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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-01-04 · 1 (4.1.1861) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
1 (4.1.1861)
Date
1861-01-04
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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fdtaucn zu können sick einbildete. WaS sagt aber der Psalmist in seinem ‘1*2. Liede? ״Der kurzsichtige Mensch sieht auf dieser Seite nichts, und der Narr auf der andern Seite versteht nichts." — Ter Verein trat in'S Leben, und bekanntlich sind auch Kinder lebensfähig, die im 7. Monate den Mutterschoß verlassen, vorausgesetzt, daß sie eine liebevolle und gewissenhafte Amme bekommen. — Ward dem neugcbornen Institute, oder wird dem ärmlich fortvegetirenden gesunde Kost geboten? Nichts weniger, als dieß. Ich vermeide absichtliche Weitläusigkeit und beschränke mich lediglich darauf hier zn bemerken, daß trotz wiederholter Rekriminationen in Betteff der Vorträge und der Vortragsweise bis beute keine heilsame Aenderuug vorgenommcn worden. Es darf, — und ich sage dies zum allgemeinen Besten und zu Nutz und Fromnien derer, die etwa einen Verein von gleicher Tendenz zu gründen beabsichtigen, -— der Vortrag für junge Männer, die theilweise schon knapp innerhalb der Grenzen res Mannesaltcrs stehen, sick nicht ausschließlich aus dem Tummelplätze der banalsten rhetorisch sein sollenden Floskeln bewegen. Gesunde, lebenswanne und kräftige Exegese und schwärmerisch-verblümte, mit schillernden Farben kindisch bemalte Homiletik sind in der Thal zwei ganz verschiedene Tinge, die ganz und gar exklusiv sich zu einander verhalten. Tie jungen Leute aber, die zu ihrer Ehre sei's gesagt, nach mühsamem, geisilötientzem Werkeltagsleben und Treiben in den Feierstunden des Ruhe- > lages am GotteswoN sich laben und erquicken wessen, brauchen eben das : Gctteswort selber in seiner angestammten, urwüchsigen Natürlichkeit, die füg- * tick selbst der pikanten Zubereitung und Ausstaffirung entrathen kann. Aber kaum wird dem nüchternen Magen dünne Spitalssuppe zusagen, aus. der, in der peinlichsten Verlegendeit über ihre isolirte Stellung, spärliche Fettaugen wabreu jüdischen Wissens berumschwimmen. Kurz, das Institut sollte eine Lebrstälte für die den Vonrag Anhörenden, nickt aber für den Vortraggesenden sein, und ist der Vortragende in vielen weltlichen Dingen den Hörern j überlegen, so muß er vor Allein untadelhast ausgerüstet mit dem sein, worj aus es dem Audiicrium eigentlich am meisten ankommt, mit der Kcnntniß der hebr. Sprache, wie sie der heutige Stantpuntt der Philologie bietet, > — mit der Kennrniß der beiligen Bücker vom heutigen Standpunkt biblischer Exegese. Trugbilder überspannter jugendlicher Phantasie, selbstgefällige spitzfindige Deuteleien und Wortspiele, Haarspaltente Wortklauberei, oratoriscke Anläufe und Excursionen, die von dem schlichten Ausgangspunkte des reinen GoltesworteS oft meilenweit absckweifen, ohne je wieder, wenigstens nicht aus fahrbarem Geleise, zu jenem ]mnetum saliens zurückzukehren, — das ist nickt Exegese und nickt Homiletik. Ick bin nickt berufen dem jungen Manne, der jene Vorträge, um mick glimpflich auszudrücken, moncpolisirt, Rathscklägc zu erlheilen, aber im Interesse des so schönen Vereines sei es niir gestattet, es frei auezusprecken, daß von einem gründlich umzuarbeitenden Vebrplaue und von rem gemäß anzupasscnden Lehrkräften einzig und allein eine günstigere Prognose zu erwarten ist. Es wäre Jammerschade, wenn um schnöder Parleirücksichlen und offenbar verwerflicher Mcnopolisirung willen die guten Keime jener Association zu Grunde gingen. Traurig genug, daß wir aus manchem GolteSkause den altherkömmlichen Schlendrian nicht verbannen können, der ohne schön und wahrhaftig sein sollende Deutung eines mekr als dunkeln Midrasch daS Heil der Judenbeik gefährdet glaubt. Aber in reni Lehrzimmer, in welchem junge Leute, fast durchwegs dem Handelsstanre angehörig, sick zur Erbauung und Belehrung eben darum versammeln, weil sie an der ossiziellen Stätte leider so oft beides schmerzlich vermissen, — dort wenigstes soll die gesunde Vernunft ihr Recht üben, und die Pkantasie mitsammt rer bunten und kunterbunten Romantik mag immerhin zu Hause bleiben. — _ Ein neutraler Beobachter. Wik«, 26. December. Das in liberalem Sinne abgesagte Rundschreiben ces_StaatsministcrS v. Schmerling beschäftigt hier die Gemüther und die Zungen, und da die Religionsfreiheit mit allen Consequenzen des Rechts und der Stellung im Staate darin berührt wird, so wirk es Niemancen überraschen, daß die Verhältnisse der Juden einen Gegenstand der Tiscussion in unfern Casft-hauS-Parlamenten, wo die Juden längst Sitz und Stimme haben, und sogar die Majorität ausmachen, seit mehreren Tagen bilden. Im