Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 12 (29.10.1860)
- Date
- 1860-10-29
- Page
- Seite 93 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch ist aus seiner Tbätigkeit am Reichstage in Wien und Krems,er, 1848 — 9, seine für die Abschaffung der Todesstrafe gehaltene Rede zu erwähnen. — Wir schließen mit dem Wunsche, den ein Eorrcspondcnl d. Bl. in Nr. 1 ausgesprochen: ״daß es dem trefflichen Menschen, Lehrer und Redner ״noch lange gegönnt sei, edlen Samen für eine bessere Zukunst auszustreuen ״und für sein unermüdliches Streben die Anerkennung »nd Berehrnng aller ״lauten und Einsichtige» zu genießen." Die (Cmtgrantrnfainilir. rFonievinig.l '1 in. Zur Zeit, als dieser unerquickliche Lorsall bei Abraham Stern stattfand, stellte sich in dem Hause des Emigranten ein Bild der wohlthucndsten, ungetrübtesten Gemüthlichkeit dar. — Later Abrqham und Mutter Hanna saßen im traulichen Zwiegespräche vertieft, an einer Fcnstereckc der ״großen Stube" beisammen: während Esther an dem andern Fenster derselben sanft bingelchut stand. Tie beiden Eheleute hatten heute ihre besondere Lust daran, allerlei harmlose und neckische Rückerinncrungen aus ihrer Jugendzeit herauf;1, beschwöre» und einander luitzutheilcn. -— (Gelang cs ihnen da, die eine oder die andere bcmerkenSwerthe Thalsache, das eine oder daS andere pikante Ereignis; von der ״guten alten Zeit," wie sie's nannten, anS dem tiefen Schacht der Lergcsienhcit hervor zu holen: da erhellten sick, die Züge und erglänzten die Gesichter der Alten, als ob sie von dem Lickllstrahle hchrer Freudigkeit vcrklärd worden wären. — lind wie die Elter» den ihrigen, so gab sich anck das Mädchen seinen eigenen Betrachtungen unk Träumen hin; den» wie behaglich, ruhig es anck, zuweilen vor sich hinsckanete, war dock, sein Fnnc,-steS gar tief bewegt. — Was das für Trännie 111!c Gedanken waren, denen das Mädchen nachhing? — Cb auch in ihrer Seele verblichene Bilder der Berg an genlseit emporsticgcn, oder ob cs Helle Bilder der Zukunft waren, die sich in dem jugendlichen Gemütbe des Mädchens abspicgelten? —- Hoffte sie vielleicht heute Jemand zu begegnen, rrn sic lange Zeit schmerzlick» vermißte, oder niochtc sic etwa heute einer interessanten Maske gewärtig sein, die sich ihr — wie das am Purim üblich — zuletzt in ihrer wahren Gestalt ent׳ hüllen würde? — Gleichviel — das Köpfchen der holden Träumeri» neigte sich gedankenschwer hernieder, wie die.Rose in Saron's üppigen Gefilden daS ihrige nicdcrsenkt.. ׳. Während solcherweise das Elternpaar und das liebliche Kink, ein jedes besonders nnd alle zusaminen sich ungestört seinem Gedankengange nur dem Zuge des Gcmüthcs überließ, trat das schelmische Mcssiiigmännchcn an de, alten Stocknbr so sachte und bebntsam, als gälte eS einem guten Scherz, heran, und holte daS schwache dünne Hämiiierlci»!'»mal nach dci» gegenüberstellenden Amboß anS: nnd bei jedem Streiche de» es führte, erzitterte das alte l^ehanse, nnd die tanggedehnten, vibrircndcn Schläge der llln kündeten den Bewohnern des Hauses die 5. Nachuiittagsstunde an... Tie Maknniig de, Zeit kam eben recht. — Durch sic wurden die behaglichen Träumer ans die inzwischen cingctretene Wandlnug des TagcS antmerkiam, und gewahrten erst, daß die Stnbe längst schon in tiefe Dunkelheit gehüllt war. ״Es ist höchste Zeit die Lichter anzuzünken," rief plötzlich Mutter Hanna gegen die Tochter gewendet, aus. ״Schon 5 Uhr!— wer hätte das nur gedacht?!" Esther wartete nicht erst auf den Nachsatz der Mutter, soiidcrn war sogleich beeilt, der erhaltenen Weisnng nachzgkonimcn. Bei der ersten Erhellung der Stube zeigtd sich eine lange — eigentlich durch »ichrere an cinantcr gerückte Tische verlängerte Tafel, die mit den besten Gabei! der Küche beladen war. Alles stand für das Purim ׳Mahl bereit. Mutter Hanna hatte es an nichts fehlen lassen, um dem schönen Feste »eine Ehre zu geben. Tie Tafel war so reich und prachtvoll bestellt, wie eine solche kaum anrcrswo i» der Khille zu sehen und anzntreffe» sein mochte. Nichts blieb da zn wünschen übrig!_ Nick't stolze EKrankole und Kandelaber, nicht kostbare t^crätbe von Golk nnd Silber waren cS, die den Purimtisch Abraham Kcbn's vor allen ^iebe 'Kr. s, :>, 10 11. 