Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 13 (26.10.1860)
- Date
- 1860-10-26
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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״WaS bringt Ihr mir, Abraham, zu so spater ungewohnter Stunde?" ״Alles, geistlicher Herr! waS ein Mensch nur bringen kann, alles, — mich, mein Weib, und meine Binder, so viel ich deren habe.... Der Erzvater Abraham hat nur einen Sohn zum Opfer bringen wollen, ich bringe mehr." — ״WaS sprecht Ihr vom Erzvater Abraham? und waS bedeuten Eure Worte?" — ״So viel, erwiderte der Gast, daß ich und meine ganze Familie Christen werden sollen, und zwar sobald als möglich." — ״Christen? Ihr wollt zum Christenthume übertreten?! Ihr, der Ihr an den Ceremonien und den Speisevorschristen so strenge haltet, daß Ihr niemals ein Geschäft am Sabbath machen wollet und Euch stets weigert bei mir die geringste Nah׳ rang zu Euch zu nehmen — Ihr?! — Habt Ihr eine Erscheinung gesehen, wachend oder träumend, oder ist Euch sonst etwas von Bedeutung wi- Verfahren? — Oder wagt Jhr'S gar ein leichtfertiges sündhaftes Spiel zu treiben mit heiligen Dinge»? Ist das einer der Scherze, wie Ihr sie am heutigen Tage, an Euereui Fasching auSzuführen pflegt? — Das, Abraham, würde ich Euck nicht leicht vergeben können." Bei diesen Worten heftete der Greis einen durchdringenden prüfenden Blick auf den Gast, während er die schlaff hängende Brille etwas höher hinaufrückte. Abraham schien anfangs betroffen zu sein, dann aber sagte er in aller Ruhe iind Fassung,! während er sich unwillkürlich von seinem Sitze erhob: ״Geistlicher Herr! lange Jahre habt Ihr manches bedeutende Geschäft mit Abraham Li oh» gemacht. Ich spreche jetzt zu Euch wie Samuel der Prophet einst zum Volke gesprocken: ״Zenget wider mich!" Ja, mehr als 20 Jahre sind eö nun, daß ich die gesamnite Frucht und Wolle von Euch kaufe. Euer Vertrauen zu mir ging so weit, daß Ihr schon lange kein Geschäft mit einem Anderen machen wollt, als mit mir. — Und habt Ihr eS jemals bereut? Habt Ihr jemals sagen können, daß ich Euch mit dem Allergeringsten über׳ vorkheill oder nur verkürzt habe? — ich hätte das nicht erwähnt, weil dieß rock nicht zur Sache gehön, um derentwillen ich heute mein Weib und Kind verlassen habe, um Euer Haus aufzusuchen. Aber da Ihr Mißtrauen und Zweifel habt in nieiner Aussage und fürchtet, daß ich mir gar einen leicht׳ fertigen frevelhaften Scherz mit Euch erlaube, so mußte ich'S Euch schon sagen, daß ich stets gewohnt bin ehrlich und rcdlick zu sein. Und' so erkläre ich'S Euch noch einmal, ich will, ich muß Christ werden, und das je früher, je lieber! — ״Ihr müßt? crwidctte der Greis in gerührtem Tone. Ihr müßt, Abrabam? Wollt Ihr oder müßt Ihr?" — ״Beides" war die rasche Antwort des Gastes, ״ick) ninß nnd will." Nehmt's wie Ihr wollt; aber quält ,»ick nickt länger. Macht mich zun, Christen. ... Seit wann ist man denn so bedenklich, wenn ein Jude seinen Glauben mit dem Eurigen zu vertan׳ scheu begehrt?" ״Abraham, Ihr sprecht wie ein Jude, oder vielmebr ihr wißt nicht waS Ihr r.det, sonst würdet Ihr mir das nickt sagen," rief der Greis mit sichtlicher Entrüstung aus. — Dann setzte er gelassen hinzu: ״So bereitwillig und freudig ick, der Diener der Kirche, Euch und Jeden aus dem alte» Bekenntnisse in den Schooß der allein selig machenden Kirche einttcten sehe, so inuß ich doch, dieß gebietet mir meine Pflicht und die schuldige Ehrfurcht vor meiner Religion — vorerst wissen, was Euch zum Uebertritte bewegt und ob die Beweggründe, die Ihr dazu habet, auch die echten und rechten sind. — Darum setzt Euch nur wieder an Euer» Platz und sagt eS so ruhig und bestimmt JhrS könnt, weshalb es Euch plötzlich drängt, die heilige Taufe zu empfangen." ״Nun so will ich Euch alles sagen, so offen und ohne Rückhalt wie ich'S aus dem Herzen habe" sagte nach einigen Widerstreben der Gast, inrem er׳ seinen frühen, Sitz an der Seite des Greises wieder einnahin. ״Ich wills Euch sagen, damit Ihr die Nothwendigkeit meines Schrittes einsehen und ihn billigen sollet." — Nach dieser Einleitung erzählte der Emigrant uniständlich die ganze Geschichte seiner bestandenen Kämpfe und Leide» und was ihm erst heute »nt seinem Sohne Joseph widerfahren. Er schloß mit den ergreffenten Worten: ״Alles hätte ich in Geduld und Ergebung hingenommen, hätte vergeffen, daß ich wie ein Fremdgeborcner und nicht als ordentliches Glied der Gemeinde bettachtet werde, daß ich von den »leisten Ehren und heiligen Verrichtungen in der Synagoge ausgeschlossen bin, daß meine Kinder — hier entfuhr dem Sprecher ein schwerer Seufzer — nicht einmal den redlichen ehrlieben Name» ihres Vaters tragen dürfen, das alles hätte ick erttagen, in Geduld ertragen, weil e« vom Gesetz über mich verhängt ist, weil — dieß einmal nicht zu ändern ist.