Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 2 (11.1.1861)
- Date
- 1861-01-11
- Page
- Seite 15 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-•H 15 *+— eS fein pium deaiderium bleiben, die israelitische Jugend paffende Bolkslieder auswendig lernen zu laffen. Sehr erwünscht wäre ferner ein besonderer Kindergottesdienst am Feste selbst, da die Schüler in der Regel vom Besuche in der Synagoge, die nur die Bedürfniffe der Erwachsenen beachtet, zu wenig Nutzen nnd Gewinn haben. Das Schabuoth und Simchath-Tora-Fest namentlich könnten für die Kinder der Schule zu einem echten und rechten Herzens- und Geistesfeste werden. Die Lehrer könnten abwechselnd gemüthliche Ansprachen über die Religion Israels, über dessen Sendung und Unvertilgbarkeil, über deffen welthistorische Aufgabe und Bestimmung halten; eben so nützlich sind Feste der Schule, die sich an daS bürgerliche Leben anschließen. Soll der Patriotismus und die Belebung des Bürgersinne« in der zarten Brust der Kinder frühzeitig geweckt, gehegt und gepflegt werden, so dürften die Kinder auch den politischen Festen des Vaterlandes und den wichtigen Tagen des Gemeindelebens ihrer Vaterstadt nicht ganz entzogen werden. Namentlich möchte überall der Geburtstag des LandeSfürflen in angemeffener Weise auch in der Volksschule gefeiert werden. Vom wohlthätigen Ein» fluße sind endlich diejenigen Feste, die unmittelbar au» dem Schulleben hervor gehen. Die jährlichen oder halbjährlichen Schulprüfungen, die Entlassung der Schüler, welche das Schulziel erreicht haben, die Aufnahme der neuen Schüler, überhaupt die wichtigen und regelmäßig wiederkehrenden Abscknitte deS SchullebenS mögen durch festliche Tage bezeichnet und mit einer religiösen, zu dem Gemüthe der Kinder sprechenden Feierlichkeit begangen werden. Auch sonst tragen außerordentliche Schulfeste viel dazu bei, Gemüthlichkeit und religiöses Jntereffe in die Herzen der Kinder zu gießen. Doch ich will Ihnen ja von einem mir unvergeßlichen Feste berichten, das wir jüngst an einem Sabbat, und zwar Heuer zum zweiten Male, in der hiesigen Schule feierten. An diesem Sabbate ״Wajeschew" versammelten sick sämmtliche Schulkinder ohne Ausnahme des Alters und Geschlechtes, die Herren Lehrer der 4 Klaffen, der Schulvorstand und die Armenväter. Der Herr Bürgermeister, der sehr Ersprießliches für Gemeinde und Schule leistet, übergab den armen Schulkindern Kleider für den Winter, welche die Gemeinde für sie Heuer wie im vorigen Jahre verfertigen ließ, und ich begleitete diesen rührenden Akt. mit einer Ansprache an die gesammte Jugend. Was sich im Herzen der unschuldigen Jugend b» dieser Gelegenheit regte, welche Gefühle und Empfindungen ihre zarten Seelen durchströmten, läßt sich nicht beschreiben, man mußte dieses in ihren GesichtSzügen lesen. Ein solche» Schulfest gräbt sich mit ehernem Griffel in die Tafel der jugendlichen Gemüther ein, und trägt die herrlichsten Früchte; daS Kind wird dann auch als Jüngling, als Mann, als Jungftau, als Frau im socialen Leben daS Bedürfniß fühlen, den armen Bruder, die arme Schwester vor Frost deS WinterS zu schützen. Und Wohlthätigkeit war von jeher der jüdische Acker, Wohlthätigkeit gegen arme Studierende wird im Talmud ganz besonders als die jüdische Besitzfähigkeit, als der jüdische Besitz geschildert. Rabbi Triphon hatte dem R. Akiba einst eine Summe Geldes zum Ankauf eines GrundstükeS gegeben, damit sie gemeinschaftlich sorgenftei davon leben und ihrem Studium ungestört obliegen könnten. Letzterer aber, welcher eS für verdienstlicher hielt, arme Gelehrte zu unterstützen, nahm daS Geld, und vertheilte es unter verschiedene arme Gelehrte, die sich durch großen Fleiß auSzeichveten. Eines Tage» ftagte der erstere den letztern, ob er seinen Auftrag auSgeführt habe; allerdings, war die Antwort. Nun so zeige mir doch den angekauften Acker! den sollst du sogleich sehen. Akiba führte nun seinen Collegen zu den armen Gelehrten hin, unter welche er jene Summe vertheilt hatte und indem er auf diese zeigte, sprach er: dieß ist der Acker, den ick angekauft habe. Wir müffen das aufblühende Geschlecht auch zur Bearbeitung des Bodens, deffen Besitzfähigkeit wir nun besitzen, an- und hinleiten, aber man darf auch nie verzeffen, daß jener Acker, der Israel von jeher zu eigen war, niemals brach liegen darf. Mögen sich unsere galizischen Brüder vor der Hattd mit dem Besitze dieses, Früchte für die Ewigkeit tragenden AckerS begnügen. Gegenwärtig erregt die Eingangs dieses Artikels erwähnte Verfügung des h. k. k. Ministeriums n. z. vom 7. November d. I. Z. 12091, wonach die §. §. 