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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-11-16 · 16 (16.11.1860) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
16 (16.11.1860)
Date
1860-11-16
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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Winkel verlegt hat, die eine Literatur geschaffen, die sich allen ankern von mächtigen und großen Nationen getragenen an die Seite stellen kann, daß diese Freiheit euch abgenommen, daß ihr Sklaven eines schädlichen Systems geworden, daß euern Schulen Bücher, Lehrmethoden und Organisationen aufgedrängt und octroyirt worden sind, die alle übrigen Confcssionen standhaft und mit Erfolg von sich gewiesen?*) Ist dies kein Eingriff in eure wahr» lich wohl erworbenen und von einer Weltgeschichte garantirten Rechte? und hat man nicht Gemeinden Wahlmoden aufgedrängt, ihren gefaßten Statuten ohne allen Grund die Sanction verweigert, nicht Vorsteher eingesetzt, die das allgemeine Vertrauen nicht für nothwendig erachten, nicht suchen und nicht besitzen?! Seid würdig der Freiheit, und Ihr werket ihrer gewürdigt werken. — Seine Majestät unser glorreicher Monarch will das Wohl seiner Völker; aber vor Allem müffen die Völker es wollen, müsien vWünsche hegen, und sie männlich vorzubrinzen wiffen. — Möge die große Gemeinde Pest, nach der alle Augen gerichtet sink, kie Fahne ergreifen unk uns um sich schaaren, möge sie alle Gemeinden zur Beschickung einer gemeinschaftlichen Berathunz kurch ihr mächtiges Won auffordern, gar manches liegt Manchem auf dem Herzen, das allgemein Wikerhall sinken würre. — Wir Juden verständigen uns bald; das wahrhaft Praktische, kas Gemeinnützige, das rem Geiste des Iurenlhums Entsprechrnke, hat neck immer unter uns Anklang gefunden, und hoffentlich werken auch riefe WoNe nicht srurlcs verhallen. <Ircnwartein, im ilercber t»;<>. -1. •S. •frieftman 11. Dit (Cmigrantcnfamilic. Zckluü.- *■ >iur; nachdem kie traulich ernste Unterredung zwischen kein Vorsteher unk seinem Sohne stattzefunken hatte, gerietb rie gesammte Gemeinde in rie größte Bewegung unr Aufregung. Gerüchte folgten auf Gerüchte und Beratbungen auf Beratbunzen. Gegenstanr tiefer beständigen Kundgebungen war Abraham -stöhn! — Man glaubte allgemein, er habe sich in der Purimnacht ins Wasier stürzen wollen, unk rast cr jetzt nach Amerika auSzuwandern beabsichtige. ' Wir wiffen indessen reckt gut, in welcher Art von Wassergefahr er sich in ker Purimnacht befunden, und welchem Lande freierer Institutionen er seitdem zustrebte. — Was rie Berathungen belangt, rie seinetkalben cinzelcitet .wurden, so s ncen solche zuvörderst auf eifrige Anregung Leopolds unter den jungen Leulen statt: ferner in Folge der Einladung Abraham Stern's unter den Verleelern der Gemeinde, lleberdieß >>:elt auch der weibliche Tkeil der Bevölkerung aus eigenem Antrieb-so lange regelmäßige Sitzungen ab, bis ras Herannahen der besckäftigungsreicken Peßackwoche denselben Einkalt gebot. Unterdeffen wurden im Hause des Emigranten rie nötbigen Anstalten nr Ueberstedelnngplme jede Störung und mit allem erdenklichen Eifer betrieben. Alles unterwarf sich gefügig rem Wunsche res Hausvaters, und gab sich Müde, jeden Schein res -Kummers über rie bevorstehende Teennung von gewohnten Dingen und Verhältnissen zu unterdrücken. Sogar Esther gelang es, ihre Traurigkeit unr Beklommenheit vor den Augen der Ihrigen verbergen. — Tas Peßachiest war herangekommen. Es' wurde mir besonderer Rühring, Innigkeit und Pietät im Haute des -Emigranten begangen. — So viele religiöse Momente, die riefe Feier in Errinnerung brachte, waren ganz vefonders auf ihre eigenrhüinlicke Lage anwendbar., — Wollten dock auch sie das Land rer Unterdrückung verlassen, wie einst rie Vorab-en ließ gelhan. — Strebten ja auch sie in eine neue, freie Heimalh zu kommen, in ein Land, wo Milch und Honig"fließt. — Beim Rui, zu Ende der Hagada ״leschcno kaboo bijruscholaim" mußten sie ja unwillkührlick an ihre Zufluchtsstätte, Ungarn, renken. — Die—Serernäckke unr rie ersten Peßacktaze waren vorüberzegangen, eben so der Chol-bamoer mir seiner balbrestlichen Erregtheit unr kalb werktäglichen Geschäftigkeit.' Abrabam stobn uvr rie Seinen waren im Geiste 1 Wir können iin* mit obiqer Bemerkung de» geehrten Einienrer« nickt ein rernauden erklären. Plan und Lvtl.-mlongkeir in nickt Lebrtreibeil und die benere »*enaltung vieler unterer Brlksscknleu ist tankend anzuerkennen. —! etied.) י Lieb: Ar. < IO, 11, 12. 1:1, U 1t. J.