Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 3 (18.1.1861)
- Date
- 1861-01-18
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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f 19 נו•־- Ei» dringender Mah»r»f a» die isr. Vemei»devorstä»de Hagam0! Schon gegen Ende des letztverflossenen Jahre» in Nr. 16 und 18 tiefer Blätter erklang ein ״ernste» Wort" und ein pium desiderium, die der Beachtung würdig gewesen wären, die sie leider nicht gefunden haben. In letzterem Aufsatze war der fromme Wunsch in folgenden Worten formulirt: E» mögen sich in jedem Kronlande Oesterreich» LandeScomitä» und Repräsentanten der betreffenden Israeliten bilden, welche dem in» Leben tretenden Landtage gegenüber ihre RechtSan- Sprüche zu vertreten und ihre Bitten und Anträge vorzubringen hätten. JnSsondere aber möge da» in Ungarn bereit» im Jahre 1846 in'» Leben getretene LandeScomits wieder erstehen und seine heilsame Wirksamkeit beginnen. In der That war e» zu keiner Zeit, namentlich für die ungarische Judenheit dringender gewesen sich zu gemeinsamer Thätigkeit zu vereinen und für da» von dem Gesammtintereffe gebotene Verhalten und Fürgehen die Leitung und Richtung abzugeben, als gerade in der stürmischen, in hochtragenden Wogen einherschreiteuden Epoche der Gegenwart. Bei allem gerechten Vertrauen zur herrschenden Nation de» Lande» ist hier die eigene Regsamkeit und Selbstthätigkeit unverkennbar angezeigt. Alle Um- und Zu» stände weisew^gebieterisch darauf hin. — In einem Momente, wo sich da» Land zu׳ dem schweren und entscheidenden Werke der Neugestaltung rüstet, wo Aller Wünsche vernehmbar werden. Aller Beschwerden und Klagen lauten Ausdruck und Widerhall finden, da ist e» billig und recht, daß auch wir uns um unsere künftige Stellung besorgt und bekümmert zeigen und da» Mögliche dazu thun, um eine für un» günstige und für da» Vaterland er» sprießliche Lösung dieser für beide Theile hochwichtigen Frage herbeizuführen. Vertreter der jüdischen Gemeinden! an euch ist e» diesen Wünschen AuS» druck zu geben, an euch ist e» in so entscheidender Zeit mit Rath und That voranzugehen! Vereinigt euch und wirket mit allen erlaubten Mitteln für ' da» euerer Leitung anvertraute Wohl euerer Brüder! — Glaubet nicht, dazu habe e» Zeit! — Die vereinigte Wirksamkeit, die Obhut und Bertretting kann nicht früh genug begonnen werden. Die Zett und ihre Ereigniffe j schreiten schnell. Es wird euch bald Gelegenheit zu heilsamer Wirksamkeit gegeben fein. — Der nächst zusamnientretende Landtag entscheidet über unser Wohl und Wehe! Stehen wir nicht an, in männlicher Weise unsere Vorstellungen an die edlen Vertreter desselben zu richten. Wählen wir,-wie im Jahre 1846 ein permanente» Comite, das in beständigen Rapport mit demselben stehen soll, und geben wir der Welt gegenüber daS rühmliche Zeugniß ab, daß unser Sinn für bürgerliche Freiheit und Gleichberechtigung seit 184'/, eher erstarkt, als abgeschwächt worden. Wir erblicken in dem nächst kommenden Landtage die beste Gelegenheit unser laug vermißtes Recht zu erlangen, wenn wir auch deshalb nicht ein verzweifeltes ״moat vagy 8011a" auSzurufen brauchen. Das waS wir verlangen ist so bescheiden, so gerecht und so sehr begründet, daß deffen Ersüllung nicht von einer ungefähren Zeitepoche abhängt, und nicht endgültig von der zeitweiligen Stimmung dieser oder jener legislativen Versammlung entschieden wird. — Da» Diplom der Gleichberechtigung der Juden mit allen übrigen Konfessionsangehörigen ist vom Zeitgeiste längst schon decretirt. Die einzelnen Reiche, Länder und Nationen haben eS nur zu ratificiren. Die Vorgeschrittensten stehen natürlich mit ihrer Unterschrift voran, die übrigen werden früher oder später Nachfolgen. Wir dürfen nur von der Gegenwart au die Zukunft appeliren, und es stünde schlecht um die Fortentwicklung und Veredlung der Menschheit, wenn unser Sehnen und Hoffen nach unserer bürgerlichen Berechtigung nicht bald — früher als manche verstockte Finsterlinge und Judenfreffer glauben — vollständige Befriedigung erhalten sollten. Trotz all den! sind wir eS nnserer Ehre und der Wohlfahrt unserer nachwachsenden Generation schuldig, daß wir männlich für unser Recht in die Schranken treten und eS mit allen uns gestatteten Mitteln zu erkämpfen bestrebt seien. j Wir können mit der Darlegung unserer dringendsten und theuersten i Wünsche nickt bis zu der Zeit