Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 11 (12.10.1860)
- Date
- 1860-10-12
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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schule zu hören. Wie groß der Andrang der iSrael. Candidaten, kann man leicht ermessen, wenn man bedenkt, daß niehr als ein Dritttheil der Gesammt- Hörer Israeliten. — Dieser große Andrang hat aber die Direktion der Musterhauptschule veranlaßt, demselben ein Hemmniß entgegen 'zu setzen, dircct war dies nicht gut thunlich, und so geschah dies indirect. Bitter enttäuscht wurden so viele angehende iSrael. LehramtScandidaten, als sie zum Beginne deS Schuljahres an die Pforte des Schulgebäudes der k. k. Musterkauptschule traten und an derselben die Anzeige lasen, daß nur jene zum Unterrichte für LehramtScandidaten anfgenommen werden, welche genügende niusikalische Borkenntniffc besitzen. Bei dem Umstande, daß nur die wenigsten, vielleicht keiner dergleichen Borkenntniffe besitzt, ist der Eintritt in den Candidatencurs für diese bis jetzt, wo wir diese Zeilen schreiben, ungewiß. Wäre der PräparandencurS noch an unserer Schule eingeführt, so würden alle kiese jungen Leute nicht so trübe in die Zukunft hineinblicken müsien. Daß aber die Möglichkeit seines Bestehens vorhanden, entnahmen wir aus der Aeußernng einer nicht unbedeutenden Persönlichkeit an der hiesigen k. k- Musterhauptschule, welche meinte, daß eS nür der Anregung der Direction kcr hiesigen iSrael. Haupt- und Unterrealschule bedürfe, um einen LchrcurS für Candidaten an derselben wieder eröffnen zu können. Dieser Umstand veranlaßte unS, unS deS Weiteren über die Eröffnung eines LehrcurscS für Lehr auitSkandidaten an der Iosephstädter Hauptschule zu ergehen, und wir würden unS freuen, dazu ein geringes Schärflein beigetragen zu haben. BrÜNN, im September. Ein Wort zu seiner Zeit sprachen die Bertreter der hiesigen iSrael. Cultusgemeinde bei ihrer in diesen Blättern schon erwähnten Begrüßung des neuernannten Herrn Statthalters. Es galt nämlicl׳, eine von den Direktoren aller hiesigen Normal-Hauptschulen willkürlick getroffene "'Maßregel so schnell als möglick abzuwebren. Der Sackverhalt ist folgender. Die hiesige Gemeinde ist seit längerer Zeit im Kampfe gegcn eine Anordnung der h. Statthalterei begriffen, indeni leptere auf die Erricktnrg ciner separaten iSrael. Normal-Hauptschule bringt, erstere hingegen, sich stützend auf die Gegengründe, welche die Wiener iSrael. CultuSgenieinte in der äbnlicken Frage vorgebracht, und überdies noch auf den Umstand, daß so einer lungen, in! Entstehen erst begriffenen Gemeinde die Mittel zur Errichtung einer den Anforderungen einer Hauptstadt entsprechenden Sckule nock fehlen, wehrt sich dagegen und strebt darnach, obige Anordnung zu annulliren, oder wenigstens die Ausführung derselben so weit als thunlich hinaus zu sckicben. Um nun dem Streite schnell ein Ende z» machen, und die Gemeinde zur Nachgiebigkeit zu zwingen, legen sich die Direktoren aller hiesigen Normal- Hauptschulen unbefugt in'S Mittel und beschließen (wir können nickt bestimme», ob aüf äußerem oder innerem Antriebe), im künftigen Sckuljahre gar keinen lüdischen Schüler in ihre Lehranstalten aufzunehmen. Man muß gestehen, wenn dieser Schachzug auch sonst gar nichts Gutes an sich hatte, an guter Berechnung fehlte es ihm 'wenigstens nicht. Bon allen Seiten zurückgewiesen und nirgend« einen AuSweg findend, hätten die Juden nothgcdrungen aus ihr Feld sich zurückziehen und mit eigenen Schulmännern sich verschanzen niüffen. Gott, der Herr aber, der oft die umsichtigste Berechnung der Menicken zu Schanden macht, ließ auch den gegcn unS gehegten Plan an dem unvorhergesehenen Wechsel in der obersten Leitung unsere» Kronlandes sckeitern. Da» wohlwollende Entgegenkommen von Seiten des Herrn Statthalter» munterte unsere Gemeindevertreter auf, über die erwähnte Maßregel der Direction Beschwerde zu führen. Der Herr Statthalter zeigte eine wahrhafte Entrüstung über diesen Act und versprach sofortige Abhilfe, und dir Wirkung bievon zeigte sich bei der letzter Tage ׳stattgehabten Einschreibung: denn an alle» Hauptschulen, selbst in der Pfarrschnle zu St. Jacob, die vielleicht nock nie einen jüdischen Schüler hatte, mußte die Aufnabnie der Sckülcr ebne Unterschied der Religion stattfinden. Nock eine wichtigere Neuigkeit ist von unserer Gemcintc zu melde». Die langjährige Rabbinats-Vacanz in unserer Gemeinde hat nun ein Ende. Der Glückliche, der die so lange