Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 11 (15.3.1861)
- Date
- 1861-03-15
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4884143-5427051-5427123--318-4884428- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oradea 3× ep/1002404
OCR text
86 seinen Studien ob , und wurde 1825 zum Doctor der Medizin und Chirurgie promovirt. — Die Laufbahn als praktischer Arzt begann Groß als Hausarzt deS Fabriksherrn Lang zu Teltsch in Mähren. Kenntniß, Geschick und Hingebung an seinen Beruf erwarben ihm die Liebe, ja Verehrung der Herrschaft sowohl als der Bevölkerung, und ließ er daselbst vorzüglich in dem durch ihn vortrefflich eingerichteten Krankenhause ein segensreiches Andenken zurück. Nachdem er von hier auS wissenschaftliche Reisen gemacht und nach dem Tode seines Freundes unv Gönners, Lang, der ihn noch mit einem Legate, behufs des Ankaufes von Büchern und Instrumenten bedachte, lenkte Groß seine Schritte 1830 nach seiner'Vaterstadt Großwardein, von wo Seitens rer israel. Gemeinde ein ehrender Ruf an ihn ergangen war. — In rer &tfdbid>te ter Juven verdiente wohl die Geschichte der jüdischen A e r z t e eine eigene Abtheilung und besondere Berücksichtigung. Wir baben bei dieser Bemerkung nicht etwa eine jüdische Medizin und ten wissenschaftlichen Einfluß jüdischer Aerzte im Auge, sondern den eigenthümlichen Beruf und die Wirksamkeit derselben in socialer und kulturhistorischer Beziehung und vorzüglich ihre Linwirkung auk die Stellung rer Juden nach außen, auch inmitten der finstersten Jahrhunderte, unter der n.och unangefochtenen Herrschaft der krassesten Vorurtheile und ״der beschränktesten Anschauungen. — Wie der Arzt überbaupt, vermöge seines Berufes, vor Allem den Menschen, und nur den Menschen, kennt und beachtet; so war es gleichsam die Misfion jüdischer Aerzte, ihrerseits auch eine Zeit, die sonst im Juden nur den fluchbeladenen Ketzer erblickte, zur Anerkennung des Menschthums im Juden zu nöthigen. In Zeiten der Bedrückung und Verfolgung waren es ausgezeichnete jüdische Aerzte, welche oft in der Nähe von Königsthronen, ja selbst in der Nähe des höchsten Hirtenstuhles, der Christenheit, eine ausnahmsweise Stellung fich errangen und hiedurch oft, bald einen Sonnenstrahl der Gnade, bald auch einen freien Lichtblick der vorurtheilslosen Gerechtigkeit auf ihre unglücklichen Glaubensbrüder lenkten. An diese einstigen Vertreter jüdischen Geistes und Herzens und deren Beruf und Stellung gemahnt, den veränderten zeitlichen und den räumlichen Verhältnissen gemäß, Dr. Friedrich Groß Leben und Wirken in seiner Gcburtsstadt, seine 28jährige segensreiche Thätigkeit in Großwardein. - - _ Kurz nachseiner Urbersiedelung, schon bei Gelegenheit der eben grassirenden Cholera - Epidemie, fand er Anlaß seine TWig krit als Arzt und seine keine Mühe scheuende Opferfähigkeit im glänzendsten Lichte zu entfalten. Wohl hatte diese Zeit mit ihren ihm auferlegten Anstrengungen die traurige Folge, daß er fich ein schweres Fußleiden zugezogen, welches ihm fortan den Gebrauch der Krücke nöthig machte. Dafür aber hatte Gottes Hanv auf seinem Wirken geruht, seine ärztlieben Bemühungen mit Erfolg gekrönt: und dies so wie seine sonstigen persönlichen Eigenschaften, als allgemeine Bildung, Menschenfreundlichkeit und Liebenswürdigkeit machten seinen Namen unter Hoben und Nierern, in Pallästen und Hütten zu einem der beliebtesten, geachlctsten nnd gefeiertsten. — Der jüd. De. Fr. Groß ward der Arzt und geehrte Freund ter höchsten geistlichen und weltlichen Würcenträgrr seines Comitates und der Umgegend, und wußte als Mensch und Jude. mit eben so viel Bescheidenheit als männlicher Würde, mit Sicherheit und feinem Takte die mancherlei Conflikte, in die er gerirth, zu beseitigen und die gewissen Versuchungen unv Zumulhungen und Anfechtungen zurückzuweiscn. So verwies er einen Prälaten, rer nach schwerer Krankheit ihm das Bedauern ausgedrückt, daß er eie ärztliche Hilfe nicht von christlicher Hand empfangen, auf den größten der Propheten, auf Moses, der durch die Hand einer Heidin seinem Volke und der Welt erhalten worden. — Aber nicht nur bewegte er siw frei und ״würdig in den Häusern der Großen und Bornehmen, sondern sein Haus warb oft der Sammelpunkt der verschietenartigsten und hervorragendsten gesellschaftlichen Elemente; und an seinem gastlichen Tische saßen zuweilen der Durchlauchtige Fürst- Tomprost gegenüber einem jüdischen Freunde, in Gesellschaft eines griech.