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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-01-18 · 3 (18.1.1861) · p. Seite 20

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
3 (18.1.1861)
Date
1861-01-18
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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erinnere mich eine« Vorabend« de« nennten 8w in einem modernen Tempel gewesen zu fein, wo der Bortrag der Echa'« (Jerewia'S Klagelieder) 2'/, Stunden dauerte!! — Freilich wurden diese da nach verschiedenartigen Weisen verarbeitet. Die erste nämlich war in dem lauge» Tatar de« alten „Tropp" gekleidet, aber mit einer Perücke nach neuer musikalischer Form ausgeputzt; die zweite war in einer Recitativo-doloroso-Envelopp« gehüllt. — Die dritte war nach Art der Coulissenreißer - Deklamation. — Die vierte war ein Capriccio-furioso, daß einem da« Mark in den Knochen gerinnen konnte. — Die fünfte hörte ich nicht mehr, denn ich war eingeschlafen, und nack dem contagiöseu Gähnen zu schließen, da« sich ringsum vernehmen ließ, mag e« dem übrigen Theil de« Publikum« nicht ander« gegangen fein. — Und da« heißt man dann, die Andacht heben, und den Gottesdienst vereinfachen. — In solchen und ähnlichen Gedanken versunken, kam ich wieder in mein Quartier zurück, und e« brannten mir manche Fragen ans der Zunge, die ich an meinen Wirth zu richten gedachte; allein ick mußte für diesmal meine Neugier zähmen, denn e« fclgten Besuche auf Besuche, die, nach der an manchen Orten noch vorhandenen schönen Sitte J«rael«, kamen, mich al« Gast zu bewMommen, und meinem Wirthe Glück zu wünschen, daß ihm die Gelegenheit geworden, einen anständigen Gast beherbergen zu können. Unter diesen Besucken war auck der Borsteher der Gemeinde, nach reffen Bekanntschaft ich mich schon innigst gesehnt hatte. E« liegt nicht im Interesse dieser Zeilen, in die Einzelheiten einer biographischen Zeichnung diese«, wenn auch verdienstvollen Manne«, näher einzugeben, und überlaffen wir e« der Sorge de« gemüthlichen Reich, ihn au« seiner Verborgenheit an'« Tageslicht zu ziehen, nnd chm ein Plätzchen in seinem „Beth-El" einzuräomen. — Vorläufig möge man so viel von ihm wissen, daß er ein Mann von etwa 35 Jahren ist, der in feiner Jugend al« eifriger Talmudjünger an einer Jeschiwa e« zu einem nicht unbedeutenden Grade in diesem Studium krackte, später aber die Einseitigkeit seine« Wissen« einsehend, sich mit angestrengtem Fleiß« und setteuer Ausdauer auch die Kenutniß alter und neuer Sprachen erwarb und dadurch beträchtliche Schätze auf dem Gebiete der Wissenschaft sammelte. Mit einem Worte, ein Autodidakt, der ein Schock mancher heutigen Doctoren aufzuwiegen im Stande ist. — Die Bekanntschaft war bald gemacht, die, wie e« bei offenen anspruchlosen Charakteren der Fall ist, bald in Intimität überging; und nachdml er erfuhr, daß meine Reffe mehr vo^xe 6' Instruction al« eine Geschäftsreise sei, drang er in mich den morgigen Tag noch hier zu verweilen, um die hiesige Schule-in Augenschein zu nehmen. Ich hatte schon genug de« Schönen und Nützlichen hier erfahren, al« daß mich die Einrichtung der Schule nicht neugierig machen sollte, und fand mich daher sehr bereit seinem Wunsch« zu willfahren. — Unter den Besuchen war auch der Bater de« Bar-Mizwah, der mich höflich einlud, Nachmittag« Theil zu nehmen au dem Familienfeste, da« er zur feierllchen Weihe der religiösen Mündigkeit seine« Sohne« veranstaltete. In Gemeinden, die noch in der Jugend ihre« Dasein« stehen, wo die Mitglieder au« allen vier Weltg eg enden zusammen gewürfelt find, die, wie Gäste einer Dnblo ck' hüte sich einander nicht kennen, sich bi« jetzt nicht gesehen habe», dort wird der Wunsch nie ein allgemeiner; wa« der Eine will, verwirft der Andere, wa« Dieser für nützlich, erklärt Jener für schädlich, und darum ist auch da für da« Gemeinnützige wenig oder gar nicht» zu erwarten, und darum find auch da Leid und Freud Privat-Eigenthum, an welchen höchsten« die wenigen Personen ihre« Hause« und ihrer Familie theilnehmen. — Ganz ander« ist da« Alle« iu solchen Gemeinden, deren Entstehung in einer lange» Vergangenheit wurzelt, da find dir meisten Mitglieder mit einander verbunden, theil« durch Bande natürlicher Verwandtschaft, theil« durch Verschwägerung, durch freundschaftliche Dienstleistungen und zusammen durchlebte Ereignisse; da können wohl auch Differenzen eintreten, doch nicht lange Stand hatten; da sind auch Leid und Freud des Einzelnen Gemeingut Aller, und ein Familienfest ein Gemeindefest. — Diese Bemerkung drängte sich mir auf, al« ich des Nachmittag« der freundlichen Einladung zufolge in da« Hau« de« FestgeberS trat, und alle Zimmer gefüllt sah mit Glückwünsckenden, deren innige, warme