Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 11 (12.10.1860)
- Date
- 1860-10-12
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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§. 36. len Outen ist ras Kaufen und Verkaufen aller Waaren unt gleich den Christen das Berühren tes Brotes und anderer Produkte gestattet; ver Hindernde wird durch eine (Geldbuße an unfern Palatin gestraft. Manche dieser gesetzlichen Bestimmungen, wie die ZA. 35 und 36, werden uns ohne Zweifel sonderbar verkommen; um die Nothwendigkeit derselben;u begreifen, muffen wir uns in den beschränkten abergläubischen Geist reS Mittelalters versetzen, der ja leider noch im 10. Jahrhundert nicht überall gebanntist. Lange Zeit glaubte man, daß die Juden durch das Berühren die Waare bezaubern oder anstecken und es ward sogar verordnet, daß Juden die zum Verkauf ausgestellten Brote oder Früchte nickt berühren dürfen, und wenn sie es thun, daß sie ras Berührte kaufen müßten. Tiefe Berordming cassirte nun §. 35 und suckle einen langgehegten Wahn im Belke zu zerstören. Ja manche dieser Paragraphe könnten neck jetzt im Jahr- Hunden der Intelligenz und Humanität in den Codices Aufnahme sinken, wie 10, 28 und 31. Tie Bestimmung, daß der Jude an seinem Feiertage nickt vor Gerickt gefordert werden darf, ist freilich in den meisten Staaten in Kraft, indeß, wie häufig wird von ihr abgezangen! Man läßt es eben darauf ankcmmen, ob gegen die Citirung vor Gerickt an Feienagen Widerspruck erhoben wirr oder nickt, 'und zu unserer Sckande muffen wir es gestehen, wir haben vielfack von Richtern gehen, daß sie Termine an Feier׳ tagen den jürifcken Paneien ansetzen, weil sie wiffen, daß die Juden in den seltensten Fällen dagegen remonstr.cen! Und so opfern wir mit rem größten Leichtsinn ein Reckt, um reffen Erlangung unsere Vorrabren vielleicht Jahr Hunderte gekämpft, weil wir, wie es nctorifch ist, zu träge sind, zur Wahrung unseres heiligsten Reckkes ein kleines Schriftstück anzufenigen orer anfeNigen zu lasten! Bewundern aber müffen wir das richtige Gefühl deS Gesetzgebers, der, um die Kraft und Wirkung des Eides nickt durck testen zu oftmalige Vornahme absckwäcken zu laffen, die Anordnnng traf, daß rerfelbe nur in wicktigeren Angelegenheiten geleistet werden sollte; eine Bestimmung, die unserer ganzen, einer Reform sc dringend bedürftigen Eicesgeseygebung zu Grunre gelegt werden könnte! (Scklus; felgt.- di. R. Moscs Schreiber — meist Solcher genannt, — reffen schon zu öfter» Malen in diesen Blättern Erwähnung gefckehen ist, wurde zu Frankfurt a. M. im I. 1761 geboren; besnckle dort die Talmndfckule des berühmten Rabbiners Pinckas Horwitz, — seinen vorzüglicksten Meister nannte er aber R. Nathan Adler, den berühmten Gelehrten und Chassid, welchen er als getreuester Junger im I. 17*.'! begleitete, als derselbe die Vaterstadt Frankfurt a. M. zu verlassen und in Oesterreich seine Heimakl, zu suchen sich bewegen sah. Bis zum I. 1*<H> lebte er als Schüler in Boskowitz, privatisirend in Proßnitz, hieraus als Rabbiner zuerst in Straßnitz in Mähren, dann in Matlersdorf in Ungarn. Im getackten Jahre ward er ans den Rabbinalspcsten in Preßburg, als Nachfolger des R. Mesckullem Tysmenie, berufen, welchen Posten er bis ans Enke seiner Tage, 1830, eingenemmen. Sein immenses lalmudisckes Wiffen, sein unermüdlicher Fleiß und seine hoke Frömmigkeit machten ihn zu einer der gefeiertesten Persönlichkeiten innerhalb der jüdischen Welt, und verschafften ihm ein Ansehen und einen Einsluß, wie sie nur wenige neue« Heroen des Rabbinismus besaßen. — Seine Jeickiwak zählte stets mehrere Hunderte von Sckülern, wie er denn Verbreitung des TalmurstudiumS überhaupt als heiligste Gewiffensrslickt ansak. — Anfragen in Ritusaiigelegenkeiten gelangten an ikn aus de» entferntesten, anck außer׳ europäischen 6'emeinrei! — die Palästinenser pflegten ibn ״Nllssl" zu tituliveii — und wurden von ihm anfs Schleunigste beantwortet, wodurch er sich von strengen Pilputisten freilich cn re» Vorwurf der Flüchtigkeit zuzoz. S opher war bekanntlich einer der eifrigsten, energischsten, confeguenkesten und erfolgreichsten Vorkanipser rer strengsten Srihodorie, welcke in jedem außer-lalmudiMe» Tindiiirn ziigleick e׳n anlitalnludisckes und darum verdammlickes sal>. — Wie immer aber nun übe׳׳ sein Streben und Wirken denken mochte, mußte rock rer eifrigste Gegner guck die sittliche Reinheit seines Charakters und ras tiefste Turckdrungensein vom religiösen Glauben ehrenc anerkennen unc seiner Unermürlichkei! unr Beharrlichkeit im Ringen nach dem was er zu Reckt