־>. Hhon weit weg aus den Mauern de- Städtchens. Noch viel weniger als in, den früheren Jahren ihrer Zurückgezogenheit hatten sie jetzt Augen und Ohren für das, was in der ״Gaffe" zu sehen und in den Stuben zu hören war. — Unbeachtet ließen sie die ״RandarSsöhne und Töchter" die aus den umliegenden Dörfern zu Besuch, zur Unterhaltung oder zu zufälligem Beschauen und Besprechen in die ״Khille" kamen; unbeachtet alle die Heirathsprojecte, deren erste Fäden da angeknüpft oder die durch. Verlobung zum Abschluß kamen, ja sogar unbeachtet die Kutsche, welche diese Woche täglich des Morgens 9 Uhr am ״Herrenhause" an der Ecke, da wo man vom ״Ring" in die Gaffe geht, hielt, und keinen Geringeren gebracht hatte, als den gestrengen Herrn Oberamtmann, mit seinem Amtschreiber und Amtsdiener, der vom nahen Torfe, dem herrschaftlichen Amtssitze in das Städtchen gefahren kam, um da im Gemeindchause, gemeinschaftlich mit dem jüdischen Vorstände, amtlich Richter und Geschworene genannt, erledigte Familicnstellen zu vertheilen, Steuerrückstände einzutreiben, säumigen Ccntribuenteu Exekutionen in's Haus zu schicken und so noch auf verschiedene Weise für das Wohl der Geineinde Sorge zu tragen. — Alles das existirte für Abraham .stöhn und die Seinen diesmal noch weniger als sonst. Es war endlich der Sabbat herangekommen, mit dem der Peßach zugleich zu Ende ging, der. letzte Sabbat, den sie auf mährischem Bodeu zu begehen gekackten. — Mit diesem beengenden Bewußtsein setzte sich die Familie׳ stchn's zu Tische. Nickt ohne Wehniuth sprach der Vater den Segen üben den Wein und die Brode, und nicht ohne tiefe Ergriffenheit stimmten die Hausgenoffen ein. Eben als die Eeremonie beendigt wgr, trat der alte Diener der Gemeinde, Reb. Chain! ein, und legte unter dem üblichen Savbakgruße eine Schrift vor den Emigranten nieder; worauf er sich ohne auf eine Antwort zu warten' eiligst entfernte. Abraham stehn war über dieses auffallende Benehmen des Gemeindekieners anfänglich betroffen, dann empört. Er erblickte darin eine neue Beschimpfuug und Ehrcnkränkung seiner Person von Seiten -des Vorstandes ker Gemeinde. ״Ist es schon jemals erhört worden" rief er in bitterer Erregtheit aus, ״ist es schon erhört worden, daß man Einem am Sabbat eine Rechnung zuschicki? — Das erlaubt man sich nur mir gegenüber! Oder glaubt man vielleicht, daß ick mich ohne zu zahlen aus der sthille schleichen werde?" — ״Abraham mein stink," fiel Hanna beschwichtigend ein. ״Wie kannst du nur so übereilt urtheilen? Es wird nickt so arg sein! — lies doch erst waS rie Schrift enthält, ehe du dich solchem Aerger überlassest." ״Lies du nur selbst, wenn du willst, ick mag die Schrift gar nicht in meine Hände nehmen. Sieb' nack, was ihnen von mir kommt nnd ick wills gleich nach Habdala hinschicken." — ״Ick habe meine Brille nickt bei der Hand" crwiederte Hanna verlegen, dann an Joseph gewendet, sagte sie: ״Sieh' du nach, mein stink, kn hast, Gott sei Dank, bessere Augen als wir." stauni durchflog Joseph einige Zeilen rer Schrift, als er in freudiger lieber-- raickung ausrief: ״Das ist ja keine Rechnung!" — ״WaS denn ist es?" fragten sämmtliche Hausgenossen wie aus einem Munde. — ״Diese Schrift ist — ein Protokollsauszug — vom Oberamte — der Baker bätVfie ״Familie" erhalten!" ״Was, rie Familie? ich die Familie erkalten! Was fällt dir nur ein, Joseph!" rief Abraham, ״ich habe mich ja gar nicht um rie Familie be werben, feit — weiß Gott wie lange. Tas ist nicht möglich, Joseph!" ״So lies cs laut, lieber Bruder, sagte Esther, kamst man sicher weiß was es ist. Joseph willfahrte feiner liebeuswürkizen Schwester unk las: Protokollsauszug Nr.... ״Da sich zur Erlangung der kurch ken Tod des Familianten N. N. ״am... Ist... in Erletiguug gekommenen Familienstelle suh Nr.... kein ״einziger Bewerber gemelret hat"... ״stein einziger Bewerber? hast tu reckt gelesen, Joseph?" Von Wort zu Wort wie es steht, sagte dieser, worauf er zu lesen fortfuhr: ״so hat das löbl. Oberaml auf Antrag des Richters ״und der Geschworenen rer D.... er Iuden-Gemeinde genehmigt, kie be- ״sagte Familienstelle rem käsigen Familientensohne Abrabam stöhn- ״Auf Antrag der Richter unr der Geschworenen?.. mir?!" ״So ist es, lieber Vater, höre nur Wester an"... ״Dem käsigen Familiantensohne Abra- ״Hain stobn, in Anbetracht, daß selber von unbescholtenem Cbaracter, daß er zu ״allen Steuern und Lasten seit Jahren nach straft und Gebühr beiträgt, z» ertkeilen, nnr ist besagter Abraham stöhn hievon ohne Verzug amtlich zu verständigen." —

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