Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 15 (9.11.1860)
- Date
- 1860-11-09
- Page
- Seite 117 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitschrift die Aufgabe hatte» den durch die Schuld deS Pöbels beider Religionsparteien zum Schimpfwort gewordenen Namen, bei besserer Gesinnung von beiden Seiten, .wieder zu Ehren zu bringen. — Seine Schrift ״Börne und die Juden" wieS die durch BörneS ״Briefe aus Paris״ hervorgerufenen Anfeindungen der Juden in eben so würdiger und kräftiger Weise zurück, als er später 1642 mit seinen ״jüdischen Briefen" Wolfg. Menzels Angriffen, aus Anlaß von dessen rücksichtslosen! Auftreten gegen das junge Deutschland, entgegentrat. Einen energischen Kampf für die Sache der Juden ftihrte er gegen den preußischen Regierungsrath Streckfuß den Verfasser eines 1834 durch die Leipziger Zeitung veröffentlichten ״ Entwurfes zu einem Judengesetz für das Königreich Preußen", welchen Entwurf eine hohe Person in Berlin selbst scherzend von 1530 datirt haben soll. Aus die verächtlichen Aeußerungen gegen die ״Tagesschriftsteller," womit Streckfuß replicirte, antwortete Rießcr: ״Ja die Schriftsteller deo Tages, daS sind wir: das wünschen und streben ״wir zu sein in jedem Sinne res Wortes. Der Tag ist das Lickt; n»d ״nach dem Lichte ringen, für das Licht streiten wir; der Tag ist die Zeit ״und die Gegenwart, und in ihr leben, für sie fühlen wir. Wir tragen die Farben des Jahrhunderts, es sind die Farben der Freiheit. Die hemmenden Institutionen seiner Vaterstadt Hamburg verkümmerten Rießer seinen dortigen Aufenthalt, und veranlaßten ihn sich in Kurhessen, wo die Gleichstellung der Juten bereits durch die Verfassung 1631 ausgesprochen war, anzusicdcln. Bei seinem Scheiten von Hamburg überreichten ihm seine vorligen Glaubensgenossen an! 27. April 1830 zum Zeichen ihrer Anerkennung eine Denkmünze mit passenden Emblemcii. — Bereits früher waren ihm solche Zeichen zngckonnnen, so anS Frankfurt a. M. ein Ehrenpokal und 1831 von reu Joraeliren deS Großberzogthunis Baten ein gelungenes Gemälde tcS vortrefflichen Malers Prof. Oppenheim, welches einen jüdischen Eolkatcn tarstcllt, wie er mit Narben und Ebrenzeicken bedeckt,, ans dem Befreinngskampse in die. Hcimath znrückkehrt und gerade am Sabbat seine Ellern überrascht. — In Bockeiiheim bei Frankfurt a. M. hatte sich Rießcr niedergelassen; als er die völlige Naturalisation in Kurhessen ausiickte, wnrte er trotz kräftigster Iliitcrstützuiig tcr Bchörteu, höchsten Orts abgcwicsen. — 148א wurde R. in Lauenbnrg als Abgeprdueter itt die Paulskirche geschickt. Vom Parlamente wurde er znm Biccpräsircntcn! gewählt, und hielt sich daselbst zur Patte! Gag er n. -— Seitdem lebt er als Notar in Hamburg;- wo er eben jetzt, wie bereits in allen Plättern als tas erste Beispiel in Deutschland gemeltet wurde, zum Mitgliete des Obergerichts ernannt worden. Die Emigrantenfamilie.!Forifrvimg. V. Des andcrn Morgens nach dem für die Emigrantenfamilie so verhängnißvollcn Pnrinifcste saß Abrakain Stern, der Vorsteher des Oettckens D....» in gravitätisch richterlicher Positur in einem sogenannten Altvateroter Sorgenstulilc hingclehnt, und schien über einen wichtigen Gegenstand mit sich zu R.rthc zu gehen. Dabei nnterließ er nicht von Zeit zu Zeit einen ernsten, forschenden Blick auf seinen Sohn, Leopold zu richten, ter in sichtsicher Befangenheit vor ihm tastand. ״Du hast ihn also gesehen, allein in so später Macht nach Hause kehrend?" — fragte der Vater nach längerem Stillschweigen. ״Ja, lieber Vater" war die Antwort Leopolds. ״Und wie sah er ans? Schien er beiter oder düster zu sein?" ״Durchaus nicht heiter. Er war so blaß -und verstört, daß mich unwillkührlick bei seinem Anblick Mitleid für ihn ergriff, und offen;!! sagen, auch die Furcht —" ״Von ihn, erkannt und angehalten zu werden," siel der Vater crgänzend ein. ״Tu sagtest ja vorhin, daß tu bei seiner Annäherung schleunigst die Flucht ergriffen hast. Jst's nickt so? — Nun, da kann es aber ja gar leicht geschehen sein, mein Kiut, daß du dich in der Person getäuscht, und daß du einen Andern für ihn angesehen hast. So was . ist leicht möglich! Man muß gar vorsichtig sein, wenn man etwas erzählt." — 1 Liebe Nr. < 11ו ,11 ,׳■j, | ״Sollte