Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 9 (1.3.1861)
- Date
- 1861-03-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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tern, ohne daß dir scheinbar entgegengesetzten Bedürfnisse mit etnaader collidirten. WaS jene hören, das dringt amdiesen durch das scharffehende Auge in'» empfängliche Herz. Wie sehr das A»-e aber daS Ohr zu vertreten vermag, beweist der Umstand, daß auch andere gehörkranke Personen bei Deutsch Unterricht im »blesen der Worte vom Munde de- Sprechenden sich ertbeilew lassen, und de« Erfolg nicht genug rühmen können. Haben wir somit tu Deutsch den echten Lehrer kennen gelernt, so brauchen wir kaum hinzuzufügen, daß er für Wissenschaft nud dereu Bestrebungen hochbegeistrrt ist. So helmisch er auf dem Gebiete des Taubstummen-UnterrichteS ist, so bleibt er doch nicht einseitig dabei stehen. Er treibt mit Borliebe deutsche Sprachwissenschaft und Phisiologie der Sprachwerkzeuge. Erwähnung verdient, daß selbst Professor Brücke, einer der bedeutendsten Phifiologen unseres Jahr- Hunderts, in seinem neulich erschienenen. Aufsehen erregenden Werke über die letztgenannte Partie, D e u t sch'S Wahrnehmungen in diesem Fache mit Anerkennung erwähnt. Daß Deutsch sich für jüdische Theologie, Geschichte u. s. wlebhaft interessirt, braucht man von einem Schüler Markus Benevikt's nicht zu berichten. Deutsch'- Lebensanschauung ist durchaus eine praktische, die dt» Ideale wenig Berechtigung vergönnt. eine nüchterne, die sich alle Illusionen ferne zu halten weiß. Menschen wie Dinge und ihre Erscheinungsformen beurtheilt er dem Thatbestande uns den Erfolgen nach. Sein Wesen ist offen, geradeaus, ohne Hehl und Heimtücke, wie ohne Berschrobenheit und krankhafte Schwärmerei. Streng rechtlich und billig, erschüttern ihn Lüge, Falschheit und Verstellung, wie sie oft im^Lrben uns entgegentreten, am meisten, und find ihm diese die verächtlichsten Laster, dagegen ist er wie alle praktische Menschen leicht geneigt, Concrssiouen an den Thalbestand zu machen. Sein Herz ist reich, der Bitte oft mebr zugänglich, als sein Verstand verantworten kann, und dieser belächelt bäusig des Elfteren Regungen und Will^ähn'gkriten. — Zn der Gesellschaft ist er netS heiler und voll sprudelnden HumorS, der oft bis bart an die Grenzen des lieblichen streift, ohne jedoch jemals die Linie zu überschreiten. Deutsch ist von hoher Statur, die er mit männlicher Würde stets aufrecht hält, sein Gang verräth Kraft und Zuversicht. Hiezu kommen ein intelligenter Gesichtsauscruck, eine Regelmäßigkeit der Züge, ein großes, nicht so feurig als klug, verständig und wohlwollend blickendes Auge, eine starke, in tiefen, vollen Brusttönen erklingende Spräche, die seiner ganzen äußern Erscheinung den Character des Stattlichen verleihen, und sie vonheilbaft im Gegensätze zu dem sonst etwas gedrückten Wesen schulmännischer Persönlichkeiten hervortreten lassen. Zur Abbildung. Joseph Salomo del Medigo wurde am 25. Sivan 5351 A. M (Juni 1391) zu Kandia geboren. Früh wurde er von seinem Vater, dem Rabbiner zu Kandia. zum hebräischen und talmudischen Studium angehalten, worin es auch der junge Medigo nach wemgen Jahren zu einer staunenswerlhen Fertigkeit brachte. Nicht minder zeigte er Eifer und Liebe für die griechische und lateinische Sprache und gelangte auch in riesen zu einer besonder« Tüchtigkeit. Kaum hatte Medigo sein 15. Jahr erreicht, als er von seinen Eltern nach der Hochschule zu Padua geschickt wurde. Schon nach Verlauf dreier Jahre hatte er seine dortigen Studien beendet; sein nimmer befrierigter Wissensdurst trieb ihn allenthalben die Kreise anerkannter Gelehrten aufzusuchrn. Die Mathematik nannte er sein Lieblingsstudium und der große Galilei, dessen Gunst er erworben, ertheilte ihm hierin Unterricht. Medigo ging oft nach Venedig und ward bald der Liebling res damals dort lebenden Rabbi Juda Arie de Modena, dessen Ansichten über die ״Kabbala' (wie bekannt, hat Modena mehrere Werke gegen die ״Kabbala" geschrieben) Medigo daher auch theilte. Medigo war ein besonders großer Bücherfreund, und der Beweggrund vieler Reisen, welche er unternahm, war zumeist Bücher und Schriften in anderen