Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 3 (18.1.1861)
- Date
- 1861-01-18
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4884143-5427051-5427107--247-4884365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
hätte, welcher in seinen Folgen selbst in den gerichtlichen Kreisen zu einer cause ceWbre geworden; dann aber zweiten- — müssen wir abwarteu und zusehen, wie sich die unS angebotene bürgerliche Gleichberechtigung weiter gestalten wird. Im Rückblick vom Jahre 1848 bis zum Erscheinen deS Programm-, incl. des Erscheinens der jüngsten Brochure ״Böhmische Skizzen", welche der jüngere Palacky geschrieben haben soll, hatten wir oft Gelegenheit, Proben der Toleranz der Czechen zu sehen, welche noch immer jener gleich kommen, über die ein Aufsatz in dem im Jahre 1848 von Busch redigirien ״Centralorgan" noch heute den besten Commentar abgibt. Wollen wir annchmen, daß mit diesem Programm auch eine neue Aera in dieser Beziehung erscheinen wird. Darum glauben wir recht gesagt zu haben, wenn wir abwarten und zusehen wollen, wie sich die angebotene bürgerliche Gleichstellung gestalten wird. Vor der Hand können wir berichten, daß sich bezüglich der bevorstehenden Gemeindewahlen ein guter Geist in den veröffentlichten Wahlprogrammen zu erkennen gibt; sowohl ein früher erschienenes der ״liberalen BerfaffungSfreunde" als auch ein von der czechischen, der ״Fortschrittspartei" auSgegangenes, spricht sich für die Gleichberechtigung aus, beide Comitö'S zählen Israeliten zu ihren Mitgliedern. DaS letztere sagt: ״So wenig wie die Confession, soll auch die Nationalität im Genuffe staatsbürgerlicher und Gemeinderechte einen Unterschied machen." Nach solchen Aeußerungen steht den Verhältniffen der Israeliten in Böhmens Hauptstadt, und da Prag tonangebend ist, auch den Israeliten in Böhmen eine bessere Zukunft bevor, möge sie sich bewahrheiten und — mögen sich auch mit dieser die innern israelitischen Verhältnisse zu Besserem gestalten. Vieles thut in dieser Beziehung Noth. Bei unS werden die Mitglieder der CultuSrepräsentanz, nachdem die jetzigen demnächst abtreten, neu gewählt werden. Mögen auS der * Urne Männer hervorgehen, welche die sich immer steigernden Interessen der Gemeinden nach innen und nach außen würdig und gerecht zu vertreten im Stande sein werden, die Muth und Thatkraft, Selbstverläugnung und GerechtigkeitSliebe, Einsicht in die Verhältnisse und Liebe zur Erfüllung dieser Bcrufspflichten besitzen, ohne welche Eigenschaften wir unS keinen Repräsentanten der CultuSgemeinde denken können. Bayer». (Ende December.) Das Jahr 1861 wird uns endlich von dem Pharaonischen Gesetz, dem Matrikelwesen, befteien und unS nicht nur fteien Spielraum zu bürgerlicher Thätigkeit, sondern auch die inländi» sche Gesetzgebung von einem ihr anklebenden Flecken befteien, wie ihn keine civilisirte Legislation mehr besitzt. Die Staatsregierung wird der bereits zusammengetretenen Kammer einen desfalsigen Gesetzentwurf vorlegen, dessen Annahme Seitens der zweiten Kammer» die bereits i. I. 1849 ihr Votum für unsre Emancipation abgegeben, unter keinerlei Umständen zu bezweifeln ist, der aber auch der Zustimmung der ersten Kammer, welche sich damals gegen unsere Gleichstellung erklärte, in unserer Zeit sicher sein dürfte. BereitS hat auch die Wählerversammlung Nürnbergs am 22. d. M. einen PassuS in das Programm ausgenommen, dessen Punktation sie bei der Kammer durch eine Petition bewirken will. Es ist Wohl eine sehr kleine Ab» schlagszahlung, die man unserem guten Rechte dadurch gewährt, denn noch blecht daS Edikt vom 10. Juni 1813 mit vielen Härten aufrecht erhalten; noch sind unS dadurch viele Gewerbe z. B. Brauerei ,c. verschlossen, noch ist unS der Eintritt in den Staatsdienst gänzlich untersagt, noch ist unsere Confession nur eine geduldete, aber die Aufhebung der Matrikel nimmt doch den Grundstein der Ausschließung hinweg; und wenn ringsum Alles dem.Prinzip« der Gleichberechtigung aller Confessionen sich austhut, wird sich Bayern ihm auch nicht verschließen können, so wenig wie der Gewerbefteiheit, gegen die eS sich in gleicher Weise sträubt, und die uns Juden so sehr zu gute kommen würde. Man hatte gehofft, die Staatsregierung werde in dieser Vorlage noch weiter gehen und die Schwierigkeiten der Ansäßigmachung zu entfernen beantragen. Neuere Vorgänge aber rauben unS diese Aussichten. So hat das k. Staatsministerium der Aufnahme eines Israeliten in Erlangen, welche, wie seiner Zeit gemeldet, Magistrat und Gemeindebevollmächtigte fast einstimmig gewährten, die Genehmigung versagt, weil nur EngroS-Händler an Orten, wo noch keine Juden wohnen, sich