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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-11-09 · 15 (9.11.1860) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
15 (9.11.1860)
Date
1860-11-09
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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nach kurzem Aufenthalt in unserer Mitte, die Wahrheit verborgen bleiben könnte, und ich glaube daher besser zu thun, Ihnen solche selbst zu gestehen, als daß Sie sie, und dann vielleicht zu unserem Nachtheil, erst entdecken müßten. Und zudem werten Sie in meinem Geständnisse finden, daß wir hierin nur das Loos anderer und größerer Gemeinden theilen. — Als nämlich das hiesige Rabbinat vakant wurde, da 'war die Zahl der Prätendenten eine beträchtliche; denn unsere heutigen Kandidaten sink von der Bescheidenheit am allerwenigsten geplagt, sie denken sich breitschulterig genug, um selbst die schwerste Gemeindelast tragen zu können. — Wir bekamen da jede Woche einen Proberedner zu hören, unk die Gemeinde wurde, wie in solchen Fällen gewöhnlich, in Parteien;erklüstet, die Einen ergriffen die- Fahne sür Diesen, die Anderen sür Jenen. Eine Zeitlang wurde dieser kleine, oder ן besser kleinliche Krieg, von Sppositionssucht angefackt, mit hartnäckiger Kampsliift geführt, endlich aber wurden, die Vernünftiger» wenigstens, dieser niej rern Plänkeleien überdrüssig, und man war froh, daß sich zuletzt ein Je- ' mand fand, bei dem wenigstens das Anhören möglich war, wenn ibm auch das Anseben mangelte. —' Mein Gott! leben wir jetzt doch in Zeiten, wo bei den meisten Rabbinern das Reden für Handle» und ras Schweigen für Wissen gelten must^— Freilich wurde dieser Sbrenrausch bald ansgeschlafen, und selbst seine besessensten Freunde merkten endlich, daß seine Kanzclreren an Worlbeleiblheit fast platzen, während sie an Gedänkenauszebrnng siechen, aber trop tard! — ,,Narr bleibt Narr, nnd Mekach bleibt Mekack", lagt ein indisches Spkickwcrt. — — — Sie sehen also wohl, mein Herr, daß von solcher Seite das Heil nicht kommen kann. — ' ,,Wein allo denn, fragte ich, haben Sie Ihre verbesserten Gemeindeeinrichtungen zu verdanken?" ״Tiefe, versetzte er, haben wir allein unserem jetzigen Porsteber zu verdanken, den uns Gott lange erkalten möge." — \ Tiefe Werte sprach der Mann mit solcher Innigkeit, daß sie mich wahrhaft rief ergriffen. — Und wer ist dieser Porsteber? fragte ich weiter, wahri'cheinlich ein Mann, der von ("ctt mit Reichtbnm gesegnet, - sich in den Rnbestand zurückzog, und nun seine ganze Zeit dem Geineiiiwohl wecket?" 'Nichts! weniger, antwortetemein Wirtb, er ist vielmehr unter unS, die wir uns . größtentbeils Gottlob eines schönen Wohlstandes erfreuen, gerade einer der ‘ '.Viiucer bemittelten ,,Wie", rief ich, ein wenig bemitteller Vorsteher, von dem sich eine reiche Geineiude leiten läßt! rer sollte ja unter die Wnncerdingc! gezählt werden, die ״am Freitag in der Abenddämmerung" geschaffen wur- - len! ״Tas mag wohl sein, erwiderte er, allein nickt jedes Wunder ist wun- . terlick: mu werden Sie es wobl ganz natürlich, wenn auck viele Andere noch erstannenswerther sinren, wenn ick Ihnen sage, daß nnsrr Porsteber ein Mann von seltener Bildung ist. — Sehen sie lieber Herr, es ist dies ein Punkt, über welchen wir endlich zur klaren Einsicht gelang-, ten. Aull׳ wir waren früher in rem allgemeinen Irrthume befangen,-im- -mer nur denjenigen zu wählen, rer mehr Welle, mehr Früchte, mehr Wein ». dgl. ankaufen״ kcmlte, oder ein größeres Hans, eine schönere Handlung auf dem Platze batte als die Uebrigen, wenn auch seine Unterschrift fehlerfrei zu erklären, eine zu kübne Behauptung gewesen wäre. — Wie aber üb es da mit den Genieinre - Institutionen aus? Ein TobnWPobn wie vor rer Welterschaffnng! Unsere Sunagoge harte mehr Aebnlickkeit mit einem Eassino, wo häusliche und politische Zustände besvroctwn wurden, als mit einem Gokieshanse: die Sckulc betrachtete rer Porsteber wie eine Musterkarte, wo vieles gezeigt, von rem wenig vorhanden war: die?obrer, wie seine Eommis, die er mit jedem Viertel wechselte: und ras.Skiral, wo der leidenden Menschheit Rechnung getragen werden sollte, wie ein Magazin, wo _ die armen Kranken wie zerissene Wollücke cingelagert wurden, um geflickt und -i weiter ervcrirk zu werden! — Und kuckte er sein größtes Berdienst darin, | wenn er mit Ende des Jahres eine Bilanz aufweiscn nnd mit straklcnrcm j Gefickte sagen konnte: so und so viel haben wir Heuer erspart, wenn ' auch dieser Prosit mit mancher Tbräne befeuchtet, mit inanckem Seufzer bej haftet war! Und ist denn ries Alles in andern Gemeinden anders? Sehen! Sie sich um, uns strafen Sie mick Lügen." — Fomevuiig wlgr.! tcut A H-tu'auq. Wir gedenken in einer Reibe von Abbildungen jene Erlen in allen! Landen, welche