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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-02-22 · 8 (22.2.1861) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
8 (22.2.1861)
Date
1861-02-22
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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* 60 <»*״ י Alaus der Fluthen Graus die Erde einst erwachte. Und Noah seinem Herrn des Dankes Opfer brachte. Da hat der Schöpfer mild erbarmt sich seiner Welt. Und Gotte- Bogen stand zuerst am Himmelszelt. Er stand und leuchtet noch, ein hehre- Bundeszeichen, Daß neue Sündfluth nie die Erde wird erreichen; Ob Schuld, ob Frevel trübt der Welten Gottespracht, Wenn ihr den Logen schaut, so fühlt: ein Vater wacht! Ob Eurer Sünden muß Gewölk^deS Himmels weinen, Und flammend steigt «mpor der Bogen des Alleinen; Er mahnt: der Erde Schuld ruft wieder zum Gericht; Euch rettet nur der B^nd, ach, eure Tugend nicht! — So kehre Der Ach, Und w eim zu Gott, bethörte Erdensöhne! Regenhbgen klagt in lichter Farbenschöne: ater zürnt ob seiner Kinderschulv deS Bundes Licht zum Schirm der Gotteshuld! euer. )rum wenn der Bogen strahlt, laß nicht den Bruder trauern lnd bete still allein in deiner Reue Schauern: ״^ei hochgepriesen, Herr, du denkst de- Bundes mild, Duhast in treuer Huld dein hohes Wort erfüllt!" — fElm-torn, 1861. Minna Lohen. Zur Abbildung. I. Deutschs Jeden &. A. N. Joel Deutsch ist am 20. März 18t3 zu Nikolsburg in Mähren geboren. ׳Zeta Vater, David Deutsch, ward auf Veranlassung deS berühmten Oberlandesrabbiners Markus Benedikt, zu dem er in entfernt verwandtschaftlicher Beziehung stand, aus Halberstadt nach Mahren berufen, wirkte zuerst als Assessor »6 latus des Herrn LandssrabbinerS und verwaltete später selbstständig das Localrabbinat zu ferfinn. Zur Charakteristik dieses Herrn nur die eine Bemerkung, dal er schon im deutschen AuSlande die Morgendämmerung der Neuzeit teranbrechen gesehen, und sich daher nicht versagte, manchen vertohlenen Blick in da- Reich deS Wissens jenseits der talmudischen ^Ringmauern zu werfen. Seine noch jetzt lebende Gattin, die Mutter unsere- Joel Deutsch, ist eine ehrbare Matrone von altem Schrot und Korn, gehört in die Reihe jener frommen Frauen und herzinnigen Mütterlein, mit dem sorglich wiegenden Haupte, denen die Religiofität eine süße Gewohnheit geworden und die jeden alten Brauch als ein Verhängniß auf und über sich nehmen, und mit einer Hauswirthschafilichen Genauigkeit ihn vor dem Untergang bewahren. Wie in jedem gesunden jüdischen Familienorganismus, begründete nun der Vater daS Reich der grauen Theorie, und pflegte die Mutter des Lebengoldenen Baum. War jener bemühet, des gut talentirten Knaben rege Drnkkraft zu üben, verstand eS diese. Innerlichkeit und Tiefe dem Gemüthe zu verleiben. Eine dritte auf die Jugenderziehung Deutsch's einflußreiche Person war der OberlandeSrabbiner. Denn der selige Herr David Deutsch war rin Rabbiner von ehedem, also selbstverständlich sehr arm, und es mußte ihm willkommen sein, daß der Landesrabbiner den denkenden Knaben zu sich ins HauS nahm und in der eigenen Obhut hielt. Der alte, ehrwürdige Markus Benedikt, jene Riesenzeder auf dem Libanon, lebt noch im Gedächtnisse so vieler Jünger, Freunde und Verehrer, als daß eine Schilderung seines großartigen, klassischen Charakters. seines hoben, ethischen Seelenadels, der alle seine Thätigkeit durchduftete, nicht überflüßig sein sollte. Wir heben unter seinen zahlreichen Tugenden vorzüglich den wissenschaftlichen Ernst, das Streben nach Wahrheit hervor. wodurch er vor andern gltichztirigen talmudischen Capacitäten, und seine Hochschule vor denen der Letzter« sich vortheilbaft unterschieden. M. B., dem jedwede Art von Ostentation ferne lag, begnügte sich auf dem Gebiete des Talmudstudiums nicht mit den leeren sich selbst belügenden Sophismen der Pilpulisten; er verachtete vielmehr jenen krankhaften Witz. der Flammen ebne Glut erzeugt, jene Gedankcnspiele, jene Capreoleniprünge deS Scharfsinnes ohne Ziel und Ernst, jene baufälligen Schlußreihen ohne Inhalt und Wahrheit. Ihm war eS darum zu tbun. Logik, Kritik und System in seine Doctrin zu bringen — und all das nur im angcbornrn Zug und Drang seines tiefmoralischen Ich'», womit er den Biedersinn und die Geradheit seine- Wesens auch