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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-02-15 · 7 (15.2.1861) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
7 (15.2.1861)
Date
1861-02-15
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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*• 53 »»•■ in Rücksicht auf fetnrn letzten Wunsch, wurden seine Gebeine au-- gegraben, am 5. März 1830 »ach 9lifol4fc*rg gebracht und daselbst bestattet. — Neber Dwgraxhren von A. D. Dem Portrait *) eines unserer begabtesten Pädagogen will ich mit Vergnügen einen biographischen Commentar, als Geleitschein mitgeben. Nur sei mir dabei gestattet, den eigenen Weg zu gehen, zuweilen aus rer Rolle des trockenen Referenten zu fallen, und hie und da ungebetene Reflerionen einzuschieben. So z. Bbeginne ich sogleich mit einer Abschweifung von meinem Thema, um einige unliebsame Bemerkungen über manchen jüdischrn Plutarch der Neuzeit zu machen: Die literarische Species, die man Biographie nennt, ist eine uralte Unart des sich selbst bewundernden Menschengeschlechtes. — Gelehrte, Künstler und wer aus sich heraustritt, und den einen Thril seines Jch'S der Oeffentlichkeit preiSgiebt, der hat zugleich da- Recht verwirkt, den andern Theil seiner Individualität für sich zw be« halten. Wer dem Publikum ein Haar gereicht, der verfällt ihm mit Leib und Seele. Der Vorgesetzte, fertige Brei genügt nichr, und je bester dieser mundet, desto lüsterner wird man, in die Töpfe zu gucken, worin er bereitet ward. Ist man gar berühmt geworden, so darf man keine Geheimnisse mehr haben, muß bei offenen Thüren zu schlafen, laut zu träumen, öffentlich zu empfinden sich gefallen lassen, und auf allen Gängen folgt ein spürnasiger Registrator und zahlt jeden Schritt nach. Hat es aber Jemand gar so weit gebracht, daß er zum Idole, zum Gegenstände eines CultuS geworden ist, dann gehört nichts mehr ihm an seinem Leib und Geist. Da muß Jedermann, wie er sich nährt und kleidet, wie er wohnt und sich trägt genau wissen, und auf allen Märkten wird es ausposaunt, ״wie er sich räuspert und wie er spuckt." Ob man das Recht habe, so in eine fremde Persönlichkeit einzugreifen, sie so strckbriefartig zu contrefeien, darnach wird nicht gefragt, denn der Mißbrauch hat stets alle Traditionen für sich. Noch kläglicher ergehet es den Berühmtheiten, wenn sich die Neugierde den Schein der Wißbrgierde verleihet, und mit aller Zudringlichkeit die Celebrität dem Secirmesser der Psychologie unterwirft. Wie klug da die Herren jedes Fädlein im Webestuhle des Geistes zittern gesehen, wie sie jeden Grashalm auf der Gedankenflnr wachsen gehört haben wollen. Und wer kann zudem einem Forscher Halt gebieten! Wer kann sagen, wo das Recht auf Wissen seine Grenzen hat? Ja! wer wagt eS als Frechheit zu bezeichnen, wenn ein R. Kohana (nach Ber. 62) seinen gerühmten Lehrer Aba A r e k a auch da belauschte, wo der Mensch da- Dunkel sucht, sich schämend, hierin nichts vor der Bestie voraus zu haken?! — Es war dieselbe unverschämte Berehrung, mit der mancher moderne Biograph das Opfer seiner Genauigkei verfolgt; cs war die Consrquenz jener unersättlichen Mißbegierde, bis zu jenem Punkte getrieben, wo Naivität und Impertinenz an einander stoßen. Man denke aber, wie peinlich solche Jndisrretion wird, wenn sie ihre Rücksichtslosigkeit auf lebende Personen ausdehnt — und darin hat eben unser Zeitalter die Unart zur höhern Stufe erhoben. Wer todt ist, gekört der Geschichte an, und diese ist einmal der Schrribseligkeir verfallen. Aber der Lebende kann doch weder im Interesse der Wissenschaft, noch des gemüthlichen Zusammenlebens da- Object einer Biographie werden. Wie wollt Ihr ein Urtheil endgiltig fällen, wo «och nicht der lepte Act des Lebens abgespielt ist? Wenn Solon behauptet, eS könne Niemand vor dem Tode glücklich geschätzt werden, so darf man den Satz ganz dreist dahin ausvehnen, daß vor dem Tode kein Mensch überhaupt geschätzt werden könne — weder glücklich noch unglücklich, weder klug noch thöricht, weder gut noch böse. Was lebt, unterliegt immer dem Wechsel und der Ent- Wickelung, und Ihr habt kein Recht ihm eine Biographie anzumessen, wie dem Leibe einen Rock, und zu sagen: Bis hieher ist eS gewachsen, und größer und kleiner wird es nicht! Zudem wie schlägt der lobende Biograph jeder Bescheidenheit, der tadelnde jeder Eigenliebe in's Gesicht! Glaubt man, es sei Jedermann's Sache, die Hälfte seiner Grabschrist sich anticipire« zu lassen? — . Freilich