-Daß aber die eigenen Glaubensbrüder, Diejenigen, die dasselbe Schicksal, dasselbe Verhängniß, dieselben Leiden und dieselbe religiöse Ueberzeugung haben wie ich; die da wohl wiffen sollten und es auch wiffen, daß meine Ehe, wenn sie gleich von dem wettlichen Gesetze nicht anerkannt wird, doch nach höherem göttlichen Gesetze zu Rechte besteht, daß meine GlaubenSbrüder selbst in die Reihe der Dränger und Spötter eintteten, und Schmach und Schande wälzen auf mich und mein Weib und meine Kinder, mit denen mich Gott gesegnet; — das will und kann ich nickt länger ttagen-das ist es, geistlicher Herr, was mich zu de», äußersten Schritt geführt." Eine Pause trat ein, während welcher beide Männer in tiefes Nackdenken versunken zu sein schienen. Endlich unterbrach der Greis die Stille mit der Frage״ ׳Seit Ihr zu Ende, Abraham, oder habt Ihr noch etwas vorzubringen?"-״Ich bin zu Ende" war die kurze Antwort. ״Und deshalb, blos deshalb wollt Ihr Euch taufen lassen? Ihr habt keinen andern Grund weiter? — Thut Jbr's aus Ueberdrnß, aus Haß, aus Rache oder gar aus Verzweiflung? Bedenkt es wohl, Abraham! Als Seelenarzt muß ich den Zustand des Patienten genau und gründlich kenne», der daS Heilmittel verlangt, — D'rum sagtcs mir aufrichtig und ohne Hehl, ist's Euch bei dem Schritte, den Ihr vorhabt, auch ein wenig mir um Euer Seelenheil und ,1», das Seelenheil der Euerigen zu thun?" — Kennt Ihr den Glauben, de» Ihr annehnien, die Wahrheiten, die Ihr hkennen, die Lehren, die Ihr üben sollt? — Glaubt Ihr a» den Heiland? Ihr schweigt bestürzt Abraham, Ihr wisset niir darauf nickts zu antworten. Abraham verharrte in seinem Schweigen. Der Greis fuhr sott: ״Glaubt nicht, daß ich ohne Theilnahme bm für Euere Lage. Ich kann mir das Drückende derselben wohl denken. Auch kenne und schätze ich Euch als guten ehrlichen Menschen, aber Ihr seid in einein Jnlhum befangen, wenn Ihr meint, daß mit der bloße» Taufe die Schmach von Euch u»d Euern Kindern genomnien ist; — auch wenn Ihr zun, Christenthumc übergeht, sind deshalb die Kinder nicht weniger, die Sprösslinge einer »»gestatteten jüdische» Ehe. Sie sind nicht rechtlich anerkannt, auch daun nicht — es sei denn, daß Ihr euch Euere Hanna aufs Neue antraucn ließet. — Und wißt Ihr es denn so ganz gewiß, daß sie Euere Schritte billigen und Euch folgen werde? Habt Ihr sie davon unterrichtet, daß Ihr. und wozu Ihr hieher gegangen? Wiffen eS Euere Kinder? — Abraham saß wie der Verbrecher auf der Anklagebank, wenn alle Mil tel der Bertheidigung erschöpft sind. Als der Geistliche dieß wahrnahin, änderte er plötzlich den Gang sei ner Rede und wendete sich sanftern freundlichern Tones an den Gast: ״Verzweifelt nicht Abraham, vielleicht wird »och Alles mit Euch gut werden. Vielleicht könnt Ihr noch recht glücklich und zufrieden werden. Möglich, daß Euch die Vorsehung einen Fingerzeig zu Euerem wahren zukünstigen Heile gegeben, indem Ihr den Gedanken faßtet, zu mir zu kommen. Vielleicht werdet Ihr noch in den Schooß unserer Kirche tteten. Daun aber thut es aus vollem Herzen, thut es mit Ueberzeugung, mit Aufopferung und Verläugnung Euerer Theuersten auf Erden." , ״Wie meint Ihr das, geistlicher Herr." fuhr jetzt Abraham erschrocken auf. Nun wie anders, als daß Ihr nöthigen Falles Weib und Kinder opfern müßt, und wären sie mit tausend irdischen Banden der Liebe an Euck gekettet. — Ein schmerzerprcßter Seufzer war die ganze Antwort des Emigranten. Der Greis schien nicht daraus zu achten und fuhr in seiner Ermahnung fort: ״Wie ich Euch sagte, Abraham, mit Ueberzeugung müßt Ihr kooimen, mit felsenfester unerschütterlicher Ueberzengung, dann könnt Ihr der Aufnähme gewiß sein. Aber um diese Ueberzeugung zu gewinnen, dazu müßt Ihr erst vorbereitet, belehrt und unterwiesen werden, wie sich'S für den Christen geziemt. Heute kann dieß nicht mehr geschehen. T^e Aufregung in der Ihr Euch befindet, die Seelenangst, in der Ihr befanden seid, machen es mir unmöglich von den. wichtigen Dingen des Glaubens zu sprechen. — Geht heim in Frieden! Wenn eS bei ruhigem kaltem Blute noch immer Euer Wille sein wird, in den Schooß unserer Kirche einzutreten, dann komnit hieher. ,Klopfet an, nnd es wird Euch aufgethan werden.^ Euere schwachtente Seele soll Labung uud Erquickung sinken." — Bei diesen Worten erhob sich der Geistliche und Abraham, diesem Zeichen folgend, schritt mehr