Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 11 (15.3.1861)
- Date
- 1861-03-15
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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84 י Glaube Wurzel fasse im Herzen, daß alle, alle Verheißungen Gottes und seiner Seher dereinst fick bewähren werden am Volke Juda, an der Rose von Saron! — Auch hier in Meldorf wohnte eine jütische Familie in muster- Hafter Eintracht mit den christlichen Bürgern der Start; — ist nicht diese Eintracht der verschiedenen Glaubensgenossen ras freundliche -Bild einer neuen, lichtvollen Aera der Zukunft? — Und fürwahr, die Bürger Melrorf's batten Recht, den Handelsmann Michael und seine brave Familie so innig liebgewonnen zu haben! — Der einzige Jude im Ort war das Muster eines jütischen HauSvaters und zugleich einer der liebenswürrigsten Gesellschafter im Siärichen- Das mühsame Geschäft res Hausirers, welches Unterdrückung und Herkommen auf die Schultern tn Juden gebürdet, betrieb unser Michael mit musterhaftem gleiße und strenger Rechtschaffenheit, die ihm die ehrenvollste Anerkennung seiner Mitbürger verschaff». Zuweilen beschäftigte der Laren im Hause den thätigen Kaufmann genügend, manchmal jedoch hielt ihn das Ringen nach Erwerb Tage lang entfern! von Frau und Kindern; aber der Sabbath, riese liebliche Oase im öden Leben des Handelsjudcn, traf den geliebten Vater immer im traulichen Kreise der Leinen und belohnte ihn für manche Enibehrungen der Woche durch eine göttliche Feier, geweiht von Frieren und Liebe. Freilich an den hohen Feiertagen, an denen dereinst die Bäter im Lande Juda ihre Wohnstätten verließen und nach rem Tempel walleten, der Gottesstätle zu Jerusalem, mußte auch unser Michael die Heimath verlassen, um vereint mit der nächsten Gemeinde in der S.magoge seinem Gott zu dienen. Kehrte er dann heim, unr begann rer Kreislauf des Jahres von neuem, so suchte er im Hause Familicnglück.und außer dem Hause am Tage Erwerb und Abends, so oft es ihm vergönnt war, die geselligen Kreise des Städtchens, in denen rer ewig heuere Handelsmann gar gern gelitten war. Da saßen nun die bierern Dithmarscher beim Schoppen Bier und horchten, wie unser Michael erzählte von seinen Wanderungen durch's weite Land umhcr, wie er bald im plattdeutschen Idiom, bald im fließenden Hochdeutsch Geschichten erzählte von den reichen Hofbesitzern in den Dorfschaften ringsum, von den Knechten und schmucken Mädchen oder rem stillen Schulmeister unr dem ernsten Herrn Pastor, die er Alle kannte. Alle getroffen hatte in mancher Lage res Lebens. Wie gern hörten die schlichten Handwerker unr zuweilen auch die 'Gebildereren res Städtchens dem wackern Hanrelsmanne zu, der immer etwas Neues zu berichten wußte aus den reichen Erfahrungen seines Lebkns. Häufig sprach er auch von seiner Familie daheim, von seiner braven Hausfrau, und am liebsten erzählte er von seinem ältesten Sohne, rem 9jährigen Markus. Stolz und Wonne durchglühten dann ras Herz^kes liebenden Vaters, der in dem wackern Knaben schon jetzt die Freude seiner Tage erblickte. Körperlich und geistig früh gereirk, war Markus zugleich das fleißigste Kind und ließ keine Stunde unbenützt vorübergehen. Seine liebsten Gefährten waren die Bucker, von denen der fleißige Knabe sich fast niemals trenn». — Aber am reichsten entfaltete sich sein Geist, wenn es galt, eine schwierige Rechnung zu lösen. Dann überraschte unser Markus seinen Lehrer durch die Schärfe seines Geistes, dann ließ er ras Herz des Vaters höher pochen und füll» die frommen Augen der treuen Mutter mit den Perlen mütterlichen Stolzes. — Ein kalter Wintertag war zu Ende, unr Ruhe und Frohsinn verbreitend, war der Abend herabgestiegen. Im traulich erwärm»» und erleuchteten Stübchen unseres Michael saß die Hausfrau im Kreis ihrer plaudernden Töchterchen; Markus aber hatte sein geliebtes Buch vor sich liegen; und während sein Geiü das eben Gelesene noch einmal überdachte, blickten seine dunklen Augen ׳mpor unr ließen eine Welt von Idealen ahnen, die in der Brust res jungen Knaben schlummerte. Ach, das Btld des Händlers auf den Dörfern mi׳'ckte sich nicht in seine Träume; andere Wünsche, andere Hoffnungen dämmerten bereits im erwachenden Geiste des Knaben, unk alle, alle beugten sich vor dem Erzeuger der Größe und Tugend: dem mächrigeu Drange nach Wissen! — Wirst du die lickten Träume deines Geistes verwirklicht sehen, du hoffender