Ländern und Städten zu lesen, und den Kreis seines Wissens immer z« erweitern. Ein gute- Buch bezahlte er mit theuerem Gelte und litt gerne hiefür anderseits Mangel und Entbehrungen. — Im Jahre 1616 zog er weg von Kanvia nach Arabien und Egppten, wo er in Kairo mit vielen Karaitischen Gelehrten beste«»- det wurde. Nach Eoustantinoprl, wo er eine längere Zeit verweilte, lockte ihn die damals dort vorhandene große Bibliothek. Mehrere Jahre nachher bereiste er auch Polen, Deutschland und Rußland und wurde überall sehr ehrenvoll, ja beinahe im Triumph empfangen. — Endlich ließ er sich in Amsterdam nieder, wo er auch die meisten seiner herrlichen Werke verfaßte. *) Wie bereits erwähnt wurde, war er Modena's Sinnesgenosse, folglich ein geschworner Feind aller ,Kabbala", welche in vielen seiner Schriften sehr herb gegeißelt wird. Wie lange er gelebt, ist nicht genau bekannt, ebenso wenig wo sr gestorben; doch wollen mehrere behaupten, daß Medigo schon im Jahre 16)7 seinen ruhmvollen Lebenslauf, und zwar in Prag beendet habe. (H«ty Bild ist ein treue- Portrait M e d i g o'S, als er in seinem 37. Lebensjahre war.) Rabb. S. Kohn, ReligtonSlehrer. (Nachbemerkung d. Red.) I. S. del Medtgo'S Familie war gegen Ende des 14. Jahrhunderts aus Deutschland nach Kandia eingewandert. Einer seiner Vorfahren war der berühmte Derfasser des .Bechinatb ha-Dath", Eli ah d. M. (gest. 1493), welcher in Padua öffentlich Philosophie lehrte, einen Pico de la Mirandola unter seinen Schülern zählte, und in einem heftigen Stteite zweier philosophischen Parteien vom Senate in Venedig zum Schiedsrichter erwählt wurde. — Jos. Sal. del Medigo, der Arzt, Mathematiker, Philosoph und Tourist, war einer der bedeutendsten wett über seiner Zeist stehenden Denker, ein Feind der Unwissenheit und des Aberglaubens. Seine Wanderlust war wirklich erstaunlich, seine Reisen erstreckten sich beinabe von einem Ende zum andern der bekannten alten Welt. In Polen war er Leibarzt de- Fürsten Radztwtl. Sein Grabstein findet sich auf dem alten Friedhofe in Prag (S. Rappoport's Gal-E<l Nr. 33); wie aus der Inschrift hervorgeht, war er eine Zeit lang Ober - Rabbiner in Hamburg wie auch im Bezirke Amsterdam's. Die Geschichte der letzten 27 Jahre seines Lebens ist unbekannt. — Von seinen Schriften, fast sämmtlich mathematischen und naturwissenschaftlichen Inhaltes, deren Geiger im Ganzen 29 aufzäblt, sind nur wenige im Druck erschienen. — Die Nullösung der Mndschulen betreffenb. Die wiederholte Kunde von der Auflösung der bestehenden Gemeinteschulen an manchen Orten trifft uns empfindlicher als alle bis setzt von Außen erfahrenen Enttäuschungen. Was soll man auch davon halten, wenn man bedenkt, daß eine Gemeinde den auf sie bisber geübten fremden Einfluß und die völlige Beschränkung ihrer Selbstregelung dadurch recbtfertigt, indem sie die erste Unterbrechung derselben dazu benützt, ibr heiligstes Palladium — die Schule. die Bildungsstätte ibrcr Kinder muthwillig zu zerstören?! Welch' eine Verantwortlichkeit laden diese Gemeinden dadurch auf ihr Gewissen; welche Schmach häufen sie auf den Namen ihrer Mil- und Leieensbrnder, die für solche Fehler summarisch verurtheilt werden! Wenn jemals, so ist gegenwärtig die intellektuelle Bildung dem Juden ein unabweisbares Bedürfniß. Die Schulpforte führt uns nicht nur ins praktische, sondern soll uns auch inöffentliche Leben einführen. Sie eröffnet uns, wie kein anderer Weg die Bahnen der Ehre und des Nechtsgenußes. Die Schule wahrt unser Bewußtsein als Juden, sie nährt in uns die Kraft der religiösen Ueberzeugung. macht uns zum rühmlichen Kampf ft'ir unser gutes Recht befähigt,! erwirbt uns, mehr als Geld und eitle Ehrenzeichen, die Achtung J unserer Mitbürger, die in uns befähigte nützliche Mitglieder des Staates > erkennen und achten lernen. Und diese Schulen werden aufgelöst?! Zu einer Zeit, wo es zu beweisen gilt, daß wir'des Genüsseder höher« bürgerlichen Rechte — der geistigen Thetlnahme an den theuersten Angelegenheiten de- Vaterlandes würdig sind? — j Schon der Gedanke daran ist Sünde; die Vollführung desselben j aber ein Verbrechen für die Gemeinde, ein beklagenswerthes Unglück für uns Alle! — E-n. *1 Liebt Geiger'« L'-L"