Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 4 (25.1.1861)
- Date
- 1861-01-25
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 entsprickt; so müssen wir doch den wohlwollenden Sinn und die edle Warme, womit der geehrte Redakteur des ״Uap^aror--LäA״ das Wort für unS erhoben mit innigem Danke anerkennen. De« moralifircibfi Geg»er» der Gleichberechtiguig! Je mehr Mühe sich die Judenfeinde geben, sittliche Gebrechen und Mängel an uns zu entdecken und als gemeinschafliche zu bezeichnen und zu erweisen, desto entsckiedener und unabweislicher stellt sich die Nothwenhigkeit berauS, daß wir der Gleichberechtigung bedürfen, und daß diese ohne Nachkheil für taS Allgemeine nickt vorenthalten werden kann. Wir sind weit davon entfernt zu glauben, daß chre Vorwürfe gegen uns gerecht und wahr sink, aber selbst angenommen daß dies der Fall wäre, könnte die Besserung dock in nickls Ancerm zu finden sein, als eben in der von ihnen bekämpften Gleickberecktigung. V In dem beseligenden Bewußtsein der bürgerlicken Freiheit und Bereckligung liegt die längst anerkannte Zauberkraft zur Weckung jener Tugenden, auf welcke späteste Generationen mit Stolz und Bewunderung Hinweisen; wie anderseits in dem Abhandenkommen derselben die Quelle des sittlichen Beifalles und der Verderbtheit liegt. Das Judenthum wäre in der Thal auck tiefer gesunken und vielleickt gar unerrettbar verloren gegangen, vermöge der Verfolgungen, Unbilden und Temüthigungen, die es durch eine 2000jährige Leidenszeit zu tragen gehabt; was es allein rettete, war die ibm inwchnente geistige .straft, belebt und gestärkt durch den göttlichen Odein der reine» Lehre zu der es sich bekennt. — Kein anderes Volk auf Erden hjjlte diese unaufbörlicke Tcrturprobe mit einem nur annähernd günstigen Erfolge bestanden. Wie viele Völker sind denn auck schon in Folge des Verlustes ihrer bloßen politifcken Freiheit rem Leben entschwunden, wie viele andere sind in der auffallendsten Weise entartet, zur Schmach für ihre glcrreicht Vorzeit. Was sind, um nur ein Beispiel vorzuführen, die heutigen Griecken gegen ihre großen Ahnen, die Lehrer und Meister der Welt? — Wiecer umgekehrt lehrt die Gesckichte, wie die Freiheit versittlichend unk ver- | erelnd auf Menschen zu wirken vermag. Das alte Rom, Las die glänzendsten ן Beispiele des Patriotismus aufgezeigt; jener Weltstaat, der Männer wie Brulus, Calo, Fabius und viele andere glänzende Heroen echter begeisterter Vaterlandsliebe in die Annalen der Menschbeit zur ewigen Bewahrung und Bewunderung überliefert, wurde von verworfenen Menschen gegründet und gelangte erst durch das Vcllbcwußtsein des Weltbürgcrthums zur Entwickelung solcher xatriotiscken Tugenden. In gleicher Weise hat sich Nordamerika trotz ressen, daß seine ersten und selbst späteren Kolonisten meist Individuen verdäckligen und gebrandmarkten Characters gewesen, zu dem waS es heute ist, zu einen! großen, acktunggebietenden freien Staate entwickelt. — Das alles | kann nur dafür sprecken, daß einerseits das Bewußtsein der Freiheit veretelnd und anderseits der Verlust derselben versckleckternd und degradirend einwirkl. Der Sckluß ist leickt zu ziehen. Wir sink entweder gut oder sckleckt. In dem einem Falle verdienen wir. in dem andern Falle bedürfen wir der Gleichberechtigung. Wer es aufrichtig mit uns meint und kein Feind des allgemeinen Besten ist, kann kein Gegner der Gleickberechtigung sein! — F-n. -—«rh-- 3ar Ärteichtllilg einer Schntfrage. Gleichzeitig mit der in Aussickt stehenden auf dem Fundamente der ■ Selbstbestimmung beruhenden Rekonstituirung der kultuLIen und Unterrichts- Angelegenheiten der Israeliten werden von mancher Seite (B—f'h. Nr. 1) Anläufe genommeu, eine schon zn kftern Malen ventilirte und wieder ach acta gelegte, in ras jüdische Schulwesen tief eingreifende Frage, nämlich die ״zur Besetzung der Tirectorstellen an jüd. Sckulcn" neuerdings in den Vordergrund der Zeitfragen zu drängen. Und zwar mit vollem Reckte; die Schule als eine LebenSftage des Zudenthums, ibr Gedeihen und Aufblühen als eine Errungenschaft für dasselbe zu bezeicknen ist jedem Einsichtigen klar geworden; darum soll die jüdische Presse jeder fteien zur Beleuchtung dieser Kard.nalfrage beittagenten Meinungsäußern,1g Ausdruck gönnen. Durch die freundliche Darlegung seiner in der Schulstube geschöpften, in seinem Werkchen ״die jüdische Sckule in Ungarn, wie sie ist und wie sie! sein soll" veröffentlichten, auf gesunder Anschauung fußenden Ansichten und > Winke zur Hebung des