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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-12-14 · 20 (14.12.1860) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
20 (14.12.1860)
Date
1860-12-14
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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—-*155 M י*•— tretet eine bestimmte Thätigkeit übernehme und versehe, und nicht leicht, wie dies bis jetzt zu sein pflegte, einen überflüssigen Figuranten abgeben könne. Außerdem ist bei diesem Systeme dem Uebelstande vorgebengt, daß bei der Wahl eine Einseitigkeit bezüglich des Vermögens oder der Jntelli» genz stattfinde; indem sich au« der Art der Function nothwendig auch die Qualifikation des Trägers derselben ergibt. Niemand wird z. B. einen Unwissenden für CultuSangelegenheiten oder Schulwesen, und ebenso wenig einen mit dem geschäftlichen Leben wenig vertrauten Stubengelehrten für die administrativen Angelegenheiten wählen können. Man wird demnach nicht mehr Ursache haben, wie bis jetzt über Mangel an Intelligenz im Vorstände Klage zu führen, und ebenso wenig werden wir der kräftigen, nickt zu entbehrenden Stutze jener praktischen Männer beraubt sein, die dem Gemeindewohl in materieller Weise den besten Vorschub leisten. — Theilung rer Arbeit, gegenseitige Ergänzung und brürerliches Zusammenwirken für das Wohl der Commune, das sind die Vortheile des eben mitgetheilten VertretungssystemS. Möge ihm die erwünsckte Beachtung und Würdigung im Publikum wie im Schoße des Gemeinde- Vorstandes nickt entgehen! Pest, am!>. November ixt',0. F-11. Nackbemerkung der Redaction. Tie im ״Pester Lloyd" vom 1l. d. M. mitgetheilte Nachrickt von der Abdankung deS gesammten BorstandeS läßt allerdings einen Theil des vorstehenden Artikels bereits als antiquirt erscheinen; um so größere Beachtung verdienen aber dann alle, die künftige Gestaltung der Gemeinde-Vertretung betreffenden Vorschläge, inag auch die praktische Thunlichkeit mancher Einzelnheit leicht angefochten werden können. — Zugleich drücken wir die Hoffnung ans, daß, wenn der bisherige ehrs. Vorstand eine Reorganisation bei der h. k. Statthalterei angesucht hat, darunter nickt einfache Neuwahl von Persönlichkeiten, sondern die Feststellung eines definitiven Statutes, deffen die hiesige iSr. Cultus- «Gemeinde eigentlich seit 1851 entbehrt, zu verstehen ist, und daß diese Feststellung des künftigen Gemeindestatutes nicht ohne Betheiligung und Mitwirkung der Gemeindeglieder vor sich gehen wird. — Dir Brbentntig drs lUtibts im modernen jüdischen /amilirnlebe» von Heinrich Reis. (Schluß.)') Als die Juden noch eine politische Gesammtheit bildeten, war der Ackerbau ihre Hauptbesckäftigung. Und diese Beschäftigung war es eben welche Mann und Frau, falls sie das Gedeihen ihres HauSwesenS anstrebten, in die innigste Wechselbeziehung bringen mußte. Ja, wir können sogar behaupt teil, daß die Frau, obwokl sie im öffentlichen Leben gar keine (?) Bedeutung batte, dieselbe in! häuSlicken Wirkungskreise in einem desto höhern Grade besaß; wie unS z. B. Salomo die Wirksamkeit einer Frau, der damaligen Ansckauungsweise enffprechend, so trefflich schildert. Das gemeinsam zu erftre bende Ziel mußte beide Gatten auck innig vereint stets auf gemeinsckaftlichem Wege finden. Wir können eS bei dieser Gelegenheit nickt unterlaffen zur Bekräftigung unserer Ansickt die Worte Guizot's anzüführen, welche derselbe bei Besprechung des Feudalsistems in seinem rühmlickst bekannten Werke: ״Geschickte der Civilisation in Frankreich" ausspricht. ״So oft der Mensch in eine bestinimte Lage gebrackt wirr," sagt der geistreicke Versaffer, ״entwickelt sich der Tkeil seiner moraliscken Natur, welcher dieser Lage entsprickt, stärker in ihnt. Ist er gezwungen für gewöhnlich im Sckooße seiner Familie an der Seite seiner Frau und seiner Kinder zu leben, so kann es nicht fehlen, daß die Begriffe und Gefühle, welche in Harmonie mit diesem Lebe» nehen, sick entwickeln. und eine große Herrschaft über ihn gewinnen." — Dasselbe gilt nock von der jüdischen Nation, auch nachdem ihre politische Bedeutung sckon längst aufgehört hatte und ihre Nationalität nur noch auf einer geistigen Basis gegründet war. HinauSgestosien in die Fremde, gehaßt, verhöhnt, veFolgt, recktloS, nickt einmal im Besiye einer Scholle, um sein lebensmüdes Haupt daraus zu betten, blieb dem Juden auf GotteS weiteni ,1 Liebe Nr. l:>. Erdenrunde nichts, als — eine ruhmreiche Vergangenheit und der enge Kreis seiner Familie. Er allein war die Zufluchtsstätte, die dem Geächteten blieb, dem eine lieblose Mitwelt das Kainszeichen auf die Stirne