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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-12-21 · 21 (21.12.1860) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
21 (21.12.1860)
Date
1860-12-21
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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•«» 103 »«— f noch ans dem Boden deS positiven, geschweige orthodoxen JudenthumS stehenden Glaubensparthei ansehen konnte, daß S. dieselbe vielmehr als eine aus der Gemeinschaft der älteren Glaubensgemeinde sich selber auSschließende und auSgeschiedene Sekte betrachten mußte. — Wir möchten gewiß nicht gerne unliebsame Erinnerungen und Erörterungen wieder wach rufen; doch können wir nicht umhin, einen Blick auf die Genesis des Reformvereines in Pest zu werfen. — Wir zweifeln nicht daran, daß manche Mitglieder dieses Vereines während der Zeit seines Be> standeS auch die religiöse Seite der Angelegenheit ihreni Denken und ihrem Berständniß näher zu bringen sich mühten und die idealen Motive vor Augen hielten, Nimmermehr aber kann in Abrede gestellt werden, welchen überwiegenden Antheil die gleichzeitigen politischen Vorgänge an der Gründung des Vereines gehabt. — Das dreijährige Bestehen der Reformgenossenschaft in Berlin und die ganze daran geknüpfte Literatur war in Pest kaum gekannt gewesen; vielweniger konnte von ernstlicher Einwirkung auf die Geister und Gemüther die Rede sein. — Erst als in den Märztagen deS Jahres 1848 der ungarische Reichstag den Israeliten Steine statt Brod, Rathfchläge zu religiösen Reformen statt Recht und Freiheit gab; als ein neuerdings wieder viel genannter Liberaler, wie eS hieß auf Anregung eines Apostaten, im „Pesti Hirlap" die Meinung auSsprach: in einer Zeit da die politischen Institutionen deS Landes eine so durchgreifende Acnderung erleiden, dürsten auch die jüdischen Religionsvorschriften, Sabbatgesetze u. s. w. nicht in ihrer bisherigen Form beibehalten werden; als endlich der anch in den Gemüthern der jüdischen Jugend tobende Sturm und Drang, in den theuersten Erwartungen getäuscht, von aller Theilnahme am öffentlichen Leben, sei'S im Saale deS Stadthauses oder in der Nationalgarde, zurückgewiesen, kein anderes Feld zur thätigen Aeußerung geöffnet fand als den Kreis der Gemeinde und der GlaubenSgenossenschaft; — erst da begann der Ruf laut zu werden, daß etwas geschehen müffe. — DaS bunt zusammengewürfelte Comitä welches nach Verdrängung des GrmcindevorstandeS sich auf deni Gemeindehause zur Neugestaltung der Gemeinde constituirt hatte, fand als selbstverständlich in seiner Mission auch die Aufgabe mitbegriffen einen Reformentwurf abzufaffen; und als daS Reorganisationswerk nicht zu Stande kam, als aus dem Chaos eine, auS älteren Gemeindegliedern bestehende Verwaltung wieder ins Leben trat, da blieb auS jenem großen gemischten Comitv ein engerer Kreis von Männern zurück, welcher die Reformangelegenheit nun ernstlich und ausschließlich in Angriff nahm und mit Zugrundelegung des Berliner ProgrammeS sich als Central - Genofsenfchaft für die Reform unter den Israeliten Ungarns erklärte. So waren denn Prinzip und Basis und äußere Beranlasiung der Pester Reformbewegung gleichermaßen darnach angethan Schwab zum Gegner derselben zu machen. Als solcher trat er sogleich im August 1848 in seinem gedruckten, an den Vorstand gerichteten „Gutachten" auf, und nahm später, trotz seines sonst so sehr zum Frieden hinneigenden GemütheS, keinen Anstand, im Vereine mit den« Gemeindevorstande gegen die behördliche Anerkennung der Genoffenfchaft als selbstständiger Cultus-Gemeind« ernstliche Schritte einzuleiten, worauf bekanntlich die Auflösung im October 1852 erfolgte. — Wir durften pflichtgemäß ein Ereigniß wie die Pester Reformbewegung nicht übergehen; wir haben die Thatsachc erzählt, und Schwab'« Berhältniß ihr genüber dargestellt. Die in ähnlichen Kämpfen gewöhnlich mit unterlaufenden Aeußerungen persönlicher Leidenschaft oder Gereiztheit, von welcher Seite sie auch kamen, lasten wir lieber unerwähnt. — Materielle Rücksichten kamen bei Schwab nicht in Betracht, seine Würde als Rabbiner der großen Hauptgemeinde hatte keine oder geringe Einbuße erlitten. Doch wirkte dieser Kampf auf sein Gemüth nicht wenig ein, und gehörte mit zu den schmerzlichen Erfahrungen, die ihm in und seit den Jahren 1848 und 1849 zu machen beschieden war. — (Schluß folgt.) , ' -»i io- Die Peftrr irr. L»l1usgemki»-t-Vertretung. II. ' Anzeige gebracht. Hiemit