Lause eines GespräckeS über diese- Thema bemerke ein geistreicher Jude einem schwer zu belehrenden Freunde des ״Vaterland" — d. h. des papiernen, daS hier erscheint: — ״Bis jetzt gingen die Christen auf dem Trottoir, und die Juden mußten im Fahrweg eiuhergehen; WaS Wunder, wenn die Lctzteru manchmal''äußerlich schmutzig erschienen"? Wauderullgen auf dem Gebiete der mährischen Gemeiudeu. Bei meiner Wanderung ans dem Gebiete der mährischen Gemeinden, bemerke ich eine allgemeine, nicht Völkerwanderung, denn wir Juden bilden kein EigenthümlicheS, kein Volk im Volke, aber eine allgemeine Familicnwanderung der jüdischen Mährer. Bis nun war nämlich jeder Jude mit seiner Familie nach dem provisorischen Gesetze vom I. 1852, auSgearbeitet von einem "Comite, unter dem Vorsitze deS damaligen Herrn Oberlandesrabbiners, unter allen Umständen und Zonen des Erdballs an seiner ursprünglichen Gemeinde gebunden, und mußte zu Schule, Gotteshaus und zu unvorhergesehenen Ausgaben beitragen. Da aber der Zustand nackgerade zu unerträglich und mit dem Zeitgeiste, dessen Macht in dieser Beziehung auch von den Orthodoxen in Glace-Handschuhen anerkannt wird, nicht harmonirt, wurde an den Ketten gerüttelt und gerasselt, und es erfolgte in der allerletzten Zeit ein Erlaß, nach welchem jeder, sobald er das Domicil seiner Gemeinde aufgibt, sich von dieser förmlich lossagen kann. Was unter diesen Umständen aus den mährischen Cultus-Gemeinden, wo kein Handel und Gewerbe ist, die also seit Jahren gelockert dastehen, werden wird, wissen die Götter. Wer wird die Schulden zahlen, welche «die Gemeinde und der Rabbiner gemacht, wer wird helfen neue Schulden machen? Wer wird die Tempelsänger erhalten, wer sich bei ihrem Gesänge unterhalten? Wie wird eine Gemeinde im Stande sein, einen glücklichen Mimiker anznstellen? Wer wird die simbolisirenden und allegorisircnden Kanzel-Bruchstücke honoriren? Ta gilt es nun, sich mit Vertrauen und Zuversicht auf den Lenker aller Schicksale rüsten! — Doch wohin führe ich Sie heute? Ich glaube, da ich Ihnen unlängst über die Gemeinde, welche mit dem Buchstaben E. ansängt, geschrieben, Sie begleiten mich heute iw meine liebe Gemeinde, die den Anfangsbuchstaben (1. hat. Eine Gemeinde aus dem E. gibt es nickt, und über Butschowitz erhielten Sie ja schon reines Wasser aus der Quelle. Das Geschichtliche letzterer Gemeinde ist mir vor der Hand, bis auf den einen Punkt, daß daselbst ein Rabbiner, ich glaube, es war in diesem Jahrhundert, Namens Z. dessen Zorn der Gemeinde in die Nase stieg, nach Intervention deS Herrn Laudesrabbiners, aus der Gemeinde entfernt und wegsymbolisirt wurde, wie der schwarze Vorhang am 9. Tage des Monates Ab, unbekannt. Daß B. einen schönen Tempel, habe, wurde Ihnen berichtet, allein es war einmal ein Professor in P. der rief einmal aus: Ich sehe viele Schüler, die nicht hier sind, die gar nicht in die Schule kommen. Doch ich entferne mich heute nicht aus dem Weichbilde meiner seltenen Gemeinde. Begleiten Sie mich in den imposanten Tempel, in die 4klassige deutsch-hebräische Schule, Sie werden überall befriedigt werden. Hier kein Piutstreit, man läßt ihn in inti-gro, und betet den Piut hier, weil es wirklich einige schöne Piutim gibt, um die es sckade wäre, und weil ihn die Gemeinde beten will, und die größte und erhabenste Poesie die Eintracht ist. Begleiten Sie mich in mein Arbeitszimmer, und Sie werden der Wanderung in die Welt, um die Menscken kennen zu lernen, entbehren können, denn da Is Stile c’est l’homtne, so kann man auch sagen: 168 styles sont 108 lioinmes. Da werden Sie die Zeitung des Judenthums finden, ihre coquette Schwester die illustrirte Zeitung der cs an Stoff nicht gebrechen kann, den B. Chananja, den Megcd Jerach im, der, ungeachtet er seinen Namen in Ozar Chochma veränderte, doch seinen Unstern nickt bannen konnte, und am Himmel der jüdischen Literatur nicht wieder leuchtet; die Chockma besäße er schon, aber der Ozar fehlt ihm. Sie wollen auch den Mainzer Israelit lesen, den habe ich nicht, weil er nicht einmal des 18. .Jahrhunderts ist; endlich den Franks. Jeschurun, mit dem Universalntittel gegen alle Reform: ‘גד.ג• Ueber die geschichtlichen Daten der hiesigen Gemeinde habe ich in b. Chan. 1. Jahrg. berichtet. AuS der Gegenwart will ich Ihnen über ein jüngst hier stattgehabtes Schulfest berichten. Wenn es wahr ist, daß daS Schulleben im gewissen Sinne Nachbildung deS öffentlichen Lebens und zugleich Vorbereitung auf dasselbe sein soll, so muß daS Schulleben auch seine Feste haben. Alle Feste sind dazu bestimmt, unserm Leben durch biSweilige Unterbrechung seines gleichmäßigen Ganges einen höhern Schwung zu geben. Das Judenthum hat seine weihevollen, erhebenden religiösen Feste, die Leib

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