtigt, sogar in virlerBeztehung benachtheiligt, doch mochte immerhin der Gedanke, daß die andern Glauben-genoffen um so Bielevorgeschritten, ihn trösten und mit seiner Lage au-söhnen. Ader Dahätte sich der ungarische Jude nimmer im Traume einfalle» laffen, daß es »tue. wenn auch noch so kurze Uebergangs- »eit geh,, würde, ia welcher er gegen die übrigen österreichischen Glaubensgenossen in eine» eulschirdeneu Rückstand gerathen werdet Dieser so wenig geahnt« Fall ist seit dem jüngsten Umschwünge in Oesterreich wirklich eiugrttetrn. In allen LandeStheilrn außer Ungarn find die Juden faktisch wahlberechtigt, während fie hier die Fassung eines GrsetzeSparagraphrn von 1848 davon auSschließ«. ’ Es ist leicht begreiflich und auch sehr verzeihlich, daß sich angeficktsolcher Verhältnisse in dem Gemüth deungarischen Juden neben der Freude über den Triumph der Humanität in Oesterreich auch ein bittere- Gefühl der Wehmuth und der beschämenden Zurücksetzung betmischte. Die leiseste Erinnerung an die Vergangenheit muß dieses Bedauern wecken und lebhaft stacheln. Trotz all' dem wird ein näheres und gründliche- Eingehen auf den Stand der Dinge in Ungarn, auf den Ernst der Verhältnisse, die hier ein feste- Anklammern an den Buchstaben des Gesetzegebieten, uns die momentane Verkürzung in Geduld ertragen lassen. Wir dürfen die tröstende Ueberzeugung schöpfen, daß eine Nation, die jetzt so strengt dem Ausspruche des Gesetzefolgt, es auch dann »hun werde, wenn dieses einmal zu Gunsten unserer Gleichberechtigung sprechen wird. Daß dies aber ia Bälde der Fall sein wird, das können wir mit aller Zuversicht hoffen, dafür bürgt außer dem ritterlichen Geiste der ungarischen Nation auch der Umstand, daß sie so gut wie wir das Beschämende erkennen wird, auf der Bahn der Civilisation und Humanität gegen das ehemals absolutistische Oesterreich zurückzubleiben. Freuen wir uns deshalb über den Fortschritt, den die Juden im übrigen Oesterreich gemacht, und erwarten wir mit voller Zuversicht die bessere Gestaltung der-Dinge in Ungarn! F-n. Zur Abbildung. (J. B.) Dr. W. A. Meisel, Oberrabbiner in Pest, wurde in Janowitz bei CzaSlau in Böhmen im Jahre 1815 geboren, lag in' der Heimath hebe, und talmudischen Studien ob bis in sein 15. Jahr, in welchem Alter er nach Hamburg ging, daselbst Gymnafialstudien absolvirte und zugleich das Beth - Hamidrasch (Klause) besuchte, und dann in Berlin bei dem RabbinatSverweser O e t t i n g e r seine talmudischen Studien fortsetzte. — Die Universität besuchte er in BreSlau 4 Jahre hindurck, während welcher er die dortigen Talmudiriüitute zur ferneren rabbinischen Ausbildung benützte. Kurz nachdem er in Kiel promovirte (184l), ward er (1842) als Prediger und Rabbiner nach Stettin berufen, welchen Posten er 17 Jahre hindurch bekleidete, bis er im Sommer 1859 in gleicher Eigenschaft von der ersten und größten Gemeinde unseres Vaterlandes gewählt wurde. Eingehender über da- Wirken des Herrn vr. W. A. Meisel ia seiner Stellung als Seelenhirte der Pester Israel. CultuSgemeinde, so wie über seine Bedeutsamkeit als Rabbiner und Prediger zu sprechen, verbietet uns der ausdrückliche Wille desselben, welcher uns bloß die kurze obige biographische Notiz mitzutheilen gestattete. — Seine bisher erschienenen Schriften sind -. Biographie N. H. Wessely's, 1841; Predigten, Sammlung 1842, nebst einzelnen zu verschiedenrn Zeiten gedruckten Reden; Prinz und Derwisch 1849, 2. Aust., Pest 1861; Ho Milieu über ״Sprüche der Väter", 1855; Vokabularium zum Pentateuch. — Außerdem ist in Bälde zu erwarten: Eine Bearbeitung de- בחץ pn von R. KalonymoS. Stdtrrbrnd. »Ich weiß, mein Vater, du bist erfreut, Wenn dein Knabe dich frägt heute Abend; Es ist ja der »Sederabend" hent', Da tönt deine Lehre so labend; Am Peßach, so h»rt' Ich, muß funkeln der Dein. Ja roth wie die Scheibe der Sonne; Wie darf er denn heute so silbern sein, , ׳So weiß, an dem Feste der Wonne?" ' Da beugt sich des Vater» hohe Gestalt, . Da tönen die Worte, die «eichen: »Mein herziger Knabe, der Leiden Gewalt Kredenzte den Trank un-, den bleiche«. Ich führ' dich hinein in dr- Ghetto Nacht, Du bangst vor dem Raum, dem beengten; Doch sieh', in den Häusern ist Wonne erwacht. Denn »Paßah" erschien den Bedrängten! »Die Hymne der Freiheit erklinget so hell Im Ghetto, im Kerker der Frommen; Doch wehe, wie trübt sich die Feier so schnell. Die Würger, fie nahen, fie kommen! »»Ein Kind ist verloren,"" so raset die Wuth, Das grausame Qualen erlitten; Die Juden gebrauchten zum Paßah sein Blut!"" - - , Da stürmet der Mord in die Hütten! »Entsetzen verbannt alle Feier sofort; Ist das Eure »Liebe", Ihr Rächer? — O Jammer! » Grauen! es täuschte sie dort Die funkelade Labe im Becher! »»DaS Blut ist gefunden, dachristliche Blut!"" So raset der Wahn durch die Hallen: — Und Sterbende ächzen; ja, Leben und Gut > Ist schaurig der Rache verfallen! »DaS Fest der Erlösung erlöste zum Tod, Und Bitterkraut barg sich im Weine; Da scheute der Becher das feurige Roth, Und weiß ist der Trank nun, der reine. Mein Knabe, gelobt und gepriesen sei Er! ES möge der Wein dich gemahnen: Auch diesem Mizraim entriß unS der Herr, Dem traurigen Ghetto der Ahnen! »So danke dem Herrn, der Israel mild Aus Knechtschaft zur Freiheit gesühret! Der Haß ist geschwunden, die Trauer gestillt, Und Wahrheit und Liebe regieret! Die Zukunft erstrahlt; ja, ein ״Passah" winkt. Die Herzen, die Geister zu laben!" — Der Vater verstummt; eine,Thränr blinkt ( Im leuchtenden Auge des Knaben. Minna Lohe«. Hesslictz. Wenn daheim am Festesabend Ich alS Knäblein unverzagt. Nach der ungewohnten Bräuche, < Nach de- Festes Grund gefragt: Da erzählte dann gar traulich Mir der Ahu die Wundermähr, - Wie der Knechtschaft Druck gelastet ' Einst auf uns're Väter schwer; Wie ihr Gott fie dann gesühret Aus der nächl'gen Sklaverei, Hin zum Lichte, hin zum Erbe,! Schirmend sie in Huld und Treu. Kind noch, Hab ich — wohl nur ahnend Meines Volkeherbes Leid — Ttrf im Herzen doch empfunden Jener Knechtschaft Bitterkeit; rJ