Volsschulwesens hat der wackere Verfasser Herr Rabb. Hochmuth, schon vor einem Jahrzehnt den Beweis konstatirt, daß er mit Ausschließung aller selbstischen Interessen durchdrungen ist von den vielseitigen Aufgaben einer jüdischen Schule und eines jüdischen Seelsorgers, dessen Wirksamkeit zumeist darauf Hinzielen müsse, dem Judenthume durch die Schule eine Zukunft zu erziehen. Nichts desto weniger will eS mich, und mit mir gewiß auch alle meine Standesgenoffen bedünken, daß die im B—C11. ausgesprochene gewiß wohlgemeinte Aneiferung, die Gemeinden mögen je eher dafür Sorge tragen, daß die Jnspection ihrer Unterrichts-Anstalten den Herren Rabbinern in die Hände gegeben werde, eine der Zeit nach verfrühte sei. Wir Lehrer fühlen auch warm und ehrlich mit unserer Nation, auch wir finden in der Glorifikation deS Judenthums, Stolz und Erhebung unseres eigenen Selbst als eines Gliedes de« Gesammtorganismus; aber wir können nicht umhin im Namen der guten Sache Bedenken auszusprechen, die aus der plötzlichen Realisirung des in Rede steheuden Vorschlages erwüchsen. — Es ist eine nicht zu bestreitende ausge» machte Wahrheit, daß die durch nichtjüdische Autoritäten ausgeübte Jnspektion jüdischer Schulen eine absonderliche Anomalie sei, daß die zu völligem Bewußtsein der eigenen Kraft und Würde gelangte jüdische Gemeinde einer bei uns zur Gewohnheit gewordenen Bevormundung entbehren könne; aber wenigstens den einen nicht zu unterschätzenden Vortheil bot eine solche In» spektion, daß sie den Lehrstand gegen die ihm von welcher Seite immer zugefügten Anfechtungen und Nergeleien (und wer von uns Lehrern hatte nicht solcke zu erdulden) in Schutz nahm und nehmen konnte, während der von Rechtswegen sein sollende Schulvorgesetzte, nämlich der Rabbiner, leider felber und ungeachtet des ״Allerhöchsten Erlasses vom 20. September 1850, der blinden Willkühr und Eigenmächtigkeit einzelner Unberufenen ausgesetzt, zu ohnmächtig war dem Lehrer etwelche Garantie zu gewähren. Darum stimmen mit mir gewiß alle Rechtdenkenden überein, wenn ich vor allem an- Lern ein baldiges Einschreiten der Gemeinden zur Regelung der Rabbinate anempfehle. Ist erst diese ausgetragen und günstig entschieden und hat sich wie es zu erwanen ist, der Rabbinerstand eine in allen Beziehungen mkgliche, Lurch Berständniß und guten Willen gerechtfertigte Präponderanz gegenüber der Schule errungen, ist er nicht, wie es leider noch oft der Fall, einem baldigen Zuendegehen seiner Probezeit, der mit ihm vorzunehmendcn Neuwahl und der damit zusammenhängenden Beeinflussung ausgesetzt; erst dann ist der Vorschlag des Herrn H. zur Ausführung reif. Schule >md Lehrer werden sich sodann mit Bereitwilligkeit der in wissenschaftlich religiöser Hinsicht höchstgestellten Persönlichkeit in der Gemeinde fügen, denn ein unabhängiger einflußreicher Vermittler ist ihnen erwachsen, der die Herzen der Gemeindeglieder für die Schule zu entflammen vermag und zur heiligsten Aufgabe sich machen wird. — gutman». Sprechlalpoltmik. (F־n.) Nichts ist für den guten Ruf einer Gemeinde nachtheiliger, nickts so sehr geeignet ihre sittliche Würde und ihren Bildungsstand in Frage zu stellen, wie die öffentlichen Kundgebungen der Streitigkeiten und Zwistigkeiten die in ihrem Schoße sich erheben. Man fragt nicht lange wer reckt hat oder nicht. Man bedauert nur, daß keine der beiden Parteien, zumal wenn der Streit zwischen Rabbiner und Gemeinde obschwebt, so viel Klugheit oder Rücksicht besitzt, um dem Scandale abzuwehren. Zu dieser Betrachtung geben unS die vielen seit einiger Zeit im Sprechsaale des Pester Lloyd zum Vorschein kommenden ״Erklärungen" und ״nothgedrungene Erklärungen" Anlaß, wo die delikatesten Dinge par Reclame besprochen werden. WaS nichtjüdische Leser zu diesen Indiskretionen für Glossen mache» müssen, wollen wir nicht xrkrtern, aber wie sehr muß es jeden besser fühlenden jüdischen Leser schmerzen ein solches außer Ungarn selten vorkommente Vorgehen in Gebrauch treten zu sehen! Für jüdische Angelegenheiten däuckt uns, sollten die jüdischen Zeitschriften dienen, für Scandale aber sollte sich gar keine Zeitung, weder in offenen noch sonstigen Sprechsälen hergeben. In jeder Familie mag hie und da eine Mißhelligkeit Vorkommen, die sich innerhalb der Behausung wieder ausgleicht. Sobald aber einmal die Sache auf den geräuschvollen Markt herausgctragen wird, dann steht es schlecht um die Wiederherstellung der Einttacht, dann hat der Friede größtentheilS einen unheilbaren Bruch erlitten.