3 u. 4 deS Gesetzes für die Bedeckung der CultuS-Bedürfniffe mit Recht die allgemeine Aufmerksamkeit. In der That muß sich der Blick derjenigen Gemeinden, deren Angehörige anderwärts dcmiciliren, die aber bisher dennoch zu ihren Ur-Gemeinden steuern mußten, nun aber die« fer Verpflichtung enthoben wurden, mit Besorgniß in die Zukunft richten. Diese Entscheidung wird für viele Gemeinden kritische Augenblicke, beinah^ die Auflösung herbei führen. So ftei wie jetzt haben sich die mährischen Ju» den nur kurze Zeit nach dem I. 1848 bewegt, und schon stand die Existenz der mährischen Gemeinde« in Frage, bis daS prov. Gesetz mit den ZK. 3 u. 4 erschien. Aber nun sind diese für immer gestrichen. Nicht daß das Judenthum in Mähren dadurch in Gefahr wäre, oder eine arge Constellation hätte, der Geist und der innere Werth unserer heiligen Religion lebt ungebrochen im jüdischen Stamme, wohin er auch verpflakzt werden mag; aber die gemeindlichen Institute und Institutionen Hnd ohnmächtig und hinfällig durch diese neue, allerdings gerechte und mit dem Zeitgeifie harmonirende Verfügung. Der materielle Abbruch wird jede Entwicklung hemmen, und überdieß zu Parteiungen, Streitigkeiten und Conflikten führen. WaS aber gebietet diese für den Bestand der Gemeinden so verhängnißvolle Zeit? daß sich die mährischen Gemeinden versammeln, besprechen und vereinigen. E« betrachte sich nicht jede einzelne Gemeinde, wie dies bis jetzt der Fall, als einzelnen Körper, der nur für sich zu denken und zu sorgen hat. So lang diese Zersplittenmg und Jfolirung dauert, ist kein Heil zu erwarten. Alle Gemeinden Mährens müßten sich als eine einzige Religionsgesellschaft betrachten, damit nicht so gleichgiltig dex. Auflösung und Zersplitterung vieler Communen zugesehen werde. Wir sprechen nicht pro doino, man weiß eS, daß die hiesige Localität eher neue Elemente an sich ziehen, als sie alte verlieren kann; wir sprechen für» Allgemeine. Die Umstände zwingen zu vereinigten Anstrengungen der Gemeinden, zu Versammlungen, zu Genossen» schäften, zu Synoden, zu Besprechungen. Ein neuer großer Körper, statt zersplitterter Körperchen, eine große Gefammtgemeinde an die Stelle von 52 einzelnen Gemeinden, dazu möchte der Impuls gegeben werden. Eine allgemeine Einheit, statt der einzelnen Stücke, dazu drängt die Zeit. Wartet nicht, bis eS zu spät ist, bis die Gemeinden zerfallen, und Rabbiner und Lehrer, und Gotteshau« und Schule verlassen und verloren sind. Gaya, 24. December. 1860. Signale aus Böhmen von Rabbiner Ehrentheil in Horic. IV. Einen erfteulichen Beweis für die Emancipation des Geiste», die sich allenthalben Bahn bricht, liefert die mir eben zukommende briefliche Nachricht von der höchst ehrenvollen Aufnahme, deren sich der^ hier in Horic geborene geniale Dichter, Herr Dr. Arnold Hirsch, am großherzoglichen Hofe zu Weimar zu erfreuen hätte. Herr De. Hirsch in Wien als Medieiner wie al» Schriftsteller vortheilhaft bekannt, hat, nachdem vor einigen Monaten sein Lustspiel ״Der Familiendiplomat" am Hofburgtheater eine fteundliche Aufnahme gefunden, im verflossenen Monate ein historisches Trauerspiel ״Bianca von Bourbon" am Hoftheater in Dresden aufführen laffeu und wurde schon bei der ersten Aufführung durch oftmaligen.Hervorruf so wie durch eine äußerst günstige Kritik in den dortigen Journalen auSgezeichnet. Der Dichter hat daS erwähnte Trauerspiel im MauuScripte drucken laffen, und der regierende Großherzog v. Weimar hat nicht nur die Dedication de« Buchehuldvoll angenommen, sondern ließ auch eine Einladung an den Dichter ergehen, an den Hof zu Weimar zu kommen und in den Appartements der Großherzogin da« Stück vorzulesen. — Der Dichter folgte diesem schmeichelhaften Rufe und wurde bei Hofe vielfach auSgezeichnet, obwohl, wie der Dichter selbst zuverlässig weiß, dort allgemein bekannt ist, daß er der jüdischen Religion angehört. — Herr Dr. Hirsch ist der Bruder de- bis jetzt einzigen und meines Wissen» ersten jüdischen StabsarzteS in der k. k. Armee, deS Herrn Dr. Simon Hirsch der gegenwärtig in Mantua liegt. — DaS hiesige Bürgermeisteramt hat einen schönen Beweis der Borurtheilslosigkeit geliefert, indem in jüngster Zeit an die Stelle de» vor Kurzem verstorbenen StadtfisikuS Dr. Seisser ein hiesiger Practischer jüdischer Arzt, Herr Dr. Carl Lederer, gebürtig auS Reichenau in Böhmen, zum Stadt» fififul ernannt wurde. Derselbe hat bereits den Amtseid abgelegt und seine amtliche Tyätigkcit begonnen, — Schließlich, da dieser Bericht wahrscheinlich schon für den zweiten Jahrgang dieser Blätter bestimmt sein dürfte, mithin die eben fallenden christlichen Feiertage noch in Erinnerung sein werden, erlaube ich mir eine Bemerkung die sich um diese Zeit mir immer wieder aufvrängt. — Es herrscht in den gebildeten jüdischen Familien der wohlhabenden Claffe die Sitte oder vielmehr die Nachahmungstheorie, die Kinder gleich den christlichen Kleinen