in rer Presse nnd auf rer Tribüne als unerschrockene Kämven ' für ras Reckt und die Wahrheit gegen die Engherzigkeit und die Finsterniß, I al« Wortführer der Gleichstellung der Juden, aufgetreten sind, unseren Lesern vorzuführen, und beginnen den Reigen mit einem Stammes- und Glaubensgenossen, ״der sich durch Vertretung der Emancipationsfrage einen europäischen Ruf und unsterblichen Namen erworben," den man oft den ״jüdischen O'Eonnell״ genannt, — mit Gabriel Rießer. — G. R. ist zu Hamburg, wo sein Vater als wackerer freisinniger Mann, der sich für den Fortschritt, für die Verbesserung des Gottesdienstes so wie der religiösen und bürgerlichen Verhältnisse der Israeliten interessirte, in allgemeiner Achtung stand, am 3. April 1806 geboren. Die Rechte studirte er in Kiel und in Heidelberg mit ausgezeichnetem Erfolge und machte sich schon als 22jähriger Jüngling durch eine gediegene ״Abhandlung über Resolutivbedingungen" in Linde's ,,Zeitschrift für Civilrecht und Prozeß" bemerkbar. — In seiner Vaterstadt Hamburg war ihm taS Atvociren untersagt, weil er ein Jude war; mit seinem Ansuchen sich in Heidelberg, wo sein Name bereits einen guten Klang hatte, als Privatdocent niederzulaffen, wurde er von der badischen Regierung abschlägig beschieden. — So beschloß er, statt als Vertreter einzelner Rechtsansprüche, als Vertreter des Reckts, zunächst in der Sacke seiner Glaubensgenossen, aufzntreten. — Im Tecember 1830 begann er seine schriftstellerische Thätigkeit in ,dieser Ricktnng mit Abfassung der Schrift: ״Heber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland,"; in welcher er mit überzeugender Wärine auf die innere Zerrüttung, zufolge der schiefen gesetzlicken Stellung der Inden, hinwies, die höchst verderbliche Richtung derer schilderte, welche in leichtsinniger Vertauschung des Bekenntnisses ihre pcrsönlicke Entfesselung erzielen, die Nothwendigkeit alle edleren Kräfte zu dem einen Ziele z.isaminen zu fassen, um der (Gerechtigkeit und der Wahrheit den Sieg zu verschaffen, darstellte, uud endlich zur Bildung von Vereinen aufforrcrle, welche dahin wirken möckten, die Juden auf gesetzmäßigem Wege ihres Recktsüheilhaftig zu macken. Tie Mitglieder dieser Vereine inögen sich, selbst wenn ibr Gcmüth etwa zu de» Lehren der herrschenden Kircke hinneigte, dahin erklären, ״so lange religiöse Verschiedenheit als Grund bürzerlicker Ungleichheit angesehen würde, zu dem herrschenden Glauben nickt überzngehcn." — ״Es handelt sich nickt" sagte er ״um zu vermehrende ״:Reckte, um zu verringernde Lasten der Regierung oder dem Staate gegen ״über; wir wollen nur gleiche Lasten, die wir allenthalben willig tragen, ״auck gleiche Reckte mit den übrigen Staatsbürgern. Wir wollen keine Ab- ״gaben erlassen haben, als die der religiösen Lüge; wir wollen nichts, ״als daß man uns so behandle, wie man uns behandeln würde, ״wenn wir einen Schritt gethan hätten, gegen den sich unser ״Gewissen sträubt." Znnäckst äußerte diese Schrift ihre Wirkung auf die, sür deren Gleich berecktignug sie geschrieben war: sie prägte den jüdischen Lesern Selbftack tung ein, erhob die gesunkenen Geister zum Gefühl ihrer eigenen Würde und machte sie willig zu Spfcrn sür die gute Sacke. Viele reiche Israeliten, die sich bis dahin in. vornehmer Absonderung von ihren Glaubensbrüdern gehalten batten, schloffen sich der Bewegung an und Vereine, wie Rießer sie vorgescklagen hatte, bildeten sich in Frankfurt a. M., in Mannheim und anderen Srten. Sic machte aber auch tiefe» Eindruck auf. die Abgeordneten in metffere» deutschen Volkskammern, namentlich von Hessen und Baiern. In Baken wo v. Zöpfl seine ״Stimme für die Emaneipatiou rer Israeliten von einem Badenser" mit Bezug auf Rießer's Sckrift verössentlickt batte, sauren sich anfangs nur zwei Mitglieder, die gleicke Gcrecktigkeit für Alle wollten. Der rationalistische Theologe Dr. H. E. G. Paulus war als heftiger Gegner mit einer feindseligen Schrift ausgetreten, eben so kalten sich Korupbäen der Liberalen, darunter Rotteck — wie er selber gestand, aus Rücksichte auf feine Wähler — im unfreundliche» Sinne ausgesprochen. -- Rießer antwortete Paulus mit seiner Schrift: ״Vertbeidigung der ״bürgert. Gleichstellung der Juden gegen die Einwürfe des Herrn 1)1. ״Paulus" 1x31, veröffentlichte 183!? eine ätzende Kritik rer badischen Kammer verband tun gen und richtete 1833, an die zweite badische Kam mer eine Denkschrift, die den Erfolg hatte, daß nun mehrere Liberalen, darunter Mikiermaier, Tuttlinger und Welker, ihre,Stimmen für die Juden erhoben. — Tie letztgenannten beiden Arbeiten-waren in rer von Rießer 1<». April!32א begonnenen Zeitschrift: ״Ter Inte, periodische Blätter für Religionsnur Gewissensfreiheit" veröffentlicht, welche

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