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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-10-12 · 11 (12.10.1860) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
11 (12.10.1860)
Date
1860-10-12
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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—>,» 83 r«- *f Die Emigrastenfamilie. lForssetznng? ') Man hätte denken sollen, daß eS Abraham Kohn nnr hockst crwknsckt sein müsse, eine Gelegenheit zu finden, seine Tockter auf eine anständige Weise zu versorgen, nnd daß er gegen den jungen Stern, deffen trefflicke Eigenschäften allgemeine Anerkennung fanden, durckans nicktS einzuwenden haben werde: — und doch war dieser Bewerber unter allen andern gerade derjenige. der ihm am wenigsten als ״Eidam" convcnirte. Der Grund der Abneigung lag iudeß durchaus nickt in dem jungen Manne selbst, sondern bloS in dem Vater dcffelben, dessen besonderes Berbältniß zu dem Emigranten wir-zum bessern Verständnisse dcS Nackfclgenden etwas eingebciitcr dar stellen wollen. Vater Stern und Vater Kohn sind nickt bloS Namensverwandte ihrem Vornamen nach — sondern auch unstreitig die besten und intiniste» Jugendfreunde gewesen. Zur Zeit als noch beide im zartesten Kindcsaltcr standen, wohnten deren Eltern als näckste NachbarSleutc in jenem Hause bei einander, welckeS später Abraham ftohu als alleiniger Eigenthümer besaß und bewohnte.' Damals schien cs, als ob die beiden Kindereiner und derselbe» Familie angehört hätten. Es waltete ein so inniges, brüderlickeö Verhältniß zwiscken ihnen ob, wie dies nur selten unter Kindern dieses Alters vorznkommen pflegt. Als getreue, unzertrennliche Sckulkameraden lernten und lärmten sie stets miteinander, bestanden sie mancken harten Strauß;usanimen, unk theilten in Folge dessen auch manche nicht unerheblicke Zücktigung in Schule und Haus ans echt collegialische Weise. — Zu Jünglingen herangereift, erhielt sich ihre Freundschaft ungcsckwächt fort, und bewährte sich noch zur Zeit, als beide zu Selbstständigkeit und Unabhängigkeit gelangten; ungeachtet dessen, daß sie ein und dasselbe Geschäft betrieben — wo doch sonst an kleinern Orten die Reibungen und Eollisionen.nickt so leicht zu vcrnieiken sind. — Wäre man zu jener Zeit in der K Hille nur etwas besser in der Weltgeschickte und nur ein wenig in der Mythologie bewandctt gewesen, so ist nickt im geringsten daran zu zweifeln, daß man unsere zwei Freunde mit ״Orest und Pilades" oder ״Kastor und Polluz" bezeichnet hätte. — Anders war'S nickt möglich, nachdem sie so innig an einander gekettet und gewachsen waren. — Bei dem bedauerlichen Umstande jedoch, daß riese heute zu Tage fast allentbalben verbreiteten Äulturzweigc damals, — zum Min dessen in T.... — noch völlig int Argen lagen, weil sie an jener ersten unk einzigen Anstalt nickt zur Pflege gelangten, an welcher der Mann der schwarzen Gütl den Lehrstuhl inne hatte — mußte man sich zur Noth mit der einfachen und geläufigern biblischen Bezeicknniiz von ״Jonathan und David" behelfen. Im Ganzen genommen liegt daran wenig, wenn.nur dadurch das intime Verhältniß der zwei Abrahame in richtiger Weise bestimmt wurde — unk das war wirklich der Fall. — Da kam jener entscheidende, auf das menschliche Leben nachbaltigst einwirkende Zeitpunkt heran, wo die Herzen der jungen Leute sich für eineneue, zartere, ihnen bis dahin unbekannte Freundschaft erschließen, für eine Freundschaft, so innig und mächtig, wie sie nur die Wechselbeziehung zwischen Mann nnd Weib hervorzurusen nnd zti befestigen vermag. Beide ׳ Freunde entbrannten fass gleichzeitig in Liebe.... — ״Doch nicht gar für eine und dieselbe Person?" — wird hier mancher heißblütige Leser ergänzenk einsallen. — Das eben nicht! — Waö 11118 belangt, so wäre es uns, aufrichtig gesagt, reckt lieb gewesen, wenn dies wirklich stattgcfundcn hätte: weil in diesem Falle die Erzählung durch allerlei wildbewegte Scencn nnd beroische Auftritte verliebter Rivalität, namentlich durch HcranSfortcrimg zu — Schlägereien und Balgereien (Duelle hat es bei dem verwahrlosten Znstände der Ghetto-Eivilisation nickt gegeben» um Vieles interessanter und pi׳ kanter geworden wäre. Dennoch stehen wir nickt an, rer Wahrheit das schwere Opfer zu bringen, indem wir treuherzig versichern, cs feien die Gegenständc ihrer Verehrung und Anbetung zwei vollkomincn verschiedene, selbstständig für fick cristircnde (Geschöpfe, nnd zwar die eine unsere woblbekannte Hanna und die andere das nachmalige Weib Abraham Stcrn'S — Namens Mirjam gewesen. So weit war auch nicht der mindeste Grund vorbandcn, daß die in ' Liebe Nr. X, r« u I". ihrem