Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 15 (9.11.1860)
- Date
- 1860-11-09
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ganges. — E r, der an der Jeschiwah großgezogen, nie in der städtischen und sogenannten großen Welt gelebt, diese höchstens vielleicht nur aus Büchern bei der Nachtlampe kennen gelernt hatte, bewegte sich in der ihn, ganz neuen und wirklich fremdartigen Umgebung mit so sicherem Takt, solcher Frische und Lebendigkeit, die Alle in Erstaunen setzte. — Trotz Drascha und Predigt, trotz sogleich sich häufenden Proceffen und Anftagen und amtlichen Geschäften verschiedenster Art war er Jedem zugänglich, fand Jeder freundliches ״Willkommen", und hatte er für Jeden nicht die stereotype Redensart der Convenienz, sondern daS herzliche, Geist oder Gemüth anregende Wort, wie eS der Bildungsstufe der Persönlichkeit angemeffen ׳ war, stets aber eben so frei von allem Prunken mit schwerfälligem Wisien und vom Haschen nach Witz als entfernt von dem hohlen Geschwätz der schalen Gedankenlosigkeit. — Endlich und zumeist trug zur Befestigung seiner Stellung und seines Ansehens der Schatz seines rabbinischen Wissens bei, der freilich zu einer Zeit, da Ungarn noch reich an Matadoren des Pilpul war, und auf einen, Posten, wo die sonderbarsten und schwierigsten rituellen Fragen oft auftauch» ten, gar nicht geringe sein durfte, um nicht nur nicht verächtlich übersehen, sondern vielmehr als der Ebenbürtigsten Einer betrachtet zu werden. Darun, ward ihm sogleich die bereitwilligste Anerkennung feiner greisen, als gewandte und bewanderte Casuisten rühmlich bekannten RabbinatSmitglieder zu Theil; darum konnten die College» aus der Fremde, die sich'S nicht versagen mochten, dem predigenden Rabbinen auf den Zahn zu fühlen oder — wie Schwab scherzweise zu sagen pflegte — ihn zu ״verhören", nicht umhin, ihm gern oder ungern ihre Hochachtung zu zollen. — Solchergestalt konnte Schwab bald daS beftiedigende Bewußtsein haben, daß er nicht bloS nach den» Wortlaute, seiner AufnahmSurkunde sondern in der Thal und zufolge der Gesinnung der Gemeindeglicder Rabbiner der gesammten Gemeinde Pest sei; und wir können hmzufügen, daß er eS innerhalb der beiden Jahrzehnte geblieben. — Wohl mögen — wie dies in einer ihre Seelenmenge nach Tausenden zählenden Gemeinde auch nicht anders denkbar — so manche Einzelne, zunieist aus, Schwab nicht zur Unehre gereichenden Gründen, sich ihn, entfremdet haben. Wohl sind ihm in seinen Beziehungen zu manchen gleichzeitigen weltlichen Leitern seiner Genieinde die peinlichen Erfahrungen nicht erspart worden, die seit R. Saadia Gaon und seinen, David ben Sakkai in Sura bis auf den heutigen Rabbiner und seinen Borsteher im kleinsten Landstädtchen sich so oft wiederholten, daß nämlich bald Bosheit und Rohheit, bald Arroganz und Eitelkeit es an groben Anfeindungen oder kleinlichen Ehikanen und Närgeleien nicht fehlen lassen. — Wohl haben endlich — und wir finden auch das naturgemäß — Meinungsgruppen nach hüben und nach drüben sich von dem Standpunkte, den er vertreten, mehr entfernt und in ihren sckärfer ausgesprochenen Tendenzen eine Sonderstellung eingenommen. — Es mochte, mit eine», Worte, Unzufriedenheit und Nichtübcreinstimmung mit der Art und Weise seiner geistlichen Leitung bei Eiuzclnc» oder bei Fractionen hervortreten; — die große imposante Mehrheit der Genieinde blieb ganz sei», und in Rücksicht auf die Persönlichkeit Schwab's und deren geistige und moralische Berechtigung zur geistlichen Führerschaft gab eS keinen Gegner und keine Parteiung. — Darum heißt es nicht zu viel behauptet, wenn wir sagten, daß er die größtniögliche Einigkeit gestaltet und sich bewahr! bat; und kann ihm das in unseren kampfesheißen Tagen und gegenüber einer so großen Gemeinde seltene Verdienst »achgerühmt werden, daß er — wie sich ein Panegyriker bald nach seine», Ableben auSdrückre — ״die Liebe und das Vertrauen so Vieler, die Achtung und die Anerkennung Aller errungen habe." — iForiieyniig folg».) Dir isracl. Brmrindr mit ihren )oltändrn, mir f 1 r m 1, r, mir f 1 e 111 11 n fl I» i e sie seil, s o s s I c. von Z. Pfeil. Es war bei »iciiier letzten Reise tnrck die »orNoestückeii Eoimlalc unseres Vaterlandes, als id» eiiies Freitag Nachmittags in eine», lieinen Crt tarn, ,״!t auf meine Nachfrage, wie weit ״och bis zur näcksten Sta neu sei, r,e Antwort erhielt, daß ich vor Beginn ree- Sabba, nicht mekr dahin gelangen kenne; id! mußte imdi also entschließen, hier zu bleiben. — Der Mann, bei dem ich die Erkundigung einzog, lud mich höflich ein, bei ihm Quartier zu