Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 9 (1.3.1861)
- Date
- 1861-03-01
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4884143-5427051-5427119--299-4884411- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Alles, währen» die Uebrtgen litten und zu Grund ginge«, daher sie auch mit Fug herhalten müssen, und ein Aderlaß kann Vollblütigen nicht schaden. — Von letzterer Ansicht geleitet, verhängte Hayn au die Strafcontributlon über u«S, schob er die ganze Revolution unS in die Schuhe, und wollte uns diese mit den Kleidern und Hemden auSztehen, damit dem Staat, an dessen Ruin wir gearbeitet, geholfen werde. Ganz Unrecht hatte er nicht; bekanntlich hatte Adam der Erste noch im Paradies da» erste polizeiliche Verbot übertteten, und wir sind doch seine direkten Nachkommen; auch enthält die Thora viele demokratische Principien. und auch andere Beweise und Jnzichten lagen vor, unv eS wurde an unser — Herzensblut gegangen, denn die UnS aukerlegte Last war so sehr außer allem Berhältniß zu unseren Kräften, daß wir ihr erlegen wären, wenn sie nicht durch seine Majestät auf eine Million ermäßigt, und diese letzte auch durch die Zahlung-Modalitäten und durch die veränderte Bestimmung derselben zu einem Religion-- und Schulfond nicht erträglicher gemacht wurde; lieb und populär war sie nie. erstens de» Ursprungs und der Entstehung, dann ihrer Unfreiwilligkett, und schließlich der Ungewißheit wegen, die über ihre Verwaltung, Gebahrung und Verwendung geschwebt. — . Und leider haben sich die Besorgnisse nur zu sehr durch die Folge bewährt. Die Verwaltung überging ganz ia die Hände der Regierung, die über den Stand der Casse Niemanden aus unserer Mitte und auch nie im Wege der Oeffentlichkeit den mindesten Aufschluß erth'ilte; unv bei der Verwendung de- Erträgnisse» wurde Niemand von un» zu Rathe gezogen, uud daher auch unsere wahrhaften Bedürfnisse au» Unkenntniß derselben uicht entsprechend berückfichtiget. ES wurden Anstalten geschaffen, die an und für sich vielleicht nützlich und gut organifirt sind, aber ihrer Natur nach durchauS nicht aus diesem Fond bestritten werden sollten. Denn wohlhabende Gemeinden wie Pest und TemrSvür sind in genug günstigen Verhältnissen, um sich aus eigenen Mitteln selbst Hauptschulen zu errichten, und bedürfen dazu nicht der Unterstützung aus den der Armuth abgezapften Pfennigen, wie diese Gemeinden auch in der Thal lange früher schon solche Institute sich errichtet haben, die den jetzigen Musterhauptschulea in den Augen der Kenner den Vorrang ablaufen würden; die Großwardeiner Hauptschule wuree — bevor Bosheit und Wahnsinn sie zerstörten — aus Gemeindemitteln erhalten, und war in jeder Beziehung musterhaft, — sowohl die Befähigung und Leistungen der trefflichen Lehrer, als auch die Organisation und der Lehrplan befriedigten jedes billige Verlangen, und ließen nichts zu wünschen übrig, al» — einen intelligenten Vorstand. Warum also die reichen Gemeinden Pest, Tewesvär, Ujhrlv, das einen eigenen ansehnlichen Schulsond hat, so reichlich unterstützen, Grmcinden, die sowohl über hinlängliche Mittel gebieten, als auch vom besten Willen beseelt sind? während Gemeinden, die in ungünstigern Vrrhältnissen sich befinden, denen eS an Allem gebricht, auch nicht die geringste Subvention erhalten konnten; aber vor Allem fragen wir, warum nicht solche Zwecke befördern, die von allgemeinem Nutzen sind, und von deren Erreichung die Hebung und Veredlung unseres Stammes, die Verbreitung und Beförderung unserer Literatur, erwartet werden konnte? Wo blieb das Rabbiner-Seminar, das im betreffenden allerhöchsten Erlaß in baldige Aussicht gestellt wurde, und dessen Errichtung von allen so sehnlich berbeigewünscht wurde? Doch Gott sei gedankt, daß es auf dem Papier blieb und nicht Körper und Gestalt annahm; bei dem einseitigen Fürgehen in den damals maßgebenden Kreisen würde nichts Ersprießliches, nichts Lebensfähiges, nicht- BolkSthümliches zu Stande gekommen sein, vielmehr hätten wir ein todtgebornes Kind mehr für die Museen gehabt, das aber roch wie seine ähnlichen Geschwister, sein theuere» Bürget, eine pomphafte Taufe und nicht minder kostspielige Bestattung erfordert hätte. — WaS soll nun ferner geschehen?! Die darauf bezüglichen Absichten in den höher» Regionen kennen wir nicht! doch wir Juden sind von jeher allem Octryirten Todlfeinde gewesen, unsere Entwickelung ging auf die organischeste Weise von innen heraps vor sich; fremdartige Elemente gingen nicht über in