Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 4 (25.1.1861)
- Date
- 1861-01-25
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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—*M 31 •*־— Was ist das wieder? Ist das nicht ein Gebet, dain allen, dem neuen RituS folgenden Gemeinden schon längst und, wie wir glaube», mit vollem Rechte abgeschafft ist? Ist eS nicht ein wahrer Unsinn, heute noch «in Gebet zu verrichten, daS vor 12 Jahrhunderten für die damals im babylonisch-persischen Reiche existirenven Reschegelutha (weltliche Oberhäupter) und Resche-Metibatha (geistliche Oberhäupter) aller daselbst wohnenden Juden verfaßt wurde? Diese Würden und diese Namen sind bereits vor 800 Iahren erloschen und heute soll noch für die Würdenträger gebetet werden?? Ferner ist das Gebet in der, dem Volte ganz unverständlichen, aramäischen Sprache abgefaßt, waS für die damaligen Juden, deren Sprache allgemein aramäisch war, ganz natürlich, in späterer Zeit jedoch, als die oberwähnten Würden erloschen und die Juden bei andern Völkern mit andern Sprachen daS Aramäische vergaßen, in daS mehr verständliche hebräische Mischeberach übertragen worden; wie kommen wir aber dazu, beide Gebete zu sagen? Und endlich, macht ja das für den Landesherrn, für« Vaterland und für die Gemeinden in der Landessprache gehaltene Gebet auch das hebräische Mi-Scheberach überflüßig! Wozu also in drei Sprachen ein in den Hauptgedanken ähnliches Gebet vortragen? Ist es nicht sündhaft, vor Gott, der die Gedanken des Herzens kennt, in drei Sprachen ein und daffelbe zu , beten? Haben wir nicht wieder das Horazische Bild: ״kurpureu«, lato qui splendeat unus et alter Assuitur pannus. Purpurne, weithin schimmernde Kleider, behängt mit schmutzigen Lappen?" Für heute sei es genug! Nächstens gedenken wir auf die Zusammenfetzung von ״Alt und Neu" wieder zurück zu komnien. 8. Signale aus Böhmen von Rabbiner (khrentheil in Horic. V. Im Nachtrage zu meinem jüngsten Berichte über die Herrn Dr. Hirsch am Hofe zu Weimar zu Thcil gewordene Auszeichnung sei cS mir heute nock gestattet zu erwähnen, daß derselbe vor seiner Abreise von Weimar aus den Händen deS regierenden Großherzogs den Civil-Verdienstorden erhalten, und von demselben zur weiteren poetischen Thätigkrit ermuntert wurde. — Minder erfreulich dafür, aber höchst charakteristisch ist das, was ich in nachstehenden Zeilen zu registriren habe. — Ich wurde gestern vor daS hiesige sehr humane k. k. Bezirksamt geladen; dort angekommen, wurde niir eine von der hohen k. k. Statthalterei hieher gelangte, vom bischöflichen hochw. Consistorium gegen mich ringebrachte Klage vorgclesen. Ich wurde nehmlich angeklagt, mir, wie eS in der Anttageschrift wörtlich heißt, bei liturgischen (?) Functionen eines Talars bedient zu haben, der horribile dictu einen Kragen hat, und mithin dem AmtSkleide eines katholischen DechantS ganz ähnlich ist, u. s. w. — Ich habe mich in Folge deffen dahin geäußert, daß mir keine gesetzliche Vorschrift über die Amtskleidung der Rabbinen bis jetzt bekannt geworden, daß eS eine bloße Laune meines Schneiders war, der den Talar, ein Geschenk meiner geehrte» Gemeinde für mich, zufällig mit dem verpönten Kragen verfertigte, daß eS mir bei meiner Achtung für die katholische Kirche und für ihre würdigen Priester doch niemals in den Sinn kommen dürfte, mir auch nur den Anschein als zu einer andern Confession gehörend geben zu wollen, da ich stolz darauf bin, ein Jude zu sein. Endlich gab ich zu Protokoll, daß ich von dem incriminirten Amtskleide noch fortan Gebrauch zu machen gedenke, bis für die Rabbinen rächt vielleicht von den hohen Regierungsorganen irgend eine Amtskracht decretirt werden dürste, daß ich aber den festen Glauben habe, es könnte eine Confession, der von Se. Majestät volle ReligionSfrecheit garantirt wurde, von einem hochw. Consistorium nicht dergrt gemaßregelt werden. — Wie gefällt dir lieber Leser dies Pröbchen von Würdigung des ZeitgeisteS Seitens deS hochw. Consistoriumin Königgrätz? — jedenfalls ein Zeichen der Zeit. — Schließlich dem geehrten Herrn Redacteur dieser Blätter meinen herzlichen Dank für die höchst sinnigen und. gemüthlichen poetischen Arbeiten des für unser Judenthum begeisterten Mädchenau- Holstein. — Es thut so wohl, im Herzen einejüdischen Mädchens der Jetztzeit dies heilige Feuer der Begeisterung für Israel in Wort und Lied auSgedrückt zu sehen,.cS thut unS doppelt wohl, weil eS leider unter dm meisten jugcndlichen ZionStöchtern zum bon ton zu gehören scheint, über daS Judenchum so wenig als möglich nachzudenken, zu sprechm oder gar zu schreiben. Möge die jugendliche