Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 10 (8.3.1861)
- Date
- 1861-03-08
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sollen wir die lang' Verkannten, Immer noch sein die Verbannten? Warum wir? Hat die Brust voll Freiheit-liebe, Raum nicht für die Nächstenliebe, So sich Licht und Freiheit gatten, Sollen wir nur steh'n im Schatten. ' Warum wir? Legt der Freiheit Kränze nieder. Die zu eng' für alle Brüder — Zählt ihr frei euch zu den Großen, Dürfen w i r nicht sein verstoßen. Warum wir? Wer sich frei unv groß will nennen Muß der Menschheit Werth erkennen. Mag die junge Freiheit gähren. Darf sie Niemand roch entehren, Laßt in lichtumflossenen Tagen Nimmer uns so bitter fragen: Warum wir? Horte, im Februar 1861. vr.A. Ehrentheil, Rabbiner. Zur Abbildung. Es bedarf wohl nicht vieler Worte zur Erläuterung des Bildes, welches wir heute unseren Lesern vor Augen führen, oder um die Bedeuisamkeit der Persönlichkeit begreiflich zu machen. — Der Name Adolphe Cremieux ist in allen Kreisen und Schichten der Judenheit in allen Welttheilen wohl bekannt; er ist außerdem eingeschriebcn in die neueren Geschichtsblätter seines Vaterlandes und somit der gesammten civtlisirten Welt. Im südlichen Frankreich, wo er geboren, begann Cremieur seine Laufbahn als Akvocat und machte sich namentlich in Lyon durch Zeinen ׳Prozeß bemerkbar, in welchem er einem schon damals berühmten Advocaten Sauzet lspäter Minister und Kammerpräsident) gegenüberstand. — Kurz nach der Iulirevolution kam er nach Paris, wo er Odilon Barrot als Anwalt am Caffationshofe ersetzte. Seine erste Vertheidigung vor der PairSkammer hier galt einem der in Anklagestand versetzten Minister Carl's X. In seiner Eigenschaft als Advocat verabsäumte es Cremieur nicht, die Sache der Juden und des JudenthumS aufö kräftigste und glänzendste zu vertreten. Es galt zwar in Frankreich schon lange nicht mehr, den Besitz irgend eines politischen oder bürgerlichen Rechtes zu erwirken oder zu verfechten, wohl aber, manchen noch aus trüben Zeiten überkommenen Mißstand zu beseitigen. Ein solcher war die noch herrschende Gerichtspraris des sogenannten Eides raor« j»- daico, *) welchen abzuschaffen die früheren Versuche, sowohl der Eonsistorien als der Rechtsgrlehrten fruchtlos geblieben waren. — Es war kein anderes Auskunft-Mittel übrig geblieben, als die Rabbin e n dahin zu bestimmen, daß sie jeden Beistand zur Abnahme eines solchen Eides verweigerten. — Viele Verwickelungen entstanden hiedurch, vorzüglich in Elsaß, und Urthcile der verschiedensten Art wurden gegen Eid- und Assistenz verweigernde Parteien und Rabbinen von den verschiedenen Gerichtsbehörden gefällt. Cremieur führte die Sache der Rabbinen in den Jahren 1839 u. 1842 in Metz und Saverne mit Erfolg. Völlig erledigt wurde die Angelegenheit erst durch die Erklärung des Staatsrathes vom 29. August 1845, daß die Weigerung der Rabbinen. den I u d e n e i d abzunehmen, nicht als abus zu betrachten sei, und durch da- Deckst des Eaffationshofes vom 3. März 1846, welches den Eid wdro judaico gänzlich abschaffte. — Eben so entfaltete Cremieur seine volle Thätigkeit zur Vertretung und Beschützung der Rechte feiner Landsleute und Glaubensgenossen in der Schweiz; den glänzendsten Namen ln dieser Rich« tung erwarb er sich aber durch die, in Gemeinschaft mit Moses Monlefiore au- Anlaß der Damascener Blutgeschichte im Jahre 1840 unternommene Reise nach dem Orient. — Dankschrei- *1?