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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-12-28 · 22 (28.12.1860) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
22 (28.12.1860)
Date
1860-12-28
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170 c Löw Schwad. i10qrapf)1fd)t Skizze oon D. 5. (Schluß.)ף —Der Leser gerenkt wohl noch der Stürme, welche der ״Bölkersrühling" deS Jahres 1848 über unsere Glaubensgenoffen in einigen Gegenden ' des ungarischen Vaterlandes einhersahren ließ, die die jüdischen Bewohner selbst in der Hauptstadt an Gur und Leben bedrohten, und die ganz geeignet waren, auch um das wärmste und liebreichste Gemütb die Eisesrinde des Zweisels ati dem Fortschritte der Menschheit zu kleiden. Es lebt auch noch in der Erinnerung Aller, welcke bittere Notb und Sorge die unseligen Solidaritäts-Bußen und die Strafmaßregeln Häynau's über die Pester Gemeindc brachten, deren Leid und Wehe Schwab mit treuem Herzen tkeilte. Das alles schnitt lies und blutig in seine Seele; aber es kam noch eine herbere Prüfung über ibn? Aus dem Sckcße der Familie, welche doch die ganze Welt des aller sonstigen Freuden und Genüsse entbehrenden Rabbiners bildet, wurde er im August 1849 gerissen, um in zwölfwöckentlicher Kerkerhast die Angst und Oual einer kriegsgerichtlichen Untersuchung zu überstehen. Mit männlicher Fassung und Ruhe und wahrer Gottergebenheit sah Sckwa^ dem Ausgange entgegen, welcher in Tagen, da die Ansicht > von der- Notbwendigkeit eines strengen Sttasgericktes über alle Theilnehmer j der eben besiegten Revolution vorherrschte, auch dem mindest Sckuldbewuß- ן ten, immerhin ein ungewisser war. Tie heilige Schrift, En-Jacob und! geschicktlicke Lectüre waren seine Trost- und Zerstreuungsmittel, die ver- ׳scheuchten die düsteren Gedanken und kürzten die trüben Stunden. Kaum der Sorge um das eigene Geschick überhoben und endlich wiedergegeben i der Freiheit, dem Familienkreise und dem Beruse, da drückte ihn schon der j Kummer ob der gleich bedrohlichen Lage mancher seinem Herzen und seinem Hause "nahestehenden Person. — Nicht gar lange darauf traf Schwab's j väterliches Herz der gewaltigste Schlag, als ihm der Tod ein theures Kind, eine herrliche, an Geistesgaben und Herzensadel ihm ähnliche Tockter in der Blüthe der Jahre entriß, nachdem sie allen Schmerz, welchen fanatische Verfolger zu verursachen vermochten, trat mit dem Gatten getragen. — Mitten in diese Zeit fiel noch der bereits erwähnte Kampf gegen das sich zu consolidiren drohende Schisma in der Gemeinde; außerdem mußte er, nach fünfunbzwanzigjähriger geistlichen Thätigkeit in ansehnlichen Gemeinden, > in steter Eintracht und den fteundlichsten Beziehungen mit und zu deren! Häuptern und Gliedern, jetzt erst lernen, sich gegen erbärmliche Neckereien : eines einzelnen aber einflußreichen persönlichen Gegners zu wehren, welcher; ״Küsse auf den Lippen und Bosheit im Herzen hatte"; und endlich ward : sein zärtliches Gattenherz zerrissen beim Anblicke des Siechcnbettes, woran! seine treue Lebensgefährtin so lange gefesselt gewesen. — 1 Dabei ward die Last seines Berufes täglich eine vermehrte. Wir re- : den hiebei nicht vom Religionsunterricht für die Studierenden, den er jetzt persönlich übernommen, vom Gottesdienste für die weibliche Jugend,; Einführung deS deutschen Liedes, von der Matrikenführung und ähnlichen Obliegenheiten, die mit dem täglichen Anwachsen der Gemeinde auch! immer mehr Zeit und Kraft in Anspruch nahmen. Mit der neuen Ordnung der Dinge welche 1849/50 in Ungarn begann, bekam das Rabbinat ge- > wiffermaßen den Charakter des Beamtenlhums, und wurden auch die religi- ׳ ösen Verhältnisse der Israeliten, chre Einrichtungen in Synagoge, Schule; und Gemeinde überhaupt Gegenstände immerwährender Anftagen, Berathun-; gen und Begutachtungen. Sckwab war am Wenigsten der Mann, sich hiebei -vorzudrängen; ward er doch anfänglich wegen nicht ganz korrett vermurheter Antezedentien mit einiger Kälte angesehen; er überließ es darum seinen' Collegen, die sich aus leicht begreiflichen Gründen durch keine Predigt hatten compromiktiren können, und nun auf nichts Geringeres als auf irgend ein Ccmilats-, Tisttikts- oder^ga: LandcSraobinat aspirirten, mit ihren Anträgen und Vorschlägen und Vorstellungen die Behörden zu belagern. Indessen ward doch das Augenmerk bald aus ikn gerichtet, und bald gab es nur wenige vor den Behörden schwebende Angelegenheiten, selbst aas anderen Verwallungsgebieken, als rem Pester, worüber Schwab nicht sein Votum abzugeben hatte. Gründlichkeit, gerader Sinn, Uneigennützigkeit und Friedensliebe sc wie wahrhafte Loyalität, im besten