Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 16 (16.11.1860)
- Date
- 1860-11-16
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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123 נ!— »!>— persönlichen herzlichen Verkehr nnd deren materielle und moralische Stellung nach Kräften schützend und fördenO. — Welchen großen Antheil Schwab an dem Zustandekommen des Tempelbaues und an der Bereinigung der überwiegenden Mehrzahl zu dem einen Gotteshause gehabt, könnte auch von dem oberflächlichsten Beobachter nickt geleugnet werden. — DaS Verhältniß, welches in dieser Beziehung bei seiner Ankunft obgewaltet, haben wir bereit« flüchtig erwähnt. — Zwei Synagogen, deren eine vermög Alter und Herkommen die Suprematie beanspruchte, deren andere, auS einem Chewra-Minjan entstanden und durch eine Actiengesellschaft gegründet, i. I. 1834 an die Gemeindeverwaltung übergegangen, und so der großen Synagoge an die Seite gestellt worden. — Doch war diese Gleichberechtigung — wir möchten sagen — nur im Gemeindebudget ausgesprochen; in der Volksmeinung war noch immer das alte Gotteshaus die Haupt-Gemeindesynagoge geblieben und galt der neue Tempel als schismatischeS Minjan. Thatsächlich gleich gestellt war Letzlerer erst als ein Rabbiner dort die Kanzel betreten, den Gottesdienst daselbst regelmäßig besucht, als die Alten häufig den Predigten des neuen Rabbiners beigewohnt und als endlich der alle Fractionen der Gemeinde umfassende ״heilige Verein" feinen alljährlichen feierlichen Gottesdienst an! Vorabend des ״Rosch-Chodesch Adar" au« Anlaß der RabbinatSbesetzung nun auch abwechselnd dort begangen. — Schwab'S persönliche Stellung anlangend, konnte dieses Verhältniß nur ein erwünscktes genannt werden, weil seine Beziehung zur gesammten Gemeinde dabei eine ungestört freundliche blieb, während jeder aus welche Weise immer bewerkstelligte Versuch zur Vereinigung die Entfremdung einer, wenn auch noch so kleinen, Fraktion zur nothwendigen Folge haben mußte. —!Fonsetzung folgt.) Ei» ernstes Wort. Das hochwichtige und trotz der seit Monaten anhaltenden gespanntesten Erwartungen noch imnier unerwartet gckomniene Ereigniß der Regeneration unseres Vaterlandes, das in allen Schichten und Klaffen die ftcudigste Erregtheit hervorgeriifen, die fteutigsten übersckwenglichsten Hoffnungen geweckt, alle Patrioten zu neuer Thatkrast, zu neuem Nackdenken, neuem Fühlen und Wollen begeistert hat, an deffen naturgemäßer Fortentwickelung fick thätig zu betheiligen Jeder, der zum Ganzen gehören will, deu innigsten Wunsch hegt, tritt auch au uns Jude» heran, und rüttelt nnS aus dem vcgetativen Stillleben, dem wir uns so wonniglick süß in die Arme geworfen, und in deffen Wachscklummer wir uns so behaglich wohl gefühlt, mit unwirerstehlicher Kraft, und fordert auch uns gebieterisch heraus in die offene Scene, damit auch wir eintreten in den Chor, uns betkätigen an dem großen Concert, wo jeder seine Kraft, seine Gesinnung, seine Meinung und Ansickt offen an deu Tag legen, und zu den! großen Ganzen Mitwirken ninß, wenn er nicht über sick völliges Vergessen, völliges Gering- und Nichtbeachten ergehen, sich lebendig nickt einsargen, oder als lebendige Mumie, auS der der Geist schon längst entschwunden, inmitten des bewegtesten Lebens nicht umher wandeln will. — Wenn aber eine Nation nicht als organisckeS Ganzes handelt, wenn ihre einzelnen Glieder und Bestandtheile auseinandergehen und nicht Zusammenwirken, nicht einig auf ein Ziel lossteuern, ihres innerlichen Zusammenhanges, ihrer Gesammtbestimmung, des Geistes, der sie zusammeichalteu soll, unbewußt, nur immer sich, nie das Ganze, Große, das Unwandelbare vor Augen haben, dem Ganzen keine Achtung zu verschaffen, ihm keine Cpfer zu bringen, sich ihm nicht zu unterordnen verstehen, Alles nur auf sich, auf ihr unendlich kleines Ich zu beziehen gewohnt, in sich die ganze Welt aufgehen lassen wollen; dann ist solche Nation todt, und verdient ein derartiges Geschlecht, in dem solche Erscheinungen vorwiegend, eingescharrt zu werden — aber nicht zu seinen gottbegeisterten Vätern, und in das Nichts zu versinken, in daS eS sich zu verflüchtigen den einzigen Ehrgeiz hat.