Dichterin daher in diesen schlichten Worten aus weiter Feme einen Beweis der Anerkennung hinnehmen, und möge der Herr sie stärken ' zu ferneren Versuchen auf diesem Gebiete, möge der Geist der wahrm Religiösität noch recht oft über die Saiten ihrer Herzensleier fahrm, wir werden dm Klängm derselben immer mit Vergnügen lauschm. Fürth, Anfang- Januar. Wie aus Ihrem schätzbarm Blatte, hochzuverehrender Herr Redatteur, zu ersehen ist, herrscht auch in der sehr verehrlichen israelitischen Gemeinde zu Pest eine nicht geringe Auftegung wegm der für die dermaligen Zeitverhältniffe höchst wichtigen Vorstandswahl. Ein Analogon hiezu, wenn auch von Nationalität und Landessprache hiebei nicht die Rede ist, kann ich Ihnen von hier auS melden, ungeachtet diese Angelegenheit bereit» der Vergangenheit angehört. Fast zwei Monate lang währte der Kampf zwischen den sich fast feindlich gegen einander gestandenen Parleien, der der ״schwarzen" oder orthodoxen und der der ״weißen" oder der Fortschrittspartei. Beide bewiesen einen Eifer, der einer bessern Sacke würdig gewesen wäre, da eS sich im Grunde nur um den Eintritt einiger Persönlichkeiten in den Vorstand und in das Gemeindecollegium handelte, um die Vertretung eigentlicher Principienftagen aber eS gar nicht zu thun war. Zwar fühlen Alle die Mangelhaftigkeit öffentlicher höherer Schulen, und namentlich des Unterrichts in den jedem Israeliten so nothwendigen ReligionS- und GeschichtSfächem, nur wollte erstere auch Talmud al» obligaten Gegenstand eingeführt wissen, waS letztere Partei entschieden ablehnte. Was aber dennoch gescheheu soll, ohne Lossagung von den bestehenden christlichen Volksschulen, und wie eine Organisation vorzunehmen sei, um zu einem gewissen Ziele zu gelangen, — darin ist man beiderseitig, bisher wenigstens, rath- und thatloS. Jede Partei strebte Propaganda zu machen und für ihre Ansicht viele Anhänger zu gewinnen, suchte alle niöglichen Hebel in Bewegung zu setzen, und wurden sogar einerseits Mittel gebraucht, wie man sich deren, bei Gelegenheit der inr Oktober stattgehabten, von uns in Nr. 14 d..Bl. v. I. geschilderten Magistratswahl bediente. Ob mit Recht oder Unrecht, wollen wir dahin gestellt sein lassen; genug die Orthodoxen, einen gerade nicht superklugen Weg einschlagend, konnten nicht Einen Mann ihrer Farbe durchsetzen, und ist eS ein Glück, daß gerade zu den noch nicht abgetretenen, an Erfahrung und Intelligenz reichen Vorständen, Herren Büchenbacher und Mühlhäuser, drei Männer als Re» Präsentanten gewählt wurden, von deren Klugheit, Weltkenntniß und Bildüng zu erwarten steht, daß sie Mittel zur moralischen und religiösen Hebung der ersten israelitischen Gemeinde Bayerns um so gewisser auffinden dürsten, als eS an den dazu nöthigen Geldkräftcn nicht fehlt. Zu dem hiesigen iSr. Hospitale wurde von einer edlen christlichen Dame ein Betrag von 150 fl. unter der ausdrücklichen Bedingung gespcndet, daß ihr Nameverschwiegen werden müsse, was zuversichtlich ein Bcweis der dahier unter den Einwohnern verschiedener Confessionen herrschenden Verträglichkeit und in socialer Beziehung sehr bemerklich ist, wie denn auch hier der jüdische Rabbi, der katholische Priester, und der protest antische Geistliche, von den Weltereigniffen und anderen Begebenheiten sich unterhaltend, traulich zusammen zu sitzen pflegen. Zwar will man auch hier von dem allgemein berüchtigten RischuS hie und da etwas bemerken. Wir sind jedoch in diesem Betreffe ganz anderer Ansicht. Sensibilität ist vielleicht in Folge der langen Zurücksetzung, ein Charakteristikum des Juden, und gar nianches tadelnde Urtheil, welches er selbst sich über iSrael. Zu» stände zu fallen erlaubt, nimmt er höchst übel, so es vom christlichen Munde kommt. — (Schluß folgt.) AuS Baja erhielten wir folgende von mehreren Bereinsmitgliedern Unterzeichnete Erklärung. In Folge deS in Nr. 1 d. I. diese- BlattrS abgedruckten Artikeleine- ״neutralen Beobachters" auS Baja, sehen wir unS im Interesse der Wahrheit und zur Ehrenrettung des ״JugendvereineS" wie der eine-jungen Mannes, zur folgenden Erklärung nothgedrungen. Auf Ansuchen sämmtlicher Mitglieder de« jüngst gegründeten Vereine« hat ein junger Mann in reinster und edelster Absicht Vorträge gehalten, der eS wohl verstand mit überzeugender Wärme und kräftiger Redeweise unS zu erbauen und zu belehren. Derselbe junge Mann hat aber seit einer Reihe von Wochen, seitdem nämlich unser würdiger Herr Ober-Rabbiner exegetische Vorträge gibt, Vorträge, deren Gediegenheit schon die allseitige Berühmtheit unsere- Seelsorgers verbürgt, sich von dem Schauplatze seines Wirken« be- ' scheiden zurückgezogen.