unser Fleisch und Blut und wurden bald ausgeschieden, so war eS in den Zeiten des Drucke», der Verfolgung, soll eS in den Zeiten des Aufschwünge», der Erhebung und der Auflebung ärger werken? — Warten wir nicht aus Impulse von Außen; steigen wir in unser« innersten Schacht hinab, und befragen wir un», was un» nöthig. was unnützlich sei. Säu- «rn wir nicht, t« Handeln liegt Leben, der Ket« zu» fernere» Sein, die Bedingung de» Fortbestehens, Ruhe ist zumeist identisch mit Tod uud Vernichtung. — Mögen die Gemeinden bald und thunlichst bald zusammentreten, und dahin wirken, daß die Verwaltung der Million, unseres Gelde», unsere- Eigenthum», unsere» so schmerzlich dargebrachten Opfers in unsere Hände übergehe, daß das Capital in größer» und kleinern Summen gegen völlige Sicherheit bei jüdischen Gemeinden verzinst werde, damit diese in den Stand gesetzt werden sollen, sich Schulgebäude und andere nützliche Institute anzuschaffen, und daß schließlich au» dem Erträgniß solche Anstalten, in erster Reihe ein Rabbiner-Institut — geschaffen werden, die in jüdischem Geist, auf jürischer Grundlage, und nach unserer Anschauungsweise heilsam für da- Ganze wirken sollen; — wir zweifeln nicht, daß ein solche- Comit«, wenn es aus tüchtigen vertrauenswürdigen Männern zusammengesetzt sein und seinen Einfluß gehörig verwenden wird, un» Juden zu allem Schönen, Edlen und Großen htnretßen, in ballen Llaffrn Begeisterung und Aufopferungsluk wecken. und bald in den Stand sich gesetzt sehen würve, viel de» Großen, viel drS Unsterblichen und RuhmeSwürdigen anregen und verwirklichen zu können. Sebe Gott uns nur Männer, orer wenigstennur einen Mann, י2א uv« ויבוא?‘פנינו. Julius Samuel -oi-dmau«. T Heulsch's Mben b. A. U." (Schluß. *1 WaS nun Deutsch'» Leistungen auf dem Gebiete der Taubstummen - Didaktik betrifft, so versteht es sich, daß vom Sprechunterrichte vorzugsweise das hic Rhoclus, hic sulta gilt. Für Taubstumme kann von den methodischen Aufgaben, die seit der bekannten Schindlerschen Preisfrage ia Rücksicht der ästhetischen Elemente in dem Sprachunterrichte, so viele Pädagogen beschäftigen, noch keine Rede sein. Dem Taubstummen ist, wie man begreift, der Schulunterricht kein bloS rorrectivkr und veredelnder, der nur Vorhandene» zu benützen. Gekanntezum Bewußtsein zu erheben hat; sondern selbst dem Stoffe nach ein begründender, erschaffender. Hier gilt es nicht nur Begriffe zu formen, sondern selbst den Elementen nach zu erzeugen. Der taubstumme Schüler ist die wahre tabula rasa, in die die Schule Alleerst hinein zu zeichnen hat. In der Sprache unterrichten, heißt hier so viel, als Sache, lautlichen Ausdruck, Schriftzeichen, Wortschatz herbeiführen, und dann erst der grammatischen Corrertheit hinsühren. Natürlich schließt sich Herr Deutsch dem Becker'schen Systeme enger an, als Lehrer für Vollsinnige eS zu thpn pflegen. Die Sprache wird also nicht bloS als Befriedigung eines Bedürfnisses nach Mitthrilung aufgefaßt, sondern aus dem Drange der Seele die flüchtigen Börstellungen zu firire», erklärt. Sprechen ist für Taubstumme, mehr alfür uns, ein lauteS Denken, und Denken ein Sprechen ohne Mundbewrzung. Da» lautgewordene Denken, also daS Sprechen, ist hier ein — Sich« srlbstverstchcn, und nicht blos Ausdruck der geistigen, Erzeugnisse, wofür am Ende auch die Geberde verwendet wcrrci. kön.tte. Herr Deutsch verwirft darum das letztgenannte Surrogat gänrlich, und zwar aus einem psychologischen Prinzip. Hiezu tritt allerdings noch der praktische, nicht minder erhebliche Grund, daß die natürliche Geberde zu arm an Ausdrücken, die künstlich geschaffene aber, wie Hand« alphabete und die ersonnenen Gestrn der französisrb'n Schule doch nicht Jedermann bekannt sind, und durch sic der Taubstumme doch nicht dem Verkehre mit Vollsinnigen zugeführt würde. Dagegen können Deutsch's Zöglinge jedem Sprechenden die Worte vom Munde ablesen, mit jedem Hörenden sich verständigen. meisterhaft aber die Tonsprache in Deutsch'- Institute gehanrhabt wird, mag schon daran ermessen weiden, daß einige taubstumme Zöglinge schon vo. sechs Jahren eines Abends einen für sie in Scene gesetzten Akt auS Kotzkbue's Abbe de 1' Epde vor einem größer» Publikum auftufüb- 1 reu im Stande waren, und in diesem De, suche nicht mißglückten. -^Anderseits halt Herr Deutsch allsabbdltch eine Erhortation vor einer auS erwachsenen Vollsinnigen und taubstummen Zöglingen gemischten Zuhörerschaft, — und befriedigt die erster», belehrt eie letz- •) Stehe Nr. 8.