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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-10-26 · 13 (26.10.1860) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
13 (26.10.1860)
Date
1860-10-26
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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103 Wir halten den Eid nicht bloß für einen konfessionellen, sondern auch für einen staatlichen Akt. Wäre der Eid nur konfessioneller Natur, so hätte der Staat eben so wenig ein Recht denjenigen, der einen Meineid leistet, zu bestrafen, als chm daS Recht der Bestrafung wegen Verletzung irgend welcher konfessioneller Vorschriften zustcht. Der Eid ist ein Akt, welchen der die Gesammtheit vertretende Staat zur Erhärtung der Wahrheit dem Jndividuum abverlangt,׳ auf Grund dieses Eides entscheidet die Staatsgewalt. Ist der Eid fälschlich geleistet worden, so ist die Staatsgewalt zu einer unrichtigen Entscheidung veranlaßt worden; damit einer solchen möglich vorge» beugt wurde, hat die Gesetzgebung mit Recht schwere Strafen über Denjenigen, der seine Aussage durch einen falschen Eid bekräftigt, verhängt. Die in dem Richter getäuschte Gesammtheit straft den Lügner, sobald ihm nachgewiesen wird, daß sein Eidschwur eine Lüge gewesen. Die Sünde zu bestrafen, die der Meineidige gegen Gott begeht, ist nicht Sache der strafenden Gerechtigkeit; dem Willen GotteS kann 1tq£> darf der Mensch nicht vorgreifen. Unser ganzes formales wie materielles Recht beruht nun einmal auf Erhärtung der Thatsachen durch den Eid, möglich, daß spätere Zeiten deffelben, wenigstens in seiner jetzigen Form, nicht mehr benöthigen werden; so lange indeß dieses der Fall ist, muß die Staatsgewalt als solche jeden Eidschwur der fälschlich geleistet worden, weil eben hiedurch das Recht getrübt worden ist, als eine Verletzung der Prinzipien, nach denen die Gesammtheit sich regiert und erhält, unnachsichtlich bestrafen. WaS ist nun Gefährliches darin zu suchen, wenn dieser Eid, nothwcndig zum Bestehen deS Ganzen, so abgefaßt ist, daß ihn jeder einzelne dieser Gesammtheit, wenn er in die Lage kömmt einen solchen leisten zu müsien, ablegen kan»? Gewinnt nickt gerade dieser Akt dadurch an Würde und Bedeutung, daß er für jedes Glied der großen Gesammtheit ein und derselbe ist, daß wenigstens hierin, in dem Finden und Erhärten der Wahrheit, konfessionelle Unterschiede nicht zur Geltung kommen, daß mit einem Worte da, wo es darauf ankommt die Stützen, auf denen unsere ganze moderne RechtSauschaumig gegründet ist, gegen die Feinde derselben zu vertheidigen, der Schwur bei Gott dem Allmächtigen, dem Urquell alles Rechts, den EinigungSpunkl bilde für die Bekenner eines GotteS, für Katholik., Protest, und Juden? wird nicht hiedurch in letzter Instanz bei einem der feierlichsten und ernstesten Akte deS menschlichen Lebens das Gefühl der Zusammcnge- Hörigkeit bei allen Gliedern deS großen Ganzen genährt und gepflegt, und so in der That der Zeitpunkt vorbereitet in dem alle sich als Glieder einer Gesammtheit fühlen, achten und würdigen lernen? Jeder Freund des Fortschrittes wird und muß darum die Realisirung des vom Juristentage abgegebenen Votums Seitens der Regierungen mit Enthusiasmus begrüßen. — Litkrarischks. Hebräische Gesänge. Metrisch nachgebildet von >r. Moritz Ratzpaport. Leipzig bei C. L. Fritzsche 1860. 1 »Sb. ״Metrisch nachgebildet" nennt der durch sein EpoS ״Moses" dem Publikum bereits rühmlichst bekannte Berfasier, von dem auch diese Blätter unlängst eine höchst gelungene Bearbeitung deS ״Weltgerichts״ (N'sane Tokef) brachten, die Gesänge, womit er jetzt vor die Lesewelt getreten; — wir möchten sie ohne Scheu, der Uebertreibung geziehen zu werden, nachgedichtet nennen. Denn in der That, nur der Dichter, der wahre Dichter, dem in der Brust der eckte Gottesfunke glüht, dem die Kraft, welche bewältigt, und das Schöne das ergreift» ursprünglich in der Seele lebt, vermag eS mit solcher Wahrheit und Frische jene begeisternden Klänge der heiligen Sprache mit allen ihren eigenthümlichen Schönheiten uns zu dolmetschen. — Wie tief ergreifend verstand eS Rap. die Klagelieder Jeremia'S (Ecka) und die Wehrufe eines Jehuda