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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-11-02 · 14 (2.11.1860) · p. Seite 109

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
14 (2.11.1860)
Date
1860-11-02
Page
Seite 109 (sequence 5)
Language
German
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>• 109 eine au- 4 Kavaffen bestehende Ehren - Wache beigegeben; nebst dieser sind noch 5—6 Juden stets lim ihn, deren Beruf eS ist, seine Befehle und Anordnungen auszuführen. Wenn er ausgeht, umgibt ihn stets eine wahrhaft fürstliche Pracht und reitet die Ehren-Wache voraus. Als Zeichen besonderen Ansehens trägt er die Dekoration deS kais. Nischan- Ordens, eine AuSzeichnung, deren sich nur sehr wenige Inden im Otomanischen Reiche rühnien können. — Dem Chacham-Baschi unterordnet, präsidirt der Nassi der Gemeinde. Bis zum Jahre 1850 hatte R. Joseph Moses Reuben ein sehr reicker, gelehrter und mildthätiger Mann dieses Amt inne, der mich einige Male mit Einladungen an seine Tafel beehrte. Ehe noch der wichtige Posten deS Ehacham-Baschi geschaffen war, wurde der Nassi stets aus den reichsten und einflußreichsten Juden gewählt. Er besaß große Gewalt, deren Mißbrauch, leicht ernstliche Folgen nicht bloS für seine Glaubensgenossen sondern auch für die Muselmänner haben konnte; denn da er bloS von der Gunst deS Pascha abbing, so war es ein Leichtes, sich für eine Geldsumnie Nachsicht für sein Bersakren zu erkaufen und konnte er seiner Laune oder seinem Vortheile gemäß gegen alle jene handeln, die er zu verletzen wünschte. — Der religiöse Unterricht unter den Juden von Bagdad ist bewundernSwerth; an der großen Jeschiwah liegen 00 junge Rabbis theologische» Studien ob. Die Schule steht unter Leitung des gelehrten R. Abdolah ben Abraham Seumech, der diese Amtspflichten unentgeldlich erfüllt. Er ist sehr reich und Chef eines der bedeutendste» Geschäftshäuser. Die Führung des Letzteren batte er aber einem Theilnehnier übergeben, um sich ausschließlich seinem ftoninien Lehramte widmen zu können. — Tie Juden in Bagdad bewohnen ein eigenes Stadtviertel, doch steht es ihnen ftei auch in anderen Stadttheilen sich anzlisiedeln und wohnen auch Mehrere zwischen dem MoslemS. — Die Gemeinde besitzt 9 Synagogen, wovon 8 im selben Hofe gelegen. Neben einer beim Eintritt in den Hof angebrachten Armen-Bückse stebe» Früh und Abends einige der vorzüglichen Mitglieder der Gemeinte, um von den Vorübergehenden Spenden in Empfang zu nehmen, welche sich täglick aus nahe an 1<KHJ Piaster belaufen und zur Unterstützung der Armen, so wie zur Erhaltung der Jeschiwah verwendet werden. Zu gleichem Zwecke wird eine Taxe vom Kosckcr-Fleisck erhoben. Tie 9. Synagoge ist ein sehr geräumiges, von 10 Säulen getragenes Gebäude. Tie Megilak (Buch Esther) wird hier am 14. und 15. Adar verlesen. DaS Innere des Gebäudes bietet nichts Bemerkenswcrthes; die Decke ist mit Scnlptnrarbeitcn verziert. Man ncnnt diese Synagoge ״Beth-Hakneßeth Sheik (Jsaac) Gaon." DaS Grabmal diese» Gelehrten befindet sich in einem anstoßenden Gemach; neben dem niit vierfarbigen Fahnen gezierten Katafalk, sitzen immerwährend '10 Gelehrte, beschäftigt mit Lesen und Recitiren von Gebeten. Freitag Nachmittag, zwischen 2 und 3 Ubr, hört jedes geschäftliche Treiben unter den Juden von Bagdad ans, und werten alle Handelshäuser geschloffen. Jeder eilt in seine Wohnung hciin, legt die besten Kleider an, nnd eilt in die Snnagoge;11»! Abend-Gottesdienst, der bis ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang währt. Hierauf febrt Jeder zu seiner Familie zurück, singt hebräische Lieder und trinkt Anis-Brandwcin. Sobald die letzten Strahlen der Sonne geschwunden, wird Schema gesagt und darauf die Abendmahlzeit cingenonimen, welche zuweilen bis Mitternacht dauert. Am Sonnabend, gehen sie zur Morgenandacht, worauf — nach dem Frühstücke — religiöse Lektüre beginn»!, mit soviel Anstand zind Andacht, daß jeder zufällig Anwesende davon erbaut werden muß. Mehrere Faniilien kommen gewohnlich in solche Lesezirkel zusammen, wozu die Stücke aus den Propheten geivählt werden. — Nach dem Lesen findet ein Austausch von Besuchen statt, und dann wirk der Nachmittag im Freien genossen. Die Reichen besitzen schöne Landhäuser und Palmengärten am Tigris, wo sie den Sommer zubringen. — Mit Gefühlen höchster Befriedigung und des Vergnügens sah ich, wie fromm und festlich, mit welch' strenger Beachtung