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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-10-26 · 13 (26.10.1860) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
13 (26.10.1860)
Date
1860-10-26
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 Hbeinigung der rabbmiscben mit der clasfischen Studien gerade für die eben bezeichoetc;weite Art von Rabbinats - Caudidaten geeignet. Bekanntlich muß jeder daselbst aufzunehmende Zögling das Zeugniß der Reife für die Prima, d. i. unsere 8. (?lasse mitbringen und werden hier die Gymnasialstudien bis zur Erlangung der Universitälsreife fertgesetzt. Eben diese Accomodation an den geregelten Studienzang bewirkte es, daß dieses Seminar auch häufig von Lesterreichern besucht wird und kaß sogar einige Gemeinden unseres Vaterlandes zu jährlichen Beiträgen, als Stipendium für die daselbst studirenden L esterreicher, sich verpflichtet haben. Soll demnach der daselbst weilende, fleißige Seminarist nicht von der Furcht des rasckert, unverhofften Srandcswecksels befreiet fein? Wir wollen hiermit die Sache nur anrcgen. Mögen die Männer, denen es zukömmt, ein Wort für Alle zu sprechen, die Sacke weiter und zu Ende führen. Die Lmigrastensamiiik. (Fortsetzung. •! £fctd)cn wir aus leicht erklärlichen Gründen ein warmes Interesse für die verlassene, tiefbestürzte Familie begen, so können wir dock nickt umbin, Abraham Kobn auf seiner näcktlicken Wanderung zu begleiten. Lb uns rer Leser im Geiste folgen wirr? — Wir Kossen es: da er unS einmal schon sc weit gefolgt.... Tock eilen wir! — Schon schreitet er mit ungewöhnlicher Eilfertigfeit die lange Zeile des IudenviertelS entlang. Tas muntere Geräusch und die fostlickw Erregtheit, die fick daselbst allenthalben kund zu geben beginnt, beirrt unfern Abrabam nickt im mindesten in seinem Vorhaben. Ihm winken die bell erleuchteten Fensterreiken vergebens einladend entgegen. Ihn bewegen die auf seinem Wege hie und da enipcrtauchenden Maskengruppen nicht einmal zu einem kurzen Stillestchen. Er achtet ihrer kauin. Er hat kein Lhr für das Treiben und Lärmen, Lachen und Sckerzen der Vorüberziehenden. Alles gebt wirkungslos an ihm vorüber. — Offenbar sucht er in ängstlicher Hast dem beengten Greife zu entkommen, wo seine Familie in düsterer Einsamkeit den ״zerstörten Purim" unk die zerfkörken Hoffnungen beweint. Bald hat er das Bereich des Ghetto im Rücken. — Er befindet sich .in der sogenannten Ebristenstadt. Aber auch da sckeint's ihm nicht zu behagen. Ten Blick unverwandt zu Boden gerichtet, schreitet er ebne Auftnthalt weiter._Jetzt befindet er fick vor dem Zollschranken des Kerlchens, den er, ebne um sich zu blicken, passin. — Tie breite nach P... führende Lantsttaße liegt nun offen vor ihm da! — Er läßt sie zur Seite, und biegt wie verstohlen in einen schmalen, schlangenförmig sich windenden Nebenpfak ein. Tiefen durchfliegt er in ungehemmter Raschheit, bis er einen Waltsteg vor sich sieht, den er unverzüglich einschlägt. — Nach wenigen Schritten, die er daselbst zerückgelegt, scheint er ruhiger und gefaßter zu werden. — Trotz der herrschenden Kälte eines hartnäckig andauernden Nackwinters wischt er sich die Hellen Schweißesttopsen von der Stirne, die die Angst oder die Eile ibm erpreßten. In dem Grade aber, als er mehr zur Ruhe gelangt, scheint er eine Beute des "Nachdenkens und Hinbrütens zu werden. — ״Was wird sie nur dazu sagen, wenn sie's erfährt, und was werden die Kinder, Joseph und Esther, dazu sagen?! Werken sie die Nothwendigkeit meines Schrittes einsehen, begreifen und mir nachgeben? — Und warum nickt!? — Geschieht es ja zu ihrem Besten: ist es ja ihre Sckmach so gut wie die mcinige, die ick"- Hier hält der Emigrantenvater plötzlich in seinem Selbstgespräche inne, als ob er einen geheimen Lauscher fürchtete, der ibm — wie wir es thun — Schritt vor Schritt folgte, und jedes seiner Worte zu erfassen und zu reuten vermöchte. — ״Sei unbekümmert, Vater Abraham! Wir achten den .Kummer, der dich drückt, die Seelcnpein, die dick beschwert, zu sehr, als daß wir so unzart und rücksichtslos sein sollten, die Absicht und den Zweck deiner nächtlilicken Wanderung nur einen Augenblick früher zu verrathen, als du es selber tbust.... Tann aber müssen wir die Pflichten des Erzählers gewissen- Haft erfüllen." — Seitdem Abraham in kluger Vorsicht sein Selbstgespräch abgebrochen, ' Liehe Ar. *, :>, 10, 11 u. 12. wandelt er mit der Sicherheit eines Menschen vorwärts, der seinen Weg wohl schon unzählige Male durchmeffen hat. — Unterdessen