Halevy (ZionSgesang) in die lebende Sprache zu kleiden, und gemahnen uns seine Verse, als hätte er das alte unk stets noch neue Leit Israels, uns frisch gesungen. Wie Pracht- und schwungvoll, wie kräftig und erhebend läßt er das letzte Lied Mose's (Haasinu) wiedererklingen mit den Anrufungen des Himmels und der Erde und den schweren, enlsten Mahnungen an Israel. — Endlich das Lied der Lieder ״daS Hohelied," dieses ״Reichste, Vollendetste und Schönste, was ״das hebräische Volk von rein aveltlicher Dichtung hervorgebrackt hat, — ״das Lied der Liebe, wie solches weder Griechenland noch der übrige Orient ״hervorgebracht und Hervorbringen konnten,"') — wie zart und duftig, wie ■! lieblich, geistreich und gerundet wußte R. der ״wunderbaren Harmonie lei- ״denschaftlichster Sinnlichkeit und reinster Sittlichkeit" Ausdruck zu geben. — An diese hier erwähnten Stücke schließen sich noch die ebenfalls gelungenen Bearbeitungen der beiden liturgischen Lieder: Lecho Dodi uud An'im-S'miroth und voran geht, gleichsam al« Widmung oder Vorwort, ein ״Zionsecho" überschriebenes Gedicht, woraus wir einige Srophen anzuführen unS nicht enthalten können. ZwnSburg, so hehr und hoch! Dich hat Frevlerhand zerschlagen, Aber Deine Trümmer noch Glänzen wie in alten Tagen. Wer mit gläubigem Gcniiilh Naht den Trümmern, dem Gemäuer, Hört ein leise«, leise« Lied Tönen die gebrochne Leier: , ״Gotte« Fluch hat Dich erreicht, Bist gejagt au« Deinen Hallen, Bist verweht wie Spreu so leicht Unter allen Völkern, Allen!" -? ״Ob Dir irdisch Glück und Ruhm Rasch wie Nebelhauch versanken, Doch Dein ew'ge« Eigenlhum Nahmst Du mit — den Gottgedanken!" , ' ״Ob zerstoben und verwebt, Uederall, wie einst ini Osten, Fest und treu der Jude steht, Unverzagt, ein Gotteopostcn!" Dir Jobrn in Damnskns. ן (Nach der ״Time«.") Als. vor wenigen Wochen Fuad Pascha sich dem Gebiete von DamaSkuS näherte, um die Schuldigen an den Christenverfolgungen mit der Schärfe deS Schwertes zu strafen, entvölkerte sich auch dctS Judenviertel von Dama-kuS. Biele flohen inS Gebirge, um sich den Brandschatzungen und Plünderungen zu entziehen, andere au« Furcht vor den gerechten Strafen, nur wenige waren zurückgeblieben, entweder weil sie nicht« zu besorgen hatten, da sie ihr Gewissen loSsprach, oder aber, weil die Macht her Verhältnisse sie an die Schwelle bannte. Eine Deputation der letzteren begab sich zum Emir Abd-el-Kader, um seine Fürsprache beim Exekutor des Sultans zu erbitten. Abd-el-Kader versprach das Möglichste zu thun, um die Uaschul digen vor ungerechter Strafe zu wahren, er erklärte jedoch, für Niemanden sich verbürgen zu wollen, da nicht ihm, sondern, dem Abgesandten deS Sultan das Recht zu strafen und zu begnadigen zustehe, und er würde es als einen Frevel anschen, irgend Jemanden der gerechten nnd verwirkten Strafe zu entziehen. Da auch diese lchte Hoffnung fehlschlug, wurde eiu großer Fasttag ausgeschrieben; vom ftühen Morgen bis zum Einbruch der Nacht wurdku Psalmen und Klagelieder in der Synagoge abgesungen, alle waren in Sterbekleiden! wie am BersöhnungStage angethan, um das drohende Strafgericht abzuwenden. Zwar waren nur wenige Juden direkt an den Mordthalen betheiligt uud diese hatten sich bereits geflüchtet, aber ein großer Theil hatte geraubte Gegenstände an sich gebracht, deren einfache Zurückstellung von der Strafe.noch nicht befreite. Zwei der angesehensten Männer, Aelteste in der Gemeinde, übernahmen daS schwierige Amt, Fuad Pascha einige Meilen weit kor die Stadt cntgegenzugchen, ihm ein Lösegeld anzubieten und um Schonung zu bitten. Der eine der Abgesandten, ein Greis von 75 Jahren, ein sehr reicher Kaufmann, war von seiner einzigen Tochter begleitet, einem 17jährigen Mädcheu; die andern Kinder hatte der Mann während der Bluttage verloren. Marian, war der letzte Sproße, die einzige Hoffnung de« Vaters. So zogen sie hinaus dem Pascha entgegen, schon sahen sie auf der Heerstraße die Staubsäulen emporwirbeln, schon hörten sie daS Gerassel der Wagen nnd da« Wiehern der Rosse, als auS einem Dickicht ein Beduinentroß hervor- E. Meier, Geich, d. poel. National Literatur der Hebräer.

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