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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-11-02 · 14 (2.11.1860) · p. Seite 108

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
14 (2.11.1860)
Date
1860-11-02
Page
Seite 108 (sequence 4)
Language
German
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—>< 108 »*־- baren wollte. ״Ick muß sckon Magrant bleiben, so lang ich lebe."- Wieder verfiel er in ein stilles Hinbrülen, dann fuhr er fort: ״Was wollte ich beginnen?! — Die Religion meiner Väter verlaffen! — unmöglich! — ״Eine Münze, und sei sie noch so alt, läßt sich umprägen und zu einer neuen gestalten, völlig verschieden von dem was sie früher war, aber mit dem Herzen deS Menschen ist es anders. — Ich bin schon zu alt, um erst in die Lehre zu gehen und mich in Dingen unterweisen zu laffen, die mir bisher fremd gewesen; ick bin aber auch schon zu alt, um daS zu vergesien, waS ich bisher glaubte und übte. — Und wenn auch, selbst wenn ich meinen Kindern zu Liebe — und nur für sie wollte ich es thun — dieses schwerste Opfer bringen könnte-würde mir denn Hanna folge»? —" ״Sie hat-rin gutes treues Herz; sie hat mir das stets bewiesen, von der ersten Stunde an, wo sie mein Weib geworden, bis heute. — — Sie hat die Pein unserer Lage jahrelang getragen, ohne zu murren und zu klagen. Sie hat sich jahrelang von aller Welt abgesondert, und auch die minder — so webe es ihr dabei ums Herz gewesen, von dem geselligen Leben ferne geballen. Alles das that sie aus bloßer Nachgiebigkeit gegen mich: weil ich es so gewünscht habe. — — Und doch ist ihre Nachgiebigfeit nicht ohne Gränzen! Einmal bat sie mir Trotz geboten und da war sie standbaft mit Erfolg! —“ ־ ״Ich stand noch als Bräutigam zu ihr. — Nachdem ich mich lange vergeblich um die ״Familie" beworben batte, und einsah, daß alles weitere Beniühen fruchtlos sei — da kam ich zu ihr und theiltc ihr meinen Plan mit, nach Ungarn auszuwandern. Ich erinnere mich; es war eben in einer Hellen Winlernackk wie beute; der Mond kehrte sein volles, freundliches Angesicht heraus und die Sterne waren glänzend, sc weit man sehen konnte, wie beute — tä ging ich zu ihr unk theilte chr mit, was ich beschloffen habe. — Ick stellte ihr unsere ganze traurige Zukunst vor, wie wenn ick ein Prophet gewesen wäre; kann sprach id׳ ihr von rem freien Leben, das unsere Glaubensbrücer unten in Ungarn genießen. — ich zeigte ibr den Brief, den ich von meinem Schwager von dorther erhalten hatte. — Wir sollten, schrieb er mir, eine schöne einträgliche Wirthsckafl von der Grundkerrschaft Cz... in F... übernehmen. Alles war wie gehoben und gelegt — es fehlte nur die Zustimmung meiner Hanna. Ich glaubte auch sicher, daß sie nach einem so langen hoffnungslosen Brautstände mit Freuden in meinen Plan einwilllgen werde. Aber wie sebr habe ich mich getäuscht! — Sie wies aus ikre greisen schwachen Eltern hin und sagte in einem Tone der Entschlcfienheit, den ick ibr niemals zngetraut hätte, ״ich kann nickt, Abrakam: ick kann sie nickt verlassen". — — Ich gedenke es neck als ob es l,eute gewesen wäre. Meine Aufregung war groß. — Ick stieß harte Worte gegen sie aus. Ich trohete, sie zu verlaffen, ehe ick sie unter Schimpf und Schande zum Weibe nehme. Sie blieb standhaft! Eine Thräne war die ganze Antworr, dissie mir gegeben. Ick ging beschämt unk überwunden von ibr weg; mein Eigensinn wurde durch eine einzige Tbräne gebrocken! . . . Seitdem ist alles anders geworden!... Ihre Eltern sink nickt mehr — sie ruhen — — Hier schien der Emigrant plötzlich von einem Gedanke»-überra׳cht, den er lange schweigend überlegte, kann hob er ras Haupt freudig empor und rief: ״Narr, rer id, war, nickt gleich daran zu denken! — Was bindert uns noch jetzt das Land zu verlaffen? Iept hat sie sicherlich nichzs dagegen, nackken, ja ihre Eltern nid't niehr am Leben sind. ... Freilich gestattet es das.Landesgesetz nickt: aber wenn ein Gesetz schon übertreten sein soll, so sei es dieses: da id, als Magrant ohnehin diesem als Fremder gegeaüberskeke. Es wird, eS muß sein! — Wir werden mit Gottes Hilfe sicher der Sckande entgehen, und wenn uns unsere Kinder auch aus fremdem Boren die Augen zudrücken, so werden sie dock mindestens beffere Tage leben als wir. — Kaum hatte' er dieses bei sich festgesetzt, als er auch von dem Wege ablenkre, den er bis dahin eingeschlagen hatte. Mit erneuerter Hast sehen wir den Alten, statt den schmalen Pfad fortzusetzen, sich querüber durch daS Gebüsch hindurch drängen und der früher absichtlich vermiedenen Lastdstraße;»streben. Der Weg war nickt ohne Anstrengung und Gefahr zurück- -znlegen. Man mußte einen breiten Graben passiren, wo ein einziger loser, schwankender Balken den