Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 8 (22.2.1861)
- Date
- 1861-02-22
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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[6 ״— von dem Besitzrechte dcr Juden, und es war kein Grund vorhanden, es mit dem geistigen Eigenthume genauer zu nehmen. So ist auch Prreira'S Name so gut wie verschollen. Deutsch war es vorbehalten, den jüdischen Pädagogen den Ruhm in dieser Rücksicht zurück zu erwerben, daher sein Institut unter besonderliebevoller Theilnähme unseres Publikum's großgewachsen ist. Bon den ersten matten Umriffen, womit es ein ärmliches Leben zu Ntkolsburg ׳röffnetr, bizu seiner stattlichen und imponirenden Vollendung. mit cer eS heute dem Beschauer entgegen tritt — folgten ihm aufmerksam unsere Journale, so daß eine vetaillirte Schilderung des so oft Erzählten und Bewunderten ziemlich überflüssig wäre. Wer sich eine- Nähern noch zu belehren wünscht, den verweisen wir auf Deutsch'- trefflichen Aufsatz in ״ Wert heim er's Kalender von 1854׳' (daS allg. öster. Taubst. Inst, in Wien). — Ich übergehe daher, daS glänzende Derdienst des edeln H i r sch K c l l i sch, als des Gründer-, noch einmal zu erponiren; wie verschweigen, wie sich die Anerkennung der Behörden von Jahr zu Jahr gesteigert, wie dcr Enthusiasmus de- Publikums von Stunde zu Stunde gewachsen, wie all das darauf hindrängte, das Institut zuerst in die Nähe rer Residenz und dann in diese selbst zu verlegen. Ter Kreis der Besucher und Bewunderer hatte bereits starke Dimensionen angenommen, und im Fremdenbuchc der Anstalt finden wir gefeierte Namen auS allen Ständen: Geistliche jeder Confession, Bischöfe wie Landesrabbiner, weltliche Würdenträger dcr Centralu. obersten Behörden, Notabilitäten der Kunst und Wissenschaft, reiche Kaufherren, wie sachverständige Schulmänner haben ihre Namen da eingezeichnet, darin übereinstimmend, daß die Anstalt großartig — mustergcbend sei. Aber d׳'e Anstalt ist Anstalt, und Deutsch ist ihr — Leiter, ihre Seele. Was sollen wir endlich noch hinzufügen, da selbst der Monarch in kaiserlicher Weise das Nrtheil des Publikumbereits besiegelt, und zuerst dem Gründer H. K o l l i s ch und sodann Deutsch, letzterem ״wegen ausgezeichneter päd. Leistun- ^en" das goldene Verdienstkreuz Allerhöchst zu ertheilen geruhet hat. — Wir wollen daher weder Wasser in'S Meer gießen. noch Eulen nach Athen bringen, setzen die Geschichte des Institutes als bekannt voraus, und wenden uns der biographischen Aufgabe zu, Deutsch'- Prrsönlichkeit in diesem Wirkungskreise, mehr als seine Erfolge zu schildern. WaS zuerst den Lehrer betrifft, so bedarf cs kaum der Erwähnung, daß ihm Pedanterie und leerer Formalismus ferne liegeu. Der jüdische Kopf ist gemeiniglich mehr dem Umfassenden, Allgemeinen, den leitenden Ideen geneigt, und dem Kleinlichen, Beengenden und der Ausführung im Einzelnen etwas abhold. Es scheint fast, daß der Jude alles, was die Natur dem Menschen am Hange nach FormalismuS verliehen, bereits an der religiösen Usanz erschöpft hat. Ans dem letztgenannten Gebiete kann ein Stäubchen, ein Tröpfchen, ein Fädchen seinen ganzen Fleiß und Scharfsinn in Bewegung setzen, und Bibliotheken sind mit einem Aufgebote riesiger Denkkräste über einen Milchtropfen, der auf ein Stück Fleisch gefallen ist. geschrieben worden. In allen andern Angelegenheiten des Lebens aber greif« der Jude lieber nach Kern und Inhalt, Geist und Wesenheit der Dinge, über Form und Anordnung hinausgehend. Aus diesen Wahrnehmungen entspringt daS Vorurtheil, caS selbst oder zumeist in unserer Mitte gegen alle jüdischen llkiternehmungen gerichtet ist. Uebcrall will man uns Consequenz und präcise Durchführung absprechrn, und die Bornirtheit begnügt sich nicht damit, dem jüdischen Handwerker daS Vertrauen ungerechter Weise zu entziehen, sondern selbst den jüdischen Lehrer, dessen Amt sich am wenigsten mit geistlosem Mechanismus vertragt, mit gleichem Mangel an Anerkennung zu behandeln und tott ״zu schweigen." — Deutsch hat aber selbst dem jüdischen, die heimischen Kräfte am meisten bezweifelnden Publikum den Glauben an jüdische Lehrkraft abgerungen. Er hat es bewiesen, daß jener schulmännische Blick, der Herzensregungen und Geistesanlagen belauscht, durchmustert, leitet, es nicht unter seiner Würde hält, Küche und Keller, Wasch- und Badestulen, Bett- und Leibwäsche zu controlliren, und das nicht in einer Anwandlung von Pedanterie, sondern eben. in nothmendiger Folge eines rationell