ist der öffentlichen Meinung in gebührender Weise Rechnung getragen, und die in der Presse oft ventilirte Angelegenheit ein für alle Mal zur erwünschten Erledigung gelangt. Um so entschiedener und gebieterischer hingegen trftt die ReorganistrungSftage der hiesigen CultuSvertrctung in den Vordergrund! Wir beeilen unS daher den in voriger Nummer dargelegten ReorganifationSplan durch Hinzufügung der entsprechenden Wahlmodalitäten zu ergänzen. Wie ftüher, so ist eS uns auch jetzt zunächst nur inn die Darstellung der äußersten Umrisse deS Planes zu thun; indem wir die vollendete Durchführung desselben erprobtern und bewährter» Kräften getrost anheinistellen. Die obersten, leitenden Grundsätze bei den« neuen Wahlverfahren wären: 1. Die Wahl hat für jede Commission speciell zu geschehen; d. i. her Wähler hat für jede Commission besonders die ihm dafür geeignet erscheinende Persönlichkeit zu bezeichnen. - 2. Beim Scrutinium ist gleichfalls mit Rücksicht auf die besondern Commissionen vorzugehen; d. i. zur Wahl eine« VertreterS ist es unumgänglich nothwendig, daß sich die Majorität der Stimmen .bezüglich derjenigen Commission ergebe, für welche der Vertreter zu wirken berufen sein soll. Da aber die gehörige, ersprießliche Handhabung dieser, einen gewissen Grad von UrtheilSfähigkeit vorauSfetzendcn Wahlart, im Allgemeinen nicht voraus gesetzt werden kann, und auch daS Scrutinium in dieser Weise zu einer schwierigen Complication führen möchte, so erscheint eS am gerathensten und passendsten, wenn dabei anstatt rineS directen ein indircctes Wahlsystem adoptirt wird; so daß die eigentlichen Wahlmänner — deren Anzahl erfahrungsgemäß zu bestimmen wäre — auö einer vorher statthabenden allgemeinen Urwahl hervorgingcn. Urwähler wie directe Wahlmänncr unterliege» keinerlei CenfuS, sondern haben bloS deS Nachweises ihrer Zuständigkeit zur Gemeinde nkthig, um ihre active Wahlbefähigung geltend zu niachen. — Ein fernerer Grundsatz wäre, daß kein Vertreter der Gemeinde in mehr alS einer einzigen Conimission wirksani sein dürfe. — Dafür aber müßte eS dem Wahlmanne ftei stehen, eine und dieselbe Person für mehrere oder gar sämmtliche Comniissionen vorzuschlagen. Sollte sich dann beim Scrutinium die Wahl einer und derselben Person für mehrere Commissionen ergeben, so ist dem Erwählten freigestellt,'sich für eine ihm am meisten zusagende Thätigkeit zu erklären, in Folge dessen die ihm für andere Commissionen gewordenen Stimmen dann von selbst als nicht vorhanden zu betrachten sind. Welcher Census für die passive Wahlfähigkett nöthig ist, hängt von der Natur der einzelnen Commissionen ab, und wäre dieser auch für jede Commision besonders zn bestimmen. — Die Regelung dieser und anderer nöthigen Modalitäten müßte von einem auf breitester Basis gewählten constituirenden Eomitä geschehen. — Nachdem wir so in aller Kürze die wichtigsten Punkte dieses Vorschlags zur allgemeinen Kenntniß gebracht, verhehlen wir uns keineswegs manche bei der Durchführung deS PlaNeS zum Vorschein kommende Schwierigkeiten, doch halten wir ihn immerhin einer genauen Prüfung nicht unwürdig. Unsere Hauptabsicht bei Darlegung desselben ist es, die öffentliche Aufmerksamkeit der wichtigen Angelegenheit zuzuwenden, um sie zu einer baldigen gedeihlichen Lösung zu bringen. Wir wollen gerne hoffen, daß die Männer der Opposition bei der Wiederbelebung und Neugestaltung unserer CultuSgemrinde sich nicht minder eifrig und thätig erweisen werden, alS bei der Beseitigung und Auflösung des bisher obwaltenden System-. Zum Schluffe drücken wir wiederholentlich den innigen Herzenswunsch auS: daß zum Entwürfe eines Gemeindestatutes je eher möglich geschritten werden möge, weil jede ungerechffertigte Zögerung gar leicht zum Nachtheile der Pester Gemeinde und deS gesammten ungarischen Judenthume« sich erweisen könnte. F-n. J (%WV ) Die jüngst kundgegebene Hoffnung hat unS nicht getauscht! — Der CultuSvorstand, überzeugt von seiner eigenen Unzulänglichkeit gegenüber den veränderten, gesteigerten Anforderungen einer heranbrechenden Neuzeit, hat seinen Rücktritt in pleno beschlossen und der hohen k. Statthalterei zur F-n. Der Anblick des ebenso. prachtvollen als stattlichen Tempelgebäudes, das wir unfern Lesern diesmal vorführen, muß unwillkürlich die Aufmerksamkeit deS sinnenden Beschauers auf die Gemeinde lenken, in deren Mitte eS prangt und durch deren nachahmungSwerthe Pietät und Opfer» *

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