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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-03-08 · 10 (8.3.1861) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
10 (8.3.1861)
Date
1861-03-08
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 w— Dir HrcklösmrA der Asndschrrlen beLEend. j u. Die Auflösung der Schulen, von der wir in unserer Mugsten Nummer zu berichten hatten, würde einseitig und daher falsch aufgefaßt werden, wollte man darin nur die beklagen-werthe Reaktion der Finsterlinge und Rückschrittsmänner erblichen, an denen wir allerdingS in fast sammtlichen Gemeinden keinen Mangel haben. Auch die Männer des Fortschritts und des Nationalifirens um jede» Preis — habe« ihr Theil dazu betgetragen. Ohne diese würde daS Zerfiörungswerk nicht so rasch von Statten gegangen sein. Wenn eS auch nicht in Abrede gestellt werden kann, daß bei einer gewisse« Partei die Schule als eine Einrichtung der geläuterten Neuzeit verhaßt ist, und daß sich diese noch immer zurücksehnt nach der ״altehrwürdigen - Unordnung, Regellosigkeit und den mancherlei Auswüchsen einer veralteten Ehederwirthschaft, deren Wiedererstehen sie wieder durch Beseitigung der bestehenden Volksschulen herbeiführen möchte; so ist doch anderseits nicht zu verkennen, daß eunter den beredten Vorkämpfern eineunbedingten Anschlusses an die herrschende Nation deS Landes nicht Wenige gibt, die dieses Ziel durch das rückhaltSlose Aufgeben und Derleuguen des Eigensteu und Heiligsten deS JudenthumS herbeigeführt wissen wollen. Sie find, ohne eS zu wissen, blinde Anhänger der löblichen Doktrinen, die ״Pesti Hirnök' bezüglich unserer Angelegenheit auf sein Schild geschrieben. Die Ultra'S beider Richtungen reichten sich diesmal brüderlich die Hände und nur ihrer Einigung ist es gelungen, was die erbittersten Feinde unseres Glaubens nimmer zu vollführen wagten: u»S unserer Schulen zu berauben! Was sie vollbrachten, war gemeiaschaftlich und einmüthig; aber um so schroffer werden die Consequenzen dieses Schrittes in dem einen und in dem andern Lager der feindlichen Parteien auseinander gehen. Hier tritt das wüste ״Cheder" an die Stelle ter geregelten Schule; kort die chrt stlich -confesfionelle Lehranstalt an die Stelle der konfessionell - j ü d i sch e n. Dir Folgen entsprechen ganz den Motiven, die ihnen zu Grunde liegen. Die altorthodore Partei sah in der bestehenden Schule ei»e Feindin deS unzeitgemäßen Synagogenwesens und der blinden Frömmelei; die ultra-nationale Partei hingegen erkannte darin eia bleibendes lebendiges Hinkerniß gegen ihre, jedes unterscheidende M^kmal zu verwischen strebend« NationalifiruvgSsucht! In dieser Beziehung haben sie sich nicht getäuscht. Worin sie sich aber gröblich getäuscht, ist Folgendes: Hätten die Orchodoren eS überlegt, daß sie durch die Auflösung der jüd. Schulen den Besuch confesstonell-christlicher Schulen fördern würden, und hätten die sogenannten Aufgeklärten ihrerseits bedacht, daß sie hiedurch der «icht genug zu verdammende« Chederwirthschaft wieder zusteuern; sie hätten sich nimmermehr zu diesem gemeinschaft« lichen Vandalismus geeinigt. Nur blinder, alles überstürzender Fanatismus konnte die eine und die andere Partei dazu verleiten. In Wahrheit kann man Patriot sein, ohne das Judenthum im Geringsten zu verleugnen, und wiederum Jude, ohne ein Feind der Bildung und Aufklärung zu sein! E-n. Ein Mort beziigl. der ״Allrsntt xsraeXite rrniberselle." (Vorbemerkung d. Red.) Wie unsere« Lesern bekannt, find mehrere hervorragende Männer der franzöfischen Judenheit bereit» im Juli v. I. zur Gründung einer ״Alliance isr»41ite universelle״ (Allgemeiner iSrael. Verband) zusammengetreten. Dieselbe hat, wie im ersten Artikel der Statuten gesagt wird, zum Zwecke: 1. Ueberall an der Emancipatioa und dem fittliche« Fortschritt der Israeliten zu arbeiten, 2. eine wirksame Unterstützung denen angedeihen zu lassen, die in ihrer Eigenschaft als Israeliten leiden; 3. jede Veröffentlichung, um dieses Resultat herbeizuführeu, zu ermuthlgen. Die Statuten mit einem vorangehenden ״Aufruf an alle Israeliten״ wurden Behufs der Einladung zum Beitritt und zur Unterstützung sogleich an alle jüdische» Journale versandt. Das Unternehmen ward verschiedenartig Lufgenommen und beurtheilt, und scheint bisher außer in England wenig Anklang gefunden zu haben; woran aber großentheils politische Bedenklichkeiten Schuld tragen mögen. I In der Beilage zu Nr. 45 der »Mg. Ztg. de» JudrnM«»- von