war die volle hell leuchtende Mondesscheibe und die Myriaden kleiner und großer, blinkender und strahliger Gestirne herausgetreten am Firmament«. Sie schieneu dem Wanderer immer freundlicher und tröstender zuzuwinken, je weiter er vorschritt. ...Es war, als mahnten sie ihn zu einem frommen Aufblick zu Gott, zu einem tiefen Einblick in das eigene Ich. — Vergebens! — Die Seelennacht, die ihn belagerte, war zu dicht und undurchdringlich. — Unter den Füßen des einsamen Wallers glitzerte der festgeballte Schnee, und auch dck winkten tausendfälttge Sternlein, unter ihm wie über ihm! Bergebens — er schritt achtlos darüber hinweg, als ob es gemeiner Erdenstaub gewesen wäre. — •! | Eine kleine halbe Stunde ging indeß vorüber, und wir sind in dem , Dörfchen L. — angelangr. Abraham Kohn hält vor einem ebenerdigen, gut I gebauten Häuschen an, vor welchem "}»ei mit regelmäßig geschnittenen Stäj ben umzäunte Ziergärtchen sich befinden, die wohl in der Jahreszeit, in | welcher wir jetzt stehen, nur wenig von der sorgsamen Pflege des Besti tzers verrathen, aber zur Zeit des Frühlings bis in den späten Herbst hinj ein die Aufmerksamkeit aller Vorübergehenden auf sich zu ziehen pflegen, j Vor dem Thore dieses Hauses war es, wo Abraham Kohn seine! Schritte anhielt. Nach einem kur; andauernden, nicht allzuhcftigen Pocken wird dem späten Besucher aufgethan. ״Seid Ihr das, Abraham? — so spät am Abend?" rief eine dünne, wenn auch nicht zarte Frauenstinime die, wie uns der Schein der Laterne belehrt, welche die Sprecherin in der Hand hält, niemand Anderni als der alten Dienerin des Hauses, Gertrnde, angehört. ״Was mögt Ihr nur zu so später Stunde wollen? Und noch dazu heute, wo Ihr Euer» größten 111־ ftigsten Feiertag habt. Wie heißt er denn nur?" — Abraham gönnte der geschwätzigen Alten Zeit darüber nackzudenken, da er sie durch keinerlei Aut׳ wort darin störte. Nach einer Weile jedoch unterbrach er ihr Sinnen, inden! er sie fragte, ob ihr Herr zu Hause sei. ״Wo sollte er denn sein, wo in aller Welt?" versetzte die Gefragte im verdrießlichen Tone. ״Ihr werdet doch nicht meinen, Abraham, daß er die Abende und die "Nächte außer Hause! zubringe wie andere Leute, Gott verzeih' mir meine Sünden! Mein Gott I und Herr! wo soll er denn sein, als in seiner Stube! — Aber was wollt ן Ihr von ihm? Denkt Ihr etwa, daß er noch heute ein Geschäft mit Enck,! macht? da irrt Ihr sehr. Dazu hat's ein andermal Zeit." — ״Ein Ge sckäft, sagt Ihr? Ja, Frau Gettrude," erwiderte Abraham in gereiztem j Tone. ״Ich habe ein Geschäft mit ihm abzumachen und zwar noch heule; | aber Eines, tas Euck nichts angeht, das unter vier Augen abgemacht werj den muß. Versteht Ihr?" — Gertrnde wollte eben mit einer wüchsigen Ant ן wort bervorbrechen, als ein ehrwürdig aussehender Greis, — offenbar der > Herr des Hauses dazwischen trat, dem die Introduktion des Gastes zu lange! wahren mochte. Er hieß Abraham Kohn wie einen alten Bekannten in Herzlickster Weise willkommen, ohne nur das geringste Zeichen des Erstaunens über dessen unvermuthetes spätes Erschemen zu verrathen. Auf einen Wink ihres Gebieters entfernte sich Gertrute sogleich: obwohl sie ihren Rückzug in der geordnetsten Weise unk mit geziemender Würde bewerkstelligte. Unterdessen folgte Abraham seinem greisen Wi ritze in die Stube. Tas Gemach, in welches die beiten Männer traten, schien als Stn dierzimmer zu dienen. Der Schirm der Lampe, welche die ganze Beleuchtung der stillen Räumlichkeit bildete, war gerade derart gerichtet, daß deren Schein; auf die der Thüre gegrnüberstehende Wandseile siel. Ter Vordergrund des j Zimmers lag solcherweise im tiefstem Schatten. Das Licht coucentrirte sich j auf eine Reihe von Büchern aller Formate, die, theils offen, theils geschlos- 1 sen, auf dem Tische lagen, und augenscheinlich den Bewohner des Hauses ן beschäftigt hatten, ehe er durch die unerwartete Ankunft des Gastes gestört! wurde. — ״Setzt Euch, Abraham," sagte der Hausherr freundlich, indem er auf einen Sessel zeigte, der neben demjenigen stand, in welchem er selbst Platz genommen hatte. Während Abraham dieser Aufforderung willfahrte,! hob der Greis den Schirm der Lampe ab, und bald mußten das große,! über der Bettstätte hängende Kruzifix, der Bctschemel nebst dem Pulte und ' die vielen kleinen und großen Heiligenbilder, die Räumlichkeit als die Pfar rerwobnung kennzeichnen, wenn nickt schon ein einfacher Blick auf den Greis uns ftüber und sicherer davon überzeugte. —

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