Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 12 (22.3.1861)
- Date
- 1861-03-22
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4884143-5427051-5427125--325-4884434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oradea 1× ep/1002404
OCR text
—-יי 92 «»♦-■■■■ a priori das materielle Wissen besitzt und bei gutem Willen sich auch durch fleißigen Schulbesuch ein Bischen Erfahrung sammeln kann, mit dem Direktorate zu betrauen? Gibt'- da ein Drittes? ES sei denn, daß man. weil man das Beste »icht erreichen kann, auch das Bessere verschmähe und die heillose Wirthschaft fortwucheru lasse. Dahin aber müßte nothwendiger Weise der Idealismus des Herrn Dr. führen. Denn weder können wir überall solche Direktoren, noch solche illustre Rabbinen haben, wie sie Herr Dr. wünscht. Solche Musterbilder find nur erreichbar für sehr große Gemeinden, wie Wien. Pest, NikolSburg, wo die materiellen Kräfte in Hülle und Fülle vorhanden siuv. Wollten dagegen alle andern Gemeinden mit der Bestellung eines Direktors oder Rabbiners solange warten, bis sie die von Herrn Dr. E. aufgestellten Musterbilder finden, so müßten sie im Witwenstande verfitzen und verblühen. Und in der That finden wir auch in Ungarn solche Gemeinden, die wegen zu überspannter Ansprüche zu keinem Rabbiner gelangen uns — verfallen, daß sie am Ende gar nicht begehrt werden. Ich stelle aber auch in Abrede, daß jeder moderne Rabbiner den Talmud ״mit kritisch-Achtendem Blicke", ״an der Hand historisch-linguisttscher Forschung" studiren, daß er ״auf der Höhe der Zeit stehen", ״klassische Literatur". ״Orientalia" treiben müsse, um zu seinem Amte befähigt zu werden. Die Rappoport's, Zunz's. Luzato's, Frankel's und Sachs wachsen nicht auf allen Sträuchern, ebensowenig wie die Pestalo; zi's. D i st e r w e g, W u r st, H e r m a n und Kellner's. Ich erlaube mir vielmehr meinen Herren College», die nicht zu den großen Geistern gehören, zu rathen, ihre Kräfte vor Allem auf ihre Fachstudien zu concentriren, damit sie berufstüchtig werden. Der Nutzen einer aufgestöberten kritischen Notiz oder einer durch Zufall gemachten philologischen Bemerkung kann lange nicht aufwiegen den Schaden lückenhafter Fachbildung, sowie die Ehre des Kritikers nicht decken kann die Blöße des Rabbiners. Den An- und Ausbau der jüd. Wissenschaft überlassen wir den Erkorenen uud Lieblingen Gottes, deren Herz er erfüllt בחכמה וברעת ,כהכ^ה und deren Gein er mit Reichthum und divinatorischem Scharfblicke begabt hat. Ich hoffe, nicht mißverstanden zu werd-n. In der Jugend soll gewiß jeder Rabbinatskandidat beflissen sein, sich universelle Bildung zu verschaffen, uud daher sich mit encyklopädischen Studien befassen. Aber in den praktischen Berufsjahren soll man eher auf Fachstudien und auf die Aneignung all desjenigen Wissens sich verlegen, was lebendigen Nutzen schafft, wozu ich auch Schulbildung zähle. Nicht wie Herr Dr. Eisler meint, um viel regieren zu wollen, und sich auch in der Schule eine Suprematie zu verschaffen; wer könnte friedliebenden und den Frieden anstrebenden Männern rathen. daß sie sich die Collifldnen aufsucken sollen? Haben sie denn nicht mit den aus dem Rabbineramte entstehenden genug zu thun? — Nein, weil es die Gemeinden von euch erwarten, ja es fordern, und weil ihr nicht gleichgültig und zu unmächtig — geistig oder materiell — d׳m moralischen Verfall der Jugend zusehen dürft. — Ebenso überspannt ist auch Herr Dr. E. in seinen Anforderungen an die praktische Wirksamkeit des Rabbiners. Als wenn der Rabbiner überall die Vereine zu wohlthätigen Zwecken Herausstampfen könnte auS dem engen oder steinigen Boden, auf dem er steht: Herr Dr. E. setzt NikolSburg zum Ideale; hier zu Lande sehen die Gemeinden anders auS, und die Rabbinen müssen sich ihren Wirkungskreis suchen, den sie fast nirgend mehr, als in der Schule, finden können. Wenn dagegen Herr Dr. E. meint, Direktoren müssen auch in der Schule unterrichten; so acceptire ich den Satz nur in so ferne, daß sich auch Rabbiner׳ in dem Unterricht versuchen müssen und versuchen sollen, um nicht aulauter theoretischen, sondern auch aus praktischen Anschauungen in Schulsachen drein reden zu können. — Ich glaube, daß die Zeit der Phrasen vorüber, und daß der Moment gekommen sei, wo dir Macht der wirklichen, nicht übertünchten Verhältnisse und Zustände anerkannt werde» müsse. Die bereits aufgelösten Schulen iu Ungarn, denen noch andere folgen werven, rufen uns ein ernste-: Memento zu, und fordern uns