haben wir den Trost, daß unsere stoffsüchtigen Plutärch« lein, die alle Matrikel plündern, um Helden fiir ihre Wallhalla zu gewinnen, so viele Dutzendmenschen & la Celebrität kostüaüreu, ,■ dabei aber so rosenfarben malen, so übertrirfend salben, die Erde mit so vielen Engeln bevölkern, daß selbst die empfindlichste Bescheidenheit unverletzt bleibt, wenn die Lorbeeren so wohlfeil find, daß Scriblern und Feverfüchsen aller Art, ja selbst Krämern und.Wucherern ganze Felder und Wälder davon wachsen. Was für Gewinn hierander psychologischen Wissenschaft, der Kritik, dem Urtheile über Menscheu erwachse, wenn der Ehrentempel des Verdienstezum allgemeineu, öffentlichen Schlammbade deS Eigendünkels entweihet wird, kann wohl jeder selbst ermessen. — Anderseits haben Biographien solcher Männer, die nicht eben weltthätig sind, dir sich in einem engen Kreise harmloser Thätigkeit bewegen, auch ihre Schwierigkeit, die zu überwinden nicht Jedermann Geist genug besitzt. Das äußere Leben ist gewiß nicht glücklich gewählt, um z. B. einen Gelehrten zu zeichnen. Was läßt sich von den meisten mehr erzählen, als daß sie geboren, da oder dort gut oder schlecht erzogen worden sind, und endlich trotz oder höchstens neben der Erziehung, die sie genossen, auch ein Bischen ursprünglichen Witz sich ' bewahrt haben, den sie zur Flamme angefacht. — Und da haben sie denn diese oder jene literarische Thal verübt, und auf den Wogen der Fama ihren Namen durch die Welt gewälz'. — Ist daaber ein Portrait? Das giebt ein Verzeichniß der Nasen, Augen, Ohren, wrnn's hoch kommt, auch der GesichtSmuskeln — aber keine Physiognomie — kein die Individualität wiedergebrndeS, am wenigsten die wahre Persönlichkeit kennzeichnendes Gemälde. Nun aber bieten die jüdischen Eelebritäten selbst in diesen äußerlichen Zufällen deS Lebens keine große Mannigfaltigkeit dar. Für fast alle unsere Helden der Intelligenz könnte man Ein biographisches B l a n q u e t anfertigen, in dem bloS Orts-Personennamen und Jahreszahlen verschiedentlich auszufüllen wären. — Alle- Uebrige ist so gleichförmig, wie der Refrain einer Litanei. Alle diese Geister sind Epigonen, die mit einem Fuße in der Vergangenheit stehen, und haben dieselbe Odyssee. Sie haben die Fahrt anü den Schachten deS Talmuds in das Gebiet moderner Intelligenz vollbracht, dieselben Eindrücke empfangen, die der Talmud auf das Gemüth und die Denk- י■ kraft seiner Jünger macht. Alle haben den Gegensatz zwischen den daraus entstandenen Anschauungen und denen unseres Jahrhunderts tief empfunden, die Geburtswehen ausgerungen, bis das neue Berständniß ihnen aufgegangen war — und wer die Biographie Eines jüdischen Gelehrten gelesen, der hat die Uniform für das ganze Heer kennen gelernt, und braucht sich nur immer einen andern Kriegsmann in dieselbe Jacke hineinzudenken. Nichts ist natürlicher, als daß eine Nachwelt an den Erinnerungen ihrer unmittelbaren Borwelt zehrt, und nichts begreiflicher, als daß große Männer der Gegenwart noch in der jüngsten Bergangenheit wurzeln. Wer sich darüber wundert, mag gerade so scharfsinnig sein, wie jener Mann, der unserer Zeit die Fähigkeit Greise großzuziehen abgesprochen hat, da alle alten Menschen von heule eben noch aus früheren Jahren herstammen. Indessen wird niemand übersehen, daß d»c jüdischen Culturzustände der Gegenwart in noch andern Beziehungen zur Vergangenheit als der bloßen Nachfolge stehen. Die Generation, welche eben den Meridiau überschritten hat, war eine charakterhafte, die ein bestimmtes Bewußtsein ihres Strebens hatte. Wie wir immerhin über den Werth ihrer Tendenzen denken mögen, so können wir den Pilpulisten doch unbedingt zugeben, daß sie eine streng formulirte Devise, ein festes Ziel, eine klar ausgesprochene Gesinnung, eine zweifellose Marime, einen unzweideutigen Ausdruck ihres Wollens und eine todeSmuthige Energie besaßen, für ihre Zwecke die geeigneten Mittel herbeizuschaffen. Der unausgesetzte» Anstrengung folgte Erschlaffung, Mangel an Befriedigung, Sehnsucht nach einer leitenden Idee, daher scheinbare Eharakterlofigkeit — ein Laviren nach einem ungekannten Ziele, daher Mangel an GesinnungStüchtigkeit, daher Unfähigkeit große Manner zu erziehen, die so lange dauern wird, bis wieder eine klar auSgesprochene Tendenz zum Durchbruch ׳kommmen, und Form und Gestaltung wie Mittel für ihre Zwecke auS sich selbst gebären wird. *1 Welches diese Blätter nächsten» bringen werden. Red-

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