Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 22 (28.12.1860)
- Date
- 1860-12-28
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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171 H■— Personen die seit lange schon aus dem GlaubenSverbande getreten waren, konnten sich nicht erwähren den Tribut ihrer Thränen zu zollen. In zahlreichen und angesehenen Gemeinden in und außer Ungarn wurde TrauergotteSdienst über den Hingang Schwab'S, als eines der edelsten und feltensten Lehrer in Israel, gehalten. Die Pester Gemeinde aber, der er 21 Jahre hindurch sein ganzes Denken und Fühlen und Wollen geweiht hatte, ehrte sich und den Dahingeschiedenen in würdigster Weise durch den edlen Eifer, womit sie für die Zukunft seiner unbemittelt zurückgebliebenen Familie zu sorgen bedacht war; und zeigte durch dieses mehr als Erz und Stein sprechende Denkmal der Erinnerung, wie lebendig das Bewußtsein des schmerzlichen Verlustes, den sie erlitten hatte, in ihrer Mitte lebte. — lind wie in ihr, so auch in der Erinnerung zahlreicher Schüler, Freunde und Verehrer lebte und lebt unvergeßlich fort daS Angedenken des gelehrten, für seine Religion und seinen Stamm glühenden Rabbi, deS herrlichen geistvollen und beredten Verkündigers des Gotteswortes, deS gemüthvollen, edlen und liebenswürdigen Menschen; und nimmer wird von ihnen der Name Löw Schwab genannt, ohne laut oder im Geiste hinzuzusetzenr זב־־ צדיק; DaS Andenken deS Gerechten sei gesegnet und bleibe zum Segen! «Bnr Magyarisirangsnnb Gleich brrkchligongsfrage der Juden in Ungarn. 1. f Kein Volk auf Erden hat einst so harte Prüfungen bestanden und keines wird noch heut zu Tage so häufig und widerholentlich der Prüfung unterzogen, als das jüdische. — Freilich ist das Wort, Prüfung bezüglick der Neuzeit in einem bei Weitem mildern und gelinder« Sinne aufzu׳ faffen als ehedem, indem darunter nur das ewige Sncken und Forschen von Freund unr Feint, von Gönnern und Widersachern nach den wahren oder vermeintlichen Eigenschaften und Eigenthümlichkeilen deS Judenthums verstanden werten soll. — Aber selbst in diesem mildern Sinne bleibt eS im» hin ein nickt wenig peinlicher Umstand, so fort und fort betastet und befühlt, erläutert und commcntirt zu werden, und so zn sagen uvabläßig einen Gegcnstand der strengsten Untersuchung und Beobachtung abzugcbcn. DaS Auffallendste und Sonderbarste aber dabei ist. daß — nachdem so viel über uns geschrieben und gesprochen, in geselligen Kreisen, diSkutirt und in öffentlichen Bcrathungen verhandelt worden — dessenungeachtet die Kcnntniß des jüdischen Geistes und Charactcrs nur so spärlich und so unvollkommen zun! Durchbruche und zur Verbreitung in nicht-jüdischen Kreisen gelangte. Der Grund davon ist nicht etwa in einer nnS hie und da zum Vorwurfe gemachten, aber durchaus unbegründeten Absckließung und Geheim thnerci zu ftlchen; sondern einzig und allein in dem Uulstande, daß man stets von dem vorgefaßten Gedanken ausgeht, etwas AparteS, Fremdartiges und Absonderliches an uns zu entdecken, während man das Allgemeine, rein Menschliche in uns zu beachten, entweder vergißt oder geflisientlich zu vergeffen sucht. In der That, würde man bei diesen häufigen Prüfungen von allgemeinem, rein menschlichem Standpunkte ausgehey, und das für alle vernunftbegabten irdischen Wesen geltende Naturgesetz dabei in Erwägung ziehen, dann wahrlich, hätten wir wenig Grund die Prüfung zu scheuen, und noch weniger darüber Klage zu führen. Allein dem ist durchaus nicht so! — Man betrachtet unS von Vorne herein als etwas AbnornieS, geht von einem exeptionellen Standpunkte auS, unterwirft unS als Juden einer spc- , ziellen, schonungslos zersetzenden Kritik, wie sie gegen keine andere Volks- und Menschenklaffe geübt wird, als ob wir mitten im staatlichen und geselligen Leben Europa'- Wesen besonderer eigener Art bildeten; dieß ist'S worüber wir Beschwerde zu führen und ernstliche entschiedenste Verwahrung einzulegen uns bemüssigt sehen! — So oft im öffentlichen Leben eine bedeutende Erschütterung und Wandlung eintritt, so oft eine neue Zeitepoche hereinbricht — mag diese wie imwer geartet und beschaffen sein, freudiger oder betrübender Natur — da wird sogleich von der einen