Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 6 (8.2.1861)
- Date
- 1861-02-08
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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14 tm und in dem Dunkel der tiefsten unterirkijchen Gewölbe die vorzüglichsten gottesdienstlichen Gebräuche der Religion ihrer Bäter übte«. Roch im Schooße seiner Mutter die zu Lissabon wohnte, verlor er den Baker bei dem berühmte» Erdbeben dieser Stadt im I. 1755- Dieselbe ward unter den Trümmern eines HauseS verschüttet und mußte daselbst einen ganzen Tag verharren. bis vorübergehende Soldaten sie audieser Lage befreiten. Sie begab sich hierauf nach London und gebar hier ihren Soh» -Abraham. 1756 ging sie mit dem Neugeborenen nach Bayonne. dann nach Bordeaux zu Berwandten, die ebensalls solchen jüdischen Familien angehörten, welche Spanien und Portugal verlassen hatten, um in den mittäglichen Provinzen Frankreich», wo die Niederlassung allmälig gestattet wurde, offen den Glauben Israel» zu bekennen. >br«ham Furtado hatte sich daselbst anfänglich dem Geschäfte der SchiffS-Assekuranz gewidmet, bald aber diesem dem-Rücken gewendet, und gab sich nebst der Verwaltung liegender Gründe, die er angekaust, nur noch wissenschaftlichen Studien hin. Durch Mittheilung einiger Bruchstücke eines Werkes (Ueber die Harmonie der Staatsgewalten) woran er schon damals arbeitete, begründete er seinen Ruf und erwarb sich nicht nur den Beifall und die Achtung ausgezeichneter Männer in seiner Heimalh, sondern fand auch eine sehr schmeichelhafte Aufnahme in Paris, wohin er sich auf einige Zeit begeben. — 3» Frankreich hatte sich seit dem Beginne der Regierung Ludwig XVI. schon eine neue Ordnung der Dinge angekündigt; die alten Ideen hatten viel von ihrer Gewalt verloren und jeder Tag entrang ihnen neue Concessionen- Die Intoleranz gehörte nicht mehr zum guten Ton, wovon namentlich die Protestanten und die Juden bald die »ohlchätige Wirkung verspürten. — Bezüglich der Letzteren, hatte der edle MaleSherbes bereit» den schmählichen Leibzoll abgeschafft, aber seine wohlwollenden Ansichten waren nicht bei dieser ersten Maßregel stehen geblieben; er beschäftigte sich ernstlich mit der Frage, wie die politische Stellung der Juden zu verbessern sei, und berief zu diesem Zwecke eine Commission ausgezeichneter Israeliten aus den verschiedenen Gegenden Frankreichs um sich. Nebst Cers- Berr auS Straßburg und Gravis aus Bordeaux befand sich auch Kurtado unter den Mitgliedern dieser Commission; und Letzterer ward vorzüglich mit der Abfassung der Schriften über die Lage seiner Glaubensgenossen betraut. — Der großherzige Gedanke Male sh erb e S batte ein Echo in Frankreich gefunden; vo» der Akademie in Metz wurde die ״Verbesserung der Lage der Juden' als Preisfrage ausgeschrieben; mehrere Denkschriften, welche der Sache der Gerechtigkeit energisch daS Wort redeten, wurden eiugesendet, und die Siegespalme ward von der Akademie zwischen einem Israeliten. Hörwiy, und dem Abbe G r e g o i r e getheilt. — Die Revolution war lnzwischeu au-gebrochen; die Juden hatten ihre Klagen laut erhoben; Gr « goire, Mirabeau, Ciermont-Tonnerre, Mouvier waren ihre beredten Fürsprecher in der National-Versammlung und mit den Decreteu vom 20. Juli und 7. August 1790, sowie vom 28. September und 31. November 1791 waren alle Beschränkungen aufgehoben und die vollständige Gleichstellung ausgesprochen worden. — Kurtado wurde schon im I. 1789 zum Municipalratb »er Stadt Bordeaux ernannt. Seine Berbindung mit den Girondisten, Guaret, Bergniauv, Gensonuä, zog ihn mü in ihre Verbannung nach dem 31. Mai 1793; längere Zeit irrte er ohne Zuflucht, und ohne Hilfsmittel umher, und wurde nur durch einen Freund, der sein Leben wagte, gerettet. Nach dem Falle RobeSpierre'S (27. Juli 1794) wurde er seiner Familie und seinen Freunden wieder gegeben. Hier erfreute er sich solcher Achtung und nah« eine so ausgezeichnete Stellung ein, daß er »ach dem 18. Drumaire ohne sein Zuthun auf ,rue Natiouallifte gesetzt wurde, aus welcher «an die Senatoren, StaatSräthe und Mitglieder des Tribunalezu wählen hatte. — Die durch die Revolution ausgesprochene Gleichstellung aller Franzosen hatte bald die »ohlthätigsten Folgen unter der Mehrzahl der JSraeltte» und i« größten Thelle Frankreichgezeigt. Außerordeutlich war der bürgerliche und moralische Aufschwung den die ISraeltte« in kurzer Zeit genommen. Freudig unterzogen sie sich allen Lasten de» Staates, widmete« sich «ü glühendem