Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 10 (8.3.1861)
- Date
- 1861-03-08
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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»nt« Gebiete der Naturwissenschaft um; hier verliert er sich in die Lcheimnißvolle Tiefe der Chemie, und da gelingt es ihm auch Durch eine mysteriöse Zauberformel daganze 19. Jahrhundert in tra großen Kessel der Zeit zu werf,n, wo es chemisch aufgelöst wird, damit es einst krystallifirt wieder erscheine!! Dieser chemische Prozeß «rfordcrt jedoch, nach der Ansicht de- Verfassers, wenigstens ein Jahrtausend! Dann aber tritt ein wrltbrglückcnder Zeitpunkt ein; dann wird die Sonne der Aufklärung in ewig ungetrübtem Glanze ihr wohlthurndeS Licht über den ganzen Erdball verbreiten, und die erleuchtete Menschheit in ihrem geläuterten Fühlen und Denken auf dem Zrnith der Cultur stehen; dann werden sämmtliche die Freiheit unterdrückenden, engherzigen Tyrannen stürzen, und an ihrer Stelle auf allen Thronen Europa'- lauter Mark-Aurel's sitzen, die mit der höchsten Weisheit zugleich alle Tugenden des Herzens vereinen werden; damals werden auch die Völker von allen religiösen und socialen Vorurtheilen rein gewaschen sein und in Liebe und Eintracht (nach des Propheten Weissagung) friedlich mit einander leben; und damals endlich wird in der allgemeinen Menschen-Emancipation, srlbstverständlich. zugleich die sehnlichst erwartete Juden-Emancipation mit inbegriffc» sein!!! Bis dahin aber soll der Jude an die Letztere nicht vergebens denken, nnd lieber seinem Handel nächgehen und nach alter Väter Sitte zum Ein- und Verkauf von Maaren fleißig die Leipziger Messe besuchen; denn vor dem Jahre 3000 kann für die Juden- Emancipation nichts gcthan werden, und das behauptet der Verfasser — wie er sagt — ״nicht etwa auS blinder Anbetung eines trägen Fatalismus" sondern auS dem Grunde ״weil es eine Arbeit für die Riesenkraft der Civilisation, aber nicht für schwache Menschenarme ist!" — Wahrhaftiges kommt uns vor. als wenn der Verfasser unter Civilisation irgend rin ätherisches Wesen verstehe, das seit jeher im Himmel lebet, und von da zur Beglückung der sterblichen Erkensöhne, von Zeit zu Zeit zu uns heruntrrsteiget!... Wir fragen jedoch - ist es nicht vielmehr stets der Mensch selbst, der mit seiner Geistesmacht die Civilisation schafft?? Der Verfasser spricht in seinem Aufsatze von der Geschichte, und zwar von dem inneren Geist, von der Philosophie derselben. Und gerade die Geschichte liefert die glänzendsten Beweise, daß der Mensch mit seiner über alles herrschenden Seelenkraft nicht nur das Reich der materiellen Natur seinem willensstarken Gebote zu unterwerfen im Stande ist, sondern auch in der ideellen Sphäre rer moralischen Welt gar oft großartige Umgestaltungen und neue Zustände zu bewirken vermag. Fast jeder bedeutende Akt im großen Drama der Welt- und Culturhistorie ward durch des Menschrn Wirken herbeigeführt. Allerdings muß alles Werdende dem Gesetze der stufenweiftn Entwickelung gehorchen. Aber nicht minder wahr ist eS, daß jedes Werk hlenteden des Menschen schaffende oder fördernve Hände brnöihiget. Ein gleiches fordern auch die Werke der Cultur; wie der physische Boden, muß auch das geistige Felo fleißig bearbeitet werden; und können an dieser edlen Arbeit auch nicht alle Menschen gleichen Antheil nehmen, so gibt es immer einzelne AuSerkorene. die auf diesem Felre die Früchte durch sorgsame Pflege zur Reife zu bringen bemühet sind. Dies kann und soll heutzutage die Aufgabe der Presse sein, die allein im Stande ist, Vorurtheil und GeisteSfinsterniß zu verdrängen und den Menschen zur Bildung und Intelligenz zu leiten. Und durch dieses Mittel, durch die Macht rer Feder, will nun auch die ״Alliance israölite universell«.