11. anderen zierten und auSzeichneten; ja, nicht einmal da>; rauschige Flitterwcrk von falschen Bouquets oder die kunstfertigen Erzeugnisse der Conditorei waren da zn finden. Was sich hier zur Schau stellte, war sannnt und sonders einfach» schlicht, nach altjüdischcm Brauch nnd Herkommen. Alles zeugte von dem emsigen Walten der Hausfrau, die dies so gut zu bereiten, so trefflich anzuordnen verstand. Wir wollen einmal über die für die Gäste bereiteten Speisen, wie sie gerade vor nnS liegen, eine kleine Revue anstcllcn! Schwerlich werden wir dabei der französischen Nomenclatur bcnötkigcn. Was uns zunächst ins Aqge fällt, sind die vollen üppigen ״Pnrnn kindcl", klein oder groß, dick oder dünn, wie sie eben der Zufall oder die Laune der Köchin heranbilten mochte. Dicht neben diesen in besondern Behältern liegen die lieblichen ״Kränzel," ״Beugel" und ״Kipfel" und was sonst noch zu diesem Backwerkgeschlechte gehört. Unfern davon signrirt eine bunte vielgestaltige Sckaar von allem, was in Vcr jüdisch culinanschen Kunstsprackie den Namen ״Kückicl" trägt: von dem allgemein beliebte!«» ״Weinküchc!" angefangen, bis zu den der frommen Goiirmandise so ganz besonders wohlbehagendcn ״Pfeffer-, Fngvernnd sonstigen Gewürzkücheln" herab. Aber alles bisher Erwähnte tiitt bescheiden in den Hintergrund zurück, wenn wir einen Blick ans 'die vielfächerigen, mannigfach gefüllten! »ahczn mit mathematischer Genauigkeit gebildeten, kreisrunden Fladen richten. Tie zierlichen gleichfönnigen Zacken an dem Rande rings.herum können nicht verfehlen, selbst einem Maschinenkünftlcr unserer so weil vorgeschrittenen 'Neuzeitein Lächeln des Beifalls und der Befriedigung abznnöthigcn: bcsondcrs wenn es ihm verstauet wäre, eine genauere Untersuchung mit dem Innern dcssclvcn vorzunchmcn. Sollen wir noch von den wnndcrhcrrlichen Gans - nnd Kalbsbraten sprechen, die hier in mcssianischer Fricdsamkeit bei einander lagern! Oder sollen wir von dein stattlichen ,,Indian" erzählen, der in seiner ganze» Größe, Fülle und Herrlichkeit vor uns da liegt? — Wenden wir lieber unsere Aufmerksamkeit dem lorbcerbekränzten, cssiggetränkten, ehrbaren Rindsbraten zn, und vergessen wir auch nicht die vielen geselchten und ungcselchtcn Zungen zu verinelden, die in sprachloser Rührung vor uns liegen. Nebenan befinden sich — in sinniger Anordnung — die stummen Geschöpfe des Wassers, es sind dies die Teliec des GhcttopublikumS — Fische aller Gattnngen und Bereitungsarten — bald kunstgerecht in Stücken zerlegt, bald wie rer graziöse Häring ein herrliches Ganzes bildend! — Endlich dürften die historisch gewordenen ״geschwellten Erbsen" mit ihrem Eorollarinm — rem Wein und die große Arackflasche nnd die daiicbcnlicgcndcn Eitroncn, die von dem hohen Gesimse der Garderobe auf uns herniederschauen und zur Bereitung des nnvermcielichen Punsches nach der Suda bereit sind, der Erwäknnng nicht unwerth sein. — Diese kurze, flüchtige Skizze, die wir noch fortgesetzt hätten, fürchteten wir nicht den Appetit unk die Geduld des Lesers allzusehr zu reizen — wird sicherlich genügen, unsere früher ausgesprochene Behauptung: ״daß wohl schwerlich rin schönerer Purimlisch im ganzen (Ghetto zn fintcinjei", nicht als allzu külm unk gewagt erscheine» zn lassen. — Und doch war an dem Tische, der, im Lertrauen gesagt, heute 311111 ersten Male seit der Bcrhcirathung Abraham Kohn's im Hanse ״ausgestellt" wurde, noch mancherlei zu ordnen und zu verbessern. Esther sah dies wohl ein! — denn kaum daß sie ihr Geschäft der ״Erlcnchtnng" zn Ende gebracht hatte, ging sie voll Eifer daran, die letzte Feile an das schöne Tafclgcmäldc anzulegen, — die letzten nothwcnrigen Lorkehrnngen daran zn treffen. —! Ta stank ein Teller etioaS zn nah, dort ein anderer zu weit von seinem Nachbarn. Hi sc׳ war die Schüssel nicht ganz genau im Ecntrum ansgestellt, dort mußte ei» Glas oder eine Flasche annähernder dem Gaste zn Rechte gesetzt oder auch nach Umständen etwas weiter weggcrnckt werden. Diesen dem Weltphilosophcn vielleicht kleinlich erscheinenden Tingeiz lag daS schöne Kind mit allem nur erdenklichen Eifer und mit seltener Aufmerksamkeit ob: während die noch immer auf ihren Sitzen verharrenden Eltern schweigsam und bebaglick, rem Treiben Estber's. zusakcn. So war alles 1111 Hause tu die gemüthlichste Stimmung versetzt, bis auf die alte Familienkatze, die von der Mitte des Zimmers aus verliebte lüsterne Blicke auf den bereitstehentcn PiirimschmauS unverrüctt richtete. Mitten in diesem seltenen Stillleben, das tcö Pinsels eines Ban Tnk würdig gewesen wäre, ging plötzlich die Tbüre aus, und bleichen Angessck'tS, i