-orthodoren Rumänen und eines Anhängers Calvin's. in gemüthlicher Eintracht und traulicher Unterhaltung-zusammen. — In seiner ehren- und ruhmreichen Berufsthätigkeit vergaß Groß < nicht nur nicht, sondern gedachte er vorzüglich der Armen aus allem Volk. AIS PrimarphyfikuS deS JsraelitenSspitals. wirkte er darum mit unermüdetem Eifer und ließ die zweckmäßige Umgestaltung deffelben seine angelegentlichste Sorge sein. Aber unsäglichen Ruhm seinem Namen und unaussprechlichen Segen seinen leidenden Menschenbrüdern schaffte er durch die Errichtung, Pflege und Erhaltung, auf eigene Kosten, einer Anstalt, wie solche nur äußerst selten noch durch Privat wodlthätigkeit in's Leben gerufen worden, und die nur dem brgeistertsteu Berufseifer und der umfassendsten Meuschenliebe ihr Dasein verdanken konnte: die Heilanstalt für arme Blinde zu Großwardein. (S. Nr. 9 d. Z. v. I.) (Schluß folgt.) Gorresyondenz. - Szolnok, 7. März. Die Epidemie der Schulauflösung, die jetzt in unserem Vaterlande haust, hat auch bereits unsere Gegend heimgesucht. In Czegl«d und in mehreren Nachbargemeinden gehen die israel. Volksschulen trotz ihrer bewährten Leistungen ein , einzig und allein aus Mangel an Opferwilligkeit und belebendem Gemeinsinn. Hier wünscht zwar die Gemeinde, oder besser gesagt, wünschen die Eltern ver Schulkinder die Erhaltung der Schule, aber die Reichen, welche keine Kinder in die Schule schicken, verweigern die Beiträge; und wie soll dann die Schule in einer nickt zahlreichen Gemeinde erhalten werken. Wahrlich, wenn wir nicht wüßten, daß dem, die ganze Natur neu belebenden und erfrischenden Frühling gewöhnlich Märzstürme sorangehen, wir müßten die in unserem Vaterlande angebrochene, glückverheißende neue Aera, die aber unser kaum geordnetes Gemeinkeleben zu zerstören unv uns in die Dunkelheit des Mittelalters zu versetzen droht, mit düsteren Blicken begrüßen; aber wir vertrauen auf den erleuchteten Geist unseres Jahrhunderts und sehen getrosten Muthes einer schöner«, glücklicher« Zeit entgegen. Jul. Spiegler, Oberlebrer. Zilah, 4. März. Heute fand hier die erste Comitatscongregation statt; die Wahl der copstitutionellen Beamten soll morgen vor sich gehen. Unter den Wahlrepräsentanten befindet sich zwar ein Jude, den die rumänische Gemeinde Szets hieher sandte, aber ich habe bei dem Verlesen der Wählerlisten dessen Namen nickt wahrgrnommen, wahrscheinlich wurde derselbe gestrichen. — Um so mehr Befriedigung ward unfern Glaubensgenossen durch die bei der erwähnten Versammlung gehaltene begeisterte Rede des jungen, wackern katholischen Priesters I. Hotz er aus Sz. Cseh, der mit den Worten schloß: ״Meine Herren! Ich habe noch eines Volksstammezu erwähnen, welcher in dem ehrwürdigen Alter von Jahrtausenden zwischen uns lebt. Im Schoße dieses Volkes wurde unsere Religion großgezogen; dieses Volk ist ver Stamm an dem wir heranwuchsen, und trotzdem wurde dasselbe seit Jahrtausenden verfolgt, verachtet unv außerhalb der Schranken des Gesetzes gekettet Nehmen wir nun auch dieses Volk auf! Laßt uns den Fehler von Jahrtausenden bei dieser Gelegenheit gutmachen! Laßt uns den einzigen Schandfleck der Gegenwart nun einmal wegwaschen!“ Möge Gott diese» wackern Priester lange erhalten! *) Philipp Lang. Dutschowitz (Mähren), März. Sie haben bereits in Nr. 19 v. I. einem Berichte aus unserer Gemeinde die Spalten Ihres gesch. Blattes geöffnet, worin vorzüglich unser inneres Leben, unser Synagogen- und Schulwesen Ihren Lesern dargestellt worden. — Erlauben Sie auch mir heute einen kleinen Raum zu einer Mittheilung, die zunächst unsere Stellung nach außen, unser Verhältniß zu unseren nicht-jüdischen Mitbewohnern betrifft, welche Mittheilung Ihre Leser vielleicht um so angenehmer berühren dürfte, als die Beispiele der Toleranz und des einträchtigen Zusammenlebens leider noch nicht zur ) Regel und zu den alltäglichen Erscheinungen gehören. — Am 15. v. M. fand hier die Restauration deS Vorstandes und der Repräsentanz der Stadtcommune statt; und ward bei dieser Gelegenheit der jüdischen Bevölkerung die besondere Befriedigung zu Theil, daß drei Mitglieder aus ihrer Mitte in die Stadtrepräsrntanz berufen wurden. Einer darunter ist der auch in diesen Blättern schon genannte, vielverdiente *) Und seinesgleichen Biele sein lassen unter allen Stämmen. Red.