der Gesetzes-Vorschriften, der Sabbat in Bagdad gefeiert wird. — Mit wahrem Entzücken wohnte ich den Lesestunden nnd brüderlichen Zusammenkünften bei; und mein Bergnügen ward erhöht'durch Wahrnehmung der eckten und gründlichen Kenntnisse. — In keinem anderen Lande, da« ich besuchte, fand ich meine Glauben-» brüder so sorgenlos, so glücklich, so ftei von Verfolgung und vom Druck 1 der Intoleranz, als zu Bagdad. — Der Anblick diese« Wohlstände« dieser Frömmigkeit und dieser gewissenhaften Befolgung der religiösen Borschriften war für mich wahrhaft erquickend, wie eine Oase in der Wildniß, und erhöhte meinen Muth in meinen Nachforschungen fortzufahren. Leizjamiu. Der ״Fortschritt" übrr Wahlrecht der Faden in Ungar». Einem ״Ungarn und sein Wahlgesetz" überschriebencn Artikel de« ״W. Fortschritt" entnehmen wir folgende beachtenswcrthe Stellen: .... Und im )kamen dieser Gleichheit werden wir auch für den Grundsatz kämpfen — wenn Kampf, was wir übrigens nicht glauben, noth wendig sein sollte — welcher daS politische Recht nicht von dem religiösen Bekenntnisse abhängig macht. Das Wahlgesetz von 1848 setzt wohl beim aktiven Wahlrecht fest, daß dasselbe nicht von der Konfession abhängig sei, j aber in der Bestimmung über das passive Wahlrecht fehlt dieser Satz und l erst in!. Rumpfparlament zu Szegediu, in der letzten Stunde, fand man sich i schamerfüllt bewogen, das Unrecht, welches die mächtige ״liberale", wie die | revolutionäre Partei fortbestehen ließ, wenigstens prinzipiel gut zu machen, indem man die Emanzipation der Juten aussprach. Wir hoffen, daß die Juden Ungarns ihr gutes Recht jetzt endlich in legaler und definitiver Weise anS der Hand jener ״Conservativen" erhalten werden, welche am Landtage 1844 in einer Debatte von 10 Minuten die Zulässigkeit der Nickt-Adtligen zu allen Aemtern und Würden auSsprachen *). Um den Standpunkt zu bezeichnen, welchen die leitenden Persönlich׳ keiten bezüglich der israelitischen Bevölkerung einnehmen, wäre es höchst wünschenSwerth, wenn auch israelitische Notabilitäten nach Gran berufen würden. Der günstige Eindruck einer solchen Berufung würde weit über die Grenzen des Landes hinauSreichcn und wäre ein ehrenvolles Beispiel für die übrigen Theile des Reiches. Man macht dagegen vielleicht geltend, daß der Landtag die Gleich stellung der Juden noch nicht ausgesprochen nnd daß die Primatial Konferenz der gesetzgebenden Gewalt nicht vorgrcifen dürfe. Wir glauben aber, daß die Konferenz in diesem Punkte dem Land» tage nicht mehr vorgreifen würde, als in jeder andern Bestimmung deS provisorischen Wahlgesetzes, welche der Landtag beliebig abändern kan» und sind der Ansicht, daß der Landtag die politischen Befugnisse unmöglich einer Bevölkerungsklaffe versagen kann, welche bereits daS Recht hat, Grund und Boden zu besitzen und von diesem Rechte auch ausgedehnten Gebrauch macht. Der Umstand, daß die Grauer Konferenz unter dem Vorsitze deS Primas stattfindet, kann unserem Wunsche wegen Bciziehung von Juden gleichfalls nicht entgegen gehalten werken. Der PrimaS präsidirt bei der Erörterung einer politischen Frage nicht als katbolischer Kirchenfürst, sondern als oberster konstitutioneller Würdenträger des Landes. So wie eS die katholische Empfindung nicht verletzen wird, daß untcr diesem Präsidium au der Berathung Protestanten iheilnehmen, so kann die Anwesenheit von Juden auch gewiß jenen gefeierten, hochsinnigen Greis nickt stören, der die denkwürdigen Worte gesprochen: ״Ich frage nickt nach der Form, in welcher man Gott anbetct, wenn nur Alle das Vaterland in gleichem Maße lieben." P-st- (Ein nachahmungswürdiges Beispiel.) Der in den hiesigen gebildeten Kreisen rühmlichst bekannte Privatlehrer, Herr W. Schönfeld, hat der k. k. iSrael. Musterhauptschule zur Errichtung einer Bibliothek für Präparanden 100 werthvolle Bücher, und zwar: 20 Bände päda׳ gogischen, 30 Bände religiösen, 37 Bände deutsch- und ungarisch - grammatikalischen, und 13 Bände natur- und weltkundlichen Inhaltes in Begleitung einer Zuschrift übermittelt, worin er auch fernerhin eine alljährliche Spende von 10 Bänden zusichert und die Hoffnung auf baldiges Zustandekommen \ ') Unter den heutigen Verhältnissen ist wohl die Notiz von Interesse, daß da; mal« Gras Barkoczy e« war. der an der Magnatentasel den bezügliche» Antrag stellte l und in kurzer kräftiger Rede bevorworrete.

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