Sinne des Wortes, die sich in 1 -,ehe Nr. 1 — 8,^10 - 12, 14 — 17, 19, 20, 21. | allen diesen Schriftstücken auSsprachen, erwarben ihm vollste Achtung und ehrende Anerkennung. Bei den persönlichen Mißgeschicken und herben Erfahrungen war eS ihm auch gegönnt, ttöstliche und erhebende Wahrnehmung zu machen. — Als seine Freiheit und Zukunft bedroht waren, war die allgemeine tiefe Bestürzung und das allseitige Bemühen der Gemeinde um das LooS ihres Lehrers, der beste Beweis der Liebe und Theilnahme die er besaß; den erwähnten Kämpfen und persönlichen Anfeindungen gegenüber hatte er das Bewußtsein der unerschütterten Anhänglichkeit der an Zahl und Bedeutung überwiegenden Mehrheit. Zu nicht geringer Freude gereichte es ihm auch, den Beginn und Fortgang des Tempelbaues zu sehen, dessen so wie seiner Mitwirkung hiezu, wir bereits gedacht haben. — Rüstigkeit, Schärfe und Schnellkraft des Geistes hatte Schwab unter allen Erlebnissen und bei aller Anspannung der Thätigkeit bewahrt; aber sein von Natur starker und scheinbar für eine lange Reihe von Lebensjahren bestimmter Körper zeigte nur zu bald und zu stark die Spuren des Eindruckes, den die letzten Jahre auf ihn gemacht hatten. — Sein Haar war grau geworden, die blühende Gesichtsfarbe geschwunden, der Körper gebeugt und die Symptome des Alters vor der Zeit eingetreten. In den beiden letzten Jahren litt er häufig an Blutandrang nach dem Hirn und zeigte sich eine nervöse Herabstimmung deS gesammten Organismus. Stets nur dem Berufe und seiner Gemeinde, nie sich selber lebend gab er kein Gehör den Warnungen und Mahnungen der Aerzte, welche auf Luftveränderung und Besuch eines Kurplatzes gedrungen. Immer stärker wuchsen die Uebel, in gleichem Verhältniß nahmen die Kräfte ab; und eine in öfteren Ohnmächten sich äußernde Schwäche gab nur zu vielen Grund der Befürchtung, daß es nur eines leisen Anlasses bedürfe, um die so erschütterte Hülle gänzlich zu brechen. Inzwischen hatte Schwab, so viel er nur konnte, seiner BerufSthätigkeit obgelegen und die gewohnte rabbinische Lebensweise fortgesetzt, selbst den regelmäßigen täglichen Synagogenbesuch nicht unterbrochen. Am Erew Rosch-Chodesck Adar 1857 hielt er noch die herkömmliche Predigt, diesmal über Koheleth c. 7 v. 2. ״Besser zu gehen in das Haus der Trauer als in das der Freude" u. ff., und die letzten Worte, die er öffentlich sprach, waren eine Leichenrede, an der Bahre des Gemeindevorstehers Kassoivitz, den er zuerst unter den Gliedern seiner Gemeinde kennen gelernt, der ihm den ״Rabbinats-Brief" aus Pest überbracht hatte. — Eine heftige Erkältung, die er sich bald darauf zugezogen, zwang ihn am 14. März 1857 das Bett zu suchen, und nach wenigen Tagen schon schwebte er in Lebensgefahr. Einundzwanzig Tage litt er, bei ungeschwächten Geisteskräften, die nur erst in den letzten Stunden schwanden. Mit gefaßter Seele und gottergebenem Gemüthe, sah er vom Beginne der Krankheit dem Tode entgegen; mehr als acht Tage hatte er noch die unsäglichsten Schmerzen zu dulden, da nahm er schon Abschied von den Häuptern seiner Gemeinde, mit rührenden Dankesworten für alle Liebe und Anhänglichkeit, die er in ihrer Mitte erfahren, und berief die Kinder um sich, um ihnen seinen 'Segen und seine Ermahnungen zu geben, mit jener Vollkraft seiner wohlklingenden, in's Herz dringenden Stimme, wie er nur in Momenten feierlichster Erhebung und tieffter Erregtheit zu seinen Hörern zu sprechen pflegte. — Wie so oft die Werthschätzung eines lange besessenen Gutes dann erst recht offenbar wird, wenn die Gefahr des Verlustes droht, so gab sich auck in jenen Tagen erst recht zu erkennen, welchen Schatz treuer Liebe und Verehrung Sckwab in den Gemüthern seiner Gemekndegliedrr besaß. Täglick stiegen inbrünstige Gebete für seine Rettung und Erhaltung zum Himmel empor, — aber nicht blos in Pest sondern auch in fernen Gemeinden, zumal dort, wo er 33 Jahre vorber das Lehramt in Israel angetreten; täglick lausckten in ängstlicker Spannung Alt- und Neugesinnte der Nachrickten über sein Befinden, bis endlich am 3. April 1857, 9. Nißan 5617, die gefürchtete Stunde herangckcmmen und die Trauerkunde sich verbreitete, daß der treue Hirte, Freund und Lehrer seiner Gemeinde ausgerungen und gelitten habe. — Zwei Gemeinden, Pest und Neu-Ofen — letzteres' Rabbinat bckleidete er feit Feber 1837 — tbeilten die tiefe Trauer der jammernden Wittwe und rer verwaisten Hinterlassenen Sckwab's. Tausende strömten am 5. April 1457 herbei, um seine irdiscke Hülle zur letzten Ruhestätte zu geleiten; Männer verschiedenen Standes und Glaubensbekenntnisses, ja selbst

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