zurückhalten, wo bereits ein fester Phalanx! von gesetzlich bestehenden Verhältnissen, Bräuchen und Herkömmlichkeiten einen undurchdringlichen Wall gegen uns aufrichten werden. Unsere Wünsche follen zugleich mit den Wünschen der Nation zu Tage treten und ernste »4- Würdigung und Berücksichtigung fordern, weil man bei dem Neubau des Vaterlande» keinen seiner integrirenden Theile — und da» bilden wir iu jedem Falle — unbeachtet lassen darf, ohne dem Ganzen za schaden. Benützen wir daher dey Zeitpunkt, wo e» so viele» zu verbessern zu reformiren, auznpassen und umzugestalten gibt, wie dies der Uebergang auS einer Staatsform zur andern erfordert — benützen wir diesen günstigen Moment» um nicht wi. der Poet bei der Theilung der Erde zu spät anzulangen. — ■ Wir dürfen, wenn auch als Bittende, doch männlich und offen auftreten. Indem wir für uns sprechen, sprechen wir ja auch für daS Wohl und» Gedeihen des theuern Vaterlandes, das in unS treue aufopfernde Bürger gewinnt oder von sich weist. Der biedere Sinn der ungarischen Nation bürgt uns dafür, daß sie die Wahrheit und ihre ungeschminkte Spraye gerne hört, und daß sie in unserer Freimüthigkeit nur den Ausdruck einer echten Herzenssprache finden und würdigen wird. Dieß wollen wir, und so sei eS! Die ungarische Judenheit und alle Freunde de- Rechte» üud der Menschheit blicken mit gespannter Erwartung auf die Vorstände dev ungarischen Gemeinden, die diese Einigung und Conzentrirung herbeiführen sollen. Werden diese den in sie gesetzten Erwartungen entsprechen?! — F-n. Die isr. Gemeinde mit ihre» F»kä«de», wie sie mar. wie sie ist. und wie sie sein sotlte. von I. Pfeile 11. •) Ich dachte lange nach über das, wa» ich diesen Abend gehört hatte, ich fand an den richtigen Bemerkungen meines WirtheS nicht» zu widerlegen, und stimmte endlich in die Klage des alten Kohelet ein ,Hat doch Gott die Menschen so einfach geschaffen; und sie suchen immer nur das Bunte und Gekünstelte auf!" (Kohel. 7, 28). Deande'rn Morgens begaben wir unS uni 8 Uhr in da» GotteshauS, und — eS schien einmal von meinem Schicksale beschloffen, daß ich hier von Staunen immer mehr und mehr bewältiget werde. — Keine Mizwoth-Licitation! Kein Auktionator, weder im Barettnoch im Chevalierhut! Keine Mi - scheberach - Ostentation! Ja nicht einmal daS Commandowort ״Jaamod!" Von dem Allen also war hier keine Spur. Der Vorsteher de« BethauseS schickte sieben Billet'S an Diejenigen, die bestimmt waren, diesen Sabbat den Segen über die Thora zu sprechen, und wenn die Perascha des Einen beendigt war, erschien der Zwette u. s. w., ohne erst dazu kommandirt zu werden. — Die Haftarah trug ein Bar-Mizwa vor; und der ganze Gottesdienst füllte wieder kaum zwei Stunden auS. — Also hier, in einem entlegenen keinen Orte mußte ich daS finden, was in so vielen bedeutenden Gemeinden vergebens angestrebt wird! ״Geregelter und vereinfachter Gottesdienst" lautet da» allgemeine LofungSwort. Wo aber ist diese Regelung, diese Vereinfachung zu finden? Etwa darin, daß die herkömmlichen ehrwürdigen Gebete, die unS auf unserer 2000jährigen SchmerzenSwanderung begleiteten, und in denen wir so oft Trost uud Hoffnung fanden, nach Willkühr, ohne Plan und Priucip gestutzt und beschnitten werden?') Vereinfachter Gottesdienst! — Fürwahr, eS wäre nicht» wünschenSwerther, denn leider ist heutzutage der Kopf zu sehr in Anspruch genommen, als daß er den andächtigen Gedanken lauge festhalten könnte; aber ist ein solcher in unseren modernen Tempeln schon irgendwo erzielt worden? Wo ist da der Unterschied, ob die vier Stunden des SabbatvormittagS mit einem Ouartett de» Chasan, mit der Deraschah eines Rabbiners, oder mit dem Chorgesang und der Orgelbegleitung des Cantor», und mit der deklamatorischen Rede eine- Predigers auSgefüllt werden? Und verhehlen wir eS uns nur nicht, wenn nicht falsche Scham den Seufzer in den Busen! zurückdrängte, eS wäre gar Mancher, der sich von dem modernen deutschen Manna wieder zurück zu dem alten polnischen Lauch sehnte, und der,-gar oft eine wortreiche aber sinnarme Predigt mit einer geistreichen, wenn auch blumenarmen Deraschah vertauschen möchte. — Vereinfachter Gottesdienst, o des schönen aber unerfüllten Wunsches! Ich ') Siehe Nr. 15 u 19 v. Iahrg. ') Die Gebete, die un« so lange schon begleiten, sind in den sogenannten <Lul-!»«-Tempeln unsere« Wisieu« noch nicht gestutzt und beschnitten worden. Red.