Mannheim
Compact Memory

Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-01-04 · 1 (4.1.1861) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
1 (4.1.1861)
Date
1861-01-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4884143-5427051-5427103--225-4884345
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

—♦ו 3 *«••־■ Wohl verpflichtet schon die bloße Theilnahme am gesellig staatlichen Verbände, der bloße Genuß de» Schutzes der Gesetze und der auS chnen erfließenden mannigfachen Wohlthaten den geringsten und niedrigst gestellten Untertha» zur Erfüllung heiliger Obliegenheiten, so wie zur Bewährung unverbrüchlicher Treue gegen den Staat und dessen Oberhaupt — allein die wahrhaft begeisterte, thaten- und opfermuthige Liebe, die sich von der bloßen strengen Pflichterfüllung himmelweit unterscheidet, muß dem dankbaren Herzen entsteigen. — Wa« dem Menschen jene gesteigerte Anhänglichkeit, jene aufopferungsbereite Hingebung für daS Vaterland einflößt, waS sein Gemüth mit jener wannen Innigkeit, jener herzlichen seelenvollen Theilnahme für daS Gemeinwohl seiuer Mitbürger erfüllt, dasjenige, wodurch sich diese Liebe, Treue, Hingebung und Theilnahme mitten in Gefahren und Stürmen, trotz Kampf und Mühsal, in Noch und Tob erhält und bewährt — da« ist in dem zwiefach erhebenden Bewußtsein der kindlichen Angehörigkeit zum Lande und der brüderlichen Gleichberechtigung mit dessen Bürger» begründet. ,> Patriotismus oder Liebe zum Vaterlanve setzt mehr oder weniger ein kindliches Verhältniß des Menschen zu seinem Heimathslande voraus, und umgekehrt — ein solches Verhältniß wirkt weckend, belebend und kräftigend auf das Gefühl des Patriotismus zurück. — So wie der Mensch zu seiner phisischcn Entwickelung und Erstarkung ein gewisses Maß von Luft, Licht und Raum benöthigt, so bedarf er auch zu seiner sittlichen Hebung und Veredlung ein gewisses Maß der äußern Anerkennung, der Würdigung ן und der Berechtigung! — j In den! Grade, als diese nothwendigen Bedingungen fehlen, wird er in seinem sittlichen Gedeihen gehemmt werden, vorzüglich aber in der Eigenmachung und Bethätigung jener Tugenden, die sich auf sein Verhältniß zum I Vaterlande und auf die Pflichten gegen dasselbe beziehen. Denn gewiß, je mehr der Segnungen und Wohlthaten wir dem Vaterlande zu danken haben, je zahlreicher die Verpflichtungen sind, deren wir chm gegenüber uns bewußt sind, — desto höher wird unsere Liebe und Dankbarkeit, desto stärker unsere Treue und Aufopferungsfähigkeit für dasselbe zu Tage treten; um so freudiger und begeisterter werden wir die große | Schuld einst in der Stunde der Gefahr abzutragen beeifert sein! Wohl mag diese Ansicht manchen Hyper-Idealisten als zu prosaisch und kalt berechnend erscheinen; aber daS Ergebniß dieser Berechnung muß — wie alle Resultate der Mathematik deshalb doch von der Vernunft an- ן erkannt werden. —! Man muß eS zugestehen, daß selbst die natürlichste Liebe, diejenige,; welche wir für unsere Eltern und Geschwister, für unsere Familie und unj sere Freunde hegen, in dem Maße erkaltet und abgcschwächt wird, als wir J gegründete Ursache haben, über fortwährende Unbilden, Kränkungen und Hintansetzungeu von ihrer Seite zu klagen. Sollte dies in Bezug auf das durch die Geburt erlangte Vaterland anders sein?! Kann sich bei andauernden, systematisch bestehenden Mißverhältnissen die, wenn auch noch so heilige j und von der Natur in unser Herz gepflanzte Liebe in ihrer Vollkraft und | schwunghaften Begeisterung erhalten?! — \ Die Geschichte weist wohl einen Aristides auf, aber auch einen Eo-! riolan! Der Eine vermochte es, den Einflüsterungen und den Anfechtungen \ eines gereizten Gemüthes sieghaft Widerstand zu leisten; der Andere hingegen — ehrgeiziger oder egoistischer — erlag dem Gefühle erlittener Herabsetzung und Deniüthigung. — Und doch wie wenige so hervorragende Individualitaten treten in den Kreis der äußeren Erscheinung? Auf die Mehrheit der Menschen, auf die Massen bezogen, läßt sich die Wahrnehmung nicht in Abrede stellen, daß eine beträchtliche Abschwächung der patriotischen Gefühle eintritt, sobald sich bei ihnen das Bewußtsein, ja die Ueberzeugung geltend macht, daß sie nicht als wahre legitime Kinder de« Landes betrachlet und behandelt werden. — Denn gibt eS auch viele, edle bevorzugte