Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 21 (21.12.1860)
- Date
- 1860-12-21
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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—*m 162 die Vorlage deS Glaubensbekenntnisses erforderlich. — Mochte noch so oft auf die übrigen europäischen Staaten hiugewiesen werden, in welchen Juden schon im Genüsse bürgerlicher Rechte sich befanden; und mochte man mit Reckt die Feindseligkeit mancher Gegner aus anderen Gründen erklären; so bleibt es Loch unbestritten, daß im Ganzen bei der Auffassung und Behänd» lung der Judenfrage in Ungarn das religiöse Moment eine hervorragende Rolle spielte, und daß die Existenz eines die Confessionsvorlage surrogirenden Buches wenigstens nach einer Seite hin die Frage der Entscheidung näher gebracht hätte; daß hiedurch den Vertheidigern. unb Fürsprechern ein kräftiges Argument in die Hand gegeben, den Feinden und Widersachern aber ta. Boden für ihre meisten Behauptungen entzogen worden wäre. — Für die Richtigkeit dieser Ansicht möge zumeist die Art und Weise sprechen, in welcher am Landtage des Jahres 1847 8 der mehr als ein Jabr vorder erschienenen Schrift ,,Erinnerung an den erhaltenen ״Religionsunterricht. Eine Mitgabe fürs Leben an die aus der Schule ״tretende iSr. Jugend. B. L. Schwab" 1 Emlekeztetes a’ valläsban nvert nktatäsra etc. etc. Budän 1*46) von Freunden und Feinden Erwähnung geschah. Jene wiesen auf dieselbe hin als ganz geeignet, alle Bedenken über Werth und Gehalt der isr. Glaubens- und Sittenlehre zu zerstreuen, diese durch den Mund S. G.'s, des Deputirten von V. wußten nickts entgegenzusetzen, als: daß Schwab nur als Ausnahme unter ungariscken Rabbinern gelten dürfe, und es zu bezweifeln sei, ob auch die übrigen Rabbinen mit dem Inhalte dieser Schrift einverstanden feien. — Die eben genannte Schrift war auf Veranlassung, des damaligen Vorständeabgefaßt nnd mit der vom vormaligen ״Magyar. Egylet" veranstalteten ungarischen Uebersetzunz herausgegeben worden. Sowohl der Vorstand, als die eben in Pest tagenden isr. Landesdeputirten richteten an — Schwab herzliche und ehrende Tankesworte für die gelungene Arbeit. — Dieselbe ist, wie schon der Titel angibt, durchaus kein umfassendes Lehrbuch und sollt« vielmehr nach der Absicht des anregenden Vorstandes nur ein kurzes Hanrbüchlein der Sittenlehre, zunächst für Handwcrkszöglinge u. dgl. sein. — Schwab beschränkte sich jedoch nickt ^darauf ein ״Aggregar von Stttenregela" zusammcnzustellen, sondern faßt in ten drei ersten Eapiteln von Gott, dem Menschen und Israel beinahe den ganzen Inhalt der jüdischen Dogmatik, mit besonderer Hervorhebung der spezifisch jüdischen, aus die Offenbarung, die Erwählung Israels und die Messiashosfnung bezüglichen Lehren, in geistreicher Anordnung, in so präziser Forni unk mit so klarem und kernigem Ausdruck zusammen, daß eine wiederholte von Druckfehlern befreite Ausgabe in etwas geschmackvollerem Formate noch heute manchem Lehrer ein erwünschtes Hilfsmittel bieten würde. — — In rem Sinne und Geiste, der in dem Vorhergehenden sich ausspricht, lehrte und predigte und ermahnte, schrieb und redete Schwab, an heiliger Stätte, im privaten Verkehre und den Regierungsorganen gegenüber. — Darstellung der jütischen Religion als Religion des Lichtes und deS Geistes; Nachweis, daß daS Streben nach Ausbildung in Kunst und Wissenschaft, und nach Verbesserung der bürgerlichen Stellung nicht dem Grundwesen dieser Religion zuwider, daß die neben solchem Streben häufig einhergchende Abnahme der Religiosität nicht auch nolhwendige Folge desselben sei; — war ein öfter wiederkehrender Gegenstand seiner Vorträge — ״Religion und Sittlichkeit müßten nicht göttlich, nicht dem Himmel ent- ״stammt sein, wenn ihnen nicht anders aufzuhelfen wäre, als durch Herbei- ״führung der alten Finsterniß und der alten Knechtschaft, als durch Rück- ״schritte in dem göttlichen Reiche des Lichtes und des Rechtes;" ... ״DaS ״wahrhaft Göttliche, wie es die Religion Israels ist, braucht weder die ״Verbesserung unserer bürgerlichen Stellung, noch die Erhöhung unserer ״geistigen Ausbildung noch die Ausscheidung mancher Misbräuche oder die ״Herstellung gefälliger Formen im Gottesdienste zu fürchten;" — Diese und ähnliche Gedanken sühne er zu wiederholten Malen aus; knüpfte aber auch stets daran die Rüge und ten Tadel gegen Jene, die ״bei ihrem Wir- ״ken für die Verbesserung unserer äußeren Lage nichts als Menschengunst ״und Menschenbeifall vor Augen haben, und darum das Heiligste nicht ״schonen, die ehrwürdigsten Gebote der Religion verletzen und preisgeben... ״die in ckrem irrigen Eifer alles verbannt und beseitigt wissen wollen, ״waS ihnen als Hemmniß und Hinderniß, als Absonderung und Scheide- ״wand erscheint, und darum alles Eigenthümlicke und Selbstständige auf- ״geben und ftemdes Wesen und Leben annehmen.. Auf solches ebenso ״zweck- und fruchtloses״ wie unfrommes und unwürdiges Streben wendete er die Worte an: "תתיפי מאסו בך עוגביב ttvrb (Irrem. 