Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 19 (7.12.1860)
- Date
- 1860-12-07
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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149 h— ftn, wenn es dem Berlaffenen ermöglicht werden sollte, seinen letzten Athem da auSzuhauchen." — ״Aber, sagte ich, wie ist es möglich diesen Uebelständen allen zu begegnen? ״Nichts Leichtere«, entgegnete mein wackerer Wirth, etwa« weniger Eigendünkel und Sonderstreben, etwas mehr Gemeinsinn und Menschenliebe, und der Schlüffcl zu diesem Gehcimniffe ist gefunden. — Bei unS z. B. existirt dir ״heil. Brüderschaft" nicht mehr. — Die Verpflichtung sich wechselseitig im Leben beizustehen, und im Tode den letzten Liebesdienst zu erweisen, ist ein Bündniß, das die ersten Menschen schon, als sittlichvernünftige Wesen, stillschweigend eingingen, und das durchaus nicht gelöst werden darf, ohne das heiligste Anrecht der Menschen auf einander zu verletzen; wozu also eine abgesonderte Gesellschaft? Ich muß lachen, unterbrach er sich selbst, wenn ich mich erinnere, wie ssrüher Mancher unter unS, wie daS noch immer in andern Gemeinden der Fall ist, mit einem gewisien stolzen Bewußtsein zu sagen pflegte: ich bin ein Chewra-Mann. Bei unS ist jedes Gemeindeglied Chewra׳Mann. Der Gottesacker und das Krankenhaus sind je einem Vorsteher überwiesen. Bei einem Sterbefall werden von diesen! die nöthigen Personen zu dieser traurigen Funktion aus den Gemeindeglie» dern nach gewisser Reihenfolge bestellt. Wird Jemand krank und verlangt inS Spital, so ist die Anzeige bloß bei diesem Vorsteher zu machen, der im Besitze des Bettenverzeichniffes, dem Kranken ohneweiters die Aufnahme gestattet, so nur über ein Bett zu verfügen ist; widrigen Falles, der Kranke einstweilen in ein Privathans unterbracht wird, bis die Aufnahme , im Spital selbst ermöglicht ist; die Krankheit mag von welcher Art immer sein. — Es ist haarsträubend, wenn man oft hört, daß einem Kranken die Aufnahme inS Spital verweigert wird, weil sein Nebel ein langwieriges ist; wo soll der Arme denn Hilfe suchen, wenn nicht bei seinesgleichen! — Ist nun der Kranke einmal unterbracht, dann erst wird dem Arzte die Anzeige gemacht, dessen einzige Aufgabe ist — zu heilen. 4) — Bei diesen Worten sah mein freundlicher Wirth nach der Uhr. ״Ach, vergeben Sie, lieber Herr, sprach er behend aufstehend. Sie sind sicher von der Reise ermüdet, und ick ermüde Sie mit meinem Geschwätze noch mehr." Gern hätte ich noch manche . Frage an ihn gerichtet, allein er sprach höflich ausweichend: Morgen ein MehrereS, begleitete mich bis zu meinem Zimmer und verließ mich. (aui •R06S1(duHq.) Michael La;ar Biedermann wnrde zu Preßburg am 13. August 1769 von mittellosen Eltern geboren. Zur Erlernung rer Gravirkunst kam er 1784 nach Wien, und brachte e« durch Fleiß und Ausdauer dahin, daß er 1787 den zweiten Preis im Wachspoussiren mir 1789 den zweiten Preis in der Graveurkunst erhielt. Der Beifall, den seine Arbeiten bei Hofe fanden, verschaffte ihm 1792 die ״Toleranz" und die Bewilligung zur Ausübung seiner Kunst in Wien. — Emsigkeit, Scharfsinn, Unternehmungsgeist führten ihn auf auSgedehntere Gebiete industrieller und geschäftlicher Thätigkeit, wobei ihn Musterhafte Rechtschaffenheit stets auSzeichnete, Gottes Segen ihm zu Theil ward, und in welchen er Gelegenheit fand, echt patriotische Hingebung als Staatsbürger zu bekunden. B. war einer der Ersten, der den Exporthandel mit österreichischer Wolle begründete; er leistete bei Gelegenheit der Entdeckung einer Bankozettel-Fälschung im nördlichen Deutschland, als vom damaligen Finanzminister Grafen Zichy erwählter Commiffär, ersprießliche Dienste; streckte dem Staate zur Zeit deS französischen Krieges unverzinsliche Capitalien vor und stellte im Roth- und Hungerjahre 1817 Gctreidevorräthe und baareS Geld für wohlthätige Zwecke zur Verfügung, mit Berzichtleistung auf Gewinn und Zinsen. Unvergeßlich bleibt Biedermanns Wirken in der und für die!Sr. Gemeinde Wien'S, deren Vertreter und Repräsentant er seit 1806 eine Reihe von Jahren hindurch gewesen. — ״Alles was seit jener Zeit ״geschehen ist, ist durch ihn und mit ihin geschehen. Er gehörte zu denjeni- ״gen Persönlichkeiten, die einen Gedanken init aller Lebendigkeit erfassen und ‘) Dar ebremvertbe gastfreundliche Mitglied der Gemeinde ״Utopien" verkennt toobl die eigentliche Bestimmung eines .te rankenhau sc«, welche« er mit Siechen ׳ bau« zu verwechseln scheint, unk stellt, nach uiiserer Meinung, Ansorderuiigen, denen bei dem besten Willen, weder in dein einen noch in dem anderen ganz entsprochen wer den kann. — Äuch da« wegwerfende Unheil über ״Ebewrah Kedischa" möchten wir nicht unterschreiben. (Red) ״ihre g rn^e Kraft daran setzen, ihn zur That zu machen." —׳ Im Jahre 1807 begr^detc er den Siechenfond; 1812 entstand durch ihn in Berbindung mi^G. L. Edl. v. HofmaniiSthal die iSr. Religionsschule, für deren SchW^r Stipendien im CapitalSbettage von 6500 fl. C. M. stiftete; ihm verdamk^per Pensionsfond für Gcmcindebcamte die Entstehung, daS Spital Mn Emporblühen; und an seinem 70. Geburstage begründete er den ly'aisenfond mit 7000 fl. C. M., den seine Kiiider mit 4000 fl. C. M. verniehrten. — Mehr als Alle« aber sichert ihm ein bleibeiide« Andenken, nicht nur in der Gemeinde in der er gelebt, soliden, in allen Gemeinden der Monarchie, wo beute geregelter Cultus besteht und daS Wort Gotte« in reiner Sprache gelehrt wird, der glaubenSfreudige Eifer, die rastlose energische Thätigkeit, womit er vorzugsweise daS Entstehen de« Tempels, die Einrichtung eines zeitgemäßen EultuS gefördett und die Aufnahme deS ausgezeichneten Kanzelredners Mannheimer veranlaßt hat. Am 24. August 1843 endete Biedermann sein thatcnreiches Leben, tief betrquert von allen Meiischenfteunden und insbesondere von der Wicnex Gemeinde, zu deren ansgezcichneten Mitgliedern noch beute mehrere seiner Nachkommen zählen. sEine Enkelin desselben, geb. v. Wcrthcimstein ward vor Kurzem dem Herrn Moritz Ritter v. Königs Wärter vermählt.) ,»,Biedermann ist nicht mehr!" — so lanteten die Worte seines Nekrologes; — ״er fühtte diesen Name» nicht nur, er war eS auch."... ״Er prunkte nicht mit seinen Edelthaten, aber alle Unglücklichen kannten ihn ״und nannten segnend seinen Rainen." /Nach G. Wolf: Geschichte je. rc. und nach Reich. Beth El II. Heft) Pest- 8. Von Seite der geehrten Direction der hiesigen'isr. Muster- Hauptschule und Lehrerbildungsanstalt ist unS ein Schreiben in Ackgelegenheit der am 2. d. M. eröffneten Suppen an st alt für iSr. Lehramts-Candidaten zngegangen, welche« wir zu unserem Bedauern, auS Mangel an Raum, nicht mehr seinem, ganzen Wortlaute nach mitthcilen konnten, dessen wesentlichen Inhalt wir aber, im Hinblick auf den humanen Zweck desselben, unseren Lesern hiemit zur Kcnntniß geben niüffcn. — Nachdem der Herr Direktor in warmen Worten dem chrw. Herrn Oberräbbiner, dem ehrf. Gemeinde - Vorstande und den übrigen Menschenfreundlichen Gründern und Unterstützern der Suppenanstalt seinen und der Zöglinge Dank ausgedrückt, spricht er die Hoffnung aus, daß e« gelingen werde, das ״schön begonnene WohlthätigkcitSwerk" zu vollenden und die Suppenanstalt zu einer vollständigen Speiseanstalt zu erweitern, worin den hilfSbedüiftigen Candidate» ״eine ihrem Alter und ihren Leibe«- kräften entsprechende Kost verabreicht werden könne." — Möge diese Hoffnung bald erfüllt werden! (Privatmittheilung.) Eine isr. Taubstummkllschule in Pest. Wir fühlen nnS verpflichtet, den zahlreichen Lesern Ihres geschätzten Blattes die interessante Nachricht mitzntheilen, daß Herr Heinrich ReiS, Klassenlehrer an der hiesigen i«r. Musterhauptschule, dieser Tage von der h. königl. ungarischen Statthalterei die Conccssion zur Errichtung einer iSr. Taubstummenschule erhalten hat. Unter Einem ist derselbe zum Lehrer der Taubstummen-UnterrichtSmethode an der hiesigen Lehrerbildungsanstalt ernannt worden. Unsere- Wissenist diese Anstalt die erste in Ungarn, und wird sie gewiß von allen ung. iSr. Eltern, welche daS Unglück haben, taubstumme Kinder zu besitzen, mit Freuden begrüßt werden. Dem Vernehmen nach hat Herr ReiS auch wegen der Verpflegung auswärtiger Zöglinge die nöthigen Vorkehrungen getroffen und wird er seine Wirksamkeit nur auf eine geringe Anzahl aron Zöglingen beschränken, uni dadurch desto bessere Erfolgt erzielen zu können. WaS den Unterricht selbst betrifft, so wird derselbe nicht nur in der Gebcrdensondern vielmehr vorzilgSweise in der Tonsprache erthcilt, so daß die Zöglinge bei der Erkernung der Elementargegenstände die möglichste Ausbildung im Sprechen erhalten. — So möge denn diese junge Anstalt zum Heile der Menschheit ihre Wirksamkeit beginnen, begleitet von den innigsten Segenswünschen aller Menschenfteunde, und möge der wackere Unternehmer die ihm gebührende Anerkcnnnng und Unterstützung finden. 82.