niederlaffen dürfen. In Ansbach wurde auch einem Israeliten die in gesetzlicher Form erlangte Ansäßigmachung allerhöchst verweigert, weil er Ausländer sei. DieS und AehnlicheS zeigt, wie man sich bezüglich unserer im Geiste deS Ediktes von 1813 erhalten will. So im Allgemeinen. SpecielleS kann ich Ihnen Folgende« berichten. Die Predigerstelle in München mit einem Gehalt von 1500 fl. ist zur Bewerbung ausgeschrieben, und ebestättigt sich, waS ich Ihnen früher meldete, daß sich unsere Frommen alle Mühe geben, eine bereits bezeichnte, in Ihrem dortigen Vaterlande jetzt weilende Persönlichkett auf diese Stelle zu bringen. Bereits ist gewiß, daß dieselbe, angeblich wegen der dortigen politischen Zustände, seine Stelle verläßt, und zu einer Synagogen-Einweihung in Bayern sich einfinden wird. Doch hören wir auch, es bewerbe sich oder wolle gewonnen werden eine Berühmtheit auS dem Norden, und wir hegen überhaupt zu der Intelligenz der Münchner Gemeinde das. Vertäuen, sie werde sich durcd eine kleine aber eifrige Parthei nicht verleiten lassen, ihrem bisherigen stetigen Fortschritt untreu zu werden! — In Fürth haben sich kürzlich bei der Gemeindewahl die Kräfte der Alten und Neuen mit einander gemessen, und die ersteren sind viel zu schwach befunden worden. Auch nicht einen ihrer Kandidaten, trotz dem ein Bruchtheil der Neuen von ihnengewonnen worden war, haben sie durchgebracht. Zu Vorstehern wurden ge^ wählt: Map Neubauer, Isaak WedeleS und B. Ullmann. Scheinbar bildet die Schulfrage den Differenzpunkt; während nämlich die Neuen keine eigene Elementar» sondern nur öffentliche Religionsschulen wollen, streben die Alten die Errichtung eigener Schulen resp: nach altem Schlag an, wie sie denn überhaupt weder Fortschritt noch Neuerungen irgend welcher Art wollen. Wie überall in großen Gemeinden hat diese Parthei in den! neuen Geschlecht keinen Boden mehr und nur wenige ehrliche Charaktere sind eS welche sich shr widmen. Scheinftömmigkeit und Wortschwall, ftommeS Gebahren ohne innern Kern klebt meistens ihrem Anhang und seinen Bestiebungen an, und sie sind für alle Zeiten gerichtet. Nur Schade, daß dadurch und durch solches Treiben so viel böser Samen auSgestreuet und J-rael in den Augen Andersglaubender in Schatten gestellt wird. — In Bürgebrach, in Oberftanken, wurde bei einer Rabbinerwahl Dr. Klein auS Stolp» ein geborner Bayer, gewählt. Ein Hepr Bamberger, Sohn de« Würzburger Rabbiners, blieb in der Minderheit. Da aber Ersterer, nach Glogau gewählt, ablehnte, so ordnete die k. Regierung eine Neuwahl an, die auf Herrn vr. Werner in Reckendorf fiel. Aber der gedachte Bamberger hat sich remonskrirend an die allerhöchste Stelle gewendet, sich als Minoritätskandidat der Gemeinde aufdrängen wollend. Ist das fromm? Die Herren haben aber für Alles eine hebräische Floskel und wissen sich und Andere damit zu beruhigen. Dem Vernehmen nach werden sie diesmal den Kürzern ziehen. Ihre Zeit ist auch um. — In Wassertrüdingen wird demnächst eine mit vielen Kosten erbaute Synagoge eingeweihet und dazu Herr Rabbiner llr. Feucht- Wangen aus Neutra in Ungarn erwartet, der in der Nähe Waffertrüdin, genS früher angestellt war und wo er seine nahen Verwandten hat. Im Allgemeinen sind wir aber noch mehr als andere deutsche Brüder auf die bessere Zukunft unseres gemeinsamen deuffchen Vaterlandes hingewiesen, auf seine Freiheit, auf gleiches Gesetz und gleiche« Recht, daS auch ihm werden wird. Wir fühlen unS Eins mit dem großen Vaterland und theilen auch seine Hoffnungen, seine Befürchtungen, seine Zukunft! X. Vcrmischtc Rachrichtr» and Notizen. * Dem Berichte der ״Araber Zeitung" über die Rede welche der mit der Organisirung der städtischen Verhältnisse in Arad betraute Csanüder Obergespann, Herr Zsivora, daselbst am 9. d. M. gehalten, entnehmen wir folgende Stelle: ״Mit begeisternden Worten, — sagte er auch, daß er für keinen Ausschluß irgend einer Art sei und erwähnte hierbei auch unserer israelitischen Mitbürger, welche er nicht ander« als gleichberechtigte Söhne deS Vaterlandes betrachte, wenn sie auch Gott unter einem anderen Namen verehren und anbeten, wie wir. Er hatte — äußerte der verehrte Redner weiter — die Israeliten auch zu diesen Berhandlungen gerufen, doch sei er in der Handhabung und im Dienste der Gesetze ergraut und müsse daher an den bestehenden Gesetzen, insolange sie nicht abgeändert werden, festhalten; er hoffe jedoch, daß schon in nächster Zeit die Wohlthaten und der Segen der ungarischen Konstitution auch unsere iSraelitischen Brüder liebreich umfassen werde. Es hat der aufgeklärten uud brüderlichen Gesinnung der Versammlung ein schönes Zeugniß gegeben, daß