gedrückt. Sobald er den häuslichen Herd umfaßte, war er vor dem Hohne geborgen, war er wieder glücklich — frei. Was Wunder alfo' daß er diesen einzigen ihn! übrig gebliebenen Zufluchtsort immer mehr und mehr lieb gewann und Alles aufbot sich denselben mackellos zn erhalten. Doch Jahrhunderte! haben sich bereits zu Jahrtausenden an einander gereiht, seitdem Israel mit dem scharfen Pfluge den heimathlichen Boden durchfurchte; zum großen Theile, wenn auch noch nicht ganz, ist jener mittelalterliche Fanatismus überwunden der bas freie, auserwählte -Volk des Herrn in die dumpfe, tödtliche Atmosphäre der Erniedrigung und Knechtschaft hinabgedrückt, und wieder sind wir in die lichtvollen Reihen der gleichberechtigten Menschheit «»getreten. Die Intoleranz vergangener Jahrhunderte hatte unS von dem Pfluge, von dem heimathlichen Boden in daS stürmische Gewoge des geschäftlichen Lebens hinausgesckleudert und uns zugleich jeden gesellschaftlichen Hafen verschloffen, so daß wir nur in den heimlichen Buchten des Familienlebens die j nvthwendige Ruhe finden konnten. Der erleuchtete Zeitgeist nnsneS Jahr- ' hundertes hat,uns wohl wieder Pflug und Boden wie auch die Häfen der Gesellschaft frejgegebe»; allein, indem wir diese köstlichen Güter gewinnen, stehen wir in Gefahr bei weitem kostbarere Schätze zn verlieren. Angesichts der grünenden Fluren, die uns so freundlich entgegen winken, sind wir int Begriffe den Kompaß, der uns auf den pfadlosen Wogen des Drangsals den rechten Weg gezeigt, — die Religion, — als nunmehr unnützen Ballast über Bord zu werfen; angesickts des weiten vom bunten fröhlichen Gewirre bewegten Hafens könnten wir so leicht jener engumschlosienen und friedlichen Buchten vergeffen, wo wir im geräuschlosen Familienglücke so gern und behaglich von den Mühen deS Lebens ausgeruht, kurz, das jüdische Familienleben, welches Jahrtausende hindurch, theils durch das tief im Innern begründete religiöse Gefühl, theils durch die beschränkenden socialen Verhältnisie eine Nothwendigkeit geworden war, droht in den Errungen׳ schäften der Neuzeit unterzugeben, und Israel würde demnach das Jahr׳ Hunderte hindurch treulich bewahrte und seine Lebenskraft erhaltende sittliche Prinzip, daS ihm unter allen Verhältniffen Halt und Kräftigung verliehen, sein aus tausendjährigen Stürmen gerettetes Palladium, die Reinheit des Familenlebens, vielleicht für immer verlieren, und waS dem finstern fanatischen Haffe des Mittelalters nicht gelungen, dürfte das Werk der voruttheilSftrien Humanität der Gegenwart sein; daS Judenthum würde nun auch moralisch verfallen, nachdem es schon längst seine politische Bedeutung eingebüßt. , ( Einer solchen drohenden Gefahr vorzubengen, müffen nun alle Mittel"' und Hebel in Bewegung gesetzt werden. Dem sittlichen Prinzipe der jüdischen Gesellschaft, der Wohnstube, droht Verfall; nur die Pfeiler derselben die Frauen, können ihn verhindern. — Wahrlich, eine Aufgabe von solch hoher Bedeutung, wie sie keinem andern Faktor der Gesellschaft zukommt. Wohl stehen sie nock fest die Pfeiler der Wohnstube in Israel, Wohl Waltet noch daselbst die fromme, züchtige Hau-frau, emsig schaffend, ordnend, aufmunternd, liebend, sänftigend. Aber, wer bürgt uns dafür, daß das durch die Flut der veränderten Lebensverhältniffe vom Manne getrennte, verein׳ samte Weib noch ferner Kraft besitze» wird, die ganze Wucht des sittlichen Prinzips zu tragen. Wird nickt auch sie ihr Theil begehren von all de» Bergnügungen und Zerstreuungen, die außerhalb deS Bannes ihres Hauses ihr so bunt und duftig entgegenblühcn? Und wenn sie schon allen diesen Lockungen widersteht, wird es ihr auch gelingen, das durch die Verhältnisse gelockerte Band des Familienlebens so fest wie einst uni den Gatten zu schlingen, daß er an ihrer Seite alle die laug entbehrten, sich ihm nun in Fülle darbietenden Genüsse der Gesellschaft freudig entbehren wird, um nun nock ferner im Vereine mit ihr für die Reinheit und das Heil deS Hauslichen Herde« zu streben? Mit fester Zuversickt geben wir nnS einer solchen Hoffnung hin, wenn Israels Töckter ihren edlen Müttern gleichen wollen, die jederzeit ihren Gatten treu und liebevoll zur Seite standen, gute und böse Tage gewissenhaft mit ihnen theilend; Trost und Ermunterung spendend in den trüben Stunden des Unglückes; zum Dank and zum freudigen Aufblicke ermahnend in den wenigen Augenblicken de« Glücks; wenn sie gleick ihnen durch ihr mackelloses, aufopferndes Leben in ihren Kindern das zun! Guten begeisternde Gefühl kindlicher Pietät erwecken und zurücklaffen werden. *

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