-" zum Heile des JudenthumeS thätig sein. Und in der Thal.' wenn die Juden selbst ihre Sache nicht verfechten, wer sonst wird so größmü'hig sein, ihre Rechte vor dem Forum der Oeffentlichkeit zu vertheidigen?! Aber das alles weiß auch der Verfasser, und würde er, nachdem er so viel kritisirte, am Ende die Nützlichkeit der ״Alliance isradlite universelle" anerkennen, aber er warnt in zitternder Furcht vor den schelmischen an n eri o ns süchtigen Franzosen, die, wie der Verfasser naiv glaubt, zu irgend einem geheimen Zwecke alle Juden auf dem weiten Erdboden, insbesondere die Jüdin in Deutschland ״ihrem blutig - erkämpften Vaterlande zu entfremden suchen!! " — Den Verfasser hat hier offenbar seine ruhige, kalte ״Bedächtigkeit׳', mit der er sich am Anfänge seines Aufsatzes ausgerüstet, plötzlich verlassen, und mit einer entfesselten Einbildungskraft sieht er bei Hellem Tage — Gespenster!! Wir unsererseits haben nicht dir geringste Einverleibungssucht bei den französischen Juden der ״Alliaues israslite universelle" «ahrgenommen. Sie bezeichnen vielmehr als ihren Hauptzweck, dahin zu wirken, daß die JSrarlitrn Bürger de- Laudewerden sollen, in dem sie wohnen. ״Nous somraes frangais en Franoe, Dieu mercil ne dcvons nous pas vouloir, qu'en Allemagne noa correligionnaires soient Allemands, qu’ile seiend Russe« j> Moscou, Espagnols k Madrid, Italiens d Rome? ' — Co rufen die vom Verfasser gefürchteten Männer des ftanzvfischen Vereinehochherzig aus! — Niemand aber wird es leugnen, daß nur dir im Bollgenuffe der bürgerlichen Freiheit in Frankreich lebenden JSrarlitrn einen solchen, vom Verfasser angestaunten Humanitätsgedanken zum Wohle ihrer sämmtlichen unterdrückten GlaubeuSbrüder zu fassen vermögen, und zu ressen Rralisirung auch Muth und Kraft besitzen! Denn nur der freie Mensch ist tapfer und thatkräftig; der Sklave dagegen stetnur feig und träge! ״ Die Abhängigkeit ist heiser und kann nicht laut reden!" — Arakau, Ende Februar 3861. Arthur Ekibeuschü-« Zur Schulkage. Ich glaube mich der Beipflichtung Vieler versichert, wenn ich behaupte, die oft angeregte .Directorsfragesei keine Sch ul frage׳, kein Theorem, danach' Abschluß der Debatte zu dem einen oder dem andern Principe geformt und gefestiget werden könne. DaS k. k. Unterrichtsministerium leitete den VolkSuntrrricht von einem Punkte aus, es verlieh ja allen seinen Intentionen den größten Nachdruck, und grrieth dennoch trotz allem jahrelangen Streben nach Centralis«- tion, nach einheitlicher Schulorganisation , bei der jüdischen Schul- Directorsfrage in Widersprüche; und jetzt, nachdem die Gemeinde, die Bezirke, die Comitate oder Kreise autonom geworden und hoffentlich autonom verbleiben, sollten wir uns mit der Erörterung einer Frage abmühen, die je nach der Individualität der Gemeinde und nach deren Unheil über die Individualität ihrer Rabbiner und über die prononcirte Thätigkeit derselben, ׳ferner nach dem Urtheil der Gemrinde über die Thätigkeit ihrer Lehrer und deren höhere Befähigung zu beantworten sein würde? Es scheinen mir daS ledige Ertreme, wenn von einer Seite alle erdenklichen Motive herbeigeholt werden, um von allen Gesichtspunkten auS die Nothw-ndigkeit zu beleuchten, der Rabbiner müsse eo ipso der Schul-Dirrctor fei», und wenn wieder von der andern Seite darzuthun gestrebt wird, er gerade könne es nicht sein. So wie die von den beiden sehr verdienten Rabbinen, den chrw. Herren Oppenheim und Hochmurh, angeführten Argumente doch nur zu dem Ausgangspunkte führen: daß in jenen Gemeinden. die es wie ihre Rabbinen selbst wünschen, dieser der Schul - Direktor sein könne; aber roch nicht, daß anderen Confessionen analog dem Rabbiner allerwärtö di.׳ Schulleitung oder die in irgend einer nieder» oder höheren Art gratuirte Inspektion über die Schule anvertraut werden müsse: so sind anderseits die in diesen Blättern vom geehrten Direktor vr. EiSler aufgestellten Gegengründe mindestens einseitig, da dieselben wohl in Beziehung auf größere Gemeinden, jedoch nicht in Beziehung auf kleinere gelten können. Man denke: In Ungarn sind durch die Rührigkeit deS verschieden beunheiltrn Schulrath-, nunmehrige« Bischöfe- M- HaaS, selbst in kleinern iSrael. Gemetnden mehrklassige Knaben- und Mädchenschulen constituirt. Sollen diese kleinen Gemeinden zu den ohnehin, wegen consequentrr Verfolgung dehergebrachten PrinzipeS, aufs äußerste gespannten materiellen Leistungen noch die Mehrausgabe für einen Direclor tragen? Man wende l icht ein, der Obmann der Lehrer müsse da die Schule leiten, Direktor sein; ich habe darauf zu erwiedern, wohl könne er es sein, aber ob es immer so gut, ist eine andere Frage. — Was jedoch unter allen Umständen dringend nothwentig, ob der Direktor zugleich Lehrer oder Med. vr. oder Rabbiner, daist die Feststellung der Grundsätze:' Der Direktor repräsentirt die Schule nach Außen, er vertritt dir, in Majoritätsbeschlüssen rer Schul- Conferenz verkörperte Tendenz und Richtung der Schule, gegenüber jedem ri»zelnen Lehrer; aber nur die Schul-Conferenz und nicht der Selbstwille des Direktors darf im Allgemeinen maßgebend sein —