durchdachten Erziehung-- planes. Wer die Räume seiner Anstalt b«sucht , dem fällt die fast holländische, äußere Reinlichkeit auf, die bis in jeden Winkel der Polterkammrrn eingetrungen ist. In gleichem Maße ist die Kleidung, Speisung, Pflege der Zöglinge in Norm und Ordnung gebracht. — Und dennoch ist Deutsch nichtweniger als Pedaut — sondern eben nur der jüdische Kopf, der jüdische Lehrer, dem e< unter Tausenden einzig und allein gelungen ist. seinen Glaubensgenossen selber nicht zu mißfallen. Aber Deutsch erziehet nicht nur mit dem Kopfe, sondern auch mit dem Herzen. Seine Sorgsamkeit begleitet darum die Zöglinge auch weit über die Mauern der Anstalt hinaus in'S bewegte Leben, wo er ihnen nicht mehr der Lehrer und Leiter ist, der blos sein wissenschaftliche- Bedürfniß mit dem Erziehungserperimentc befriedigt, sondern der Freund und Rathgrber, der als Mensch dem Menschen gegenüber dem Zuge seines mitfühlenden Herzen» folgt. Rührend find die Briefe voll innigen Dankes, die ihm von vormaligen Zöglingen aus allen Enden zukommen, und denen allen der Gedanke zu Grunde liegt, daß der Lehrer mit schöpferischer Kraft ergänzt, was die Natur lückenhaft gelassen, und damit Meisterschaft Geschaffene in Liebe und Menschlichkeit zu erhalten verstanden. Wir dürfen diese Hingebung an den Beruf um so weniger übergehen, als sie von jeder Beimischung geschäftlicher Betriebsamkeit ferne ist. Bei vielen Lehrern ist die Sorge um ihre Existenz und daS lucrative Interesse innig mit der Aufgabe ihres Amtes und deren Lösung verwachsen. Deutsch dagegen ist wohlhabend, bedarf seine- Amtes nicht zu seiner leiblichen Erhaltung, und ist dennoch so ängstlich und pünktlich in den ihm obliegenden Geschäften, daß auch die Scheelsucht hierin nichts andere» als Pflichteifer und Berufsdrang erkennen kann. Freilich war rin so handgreiflicher Beweis uneigrnnützigen StrebrnS auch nothwendig, um dem seinen Lehrern gegenüber stets ungläubigen jüdischen Publiknm den letzten Rest des Zweifelzu tilgen, und dem Institute die hohe Achtung zu sichern, die egenießt. — (Schluß folgt.) Gorresxon-enz. Gr. BecSkerek, Februar. Der Vorstand in Pest hat abermals ein Schreiben vom 30. Jänner l- I. in ungarischer Sprache an die Gemeinden ergehen lassen, daS einer eingehenden Prüfung und Besprechung bedarf, da in demselben der Eonstitutionalismus, wie er eben in Ungarn auf Grund der Gesetze voin Jahre 1847—48 sich immer mehr uno mehr gellend zu machen sucht, gänzlich verkannt wiro. ״Den öffentlichen Mittheilungen nach, heißt es daselbst, werden die zu erlassenden Instruktionen der LandtagS-Deputirten wieder zur Geltung gelangen. Wir sind daher so frei Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie im Zusammenwirken aller übrigen Gemeinde- Vorstände der Comitate dahin arbeiten werden, daß die günstige Lösung unserer am nächsten Landtag zu verhandelnden Gleichberechtigung unter die Jnstruktionspunkte der Drputirten eingereihl werde." — Wir können diesen ״öffentlichen Mittheilungen," die wir nirgends gelesen, keinen Glauben beimessen, da in keinem wahrhaft konstitutionellen Lande den Abgeordneten stricte, bindende Jnstructivnen rrtheilt werden, und der Geist der Gesetze v. I. 1848 ist auch dem ganz entgegen.*) Im Gegentheil ist allgemein der Usus, daß der Wahl-Eandidat sein politisches Glaubrnsbekenntniß ablegrn muß, um den Gesichtspunkt anzugebcn, nach welchem er seine Commtttenten »ertreten will; aber von bindenden Instructionen ist nirgends die Rede. Ueberhaupt ist cS gar nicht abzusehen, wie es den Gemeinde- Vertretern möglich sein soll, sich mit der Majorität der 109 Wahlbezirke tu Verbindung zu setzen oder dieselben zu influiren; denn wenn dies nicht dcr Allgewalt der Presse gelingt, so ist alle Mühe des Einzelnen vergeblich. Um so nachthriliger könnte aber das ungeschickte Eingreifen und Einwirken mancher Vorstände dabei sein, da die Sache der Israeliten nicht von den Wahlbezirken und WahlmLnncrn, sondern vom Landtage abhängt. Ja, selbst bei dem von dem Candidaten abzulegenden Glaubensbekenntnisse darf von rin^r eigentlichen Emäncipalion der Juden — denn diese wird immer auf Gegner stoßen — nichts erwähnt werden; sondern dieselbe muß e» ipso als eine un- *) Bindende Instructionen waren bis 181$ gang und gäbe. 2» neuester Zeit war die Wiedereinführung derselben Gegenstand der Journal-Polemik; und eben lesen wir, daß solche bei der Lomitats-Congregation in Gran beantragt, aber mit bedeutender Ltimmcnmcbrhcit verworfen wölben. Red.