auf die Functionen seine» Verständeübertrug. Wie nun die hohe Sittlichkeit seines Charakters auch dem Studium eine eigene, gesunde Richtung verlieh, so wirkte unter seiner Aegide da- Talmudstudium auch veredelnd auf die ethischen Anlagen seiner Jünger. Bei aller Rigorosität blieb doch unverständige Bigotterie wie jene heuchlerische Frömmelei und Scheinheiligkeit, welche auf andern Jeschibot, freilich wider Willen ihrer Meister, groß gezogen wurden, von den Jüngern M. B.'s ferne. Ewar natürlich, daß ein Mann von so heiligem Lebenswandel von mächtigem erziehlichen Einflüsse auf einen begabten Knaben, wie Joel Deutsch eS war, werden mußte. Deutsch'- Geist trägt noch immer das Gepräge eines aufrichtigen Strebenan sich. Von M. B. lernte er den Abscheu vor aller Oberflächlichkeit und Flüchtigkeit, vor jener Selbsttauschung, die sich mit Halbverstandenem begnügt. — Gründliches Lernen, praktische Vcrwerthung und Erprobung des Gelernten durch Anwendung auf daS religiöse Leben, war daS Ziel in Benedikt's Hochschule, und Joel Deutsch nahm dieses Streben mit hinüber in fremde Wissensgebiete. — Ueberall hütete er sich, leere Formel für Inhalt, Halbbegriffenes für geistiges Eigruthum zu halten, überall wendete er vom theoretischen Spiele der Welt der Wirklichkeit sich zu. Indessen mußten alle Jeschibajünger früher oder später die Metamorphose durchmachen, die sie aus rem Bann eines klösterlichen Gedankenlebens, hinaus in die Welt ver freier» Anschauung führte. ES war das eine Art geistiger Häutung, die nicht ohne skeptische- Fieber vor sich ging. Jeder tüchtige Anfänger im Denken, muß mit dem Zweifel beginnen, wenn auch umgekehrt jeder Zweifler nur ein Anfänger ist. Auch bei Deutsch mußte der Bruch mit der Abgeschiedenheit vpn allem Weltlichen, wie sie das Talmuvstudium heischte, vollzogen werden. Vorbereitet ward diese Entpuppung eben durch die überschwänglich-phantastischen Ausschmückungen, womit die Sage den ehrwürdigen Benedikt noch bei dessen Lebezeiten verherrlichte. So wuchs z. B. I. Deutsch im guten Glauben an die Allwissenheit seine» Rabbi auf, und es neckte ihn, diese vermeintliche Eigenschaft auf die Probe zu stellen. Natürlich fand ver Knabe, daß kein Mensch ein. Gott sei. Ist aber in einem festgegliederten Glaubenssystem nur Ein Theil, etwa ein Schräubchen an einem großen Räderwerke locker geworben — da wird es zum kleinen Leck am großen Schiffe und das Wasser sickert unaufgehalten durch und gewinnt immer größeres Terraiu. So vollzog sich auch an Deutsch jener Durchgang aus überwucherndem Glauben durch Skepsis zur vernünftigen Religiosität. Wir treffen ihn später sich mit Gymnasialstudien befassen, er absolviit die sogenannten philosophischen Curse, Hort Vorträge über Pädagogik, besucht Präparandien, und widmet sich endlich, seiner wahren Berufuag inne geworden, zuerst als Hauslehrer, später in andern Sphäreu dem Jugenruntcrrichte, nachdem er sein früheres Vorhaben, Rabbiner zu werten, aufgegeben batte. Unter ven verschiedenen Disciplinrn der Universität fesselte ihn am meiste» die Mathematik, waS bei der Richtung, die B e n e d i k t'S Jeschiba eingeschlagen hatte, niemanven verwundern wird. Nichts desto weniger hat ihm seine Vertrautheit mit dem Talmud, sein sittlicher Lebenswandel das Ehrendiplom eines Morenu erworben, wodurch ihm ein thcologischer Grad zuerkannt wurde. Der wichtigste Wendepunkt im Leben Deutsch's, und seine Bedeutsamkeit als Pädagog trat aber erst mit seiner Ernennung zum Direktor der ersten österr. iör. Taubstummenanstalt in Wien hervor. Wenn Ludwig XIV. behauptete: L’etat c’est moi; so kann Deutsch mit weit größerem Rechte behaupten: L' institut c'est moi. — Die Biographie Deutsch's vom Jahre 1844 ab, und die Geschichte dieses höchst merkwürdigen Institutes sind Eins und dasselbe. — Deutsch gehet von nun an ganz darin auf, und daS Institut ist eben nicbts anderes als D e u t sch in der Erscheinungsform einer j Anstalt. - 1 Bekanntlich war es ein Jude, Namens Pereira, der zuerst den scheinbar unzugänglichen Taubstummen die Segnungen der Erzichung und des Unterrichtes zuführen lehrte, und nicht der Abbö de l'Epce, den man gewöhnlich den Erfinder der Methodik für Ge- Hörlose nennt. Indessen hatte man ehedem ganz sonderbare Begriffe c

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