Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 11 (15.3.1861)
- Date
- 1861-03-15
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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•י 85 « — Knabe eiligst fort in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, und trat mit klopfrndcm Herzen in die Gaststube hinein. In dem ihm so fremdartigen Gewirr der mit frohen Menschen gefüllten Wirthsstube trat.ihm der Vater mit ermunternder Freundlichkeit entgegen , hielt ihm die Zeitung hin und fragte: «waS meinst du, Markus, getraust du dir wohl, da die Rechnung zu lösen? — aber erst denke nach! — mein Junge, was meinst du?" — In gespannter Erwartung hingen die Blicke Aller an dem 9jährigen, kleinen Knaben, der die Zahlen und Ziffern sinnend überschaute und dann zuversichtlich ausrief: ״ja, lieber Vater, ja! — das werde ich wohl rechnen können!" — Jubelnd brachte ihm der Wirth nun ein großes Stück Kreiee, so groß, daß die zarte Kinderhand es kaum u,«fassen konnte, und führte ihn zum braungemalten Wirthstischr. ״Da rechne, mein Prachtjunge!" rief der Vater liebevoll, und mit zitternder Hanv malte der Knabe die weißen Riesenzahlcn auf die Tischplatte, während rin dichter Kreis von Zuschauern ihn bald zweifelnd, bald ermunternd umringte. ״Ach Vater", klagte der Knabe endlich, ״gib mir doch Tafel und Griffel und laß mich in eine andere Stube gehen; ich weiß nicht, was mich hier so verwirrt, ob es die vielen Menschen sind, oder die großen Zahlen!" — Der Wunsch des Knaben wurde erfüllt, und schon nach wenigen Minuten kehrte der kleine Held mit strahlendem Gesichte aus dem Nebenzimmer zurück. Erwartungsvoll sah Herr Volquarvts das Faeit durch und ries dann in höchster Uebnraschung: ״So wahr mir Gott beistehe, es ist richtig! — und du, mein kleiner Rechner, hast mich, den alten Rechner, im redlichen Gcisteskampfc überwundln! — Ich wünsche Ihnen Glück, mein wackerer Michael, zu einem von Gott so begabten Sohne!" — Treuherzig drückte der Besiegte die Rechte des beglückten Vaters, während dieser die Linke auf den braunen Scheitel seines Sohnes legte, als wollte er ihn segnen, als tönten in seinem Herzen die heiligen Worte der Priester Juda'S wieder; ״Der Ewige segne und behüte dich! Er lasse dir leuchten sein Antlitz und sei dir gnädig!" — Der geschäftige Wirth war indeß hcrbcigeeilt mit der verhängnißvollen Flasche Wein; und der Erste. der vom süßen Weine ein ganzes Glaö leeren mußte, war — unser Markus! — Wohl noch nie hat rin Knabe auf so seltene Art sich sein erstes Glas Wein selbst erworben; und während nun die biedern Dithmarscher mit Michael auf das fernere Gedeihen seines Sohnes anstiessen, schlich dieser beschämt hinaus. Wohin wird der glückliche Knabe eilen? — Könnt Ihr noch fragen, wohin? Ihr, die Ihr wißt, wer ihn zu Hause mit liebender Sehnsucht erwartet? — In die Arme der treuen Mutter eilt der fromme Sohn; und nachdem er an ihrem Herzen Helle Freudenthränen geweint, erzählt er, erzählt von seiner Ehre und seinem Glücke; da erglänzen die Augen der guten Mutter in seligster Wonne, und Engel vom Himmel, Engel der Liebe und des,Glückes, umschweben Mutter und Kind. — * Wenige Tag« waren verflossen; wie rin Lauffeuer hatte sich die seltsame Neuigkeit aus der Wirthsstubc unter den Bürgern des Städtchens verbreitet; da trat eines Tageein seltener Gast in das Zimmer Michael's. In Meldorf war ein anerkannt gutes Gymnasium, und der Rector dieser hohen Schule war eS, der unfern Kaufmann zu sprechen begehrte. ״Ich habe von Ihrem Sohne und seiner Begabung gehört", begann der freundliche Mann, ״und möchte Sie fragen, zu welchem Berufe Sie Ihren Knaben erziehen wollen? — ״Zu welchem Berufe?" — antwortete Michael, ,',was meine Väter gewesen, was ich bin, wird auch mein Sohn werden: rin Handelsmann, ein Kaufmann, wie es so Brauch ist bei unS Juden!" ״Ich will Ihren Stand keineswegs lästern', erwiedertr der Rector, ״aber dennoch glaube ich, Ihr Sohn ist zu etwas Höherem bestimmt! Und wenn er auch Kaufmann werden will, so kann ihm eine höhere Ausbildung selbst bei diesem Berufe nur förderlich sein; darum bitte ich Sie, mein Freund, bitte Sie um Ihres wackern Sohnes willen: vertrauen Sie den talentvollen Knaben unserm Gymnasium an! — und ich werde ihn mit der götttlichen Hülfe zu einem tüchtigen Menschen, zu einer Zierde unserer Schule heranbilden!" — Wohl hatte