Busen neu ansteimende Liebe die alte festgewurzelte Freundschaft im Geringsten erschüttern sollte. — Und doch war dem so! — Die beiden Freunde bewarben sich eifrig, wenn auch nicht um ein und dasselbe Weib, so doch^lllm eine und dieselbe Familiennummer, die gerade zu vergeben war: beide strebten auS allen Kräften darnach, die gesetzlich nothwendige Autorisation zur Heirath;11 erlangen; und da diese nur Einem von ihnen zugesprocken werden konnte — so biltete dieser Prozeß den leidigen Zankapfel, um dcffentwillen sic sich mehr und mehr einander entfremdeten, bis der letzte Rest der alten Freundschaft spurlos dahin ging. — Anfänglich schien Kohn gegen Freund Stern im bedeutenden Vortbeile zu stehen. Erstens war er um volle 3 Jahre und 17 Tage älter. Zweitens bewarb er sich schon mehrere Jahre und Tage früher um die ״Familie," und endlich — waS doch am schwersten hätte ins Gewicht fallen sollen — war Kolm ein Zweitgeborrncr, während sein Freund als dritter in der Reihenfolge seiner Brüter das Licht der Welt erblickt batte. Alles daö znsammcngenommcn, mußte offenbar für Kohn der Sieg wahrscheinlich sein.— Da aber die Göttin Gerechtigkeit nickt bloS blind gemalt wird, sondern! eS in vielen Fällen auch wirklich zu sein pflegt, — so kam cö dahin, daß der arme, zum Emigranten präkestiuirte Kohn gegen seinen Freund, wie gegen so viele andere unfreundliche -Mitbewerber,. unterlegen ist. — Dieser unvorhergesehene Ausgang traf ihn hart. — Er schmerzte ihn ׳. viel empfindlicher und tiefer, als jede andere bis dahin erfahrene Niederlage. I War cs ja diesmal sein bester, vertrautester Busenfreund, gegen welchen er; den Kürzer!! ziehen mußte.... Wie wenig sind wir aber auch geneigt, ein Unrecht zu vergeben, wenn ׳es uns von Freundeshand zugekommen ist! Unglücklicherweise faßte eS Kohn so auf. —- Er hegte wirklich den schweren Verdacht' gegen seinen Freund, als hätte er sich unlauterer Mittel und 111t I edler Schliche bedient, ihn seinen gerechtesten Ansprüchen zum Trotze, der bit tersten Enttäuschung Preis zu geben. — Wie hatte er sich auch sonst den unberechtigten Erfolg seines Mitbewerbers erklären sollen'?! — Und wenn 1 gleich kein anderer Umstand seinen Argwohn bestärken konnte, so waren > von da ab — die langbewährte» Freunde geschiedene Leute, zwischen denen > auch dann jede Annäherung unterblieb, als Abraham Kohn auf daö Zureden und Bitten Hanna's, seinen Kindern zu Liebe, den sanern Schritt zur 1 Aussöhnung gegen alle Welt gethan hatte.... > * * * So stellte sich ein hartes, barbarisch-mittelalterliches Gesetz als starre Scheidewand hin zwischen Freund und Freund, nnd hielt zwei Herzen auseinander, die sich in treuer Anhänglichkeit sonst so warmfühlcnd entgegenschlugen! — Das war auch der Grund, warum der sonst so gutmüthige Kohn die Nachricht von der Bewerbung Leopold Stcxn'S um seine Tochter mit größtem Unwillen aufnahm.... Es war ihm, als ob eine alte, im Verharschen begriffene, tiefe Herzenöwunde bei diesem Anlasse wieder zum plötzlichen Aufbruch gelangte. — Er sah eine so weite, weite Kluft zwischen sich und Stern, daß die noch so sehnsüchtig eiizander entgegen gestreckten Arme der liebenden minder sie nie und iiimmer zu übcrspauncn vermöchten. Dabei muß man aber nicht glauben, daß sich Abraham Kohn bloS von persönlichem Haß oder gar von Rachcgcfühl leiten ließ. Hätte er wirklich hoffen können, ras Glück seiner Tochter dadurch zu begründen, gewissi er hätte seinen widcrstrebenden Gefühlen Zwang angethan, und die Sache wie sie kam, auch walten lassen: aber was konnte Abraham Kohn zn den reinen Absichten Stcrn'S Bertranen einflößen'? wie hätte es ihm einlcuchten sollen, daß der Sohn desselben Mannes, der seinem Ehrgefühle eine so tiefe Wunde ge schlagen; der die Ursache war, daß er als Emigrant und seine Kinder geseitlich als vaterlos erscheinen; der seine schönste Hoffnung zu 'Nichte machte, und so zu sagen dieerste Bliithe seines ehelichen Glückes zerstören half; wie hätte er denken sollen, daß der Sohn tcsselbcu Mannes treuherzig nnd ehrlich um Hand und Herz seiner einzigcn geliebten Tochter sich bewerben werde! — Wird, so dachte Abraham Kohn, der stolze Rosck - hakohl die Emigranten tockter jemals als seine ״Schnur" willkonimen heißen'?! Das war'S, was ihm in keinem Falle cinlenckten wollte. — ״Kurz und gut, eS kann und soll nicht sein! Der junge Stern muß um jeden Preis von unserem Hause ferne bleiben... Koste eS was es wolle." — Diese Worte richtete Abraham Kohn in einem so bestimmten und entschie denen Tone an Joseph, daß dieser — obwohl er den Beweggrund seines *

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