Dr. Phtlippson, ließ sich vor einigen Woche« ״Ate OWnme aus dem Volke über die ״Allianoe üraelhe universelle* vMAchme». Wenn wir nun — allerdings rlwas verspätet — gegen *fc 1n jmtin Artikel, im Raume von 8 Spalten, aufgeflellten Ansichten in'S Feld ziehen, geschieht es zunächst in der Hoffnung, daß Ihr geschätzte» Blatt, bei dessen bekanntem edlen Zwecke, Förderung der geistigen Interessen des Judenthumes, anstandslos und bereitwillig unserer heutigen Widerlegung um so eher einigen Raum gewähren dürfte, als die Letztere keineswegs auS Schreib- oder Zanksucht, sondern im Interesse der Wahrheit veröffentlicht wird! — Daß wir erst heut« gegen den obgenannten Aufsatz in der Philippson'schen Zeitung auftreten, hat seinen Grund in dem Umstande, daß der Schreiber dieser Zeilen zur Zeit, als gedachter Aufsatz erschien, das ׳Programm der ״Alliance etc.״ »och nicht besaß, und muß eres nur bedauern, daß eS ihm durch zufällige Verspätung erst kürzlich zur Hanv kam. Doch es ist nie zu spät, der Wahrheit ihr Recht wiedrrzugeben, und diezu thun wollen wir nun den Versuch machen, nachdem auch wir das .Expose״ dieser jüdischen französischen Jnstitution gelesen haben. Zu diesem Zwecke folgen wir dem Verfasser des ־־ erwähnten Aufsatzes in seinen Auslassungen Schritt auf Schritt, und werden nach Thunlichkeit der Reihe nach jede in demselben geäußerte Ansicht sogleich einer kritischen Prüfung unterziehen: Im Eingänge des Artikels, in der Beilage zu Nr. 45 der ״Philippson'schen Zeitung״ kann vorerst der Verfasser nicht umhin, den Stiftern der ״Al)iance isra£lite universelle" eine ״h o chherzige Idee" zuzuerkennen. Gleich darauf aber legt er mit ״Bedächtigkeit" die Hand an die Stirne und erblickt nach ״kalter reiflicher Ueberlegung" in diesem Vereine blos eine hochherzige Ehtmäre. Dem Verfasser erscheinen nun sämmtliche Mitglieder dieses Institutes (von denen Viele, wie Crämteur. in der Sphäre des Geistes sowohl, wie auch auf der Schaubühne der praktischen Welt ruhmvoll hervorragen), als hirnverbrannte Phantasten, und ihre Stiftung betrachtet er nicht als eine lebensfähige, kräftige Schöpfung der Vernunft, sondern als eine kaum den Tag überlebende zarte Mimose, die, im Gemüthe einiger zu gefühlvollen Menschenfreunde wurzelud, allerdings den Zauber ihrer überschwänglichen Phantafie besitzt, aber keineSweges in der rauhen Atmosphäre der Wirklichkeit lange zu bestehen vermag. Dieser Meinung nach ist somit dem Vereine zwar eine große Dosis schöner Sentimentalität aber keine fundamentale Vernunft, nicht der geringste praktische Gedanke eigen. Zur BekrSstiguug dieser Behauptung werden im gedachten Aufsatze die Absichten und Pläne des Beretus ritirt. — Aber sind denn wirklich die Letzteren solche leere PhautaSmagorien, wie sie dem Verfasser erscheine»? Wir, die wir nun ebenfalls das Expose deS Vereine» gelesen, haben die» nicht gefunden. Wir fragen hier vielmehr: was de»n so Monströses und Unmögliches au einem Vorhaben ist. daS sich zum Ziele setzt, durch die Macht des Geistes, durch Wort und Schrift, zu« Wohle einer unterdrückte« Nation zu wirken! Ist eö löblich und oft von gute» Erfolge, wen» hie und da so manchrr einzelne Menschenfteund der Sache des Judenthumes rin warmes vertheivigendes Wort redet, soll eS darum »entglr Wirkung haben und weniger kachtenSwerth sein, wenn es viele begabte, einflußreiche Männer mit vereiuter Kraft veruehme» lassen??! Doch um die Antwort auf diese Frage scheiut der Verfasser der erwähnten Beilage sich sehr wenig zu bekümmern; er will p»r force seinen ״analilischen Verstand" im Prosertorium der Kritik üben und verfährt dabei ganz nach der Weise eine» Anatomie - Studirende», der zu seinem Zwecke eine Leiche haben muß. Als eine solche dient dem Verfasser die ״Alliance israelite universelle" uud zwar, indem er se l b st ihr die Seele zu rauben sucht. Zu diesem Vehufe negirt er die geistige Reife der Gegenwart; er tödtrt gleichsam den Zeitgeist derselben, und der Verein, dessen Leben gerade von der Existenz dieser sittlichen Macht bedingt ist, muß nun mit der Letztern auf die befehlende ״Stimme" im genannten Aufsätze, in's Reich der Schatten wandern... Dieses Betseüeschicben der Aufklärung und Intelligenz der Gegenwart kostet aber dem Verfasser rin tüchtig Stück saurer Arbeit; er kann diesen geistigen Potenzen auf gewöhnlichem Wege nicht beikom- > men; er sinnt auf Mittel hiezu; er sieht sich deshalb auf dem

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