ich etwa Abraham Kohn nicht kennen?" rief der'Jüngling in j erregter Stimmung aus. ,Kab' ich ihn doch so deutlich vor mir gesehen,! wie ich dich jetzt vor mir sehe, lieber Vater. Ich konnte mich durchaus nicht l in ihm verkennen. Zudem habe ich ihn eine geraume Zeit beobachttt, ehe er noch dem Hause nahe gekommen war.! ״Und doch glaubst du, daß er seinerseits dich nicht erkannte, wie ist : das möglich?" — fragte der im strengen Kreuzverhör nicht wenig gewandte Vorsteher weiter. ״Das ist sehr einfach zu erklären, erwidctte der auf seine Aussage fest beharrende Sohn. Erstens tvar ich in der Maske und da konnte er mich nicht erkennen; »nd dann war er so nachdenklich und in sich gekehtt, daß er gar nickt um sich blickte, bis er das Fenster erreicht, an welches er klopfte." — ״Unk nur eine einzige Kerze brannte in der Stube drinnen?" — ״Nur eine einzige, und zwar den ganzen Abend hindurch. — Das HauS-; thor tvar fest geschlossen. Kein Mensch ging ein nock ans. Im Hause selbst war nickt das mindeste Geräusch zn vernehmen nnd als ich durchs Fenster hinein zu blicken wagte, sah ich sic sänimtlich weinen, wie wenn ein großes, ' schweres Unglück sich daselbst ereigne! hätte. Esther schien mir am meiste!! j zu leiten. — DaS Herz wollte mir schier brecken über den Anblick! —! Ich stand wie angenagclt vor der Wohnung; ick konnte nicht von der Stelle — Ich kackte über das, waS bei uns mit Joscpb vorgcfallcn, nach, und obwohl ich keine Schuld daran trage und keinen Thcil nahm an dem Schimpf, den er da erlitten — so drängte mich doch ein nnwiderstchlicheS Verlangen, die Verzeihung Josephs zn erbitte!! und durch ihn die der übrigen Familie zu erhalten. Ans die Fürsprache Esthers konnte ich dabei sicher rechnen, nnd so blieb ick bis —“ 1 ״Aber wie konntest du nur so tköricht sein," fiel hier der Pater mit Heftigkeit ein, ״eine Aussöhnung mit Abraham Kohn zu hoffen? Kennst du sei- ,neu unbändigen Stolz und seinen Ctan'sinn nickt?! Glaub' mir, wem Der einmal sein Herz verschließt, und mag cs früher für ihn noch so warm nnd frei! geschlagen haben, dem thnt cr'S ninimer auf. — War er ja einst mein bester Kamerad, mein,. Freund, mein herzinniger Bruder — und jetzt?! — Es ist daran nicht zn denken, daß er sich jemals mit unö anssöhnen wird!" - - Eine cigcnthümlicke Schwermnth gab sich in dem Tone zu erkennen, in welchem ter Alte den letzten Theil seiner Rede gesprochen. Eine kleine Pause erfolgte, die Leopold nach einiger Selbstüberwindung niit der Frage unterbrach: ״Und wer, lieber Vater, trägt denn Schuld daran, daß die Freundschaff zwischen dir nnd ihm aufgehört?" — ״Wer die Schult daran trägt? — aufrichtig gesagt, ick weiß es selbst nickt,!ver! — Ich so wenig als er. Ein unglückseliger Umstand, ein schwerer Verdacht, der ohne mein Verschulden ans mir ruhete — doch das geht dick nichts an, daS gehört nickt zur Sache, von der wir eben sprechen. Indessen wird cs nicht schaden, dick! bei dieser Gelegenheit zu versichern, daß ich so wenig seinen Groll verdiene, als du ihn verdienst, weil sein Sohn — den wir alle liebten nnd schätzten — zufälligerweise in nisserem Hause eine rvkc Beleidigung erfahren bat. — Nimm dir eine Lehre daran! — Was hilft es, wenn man sich noch so nuschuldia weiß, ter Schein ist einmal gegen uns und ter läßt sich nicht beseitigen. Wer kann ihn von der Wahrheit überzeugen, wenn er einmal einen Verdacht in sich aufgenonnnen. Das ist ihm in's Fleisch gewachsen. Nickt Engel vom Himincl vermögen et zu entwurzeln." — ״Er hielt!nick längst für seinen Feind nnd jetzt wirk er iinr noch mch! in diesem traurigen Wahne bestärkt sein. Ick hätte Vieles darum gegeben, Leopold, wenn dies; nicht in unser!!! Hause geschehen wäre!" — ״Und sollte das ninimer wieder gut' zu machen sei», Vater!" ries Leopold in wilder Erregtheit aus. ,/Niemals mein Sohn! erwiderte der Vater gerührt. -- Werden wir doch nie im Stande sein de» einen Wurm, der au feinem Herzen nagt, herauszureißen nnd das, was den besten Menschen so lange Jahre von der Welt ferne hielt, zu beseitige»: d'rum folge mir und inciner erprobten Erfahrung; ick muß das am besten benrtheilen können — gib deine Getan ken und Hoffnungen ans, — du wirst Esther nickt zum Weibe erhalten; es ist um so ns!!"