sckinacktende Braut heimfükrt, ist der l»r. Placek, ein Sohn unseres provisorischen LandcörabbinerS. Die Stelle wurde lkm — in Rücksicht auf seine Jugend unk aus die eben hierauf beruhende Unvcrtrautheit mit der RabbinatSsührung — nur provisorisch aus -4 Iabre anvertraut. I C. Wien, im September. Dieser Tage ist hier in der Leopoldftadt cm neues Schulhaus feierlich eingcweiht worden. Der Bau rcffelbcn kostete 90,000 fl. und wurde auf Kosten der Gemeinde ausgeführt. Zu den Ge» meindesteuern tragen aber auch Juden bei und zwar, wie wir leicht statistisch Nachweisen könnten, verhältnißmäßig in höherem Grade als ihre christlicken Mitbürger. Wir hätten eS in der Ordnung gesunde«, wenn zu dieser Feierlichkeit auch ein Vertreter der Juden geladen worden wäre, diese Ehre, die doch nichts kostet, .hätte man den steuerzahlenden jüdischen Gemeindemitgliedern billig gewähren können. Signale aus Böhmen von Rabbiner lkhrentheil in Horic. I. Geehrter Herr Redacteur! Sie fordern Berichte auS Böhmen von mir, Sie wollen Ihren zahlreichen Lesern auch von den Bestrebungen der ״böhmischen Juden" Kunde geben, und dazu soll meine Feder erkoren sein. — Wohl haben eben ״böhmische Juden" eine besondere Weihe auf dem Altare der Ocffentlichkeit erhalten, indem die geübte, in wahre Poesie getauchte Feder unseres trefflichen Kompert sic gezeichnet; doch wenn Ihre geschätzten Leser mir gestatten, meinen prosaiscken Gänsekiel in die Strömung unsere» böhmisch-jüdischen Alltagslebens zu tauchen und ihnen von Zeit zu Zeck ein Lebenssignal schriftlich znkommen zu läffen, bin ich gerne bereit, den eben nickt immer mit Rosen bestreuten Corrcspondentenwcg einzuscklagen und als getreuer Berichterstatter ein Plätzcken in diesen gerngelesenen Blättern in Anspruch zu nekmen. Bor Allem möchte ick meine bkhmiscken GlaubenSgenoffen gegenüber dem ihnen oft gemachten Borwurfe, als wären sie allesammt in religiöser Beziehung indifferent, in Schutz nehmen. — ״Böhmen," das ist dort wo man aufhört Tefillin zu legen," heißt es in Ungarn oft! dem ist aber nicht so! — Das jüdisch - religiöse Leben pulsirt hier eben so wie in Ungarn und Mähren, ter vom Geiste der Zeit bedingte religiöse LäuterungSpro;eß geht auck hier vor sich, nur daß er ohne Gährung, still und in langsamen, von leidenschaftlicher Aufregung nicht forcirten Pulsschlägrn vor sich geht. — Wenn hier zu Lande z. B. die anti - Philippson'scke, Halberstädter Kundgebung keine Theilnahme gefunden, wenn unsere Frommen in der prcjectirten BibelauSgabe keine Gefahr sehen, kein ״Hannibal ante portas" rufen, — keinen Geschmack an dem wachthabenden ״Israeliten" au» der deutschen Bundesfestung finden, keine UebersetzungSpetitionen vorbereiten, so ist dies Alles eben nicht JndifferentiSmuS, eS ist glaube ich eben nur das beffere Bewußtsein, daß das Heil des Judenthums nickt durch Zerklüftung im Innern gefördert wird, und daß Eintracht, nachsicktsvolle Schonung gegen abweichende Meinungen, und vor Allem jede Vermeidung von Lחל,־4 ״.«׳ zum Emporkommen unserer Glaubensgenoffenschast nöthig ist. Um aber nickt bloS negative sondern auch positive Beweise von unserem Sinne für religiöse Bestrebungen zu liefern, erwähne ick mir den Umstand, daß die jüdischen Zeitschriften hier verhältnißmäßig viele Leser haben, daß sie mit Jntereffc gelesen werden, daß in Strakonitz ein herrlicher Tempel gebaut und bereit» eingeweiht wurde, daß Reichenau auf Anregung de» dortigen Rabbiners Herrn Fein eine zeitgemäße Unrgestaltung de» Tempels vornahm, daß Neu-Bidzow einen alten ehrwürdigen Rabbiner erkält und zudem noch einen Prediger in der Person des Herrn EiSner sckon vor Jahren angrstellt hat, und daß endlich im Städtcken Trautenau. wo nur 4 — 5 jüdische Familien wohnen, in Anbetracht, daß an der dort!- gen Realsckule mehrere jüdische Kinder studiren, ein Religionslebrer aufgenommen wurde. Gestehen aber muß jeder Unbefangene, daß im Schulwesen aVszip iiiagyarorszäg, da» einst als Wiege der jüdischen Cnlturbestrebungen geprie» sene Böhmen bereits weit überflügelt hat; fast in den meisten Gemeinden ist ras Schulwesen nickt über das Niveau der primitiven Volksschule hinausgekommen, obwohl auck hierin rühmliche Ausnahmen, als Kollin nud Junglnnztau zu nennen sind, in Krcirüug jüdischer Haupt uud Musterhauptsckulen Kat uns Ungar» die Palme entwunden — ״inulnak az idök vältoznak az ombcri «lolgok. — Dock werden wir auch, so Gott will, auf diesem Gebiete nickt ganz zurückblciben — wozu ter Himmel unS stärken möge! —