Michael noch manche Einwendungen zu machen; altes Herkommen und treue Baterliebe kämpften in seinem Innern, bis endlich die menschenfreundliche Beredsamkeit des wackern Rectorsiegte. — Schon mit dem neuen Semester, kurze Zeit nach seinem 10. Geburtstage, wurde der glückliche Markus der Quarta des GymuasiumS anvertraut. Mit 11 Jahren öffneten ihm sein Fleiß und seine Kenntnisse die Pforten der Tertia, mit 12 die der Secunva. und nach einem Jahre rreignete sich der in den Annalen des Meldorfer Gymnasiums unerhörte Fall, daß ein lZjähriger Secundaner, unser Markus, bei einem glänzenden Eramen nach Prima versetzt wurde! Wonnetrunken eilte der auch körperlich früh gereifte Primaner nach HauS; der Vater beglückwünschte ihn und begann dann mit ernstem Tone: ״Du weißt, mein Sohn, mit 13 Jahren erlangt der jüdische Knabe seine Selbstständigkeit; so sollst auch du heute selbstständig entscheiden, welchem Berufe du dein ferneres Leben widmen will». — Kannst und willst du den Herzenswunsch deines VaterS erfüllen und ein Kaufmann werden, wie unsere Väter waren?'' — Da senkte rer treue Sohn traurig das Haupt; im Geiste hatte er schon längst seinen Lebensweg gewählt. Gehorsam und Kindespflicht zeigten ihm ein Leben voll materieller Interessen; aber auf der andern Waagschaale lag höchste Befriedigung seines Geistes und Herzens, lag ein Leben voll heiliger Menschenliebe, die auch die Kindesliebe nicht ausschloß. Der gesenkte Blick des Knaben hob sich wieder, und mit leuchtenden Augen sprach er: ״Q, mein Vater, dein dankbares Kind werde ich immer sein, aber ein Handelsmann kann ich nicht werden! Laß mich stur irr n, mein Vater! ich möchte ein Arzt sein, ein Wohlihätcr der leidenden Menschheit!" — Und der Pater erfüllte den frommen Wunsch des Sohnes, der von Stufe zu Stufe wftter stieg, bis er das Ziel seines Geistes errungen. Der kleine Rechner ist ein tüchtiger Arzt geworden, ein Helfer und Tröster der Leitenden, und ist in allen Verhältnissen seines LebenS ein guter Sohn und frommer Jute geblieben, an dem sich der Segen des liebenden Vaters bewährte! Ja, der Ewige segnete und behütete ihn! Das scheinbar Unbeteutente, eine gelöste Rechnung, war dem strebenten Knaben das Werkzeug Gottes gewesen, um einen ringenden Geist auf dem Pfade der Ehre und des Wissens zum Ziele beglückcndstcr Mensch.nliebe zu leiten! — *) Minna Cohen. Zur Abbildung. Friedrich GroH (Doctor der Philosophie, der Medicin und Chirurgie, Inhaber und Direktor einer, auf eigene Kosten gegrünteten Angenheilanstalt für Arme in Großwardein; Primararzt deS isr. Krankenhauses daselbst; Mitglied der ständigen Medicinal-Commisfion, der k. medtz. Facultät zu Pest, der k. k. Gesellschaft der Aerzte und deS zool. botan. Vereines zu Wien, der Gesellschaft deutscher Aerzte zu Parts; permanentes Ehrenmitglied d. Wiener mediz. Unterstützungs- Vereines und Inhaber deS goldenen VerdienstkrcuzeS m. d. Krone) wurde 1797 zu Großwardein -von wohlhabenden und geachteten Eltern geboren. — Nach der ״Barmizwah", bis zu welcher Zeit er großen-;Heils Bibel- und Talmutuntcrricht genossen, trat er in das Archi- Gymnasium zu Großwartcin, absvlvirte hier rie Gymnaüalstudi:n mit vorzüglichem Erfolge, hörtesodann die philosophischen Studien in Pest, wo er 1819 den Doktorgrad erlangte. Um diese Zeit verlor er seinen, als Mann von biederem Charakter und von Weltbildung, sowohl bei den Glaubensgenossen albei hervorragenden Nichtjuden in Ansehen gestandenen Vater, welcher in seinen letzten Lebensjahren sein ganzes Vermögen eingrbüßt hatte, und nun seine Familie hilf- und mittellos znrücklassen mußs. — Groß wandte sich nach Wien zum Studium der Medizin, dem einzigen Nothanker jüdischer studirendcn Jünglinge, wozu ihn aber noch insbesoudere eine unwiderstehliche Vorliebe für Naturwissenschaft drängte. — Unter Entbehrungen mancher Art, aber auch theilhaftig der mileen Unterstützung von Seiten der in jüdischen Kreisen mit Ehren genannten Männer, Biedermann und Hofmannsthal, lag er *) ״Mir aber" — so fügt die geehrte Berfafferin in einer Nachschrift hinzu — ״ist der kleine Rechner mehr geworden; der Wecker meine- Geiste«, der Leiter meine« Leben«; — er ist — mein Vater! Und daß ich obige Skizze au« seinem Leben in diesen Blättern zeichnen und somit dem besten Vater ein Zeichen der Liebe' weihen konnte, da« habe ich nächst Gott nur ihm zu danken l"