Geister, die mit freudiger gehobener Hoffnung in die Zukunft blickend, die Dankbarkeit und Begeisterung schon früher walten lassen, als die vollständige Erfüllung ihrer sehnsüchtigen Wünsche'eingetreten — von der großen Masse läßt sich solche Einsicht und Hochherzigkeit nicht erwarten. — Oder kann man jemals vernünftiger Weise erwarten, daß in dem dumpfen, lichtarmen, beengten Kellerraume die Pflanze — und sei sie die Gemeinste ihrer Art — eben so gut und kräftig gedeihe und emporkomme, wie sie unter Gottes lichtem, fteien Himmelszelte, von dem wohlthuenden Strahle der Sonne geküßt, hinantreten würde? gewiß ebenso wenig als inan dem kalten Norden die üppige, farbenreiche Vegetation der Tropen abzunöthigen im Stande ist! Wer könnte eS den vorzeitigen Juden, die unter EgyplcnS Sklavenjoch seufzten, wer ihren Nachkommen unter griechischer Tyrannei oder deren Enkeln, welche mit den Christen unter dem heidnische» Rom gleiche Foltern und Qualen bestanden, oder auch den Inden im grauen und grausen Mittelalter — um nicht weiter zu gehen — verdenken, oder gar zum Vorwurfe macken, daß sie ihre Dränger und das Land ihrer Drangsale haßten?! Und doch mahnt der Prophet, der den Untergang seines Vaterlandes gesehen und auf Jerusalems Trümmern getrauert, daß selbst die im FeindeSland Exilirten für daS Heil desselben beten, dessen Wohl fördern mögen; und nie haben sich die Juden ein Vergessen dieser erhabensten aller Lehren zu Schulden kommen lassen; nie haben sie unterlassen, für daS Beste des Landes, wo sie lebten und litten, zu wirken und zu streben. Und erst als die Neuzeit heranbrach, wo dem rohen, finstern Hasse eine lichtvollere, liebreichere Anschauung und Auffassung der Dinge folgte, wo nach und nach persönlicher Schutz, dann Duldung bis zur Gleichheit vor dem Gesetze und andern besondern Begünstigungen und Rechtseinränmungen für un« eintraten: da bildete sich harmonisch und in einem mehr als entsprechenden Maße das Bewußtsein, ein Vaterland zu besitzen, heraus, und die bürgerlichen Tugenden traten von da ab mehr und mehr zu Tage. Und wahrlick, kein Volk hat raschere, erstaunenSwerthere Fortschritte auf diesem Gebiete geumcht, als daS nach bürgerlicker Freiheit und Gleichberechtigung so lange vergebens lechzende Judenthum. Alles dieß hat sich in yNcm hohen Grade längst schon in unserm theuern ungarischen Vaterlande bewährt, wo die Hochherzigkeit und Biederkeit der Nation stets unsere Anhänglichkeit und Opferwilligkeit verdienterweise gefunden hat. — Auch das Streben nach Magyarisirung ist allgemein und tritt bei der Jugend auch glänzend 31t Tage. In den der Pflege der heimathlichen Sprache günstigern Gegenden ist sie sogar längst schon zur Vollendung gediehen. Aber auch Diejenigen, welche durch vorgcsckrittencs Alter verhindert sind, den Magyarisirungs- Prozeß der sprachlichen Ausbildung nach kurchzumacheu, fühlen nickt minder fürs Vaterland und die Station, und ersetzen in der Erziehung ihrer Kinder, WaS sie selbst zu leisten nicht vermögen. Die Schulen des Lande« und die vereinte Wirksamkeit der Edlern und Vorgeschrittencrn unter uns werden das ersehnte Werk m nicht allzuferner Zeit zur Vollendung bringen. Wir sehen uns hierin durch die Hoffnung bestärkt, daß die Nation unser eifriges, aufrichtiges Streben anerkennen werde, und vertrauen fest darauf: daß die allumfassende, vollständige Magyarisirung durck die Gewährung der bürgerlichen Gleichberechtigung für alle Zeiten dauernd hrrbeigeführt werde! .Ignatz ckriedmann. -m•»—- Dir Rettung Mvsrs. 1. Es steht ein Weib an Ufers-Rand; Ein Kästchen birgt die Mutterhand; Du trägst deinen Knaben zum Strome hin, Du arme, anne Ebräerin! Wie rauschen die Wogen! — du lauschest mit Bangen — Sic eilen, sie nahen, dein Kind zu umfangen! — ״ES wächst der Fremden Stolz und Mackt!" — Rief Pharao, sein Grimm erwacht; Und schaurig ertönet des Königs Wort: ״Die Söhne in Juda vernichte der Mord! Wenn kaum ihre Götter in's Leben sie riefen, So senkt sie hinab in den Nil, den tiefen!" — Erschollen war daS Blutgebot, In Gosen'S Hütten drang der Tod; Zu ftüh' schon erglühte, dein Leidensstern, Mein Israel, duldender Bote des Herrn! Der weinenden Mutter entriß man den Knaben; Der Nil und der Wahn will am Opfer sich laben! —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.