oder der andern Partei die Rechnung speziell mit unS geschloffen und nicht selten haben wir die drückende Last derselben schwer zu tragen gehabt. , * Ja "selbst dann, wenn unerwartet eine ftcundliche, wohlwollende Regung sich für uns kund zu geben beginnt, wenn eine brüderliche Sympathie in den, Herzen unserer christlichen Mitbürger für uns erwacht, selbst dann wenn man in edler Begeisterung dem lauten dringenden Rufe der Zeit, der Stimme des Rechts und der Wahrheit, dem unwiderstehlichen Machtsprnche der Vernunft huldigend, mit Ernst und Eifer daran geht,' die große hochheilige Angelegenheit der Menschheit und Menschlichkeit an unS zur Geltung und Anerkennung zu bringen — selbst dann noch kann man der Wage und deS Maaßstabes nicht enttathen. Die Prüfung kann unnicht erlassen werden! — Unser Aeußeres und Innere-, unsere Mängel und Vorzüge, Tugenden und Laster, unser häusliches Familienverhältniß und geschäftlicher Verkehr und Betrieb, unser sittliches und religiöses Leben und Weben, unser Thun, Denken und Fühlen-» alles zusammen und jedes einzeln wird auf's gcuaueste erwogen, auscinandergesctzt und zergliedert; aber nicht wie es an und für sich ist, sondern wie es von den verschiedensten Standpunkte» nnd Parteimeinungen aus ׳ erschaut und erkannt wird. Scheint es dock, als ob wir Neulinge wären in der Welt, an die uns eine mehrtauscndjährige, ersahrungs- und leidensreiche Existenz gekettet; als ob die Geschichte von der grauesten bis zur jüngsten Zeit mit völligem Stillschweigen an unS vorübergeschritten wäre; als ob auch die in der jungsten Vergangenheit zu unseren Gunsten sprechenden Beweise geistigen Fortschrilles und sittlicher Veredlung sammt und sonders nicht vorhanden wären. Wozu immer und ewig von Neuem untersuchen, in welchem Grade ^ir gut oder schlecht geworden, ob wir so oder so viel Tugenden aus unserer glorreichen Vorzeit — wie sie gewiß nur wenige Nationen,aufzuweisen vermöge», mitten in den wilkbrauscndcn Stürmen der Verfolgung, mitten im qualvollen Zustande des Druckes, der Hintansetzung, Rechtvrrkürzung und Erniedrigung gewahrt oder eingcbüßt haben? Wozu all' die eitle», zu keinem niaßgebcnden Urtheile führenden Untersuchungen? Warum nicht lieber einen unbefangenen prüfenden Blick auf jene vielen unverkennbaren Fortschritte richten, die wir —- mit stolzem chrendcui Selbstbewußtsein dürfen wir darauf Hinweisen, — innerhalb der im Völkerleben so kurzen Spanne Zeit gemacht, in welcher wir einer vcrhältuißmäßig bester» und liebreichern Be-י Handlung gewürdigt worden sind! - Lider dünkt euch dieses Experiment im "Kleinen als zu wenig beweisgültig? Verlangt ihr nach einem größer», ganzen, abgeschlossenen Endergcbniß? L^ünscht ihr deren mehrere und mannigfache, unter den verschiedeusten Umständen und Verhälkniffeu angestcllt und zum vollkommenen Erfolg gelangt? nun, so blicket hin au׳ die Juden aller freien und erleuchtete» Länder Europa's und ihr werdet es überall auf's glänzendste bestätigt und bekräftigt finden. ' Weshalb also, fragen wir abennals, daS eitle Spiel stets von Neuem beginnen und dem »nsichern, schwankenden Wellenschläge der Parteiungen dasjenige überantworten, was doch so viele unbestteitbare Thatsachen, in den vorgeschrittensten Reichen und Ländern Europa's, als feste Ersahrungsresultate erwiesen haben und noch immer fort erweisen! — Aber selbst dann, wenn alle diese, wie immer überzeugend sprechenden Thatsachen als bloße empirische Ergebnisse von der strenger richtenden apriorischen Kritik verworfen werden könnten, so muß auch die reine vernunftgemäße Betrachtung der Sache zu demselben günstigen Schlüße führen. Von diesem Standpunkte ausgehend, haben die Franzose» einst die Gleichberechtigung der Juden ohne alle DiScuffion zur endgültigen Entscheidung gebracht. — Dann aber muß man nickt mehr von einer sogenannten Juden- oder Emanzipationsfrage sprechen, sondern einzig und allein, wie eS die Strenge der theoretischen Untersuchung erfordert — von einer allgemeinen, jede Individualität bei. Seite setzenden Humanitätsfrage. Wir müffen unS zu der ätherisch reinen Höhe des Prinzipes erheben! Wie sich die Sache von diesem Standpunkte auS gestaltet, davon — nächstens! .7g»aß Jric&mann. -.<ex3*'_-