״t gegenwärtigen Augenblicke dürste dieser Gegenstand auch bei un« wie der die Aufmerksamkeit der Rabbinen u. oer Gemeinden in Anspruch nehmen. Red.! ben und Adressen wurden fast aus allen jüdischen Gemeinden dafür an Cremieur gerichtet. — Seine politische Laufbahn begann Cremieur im Jahre 1842, wo er einen Platz in der Deputirtenkammer einnahm. Unmittelbar nach der Februarrevolution 1848 ward er Mitglied der pt ovtsorischen Regierung. Die Abschaffung der Todesstrafe für polttische Verbrechen ist zum Theil sein Werk. — Nach dem Zusammentreten der constituirrnden Versammlung am 4. Mai 1848 Übernahm er das Justizministerium, legte aber sein Portefeuille wegen eines Lonflictes mit seinen College« über die gerichtliche Verfolgung LouiS Blanc's, gegen welche er sich aussprach, nieder. Al- Mitglied der folgenden legislativen Versammlung während der Präsidentschaft gehörte er zu den eifrigen Republikanern, und hielt sich auch darum nach dem 2. December von den Regierungskreisen ferne. Völlig dem Berufe als Anwalt hingrgeben. glänzt Cremieur neben den, ersten Größen des französischen Barreau, neben einem Berryer, Odilon Barrot, Dufaure u. A. m., und wird er wegen Unbcsboltcnhrit des Charakters, umfassender juridischer Grlehrsamkeit als uneigennütziger Anwalt der Armen und Unglücklichen zu den Zierden seine« Standes gerechnet. Pest. <D In der am 5. d. Mstattgefundenen Berathung der Josephstädter Wähler hob der zum Abgeordneten für den Landtag in Vorschlag gebrachte, bekannte Schriftsteller Jökay Mär. als einen wesentlichen Artikel seines politischen Glaubensbekenntnisses t« Freisinnigkeit hinsichtlich allrrConfessionen hervor.-״Wegen seines Glaubens" — so sprach der Wahl - Landidat — ״schließe ״ich Niemanden aus der Constitution aus; ich wünsche daß jeder ״Mensch, der auf dem Boden dieses Landes wohnt, dasselbe sein ״Vaterland nennen könne." — w. Am 28. v. M. feierte daS hiesige Gemeindemitglied, Herr H. Stein, seine silberne Hochzeit, und spendete bei diesem Anlasse 600 fl. ö. W. für verschiedene wohlthätige Zwecke, darunter! zur Bekleidnng armer Schnlkinder 100 fl., zur Ausstattung einearmen Mädchens 100 fl., für den Pensionsfond 100 fl., zur Vertheilung an hiesige Arme 100 fl., an Arme in seinem Geburtsorte SM 50 fl. g. Nächster Tage verläßt ein Wcrkchen die Presse, welches für die jüdischen Gemeinden Uagarn's äußerst ersprießlich sein dürfte. ES ist dies die metrische ungarische Uebrrtragung der in dem Pest er Tempel üblich gewrsenen Sabbat- und Festgesänge nebst den Melodien zu jedem einzelnen Liede. — Sowohl über die Uebcrsetzung des Herrn Tatai als über die Compositionen des rühmlichst bekannten Herrn OberkantorS M- F r i e d m a n n, welcher auch die Herausgabe besorgt. haben sich bewährte Sachkenner — rücksichtltch des TcrtrS auch der izraelita magynr cgylet — sehr günstig aus« gesprochen. — Es ist überflüssig zu sagen,, wie zeitgemäß diese Arbeit ist, indem hiedurch dem Bedürfniß jener, vorgeschrittenen Gemeinten, welche diese Andacht weckenden gottesdienstlichen Gesangstückc in ihren Gotteshäusern heimisch zu machen gesonnen sind, abgrholfen wird. Lorresyondenz. ׳ Murczaly, 22. Februar. Die Gemeinnützigkeit eines in Ihrem geschätzten Blatte schon mehrfach in Anregung gebrachten jüdischen Landes-Comitv'S in Pest, dessen Aufgabe es sein soll, bei der Lande-- Vertretung im Namen der ungarischen Gesammtjudknschaft um Emancipation zu petitioniren, muß von Sette aller geradedenkenden GlaubenSgenvssen erkannt und gewürdigt werden. Wohl ist eS die Hoffnung der isr. Bevölkerung Ungarn'S, und gibt ein Theil der Presse den Wunsch zu erkennen, daß die bürgerliche Gleichstellung auch ohne Petition im Landhanse ein lautes Echo finden werde und möge. Eine Bitte gehört jedoch gewissermaßen zur AnständSpflicht. So wenig in Zweifel gestellt werden darf, daß der LandeSvertretung das Wohl und Heil der Nation am Hrrzen liegt, so wenig kann sich unserer der fürchterliche Gedanke bemächtigen, daß jetzt noch der Emancipation Hindernisse in den Weg gelegt werden sollten.