Uebergang ermöglichte. Das hielt ihn aber nicht ab, seinen Vorsatz auszuführen. Endlich seken wir ihn auf der breiten Fahrstraße dem Wohnorte zuschreiten. Er mochte daselbst etwa 50 Schritte zurück gelegt haben, da blieb er vor einem mit einem niedern Gemäuer umgedenen Raume stehen. — Das war der jütische Friedhof, wo seine Eltern ן und die seiner Hanna in Frieden beisammen schlummerten! Hier versank er in ein reuevolles inbrünstiges Gebet-— ן Wohl war ihm dieses Gebet nach der großen überstandenen Seelenj angst, nach den vielen erschütternden Ereigniffen des Tages ein süßes Be-! dürfniß, Trost und Erhebung. Der Mond lächelte holdselig auf den stll- > len Beter herab und dieser blickte in reuiger Zerknirschung aufwärts. — — t Nach vollendeter Andacht ging er ohne jegliche Uuterbrechung rasch : seiner Wohnung zu. Noch brannte die einsame Kerze. Auf ein leises Klopfen an das Fenster ging daS Thor auf, fast in demselben Augenblicke, wo eine! Maske, die vor des Emigranten Hause zu lauern schien, erschreckt durch das Eintreffen deS Alten, die Flucht ergriff — es war Leopold Stern! ' Doch geleiten wir den zurückkehrendcn, sehnsuchtsvoll erwarteten Vater in daS Innere des Hauses zurück, und freuen wir uns über den herzlichen 1 Empfang, der ihm von allen seinen Angehörigen zu Theil,wird. — Nach . einer Weile wendete sich Hanna zu ihrem Gatten und fragte mit leiser bebender! Stimme: Wo bliebst du so lange, Abraham nzein Kind! — ״Ich war auf dem Grabe unserer Eltern. Dort habe ich gebetet und Gott hat mich erhört. Unser Kummer wird bald enden. Doch frage mich nicht weiter." — Die kluge Hausfrau unterdrückte die Thräne, die in ihrem Auge schwamm, und fragte nicht weiter. —-(Fortsetzung folgt.) Pie Lodrn i« Dagdad. ' (Nach Jew. Ehren.) Die jüdische Bevölkerung von Bagdad, der berühmten, nicht weit von den Ruinen des alten Babilon am Tigris gelegenen Statt, beträgt nahe 1 an 3000 Familien. Durch Bildung, Industrie und Wohlhabenheit tragen sie viel bei zum WachSthum des Handels und zum blühenden Zustande diei ser wichtigen Provinz. — Kaufleute ersten Ranges werden unter ihnen ge׳ Kunden, welche ihre Handelsbeziehungen bis in die entferntesten Gegenden; ausrehnen und nicht nur gegen die Concurren; ihrer Landsleute sondern auch j gegen die fremder Länder erfolgreich arbeiten. Auf keinem Platze des Ostens I habe id, meine israelit. Brüder iu so vollkommen glücklichen Verhältnissen!,und zugleich so würdig ihrer Stellung gefunden. In Rücksicht auf Aber- \ glauben, die Frucht der Unwissenheit und das Resultat jener zahlreichen! Ueberlieferungen, welche die Bewohner des Osten von frühester Jugend einj saugen, — können die Juden von Bagdad das Wunder niiter asiatischen I Inden genannt werden. Sie haben edle Grundsätze, fink gastfreundlich, er- ' leuchtet und wohlwollend gegen Alle, mit denen sie in Berührung kommen, i Durch immerwährenden Verkehr mit Fremde» haben sie schöne Art und Sitte sich angeeignet unk eine Welkkenntniß erworben, die sie auf eine Stufe inil den civilisirtesten Nationen Europa!s stellt. — Ihre Rabbiner sink > wohl unterrichtete Männer unk genießen die achtungsvollste Behandlung. — ן Die drei Ober-Rabbiner (Chief-Rabbis) sind mit richterlicher Ge-! walt bekleidet, führen den Titele Tajanim (Friedensrichter) und werde» von der (Gemeinde gewählt. Zur Zeit meines Aufenthaltes daselbst war R. Jacob, Sohn des Joseph Jakob, ein wegen seiner Gelehrsamkeit, seines wohlwollenden und edlen Charakters sehr geachteter Mann, erster Dajan; seine Collegen waren R. Eliahu Obaria, ein reicher Gelehrter, der bedeutenden Karavanenhandel. mit Damaskus treibt, und R. Ardoba, einer der reichsten Kaufleute von Bagdad. — Ein Strafrecht steht jedoch diesen drei Richtern nickt zu; mit dieser Gewalt ist blos der Ehacham-Baschi (Oberste-Rabbiner) bekleidet, welche unmittelbar von der h. Pforte zu diesem hohen Amte ernannt wird. Er vertritt den höchsten Behörden gegenüber die Commune, wacht über ihre religiösen Interessen wie über die Berwaltnnz ihrer Civilangelegenheiten und erhebt auch von den Juden die rückstäntigen Steuern. Jedes männliche Gemeindemitglied, das über 15 Jahre alt. zahlt einen jährlichen Tribut v. 15—120 Piastern, der in vierteljährlichen Beträgen erhoben wird. — . Ter Ehacham-Baschi wird in seinem Amte von den vornehmste» Mitgliedern der Gemeinde unterstützt, deren Zustimmung er bedarf, um seinen Acten Geltung zu verschaffen. Zu meiner Zeit hatte R. Raphael Kassen auS Aleppo diesen Ehrenposten inne, ein Mann von 30 Jahren, von stattlicher Figur und würdevollem Aussehen, mit langem, schwarzem Bane. — Er erfreut sich der besonderen Gunst deS Pascha, welcher ihm

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