nehmen, und da mir daS Wo? ganz gleichgiltig war, stand ich nicht an, ihm zu folgen. — Er führte mich in ein kleines, aber recht nettes Häuschen, wo auS allen Winkeln Wohlstand blicfte, und ich merkte sogleich, daß nicht Eigennutz, sondern die altjüdische patriarchalische Gastfteundlichkeit der Beweggrund seiner Einladung war. — Ich machte eS mir in dem mir angewiesenen Zimmer bequem, kleidete mich um, und folgte bald darauf meinem freundlichen Wirthe in'S Gotteshaus, dessen Anblick den angenehmsten Eindruck auf mich machte, da ich mich endlich - wieder einmal in einem Beihause befand, an dem sich daS jüdische Auge so gerne weidet. Keine Scbnörkel, keine architektonische Capricen, keine Ueberladung von Putz und Flitter, wie sie unsere modernen Tempel anfüllen, die das Auge blenden und daS Herz kalt lassen, und die weit eher einem koketten Concertsaal, als einem GotteShause gleichen; nichts von dem Allen». — Vier schlanke korinthische Marmorsäulen/ die den Al-Emir umgeben, auf welchen sich die vier Kuppeln deS Gewölbes stützen, stehen der h. Lad« gerade gegenüber, die wieder von einer Halbkugel, auf zwei Pilastern und ebensoviel Säulen ruhend, eingerahmt, über sich die Gesetztafeln mit vergoldeten Buchstaben aus Nebel und Gewölk, hervortreten läßt. Wie erstaunte ich aber nicht über die musterhafte Ordnung, die allenthalben herrschte! Welch' würdevoller. Anstand, welche Ruhe wurde da von den Eintretenden beobachtet! Und was meine Verwunderung noch steigerte — daß ich von den kleinen Ruhestörern, der unbewachten Jugend, von welchen man selbst in den geputztesten Tencheln so häufig belästigt wird, keine Spur wahrnahm! Bald jedoch löste sich dieses Räthsel. Denn die Schuljugend erschien unter Begleitung der Lehrer, und nahm geräuschlos einige Bänke ein, die, wie man mir sagte, bloß zu diesem Zwecke bestimmt waren. — Die Gebete wurden von einem Borbeter nach altherkömmlicher Weise vorgetragen, doch ohne Singsang, ohne Zubrummen und Zustimmen; aber, was fast allenthalben vermißt wird, i^iit richtiger Aussprache, und präziser Betonung. — Der ganze Gottesdienst nahm nicht mehr als ftwa eine halbe Stunde in Anspruch. Ich folgte von da meincm Wirthe wieder׳ nach Hause, wo daS sabbathlich geschmückte Zimmer einen nicht minder erquicklichen Eindruck auf mich machte. Nach eingenommene»» Abendbrode, uk»d nachdem daS Tischgebet andächtig gesprochen war, entfernte sich die kleine Familie, und ich blieb mit meincm Wirthe allein zurück, in welchem ich schon während des MahlcS, nach einigen auSgetauschtcn Fragen und Antworten, einen Mann erkannte, der, waS früher bei den Juden nichts Seltenes, sehr bewandert im Urtexte der heiligen Schrift, und heimisch in den Werken deutscher Klassiker war. '' ״Sie »lüsscu — begann ich daS Gespräch — hier einen sehr tüch- ״tigen Rabbiner haben, der in, Stande ist, nachahmungswerthe Einrichtungen ״ins Leben zu rufen; denn daS Wenige, waS ich heute im Bethause sah, ״läßt mich auf noch vieles andere Löbliche sdiließen." — ״Ihre Vermuthu»g ist zum Theil nickt unrichtig, entgegnet« er, wir besitzen in der Thal nianche herrliche Institutionen; doch irxcn Sic, wenn Sie unseren, oder über- Haupt einen Rabbiner der Jetztzeit als Hebel derselben betrad)ten. — Ja früher, wo der Rabbiner als gewissenhafter Träger der Tradizion, die in ehrerbietigster Achtung stank, gehalten wurde, was er a״ch in der That war, da wurde seine» Verordnungen, die auf diese Tradition fußten, oder dock zu fußen schienen, mit blindem Gehorsam gefolgt; jetzt aber, wo solche Anordnnngeil bloß als Privat ׳Einfälle betrachtet werden, »iniint man sie nnr als hierarchifcke Befehle entgegen, und Befehle ohne exekutive Gewalt, erwe (fett immer eher Trotz als Gehorsam. — Freilick werte» dann oft die weitlicken Behörden zur Exekutirung aufgcrnfc», aber ob das Judenrh»,» Labei an Acktung gewinnt oder vereint? Ex 11,׳|>l:1 «mit oiliu.sa. — Id) versichere Sie, mein Herr! seitdem nnsere Rabbiner das Rabbiuat ein Amt, ״nt fid» selbst Beamte nennen, habe» sie teil letzten Rest ibres früher״ Aiisehens eingebüßt. — Das Rabbinat soll ein Moses-Zell sein, wohin Jeder zu jeder Slunte gehe," der ״addem göttliche» Anssprnch verlangt, nickt aber »vobin er tiird, eine ämtlidic Vorladung zinrl wird. —׳. Das Rabbinat ist leine Bebörtc, sondern eine Lebrstatte, der Rabbiner kein Rickler, sondern Lelirer, der den Unwissende״ unterweise, der.Re tigion und reu Gesetzen zu geborsamen. Was übrigens unseren Rabbiner anlangl, fuhr er nadj einigen» Uebcrlegen fett, so id,einen Sie mir der Bk am» nlck,, dein, selbst nnr s I » I