erkannt und als Lebensaufgabe sich gestellt, Lebührende Bewunderung zollen. , Als Lebensaufgabe aber sah er vor Allem an die genaueste Erfüllung I alles dessen,' was schriftliche und mündliche Lehre, so wie Vorschrift der Rabbi- ' nen und von der Zeit geheiligter Brauch festgestellt und angeordnet haben, fer- ' ner das ununterbrochene Studium des rabbinischen Gesetzes, sowohl zu seiner l eigenen Fortbildung wie zum Unterrichte Anderer. Es war ihm heiliges Gesotz. ' keinen Tag des Jahres, mit Ausnahme des 9. Ab, vorübergehen zu laffen, ohne mit Sckülern vom ״Gesetze zu sprechen und darin zu forschen;" und * noch am Tage vor seinem Tode unterhielt er sich mit einigen ihn stets umgebenden Backurim in belehrender Weise über talmudische Fragen. Tiefer, in seiner Art gewiß eine seltene Erscheinung zu nennende! Manu, versckieb am 3. October 1830 — 25. Tisckri 5000 zur größten Betrübniß seiner Gemeinde und der Tausende von Schülern, die er in allen Gegenden hatte. Trauergottesdienste wurden in den meisten Gemeinden des In- und Auslandes für ihn abgehalten. —■ואו•־- י Lorrespondenz. d. Prag. Man hätte kaum glauben sollen, daß die jüngst hier statt gefundene 12. Generalversammlung der katholischen Vereine Veranlaffung zu einer Correspcnden; geben würde. Auffallend ist dabei, daß es nickt das deutscke, sondern das czeckische Element war, welckes bei dieser Veransaf sung eine Sonderstellung einnehmend das Motiv zu unserer heutigen Be tracktung abgibt. In der Abschiedsrede, welche der Herr Weihbisckof Kre o. im Namen des Metropoliten in böhmischer Sprache au die böhmischen Mitglcever hielt, kam er am Schluffe derselben auf die Tagespreffe zu sprechen. Sonderbar genug schien dem czeckischeu Redner für das czechische Publikum keine ezechiscke Preffe zu existiren: denn indem er vor dem gefährlichen Ein fluffe der Tagespreffe warnte und vor den bösen Wirkungen, welche d»vN> die ״Judenblätter" hervorgebrackt werden, empfahl er seinen czeckischeu Zn- Hörern den ״Volksfreund," die ״Gegenwart" und das'״Vaterland;" c.n czeckisckes Blatt zu einpfehlen, fiel ihm nickt ein. Warum? — weil außer dem Regierungsblatte keine böhmische politische Zeitung bis zum Tage der AbsckiedSrede bestand, sonst wäre auch wahrscheinlich vor dem hier seit dem Anfänge des Octobers ersckeinenden ״Czas" gewarnt werde»; und weil die deutschen Blätter mit Ausnahme der genannten den Intentionen des hockwürdigen Redners widersprachen; und dem zufolge hatte er für dieselben keine beffere Bezeicknuug als — ״Judenblätter." Wir brachte» dieses Factum einfack zur Kenntniß der Leser, von denen jeder einzelne sich den Commentar nack Einsickt und Belieben macken kann. Und indem wir übethaupt dem selben mehr Truckersckwärze opfern ließen, als es im Ganzen verdient, wen den wir uns einem wichtigern Gegenstände zu. Prag, die intelligente Gemeinde, deren Ruf als eine solche ein weit verbreiteter, entbehrt bis zum heutige Tage zwei der wicktigsten Lehrinstitnte, eine öffentliche höhere Töchterschule unt eine Präparandie. Was das erstere Institut betrifft, so haben wir wohl ein solches Privatinstitut, und es fällt uns gar nicht ein, demselben in irgend einer Beziehung nahe zu treten; im Gegentheile, wir müffen demselben das beste Lob schenken. Allein einem ar׳ men jüdischen Mädchen, das es gerne zu etwas bringen möckte, ist es nickt mögtick, sein Wiffen zu bereichern, da es nicht im Stande ist, selbst das halbe Honorar zu bezahlen, und es wandert nun mit fckwerem Herzen i» ein Verkaussgewölbe, um als Ladendienerin zu fungiren und ist glücklich, daß es jetzt den Inden möglich wurde, ihre Verkaufsgewölbe auch außerhalb res TandelmarkteS zu eröffnen. Aber -.selbst wenn unbemittelte Zöglinge anstatt des halben Honorars gar nichts zu erlegen hätten, müßten >pir für eine öffemlicke höhere Töcklerscknle unsere Stimme erheben,, weil wir principiell gegen jede Privatsckule sind, möge dieselbe unter was immer für Aufsicht und Prokectorat stehen, möge sie was immer für einen Namen führen und jeden möglichen Grad rer H effentlickkeit beanspruchen; weil wir überzeugt zu sein glauben, daß in einem Privatlehriustitiite niemals der oft uöthige Grad von Strenge gegen die Zöglinge ausgeübt werden kann. Was die erwähnte Präparandie für Lehramtscaiidiraten betrifft, so scheint uns dieselbe nickt minder nokhwendig. Bis zmn Jahre 1848 — wir glauben in rer Zeitangabe nicht zu irren — bestand eine solche an der hiesizen israel. Hauptschule; seit dieser Zeit löste sie sich auf, und sämmtlicke LehramtScandidaten sind gezwungen, den CurS an der hiesigen Musterhgupt-