Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 7 (15.2.1861)
- Date
- 1861-02-15
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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der Gemeinde sein soll, sich um ihre Armen, um ihre Witwen und Waisen zu kümmern. Kranke und Trauernde zu besuchen hat — ob denn dem noch Zeit bleiben kan» auch der Schule gauz und nicht halb als Dirtttor vorzustehen? Die Hand auf's Herz! WaS wird und muß deu gebildeten Rabbiuen mehr interessire», die Abhandlungen eine- Rappaport, Luzzato, Frankl, selbst des monströsen Hirsch, oder die Fragen, welche heute die Lehrerwelt in Bewegung setzen, etwa die Firirung der deutschen Orthographie, oder die Einführung des Turnens u. s. w.? Und doch muß der Direktor sich um derlei Dinge kümmern und ein stetiges Interesse an den Gangen der Methodik nehmen, wenn er nicht nach l oder 2 Jahren von dem jüngsten Lehrer sich beschämen lassen will. Wie, fürchtet Herr Rabbiner Hochmuth nicht, daß der Rabbiner und Direktor in einer Person in eine stete Pflichten-Cvllision kommen und bald den Theologen der Schule willen oder beide wegen anderer Gemeindeangelegenheiten vernachläßigen wird? Herr Rabbiner Hochmuth meint, der moralische Einfluß deS Rabbiners als Direktor müsse von besonders guter Wirkung auf die Schule sein. Zugegeben! Aber ist eS. um sich dieses Einflusses zu versichern, nicht besser, dem Rabbiner Sitz und Stimme bei rer Schul- Eommiisiou zu geben, ja, ihm hier den Vorsitz einzuräumen, als ihm zuzumulbcn, daß er sich um alles das kümmere, um das sich der Direc-or als erster Lehrer der Schule kümmern muß, wobei nothwendig entweder sein theologisches Wissen, oder seine seelsorger'schen Funktionen , oder die Schule leiden würden. Soll und muß ja der Rabbiner auch den Frieden in der Gemeinde wahren, er muß sie oft nach Außen vertreten, er muß ihrer Armen sich väterlich annehmen, es müssen die svnagogalrn Einrichtungen von ihm ausgehen; und doch fällt es Niemanden ein, ihn zum Gemeinte- oder Cultusvorsteher oder Armenvatcr zu machen, weil jeder an das Wort Vater Jethro's denkt, das da lautet: >72.-> *גבל- — Ist aber dieses bei solchen Aemlern der Fall, die nur wenig Vorbildung brauchen; wie erst bei dem Amte eines Direktors, welchkS nicht Vorbereitung allein, sondern auch stete Fortbildung will! Selbst daS Eine, welches der ehrwürdige Herr Hochmuth hervorhebt, der Rabbiner könnte als Direktor darauf sehen, ob dic Kinder auch fleißig die Synagoge besuchen und sich dort anständig und ehrerbietig betragen, das ist gerade ein solches, womit wir den Rabbiner gerne verschonen wollten. weil wir es ihm aus Erfahrung sagen können, daß er, wollte er in der Synagoge auch eine Inspektion der Kinder auf sich nehmen, nur zu sehr im Beten gestört werden wird, was sich mit seiner der Menge gegenüber noch immer einzubaltenven Pastoralwürde nicht vertrüge. Dabei sehen wir ab von jeder Befürchtung hierarchischen Gelüstes; wollen auch daran nicht erinnern, daß die ersten Pädagogen Deutschlands die evangelische Schule von geistlicher Ueberwachung zu emancipircn suchen — aber um dcr Schule, um der Gemeinde, um des Rabbines willen müssen wir Protest gegen ein Verbinden von Aemtern einlrgen, von welchen ein jedes für sich den ganzen Mann mit seiner ganzen Zeit fordert; wünschen dagegen, daß dem Rabbiner als dem moralischen Auge der Gemeinde der Platz über und nicht unter ibrrn Beamten angezeigt werde. Soll er seinen Einfluß nach jeder Richtung hin und auf jedes Institut sich bewahren, rann muß von ihm der Ausdruck gelten: il ne faut j>a6 beaucoup gouverner. NikolSdurg, 8. flcbruar Dr. Eisler, Director. ־ttr Addürmng. Der Name Markus Benedikt ist in diesen Blättern oft genug genannt worden. Er lebt außerdem noch fort in der Erinnerung des alteren Geschlecktes, welches in ihm einen der letzten Heroen altrabbiniscker Gelehrsamkeit und Denkweise ehrt, dessen tiefinnerliche Frommigkeit unr Herzenseinfalt, kessen wahrhaft tugendreickes, nur auf das Göttliche gerichtete Leben zur Bewunderung auch diejenigen zwang, welche von Grundsätzen uud Anschauungen durchdrungen waren, die eben erst während, dessen vierzigjähriger Führung des mährischen LandeSrabbinates mit Macht unter den Juden Oesterreichs sich Bahn brachen, unr die er aus allen Kräften zu bekämpfen sich in seinem Gewissen verpflichtet fühlte. — Markus Benedikt wurde zu CSurgö im