heraus, den Ursacken nachzuforschen, die diesen Schulen den Boden entzogen haben, und ihre Wurzeln, wenn sie je solche hatten, beim ersten Freiheit-- hauch, der über uns her wehrte, in zwei gerissen. Wären diese Schulen aus der Autonomie, und daher auder Majorität der Gemeinde» , hervorgegangen; hätten sie den gerechten Ansprüchen entsprochen: so wären sie nicht so leicht in Ruin zerfallen und in Schutthaufen zusammengesunken. Mögen noch so viele Schulen eingehen; der Rest soll nur bleiben, dafür aber auch gut werden. Die andern Gemeinden werden schon Nachkommen. Die Juden find nicht so spröde uud gegen die Anforderungen der Zeit nicht so stumpf, daß sie nicht den billigen Anforderungen des Vaterlandes und des Zeitengeistes gerecht werden sollen. Wenn Herr Dr. E. meint, die Rabbinen sollen nicht so viel regieren wollen, so kann mit desto größerem Rechte verlangt werden, man soll die Gemeinde nicht so viel regieren und ihr innerhalb ihres Wirkungskreises freiern Spielraum gewähren. In dem Lande, wo die politische und geistige Freiheit ihre höchsten Triumphe feiern, in dem Lande der Britten, gibt eS keinen Schulzwang; dafür aber ist dort das Leben die Schule. Der Jude ist ja gewöhnt daran. Opfer, immense Opfer für den Unterricht seiner Kinder zu bringen, und kann sich darin mit allen andern Confessionen messen; aber das religiöse Gut, für das er Jahrtausende geduldet und gerungen, will er auch in seinen Kindern geborgen sehen. Summa: Herr G. und Herr Dr. E. haben mich keines Bessern belehrt und die Ueberzrugung nicht erschüttert, daß sowohl Rechtmäßigkeit, als auch Zweckmäßigkeit es erheischen, der Gemeinde das Recht anheim zu geben, sich zu den aus eigenen Mitteln erhaltenen Schulen den Direktor zu wählen, wenn auch die ׳Wahl den Rabbiner treffen sollte. Und wenn auch der A. ß. Correspondent aus Wien im Namen der Wiener Leser dieses Blattes Herrn Dr. E. Beifall klatscht, so hat mich das weder in meiner Ueberzrugung, noch in meiner bessern Metuung von dem Urtheile der jüv. Leser im Geringsten wankend gemachte — Wahrer, offener und einsichtsvoller spricht Herr S. G ö tz c l in Nr. lO d. Blätter. Mir keine falschen Insinuationen machend, gesteht er zu, daß ich im Interesse der Gemeinde und Schule gesprochen. Er meint jedoch, daß die Dkrectionsfrage keine wesentliche, keine Karbinalfrage sei, sondern die Präzisirung deS Verhältnisses des Directors zur Schule, oder wie Herr G. das nennt, die Schulconferenz, das Wichtigste sei. Nun, wir wollen darüber nicht streiten, welches das Wichtigere sei; in der Schule und für die Schule ist Alles, waS in ihren Organismus eingreift, von folgenreicher Bedeutung. Ich habe auch in meinem Aufsätze gesagt: ״daß hiemit die Schulfrage nicht erschöpft, und noch viel Einschlägiges einer Besprechnng zu unterziehen sei." Möge nun Herr G־., als Fachmann, mit einem Entwurf zur Firirung dieses Verhältnisses, oder der Schulconferenz, hervortreten und einer öffentlichen Besprechung unterziehen. Er möge auch pro domo reden, wenn nur das wohlverstandene In-- teresse der Schule und Gemeinde nicht gefährdet sein würde. Tüchtige und berufstreue Lehrer sollen für sich reden und für eine möglichst gesicherte und freundliche Eristenz kämpfen; denn diese verdienen es, daß man ihnen Rosen streue auf den Lebensweg, und derjenige Rabbiner ist in meinen Augen gewissenlos, der dem wackern Arbeiter im Weinberge des Herrn, dem damühsamste und schwerste Los zu Thetl geworden, nicht mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, mit allem Einflüsse und aller Energie den kräftigsten Vorschub leistet. — Deszprim, 13. März 1861. Abr« Hochmuth. ׳ Dr. Friedrich Kross. (Schluß. *) Der Augenheilkunde hatte Groß bereits während seiner Studienjahre besondere Aufmerksamkeit zugewandt, gleich in der ersten Zeit seiner praktischen Wirksamkeit — zu Telisch in Mähren — ward ihm öftere Gelegenheit, seine hervorragende Geschicklichkeit in diesem Zweige seines Berufes zu bewähren, die sich im Laufe der folgenden Jahre zur seltenen Meisterschaft steigerte. In großer Anzahl strömten aus den Niederungen der Theißgegend wie von den Höhen der Karpathen, ja selbst von jenseits derselben, aus Galizien, Augenleidende und Blinde nach Großwardein, um Heilung oder das verlorere Augenlicht bei ihm zu suchen. — Tief schmerzte es hiebei stets sein ärztliche- Gewissen und sein menschenfreundliche- Gemüth, daß der glückliche Erfolg seiner ärztlichen Bemühung durch den Mangel *) Siehe Nr. 11 ״,. Abbild."