— Ja, unsere Generation, — ich rede von unS Juden der Jetztzeit, und speciell von uns, die wir in dem gesegentesten aller Länder, iu dem Ungarn, wo Milch und Honig fließt, seit einigen Jahren ein Schlaraffenleben führen, den Materialismus, das leibliche Wohlbefinden, den ungestörten Genuß und die behagliche Ruhe über Alles setzend, in ein geistigeS Verkommen gerathen, in ein schleppendes Siechthum verfallen, — un* fere Generation ermangelt alles SelbstbrwußtseinS, leidet an einer geistigen Auflösung und Zerbröckelung, die für daS Ganze nur Gefahren nnd Unheil, nur Verderben und gänzlichen Verfall in sich birgt, und die, gleich allen an Organismen sich anhängenden bösartigen Uebeln, nicht nur dem Ganze», soudern auck jedem Einzelnen unheilbare Wunden schlagen. Ja überwiegend, und fast ausschließlich, mit Hintansetzung alles Edleren in uns, mit Verleugnung unserer ruhmreichen Geschichte, mit einer zur Schau getragenen Gleichgilttgkeit für unsere große, auS der dichten Finsterniß Jahrtausende anhaltender Nackt zu unS glänzend und unvergänglich herstrahlenden Vergangenheit, war unser ganzes Streben und Leben, unser ganzes Trackten und Achten nur auf die eine Frage gerichtet: dürfen wir Häuser kaufen, dürfen wir ün« Grundstücke aneignen? — Das Berständniß aller andern Zeitftagen ist unS abhanden' gekommen, und nun, nachdem wir gesättigt, nachdem unsere heißen Wünsche beftiedigt, unserm Geld der erflehte erweiterte Spielraum gewährt, wir uns im Raum auSd'ehnen können, kümmert es wohl einen noch: wie steht es mit unfern geistigen Interessen? wer vertritt unS, wer führt unS an, wer antwortet in unserm Namen auf den Apellruf des neu und mäcktig erwachten Zeitgeistes, der zu neuen Thaten, neuem Aufschwung, zur Verbrüderung, zur Verjüngung die 'Nationen begeistert? — in was besteht unser gemeinsanieS Handeln, wo verkörpert sich der leitende Gedanke, der uns Juden beseelen, und die Handlungen eines jeden Einzelnen zum gemeinsamen Endzweck dirigiren soll? — Ja wir verkennen nickt die große Bedeutung, die geschichtliche Wichtigkeit der von keiner äußern oder inner» Macht eingeschränkten Religion«- fteiheit, deren.sich das Judenthum seit seiner Zerstreuung in seinem Innern erfreut hat, und die es vielfach entschädigt für den Entgang der politischen Rechte; und die große Mehrheit unter uns, wenigstens unter den Denkenden, würde noch heute alle Gleickstellung, alle Errungenschaften über Bord werfen, um damit unsere Gewiffensfteiheit, wenn diese gefährdet wäre, zu retten, und wir reden auch nicht das Wort der Einführung irgend wie immer gearteter hierarchischer lieber- und Unterordnungen, die das Judenthun! in seinen Grundvesten zu erschüttern geeignet wären. Aber was wir wünschen, ist: ein freiwilliges einheitliches Kundthun unseres principiellcn Lebens, die Schaffung von Organen und Institutionen, wodurch der jüdische Gedanke, zu seinem wahrheitsgetreuen, naturgemäßen Ausdruck käme, damit dieser einen, Läuterungsprozeß zugeführt, von den, seinen Ken» verhüllenden und entstellenden Scklacken gereinigt, sowohl nach innen belebend und erhebend, lichtend und sichtend wirke», als auch nach außen in seiner vollen Glorie strahlen, und dem Jutenthum seine ihm gebührende Achtung und den Rang verschaffen soll, der dem Märtyrervolk, der Nation, die für die Wahrheit und Freiheit Jahrtausende lang geduldet, die über den ganzen Erdball Spießruthen getrieben avurde und doch ihre Menschenwürde nie verläugnet nnd nie verrathen hat, mit Fug und Recht gebührt. — Noch ist unsere Dulderkraft nicht erschöpft, noch steht sie da in ihrer ursprüngliche» Starke, gestählt gegen jeden Angriff, und wir werden unser Palladium, die Gewiffensfteiheit, die zur vollen Bedeutung nur im Judenthum gelangt ist, noch immer gegen jeden Angriff von Außen sowohl als nach innen zu vertheidigen wiffen, jedenfalls ihr alle irdischen Güter zum Opfer bringen. — Oder glaubt ihr etwa, daß die Gefahren für imnier beseittgt sind, weil der Horizont jetzt nickt umwölkt ist? — glaubet ihr. etwa, daß seine Heiterkeit von immerwährender Dauer sein wird? ״O fraget euere Väter, sie werden euch sagen, euere Alten, und sie werten euch belehren;" gar oft wiegte sich unsere Nation in scheinbarer Ruhe und glcißnerischer Sicherheit, die nur Vorboten von einem schrecklichen Sturm waren, und merket ihr es denn nicht, daß während ihr im betäubenden Hochgenuß geschwelgt ob der erlangten materiellen Vortheile, euerer geistigen Freiheit neue und eherne Fesseln angelegt worden sind, die viel schmähsicher, als welche unsere Väter getragen, um so schmählicher, al« wir unS chrer gar nicht einmal erwehren. — Fühlet Ihr eS nicht, daß inzwischen die Lehr» und Lernfteiheit, auf der unsere sittliche Größe beruht hat, die allein daS ewige Feuer unserer Thora vor dem Erlöschen hütete, die oft in dem unscheinbarsten Dorfe einen Wiffensherd aufgerichtet, wohin die ganze Jugend nach geistigem Brod gewallt, die aus einem armen unp unbedeutenden Landgeistlichen oder schlichten Privaten einen Lehrer seines und aller Zeit gemacht, und den Mittelpunkt deS geistigen Lebens unseres Stammes bald nach Deutschlands Gauen, bald an die Gestade deS schwarzen Meeres, bald wiederum in einen bishin noch nie genannten polnischen *