Knabe? — Oder wirst du Armer wie so viele deiner Ahnen unter der Bürde res Waarcnbünrels auf reinem Rücken auch die feurigen! Wünsche deine- Geistes begraben müssen? — Noch darfst du hoffen,! noch vertrauen auf den Gott deiner Väter, dem oft das scheinbar I Unbedeutendste genügt, um das Seelen- und Lebensglück seiner Kinder 1 zu gründen! —! Mit freundlichen Worten war indeß der Vater eingetreten. .Liebe Frau", sagte er zum Schluffe, ״ich werde noch auf rin Stündchen zum Nachbar Gastwirth hinübergehen und dir vielleicht hübsche Reuigkeiten nach Hause bringen." Die kleinen Mädchen gaben dem Vater! noch einen Gutenachtkuß, unv unser Michael ging zum Hause des I Nachbars, der nach Dithmarscher Brauch das Gewerbe eines Krämers mit dem de- GastwirlhS vereinte. In der Wirthsstube saßen die Bürger des Städtchens im traulichen Geplauder beisammen und bewillkommten unfern Michael mit freundlichem Gruße. Nur in einer Ecke des Zimmers stand in ernstem Schweigen ein einsamer Mann, vertieft in das Zeitungsblatt, das er in Händen hielt. Seine Umgebung plauderte und lachte; doch unbekümmert um die Fröhlichkeit der Andern, schlug sich rer schweigsame. Gast die Hand vor die Stirn und sah mir starren Blicken sinnend vor sich nieder, als hielte ein schwerer Kummer seine Seele belastet, als stünde er vereinsamt im Kreise der Frohen. Michael kannte den sonst so heitern Mann und war erstaunt über deffeu verändertes Wesen; sonst pflegte Herr Bolquardts, der Oberlehrer der Mädchenschule im Orte, niemals so düs»r bareinzuschaucn und wußte im Gegentheil gar häufig die frohe Laune der Andern zu wecken Theilnehmenv trat Michel näher unv klopfte vem Sinnenden auf die Schulter, der überrascht und verwirrt emporblickre. ״Aber mein bester Herr Bolquardts", rief der Handelsmann, ״warum sind Sic so still und stumm heute Abend? unv welche HiobSpost steht denn da in der Zeitung?" — ״Ach", entgegnete Herr Bolquardts seufzend, ״da stehe und sinne ich nun den ganzen Abend, zähle und rechne her und hin, — und Alles umsonst. Sehen Sir, hier im Wochenblatt, ras, wie Sie wissen, "UNS allwöchentlich dergleichen Nüsse zu knacken gibt, steht ein Rechenerempel, ein wahres Ungeheuer der Rechenkunst. Zehnmal glaubte ich das richtige Facit getroffen zu haben, aber weit gefehlt! — der gordische Knoten ist nicht zu lösen! — Und das muß mir passiren, einem so alten Praktikus! — Sagen Sie selbst, bester Freund, ist das nicht, um den Kopf zu verlieren und die frohe Laune dazu?" ״Ei", entgegnete Michael lachend, ״verderben Sie sich doch den schönen Abend nicht!" — unv wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, setzte er hinzu: ״ich wüßte wohl Einen, rer das Erempel lösen könnte, und wäre es noch so schwer; mein Markus zu Haus, ras ist ein Junge — der versteht's, trotz seiner neun Jahre!" — Aber nun war die Reihe zu lachen an Herrn Bolquardts gekommen, der den begeisterten Bater unterbrach: ״mein bester Michael, von der Rechnung, vor der ich altes Haus selbst stehe wie vor einem verzauberten Schlosse, wird wohl auch ein Ojähriger Knabe fortbleiden müssen, und wäre es selbst Ihr Markus, auf den Sie übrigens immerhin von Herzen stolz sein können. Mein Freund Hensch, der Knabenlehrer, hat mir erzählt, welch' eia vortrefflicher Rechner Ihr lieber Knabe ist." ״Sagt' ich es nicht?" rief der glückliche Later noch zuversichtlicher, ״ja, für den Jungen ist kein Erempel zu schwer, er bringt Ihnen auch dieses heraus — Herr VolquardtS, was gilt die Wette?" — ״Na, auf eine Flasche Wein soll es mir nicht ankommen', antwortete VolquardtS, immer lauter lachend; und Michael rief, die Hand des Lehrers erfassend: ״Eingeschlagen! d. h. notabene, wenn auch mein Sohn behauptet, die Rechnung lösen zu können!" — Das laute Gespräch der Beiden hatte indeß die übrigen Gäste herbeigezogen, und alle waren begierig,. den Ausgang der seltsamen Wette zu erfahren. Der Bursche aus dem Kramlaven des Wirthes, der von den Vorgängen dcS Abends nichts wußte, ward nun rasch abgeschickt, um den kleinen Rechner zu holen. Er bestellte nur einen Gruß vom Herrn Lehrer VolquardtS, der den kleinen Markus drüben im WirthshauS zu sprechen wünsche, unk enffernte sich eiligst. Wie überrascht war der schüchterne Knabe! und wie sorgsam brachte die Mutter sein schönstes Jäckchen herbei, um ihren Liebling würdig zu schmücken für die ehrenvolle Einladung, die ihm zu Theil geworden! Dann aber lief der