Eifer dem Dienste de» Baterlande», ohne sich der Theiluahme an de» Greueln der Schreckenszeit schuldig zu machen. Nur i« Elsaß, in dessen Städten die alte deutsche, für die Juden so drückende Städte — und Zunftvrrfaffung am längsten ihre Nachwirkung übte, wucherte der alte Same de» Judenhasses «och üppig fort, und genährt von den Mißbräuchen, deren einzelne JSraeÜten sich daselbst schuldig gemacht, trat dieser Haß unter dem Kaiserreiche offen wieder Hervor mit den Anschuldigungeu, als erlaube da» jüdische Gesetz Betrug und Uebervortheilung gegen AndrrSglaubende, and alsei selbes überhaupt mit den europäischen Staat-eiarichtunge« unverträglich. — Napoleon wollte den Israeliten Gelegenheit geben, sich selber darüber au-zusprechen; und «Heils aus diesem Grunde, thkils um die inneren Angklrgrnheitrn de» iSr. CultuS-WesenS zu ordnen, und endlich weil es seiner allgemeinen Politik entsprach, alle Classen der Einwohner durch große Erinnerungen, durch Diederaufwecken alter Einrichtungen und alten Glanzes für sich zu gewinnen. berief er die beiden berühmten Versammlungen: die isr. Notablen und daS große Sanhedrin nach Paris; und gedachte dadurch Parts, wie in allem Anderen, auch in Bezug auf Juden und Judenthum, zur Metropole Europa's zu machen. Der Ruhm beider Versammlungen ist unzcrtrennlich von dem Namen Abraham Kurtado'», dessen Eifer für das Wohl seiner GlaubevSbrüder zugleich mit seinem Patriotismus alS Franzose hier besonders hervorleuchtete, dessen Reden und Vorträge den Beifall der vorzüglichsten Gelehrten und Publzisten erhielten, und der außerdem noch durch sein schöne- Organ, den Adel seiner Züge und durch seine imposante Haltung den günstigsten Eindruck machte. — Ein kais. Decret vom 30. Mai 1806 hatte die Versa mmlung jüdischer Notabeln de» ganzen Reicheauf den 20. Juli angeordnet. Feierlich, unter Militär-Begrüßung, hielten die 112 Deputirten ihren Einzug in das Stadthaus, wo auf Anordnung deS Ministers des Innern ein Saal für die Berathungen hergrrichtet worden: und nachdem in einer ersten Sitzung Kurtado zum Präfideuten gewählt worden, erschienen am 26. Juli drei kaiserliche Eommissäre, Mol«, Pasquier unv Porta l iS d. I., und legten nach einer Ansprache des Erstgenannten folgende Fragen zur Brantwortung vor: 1. Ob die Juden mehrere Weiber heirathen dürfen? 2. Ob die Ehescheidung gestattet, und ob selbe, als rein religiös, auch ohne Zustimmung debürgerlichen Gesetzes Geltung haben? 3. Ob die Juden sich mit Christen vr, Heiratheu dürfen? 4. Ob die Juden die Franzosen als Brüder oder als Fremde ansehen? 5. Welche» Verhalten dajüdische Gesetz gegen Andersglaubende vorschreibe? . 6. Ob die französischen Juden Frankreich völlig als ihr Vaterland ansehen? 7. Don wem die Rabbinen ernannt werden? 8. Wa» für Recht und Gewalt den Rabbinen zustrhe? 9. Ob diese auf Gesetz oder blos auf Herkommen beruhen? 10. Ob einige Gewerbe den Juden verboten seien? 11. u. 12. Ob das Gesetz den Wucher über- Haupt, oder nur gegen Fremd» erlaube? — Mit dem Ausdrucke des Danke» und der Freude darüber ״daß nun Gelegenheit geboten sei, viele Jrrthümer und Vorurtheile zu zerstreuen und verschwinden zu machen, nahm Furtado diese Kragen im Namen der Versammlung entgegen, welch' letztere nach 5 Berathungen die Antworten überreichte. — Diese lauteten: Im Hinblick auf die vom Rabbenu Gerschom vrranlaßte Synodal - Verfügung sei die Polygamie vrrboten; die Ehescheidung sei gültig nur mit Bewilligung der Lande»- geeichte; die Ehe mit Christen sei erlaubt; die französischen Juden sähen in allen Franzosen ihre Brüder, gegen welche kein andere» Verhalten als gegen die Glaubensgenossen geboten sei; Frankreich sei da» Vaterland der französischen Juden; über die Rabbinerwabl gebe e» keine gesetzliche Form und der Einfluß der Rabbinen beruhe blos auf Herkommen; e» sei kein Gewerbe verboten und der Wucher sei schändlich und gegen" da» Gesetz. — Die kaiserlichen Commissäre erklärten der Versammlung, welche Befriedigung diese Antworten hervorgerufeu haben, daß e» aber Nap o l e o n für wünschenSwerth erachte, diesen Erklärungen eine größere Sanktion, durch eia nach Analogie deeinst zu Jerusalem bestandenen, zusammeutretrnde» Große» Sauhedrt« ertheüen zu lasse». Die Notablen - Versammlung erließ nun zu diesem Zwecke Rundschreiben an alle Rabbinen und Gemeinden Frarckretchs und der unter franzöfischer Botmäßigkeit stehenden Länder. — Gleichzeitig befaßte sich ein Ausschuß von 9 Mitgliedern in Gemeinschaft mit den kats. Com-