Theilnahme au« jedem Gesichte strahlte. Ick fand auch bei dieser Gelegenheit da« Horazische „omue tulit punctum, <zui iniscuit utile äulci", wie in allen Einrichtungen dieser Gemeinde bewährt. — Zuvörderst wurde nämlich mit dem Bar-Mizwah von dem Lehrer diese- Facheeine kleine Religion-Prüfung vorgenommen, wobei die Antworten de« Aatechumenen da« dentlichste Zeugniß gaben, daß chm auf diesem Gebiete nichtmangelt, wa« dem J-raelite» zu wissen «öthig. Hierauf verla« er einen Aussatz, wie mir feierlich versichert wurde, von chm selbst verfaßt, über die Dankbarkeit gegen seine größten Wohlthäter, Gott, Eltern und Lehrer, in welchem er eine bedeutend« Senutniß der Bi- > bel und vieler Talmudstellen entfaltete, und durch dessen Inhalt so manche Thräne an« den Augen der Zuhörer lockte. Rach beendigtem Festessen löste sich die zahlreiche Gesellschaft in kleine Gruppen auf, und ich schloß mich der Person de- Vorsteher« an, denn e« drängte mich seine Anficht zu vernehmen über einen religiösen Act, der sich seit Kurzem einen Platz in den jüdischen Gemeinden viudizirte. — „Sie scheinen, sagte ich, keinen Gefallen zu finden an der neuen Einrichtung der „Confirmation", die von vielen Rabbinern der Neuzett, mit so vieler Liebe gehegt und gepflegt wird. — Sie haben e« wohl errathen, erwiderte er, doch haben Sie sich im Au-drucke ein wenig vergriffen, da ich nämlich nicht nur keinen Gefallen, sondern im höchsten Grad« Mißfallen daran finde." — Ich muß gestehen, daß mich dies« Aeußerung frappirte, denn wenn ich auch selbst die Confirmation in J-rael albedeutung-loansehe, doch al« „höchst mißfällig" konnte ich sie wohl nicht betrachten. — Mein neuer Freund merkte mein BFremden, und 7 Hören Sie erst meine Gründe darüber, sagte er, und urtheilen Sie dann selbst. „In der katholischen Kirche, wo die Taufe, und nur die Taufe den Anhänger dieser Konfession d. h. den Christen macht, ist die Firmung eine unumgängliche Consequenz, ja, eine nothwendige Ergänzung derselben; weil bei einem siebenjährigen Kinde, da- Bewußtsein schon in Anspruch genommen werden kann, wa« bei einem erst einige Tage alten Säuglinge nicht möglich war; daher sie auch al- Sakrament und kirchliche Handlung betrachtet und derart heilig gehalten wird, daß sie nur durch einen Bischof oder durch dessen Beordeten verrichtet Werden darf. — Die reformirte Kirche dagegen, die die Firmung, weil nicht von dem Gründer de« christlichen Glauben-Gelbst eingeführt, al« Sakrament nicht anerkannt, weigerte sich auch solche al« kirchlichen Akt aufzunehmen; und konnte e« erst dem Ansehen de« frymmen Spener, fast 200 Jahre nach der Reformation gekngen, derselben unter dem Namen Confirmation, wenn auch nicht al« Sakrament, doch wenigsten« alintegrirenden Theil der Taufe, einen Platz unter de« kirchlichen Handlungen zu verschaffen. — Wie aber läßt sich ein solcher Akt mit de» Prinzipien de- Judenthumvereinbaren? Da wo der Grundsatz fest steht '2'vv 52W1W, daß nämlich die Offenbarung am Sinai sich nicht bloß auf da« kurze Leben einer Generation, sondern auf daunaufhörliche Dasein der Nation erstreckt; da wo weder eine äußere Materie (ChriSma), noch eine äußere Form (inapositio nannuum), sondern blo< die Geburt da- Mitglied einer confesfionellea Gesellschaft macht; wo selbst die Beschneidung bloß al» Zeichen de- Bunde«, nicht aber al« Bestättiguug (sißiHum) bettachtet wird, — wovon ein ganze- Geschlecht, während der 40jährigen Wanderung iu der Wüste, da« gar nicht beschnitten wurde, und dennoch den Namen „J-rael" nicht verloren hatte, deutliche« Zeugniß gibt —; da eine Confirmation einführen heißt: eine Pflanze auf fremden Boden versetzen, die schon verdorrt bevor sie zur Frucht reist! — E« könnte höchstenvon dem ganzen Akte, und auch danur nach Auffassung der reformirte» Kirche, die Prüfung übrig bleiben, die aber dann nur eine Aufgabe für die Schule wäre; sie aber zur Synagogal-'Handlung machen, sie zum Postulat erheben, und darüber einen Schein ansstellen, ist gelinde auSgedrückt, ein Artikel für die Liste grundlos» Nachäfferei; sie aber zur Ablegung eint« Bekenntnisse« benützen, welchemit einem Gelöbnisse bekräftigt werde, kann allenfalls nur mit der Unkenntniß der Prinzipien de- Judenthum« entschuldigt werden:" „Ewollte freilick, fuhr er nach einigen Augenblicken fort, ein Rabbiner, den ick übrigen« hochschätze,') da« Gelöbniß bei einem Bar-Mizwah mit der Stelle im Talmud (Nedar. 8. a) zu rechtfertigen versuchen, daß e« nämlich gestattet sei den Eifer zur Erfüllung eine« religiösen Gebotemit einem Gelübde zu unterstützen, wie auch der Sänger der Psalmen gesprochen: „Ick sckwöre, daß ich halten will deine gerechten Verordnungen." ') S. Skr. 13 d Bl. v. I.

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