4,30) ״Tu zierst und schmückst dich umsonst; denen du uachbuhlst, die verachten ״dich nur!" — Den Beruf des Rabbinen nur als den des Lehrers und Be» ratherS seiner Gemeinde auffaffeud und persönlich auch nur den geringste« Schein priesterlicher Anmaßung fast bis zum Ucbermaße scheuend, trat Schwab, so ihm Gelegenheit geboten war, und sie ward es oft, zumal in den Jahren 1850—1857, allen hierarchischen Bestrebungen entgegen. Wie es ihm gewiß am Herzen lag, in allen Aeußerungen an die Behörden, die er abzugeben veranlaßt war, die Ehre und die Würde seiner BerufSgenoffen gegenüber der Roheit und dem Uebermuthe persönlicher Gegner, worunter sie in manchen Gemeinde litten, zu vertreten; so unterließ er eS anderseits auch nicht der Selbstständigkeit der Gemeinden daS Wort zu reden und die Versuche zu geistlicher Gewaltherrschaft, wonach insbesondere manche jüngeren Rabbinen lüstern waren, zu vereiteln. Er wies jede Vermengung des rabbinifchen Lehrberufes mit polizeilicher Thätigkeit zurück, verschmähte zum Verdruffe mancher Himmelswächter die Hilfe weltlicher Waffen Behufs der Stärkung des religiösen Lebens und verbat sich allen Ernstes die Ermächtigung zur Führung und Einsendung von Conduitenlisten über die Lehrer, als einer der jüngsten Jünger der Orthodoxie den Antrag darauf bei der Statthalterei gestellt hafte. — Dieselbe Ansicht über Rabbiner und Gemeinde lag den Vorschlägen zur Organisation der EultuS - Gemeinden zu Grunde, welche er bereits 1850 auf Verlangen unterbreitete, so wie dem Entwürfe, welcher unter Schwab's Vorsitz über denselben Gegenstand von einer zu diesem Zwecke im Herbste 1851 ernannten Commission auSgearbeitet worden. — Ter Name Rabbiner, den Schwab geführt, macht es heutigen Tages nicht überflüssig beizufügen, wohl aber konnte der Leser, wenn er's sonst nickt gewußt, aus allem Früheren ersehen, daß Schwab auf dem Boden deS positiven geoffenbarten Judenthumes nach dessen rabbinischer Entwickelung gestanden. Er mochte als gründlicher Talmudkenner, und in dem durch Liese Kenntniß in ihm lebenden Selbstbewußtsein gewisse Min- Hag im mit anderen Augen ansehen, als mancher orthodoxe Doctor, und als wissenschaftlich gebildeter Mann wieder anders als der alte starre Zelot; er mochte ausgesprochenen Wünschen einer Gemeinde, so er einen Halt dafür fand, nicht entgegentreten, er führte darum deutsches Lied ein und gestattete den Gebrauch der Orgel; ja er mochte vielleicht weitere Reform zulässig oder gar räthlich erachten; — aber er dachte Letztere nicht anders ausführbar denn auf Grundlage der positiven überlieferten Lehre und durch eine imposante Zahl von auf gleichem Boden stehenden unbescholtenen Rabbinern oder rabbinisch Gelehrten. — Zudem waren die Einheit und der Friede in der Synagoge in seinen Augen von so hohem Werthe und hielt er das Schisma für so verderblich, daß er die von einzelne« Rabbinen in ihren Gemeinden nach Willkühr vorzunehmenden Reformen in wesentlichen Dingen nicht billigte unb den Tendenzen der deutschen Rabbinerversammlungen eben so wenig beistimmte als ihren berühmten sieben und siebzig Gegnern. Es liegt nicht in unserer Aufgabe diesen Standpunkt gegen die Angriffe, welche aus entgegengesetzten Lagern dagegen gerichtet werden, zu vertheidigen; wir müssen dies gelehrteren Männern und jenen Theologen überlassen, welche den gleichen Standpunkt einnehmen. — Wir wollten rücksichtlich Sckwab's nur die Thatsache constatiren; und haben es kaum mehr nkthig erst zu sagen, daß weder die drei von Frankfurt a. M. aus, im Jahre 1843, verkündigten ReformtheseS — gegen welche, nebenbei brmerkt, als bloS negircnd und in Rücksicht auf die Verdammlichkeit ei- - nes Schisma im Judenthume, nebst Anderen auch kr. David Eillhorn, damals in Birkenfcld, stark polemisirte — noch die auf nicht mehr positiver Basis beruhende in Berlin 1844 entstandene Reformgenossenschaft, noch endlich die im Sommer des Jahres 1848, uach dem Muster der Letztgenannten, in Pest zusammengetretene Reformgenoffenschaft Schwab's Beifall oder Zustimmung erhalten konnten. Es leuchtet vielmehr von selbst ein, daß er grundsätzliche Abrogation der Beschneidung, Verlegung des Sabbat, Läugnung der übernatürlichen Offenbarung und Definition des Offenbarungsbegriffes wie sie in dem Vorworte zu dem Berliner, in Pest adoptirten Gebetbuche enthalten ist, nicht als Merkmale einer.