St. Weißenburger Komitate in Ungarn im Jahre 1753 von frommen armen Eltern geboren, «uf Anregung seiner frommen Mutter, welche manchen berühmten Talmudtsten unter ihren Vorfahren zählte, kam er in seinem 5. Lebensjahre nach NikolSburg in Mähren, wo die Großmutter als arme Witwe lebte, und wo er in die Zahl der Talmudtor a- Schüler anfgenommen wurde. Die Fähigkeiten und die Lernbegterde des armen Zöglings hatten die Aufmerksamkeit und die Theilnahme des Vorstehers der Anstalt, deS frommen Gabriel Markbretter erregt. Dieser nahm sich des verlassene» Benedikt an, der in seinem 11. Jahre bereits solche Fortschritte im Talmudstudium gemacht hatte, daß ihn sein Gönner für die Jeschtwah reif hielt und ihn nach Ettingen im Elsaß sandte, und' dem dortigen Rabbiner zur ferneren Ausbildung warm empfahl. — 5B. erfreute sich daselbst der liebreichsten Sorgfalt seines nunmrhrigen Lehrers, deren er sich auch durch seine außerordentlichen Fortschritte stets würdig zu erhalten suchte. Letztere waren so bedeutend, daß er zur Zeit der Barmizwah sich schon durch einen pilpulistischen Vortrag auszeichnete und überhaupt aus diesem Gebiete eine produktive Lhätigkeit entwickelte. Die Freundlichkeit und das Wohlwollen welches der Rabbi dem vielversprechenden Schüler bewies, wurden jedoch von seiner Gattin nicht getheilt, die sogar in ihrer Erbostheit darüber, daß ihre eigenen Kinder von dem fremden Bachur übertroffen worden, dessen Manuskripte, die ersten schriftstellerischen Versuche, in's Feuer geworfen haben soll. — Wir erwähnen dieses Vorfalles, weil er B. veranlaßt haben soll auf einige Zeit da- Talmudstudium zu vernachlässigen und fast ausschließlich dem Studium der Bibel und der exegetischen Literatur sich zuzuwenden. Benedikt kehrte jedoch mit verdoppeltem Eifer zu seinem frü- Herrn Studium zurück und ging zu diesem Behufe 1768 nach Fürth wo eine berühmte Hochschule unter dem Rabbi Jos. Steinhardt in vollster Blüthe stand. Auf den Wunsch seines Gönners Markbreiter kehrte er 1771 nach NikolSburg zurück, verlobte sich daselbst mit seiner nachmaligen Gattin, besuchte aber noch während des 2jährigen Brautstandes das allberühmte Prag, wo er im Hause deS Maier Karpeles die größtmögliche Unterstützung fand, und in derselben Stadt, worin Ezechiel Landau lehrte, als 18jähriger Jüngling talmudische Vorlesungen hielt. — 1773 vermählt, ward er ein Jahr darauf zum Rabbinat«- Assessor (Lajan) gewählt. Diesen Posten so wie 2 Rabbinatstellen, Lundenburg in Mähren und Sassin in Ungarn, bekleidete er in dem Zeiträume bis 1790. Damals starb der bisherige LanveSrabbiner Gerson Chajes; unter den vielen Rabbioeu, die nach NikolSbürg kamen, um dem Geschiedenen Gedächtnißreden zu hatten, erschien auch Benedikt als einstmaliger Dajan. Sowohl der Beifall den seine Rede erwarb, als die Anhänglichkeit, die freundliche Gesinnung, deren er sich von früher bei einem angesehenen Theile der Gemeinde daselbst erfreute, brachten es dahin, daß er als Local- und Landesrabbiner bald gewählt wurde. — Die Epoche (1790—1829) während welcher Benedikt auf dem Hirtenstubl der mährischen Judenheit saß, gehört zu den Inhaltschwersten ukv wichtigsten in der Kulturgeschichte der Juden. Benedi kt suchte mit Kraft unv Energie, wenn auch nicht immer mit Erfolg dem Herandräng n neuer Ideen und neuer Einrichtungen zu wehren. Das Absehen welches er nicht blos in Mähren sondern in der ganzen Monarchie und über ihre Grenzen hinaus genoß, war höchst bedeutend. Seine Jeschiwah gehörte zu den besuchtesten, und großer Werth ward in den talmuvischen Kreisen darauf gelegt sich seinen Schüler nenne» zu können. Von seiner immensen rabbinischen Gelehrsamkeit, seinem asketisch strengen Leben, seinem Wohlthätigkeitssinn zu sprechen wäre überflüfiig. Erwähnt muß aber werden, daß er, was nicht bet allen Talmudheroen häufig zu finden, mit einem Theile der nicht-talmudischen hebräischen Literatur vertraut war, ungewöhnlich korrekt hebräisch schrieb, und durch eine Art von Suada in hagadischen Vorträgen so wie durch Haltung und Wesen überhaupt einen bewältigenden Eindruck auf Personen verschiedenartigster Btldüng und Gesinnung machte. — Betrauert von den Juden der ganzen Monarchie, schloß Benedikt sei« irdische- Dasein am 12. Juli 1829 zu Karlsbad in Böhmen. Sein Leichnam wurde in dem 2 Stunden davon entfernten Liechtenstadt beerdigt. Auf Betrieb der Nikolsburger Gemeinde jedoch und