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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-10-05 · 10 (5.10.1860) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
10 (5.10.1860)
Date
1860-10-05
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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R. MoseS JsserlS zur Begründung deS Brauches, die Trauung unter freiem Himmel zu vollziehen, fährt er fort: ״Euch Männern rufe ich zu׳ ״״Beherziget diese meine Worte, und kehret um vom Wege, der nicht gut""... ״sendet mir alsogleich einen andern Bericht ein."... ״So Ihr ater nicht ״gehorchet, dann werde ich Euch zu begegnen und Wege zu finden wissen, um ״Euern Rathschlag zu vereiteln, und ich vertraue, daß auch die Hand der ״Bornehmen und Fürsten mich unterstützen werde." — Sckwab wies die Bedenken gegen die Neuerung vom rabbinischen Standpunkte zurück, führte Belege für dieselbe an, welche wir hier übergehen, weil der Gegenstand seitde», schon genug erörtert worden, schilderte in gelungener Sprache den beim bisherigen Usus in Prcßnitz unvermeidlichen Unfug und schloß mit den Werten: ״Tie Angelegenheit, worüber ich bloß auf meine Einfichl mich stützend ״entschieden habe, ist eine von denjenigen, rücksichtlich welcher eS jeder Ge- ״meinte im Bcreine mit dem Rabbiner, wenn dieser gelernt hat und sack- ״verständig ist, zusteht Bestinimung und Bersügung zn treffen. Ick stehe ans ״meinem Posten und werde, was ich einmal ausgesprochen, nicht znrückneh- ״men, bis niir der, Befehl von hoh^in Orte zukonmien wird; dann aber ״werde auch ick zu entgegnen und mich zu rechtfertigen wiffc», aber Sie ״werken keinen Ruhm dabei haben." דגפאר־ו r,'r~ אפס כ' ־־א• — Ganz anders klang nun ein zweites Schreiben deS LandesrabbincrS. Nach einigen pilpulistischen Entgegnungen erklärte Trcbitsck: ״Wenn Ihr in Euerer! ״Gemeinde dem Tumulte und der Bet Wirrung bei Trauungen im Freien nickt ״anders steuern könnt, und Ihr durckaus, entgegen unfern Lehrern und ״meiner Ansickt, darum den Minhag absckafscn wollet; — so verlange ich ״das Eine von Euck und ersncke »nr das, mir doch einen anderen Berickt ״einzusenden, worin der Neuerung keine Erwähnung geschehe, damit ich nicht ״nöthig habe, die Behörde mit Erörterungen und Erklärungen zu belästigen, ״warum in dieser Sacke nickt gleicher Brauch in allen mähr. Gemeinden ״herrsche; ich verlasse mick auf Euere große Klugheit und Herzens- ״güte, daß Ähr meinen Wunsch in dieser Bcziebnug erfüllen werdet." u. s. w.!!Fortsetzung folgt.) , Die Emigrantenfamitie. «Fortsetzung. -■ Indessen hätte das gegen Joseph obwaltende Bornr-theil wohl mit der Zeit von selbst aufgehört; da sich sein harmloses Natuiell, fein anfpruchloses gntmütlliges Wesen, zumal in enger» vertrauter» Kreisen nicht leicht verlcng neu ließ. Zum Unglücke jedoch trat ein anderer Umskaud unserem gescllschaft licken Novizen störend in den Weg. — Es ist bereits erwähnt worden, daß von der Zeit au, wo fick das Haus Abraham Kohn's nach langer Berschlessenhcit, im Gegensätze zn dem JanuStempel im Rom — zu», Zeichen des Frietcus und der Aussöhnnng mit der Welt — wieder anfgethan hatte; daß von dieser Zeit an viele junge Leute des £erkckcns daselbst rinzukehrcn pflegten. Galt nun auch die Ehre ihrer Besuche zunächst und eigentlich nur dem Sohne des Hauses, so beschränkte fick dock die Anfnlerksanikcit der jungen Gäste nickt ans ihn allein. — Es konnte nickt fehlen, daß sie zuweilen Esther an der Seite ihres Bruders fanden, und daß die bezaubernde Erscheinung dieses holdseligen Mädckcns eine ungewöhnliche Anziehung auf sic übte. — Wohl hatte Esther unter denselben ungünstigen Einflüssen der Erzielmng gestände», wie ihr Bruder; allein die Mängel der Erziehung traten bei ihr, als Mädchen, wenig oder gar nicht zum Borschein. Wer hätte auch jemals einem in der Blütlle der Schönheit stehenden 17jährige» Mädchen einen Borwnrf daraus gemacht, daß sich seine Wangen in edler Bcrschämtheit röthctcn, wen» cS von Frcmdeu, z unial in der ersten Begegnung angcrcdct wurde? Wer hätte es jemals getadelt, daß sic jene ,,anständige, stolze Zurückhaltung bevbackte, die man an dem arnicn Joseph so hart zn rügen pflegte? Und wer hätte sich, vollends jemals über die Schweigsamkeit eines weiblichen Wesens zn beklagen gehabt?! — Esther hatte — wie bereits gesagt — erst daS 17. Lebensjahr überschritten. Außer ihrer Schönheit besaß sie aber noch so viel Fond an Geist, Gemülh und Grazie, uni der Prüfung von jungen, leicht erregbaren Examinatoren Stand zu halten. Co kam eS, daß sie daS Interesse sämmtlicher *׳ Sieb« Nr. x u.!1 Besucher im hohen Grade fesselte. Unter all' den neuen Bekannten Joseph's aber schien keiner von dem mächtigen Zauberbanne ihrer Erscheinung so sehr getroffen worden zu sein, als der Sohn deö Gemeindevorstehers Abrahanc Stern's — NamenS Leopold Stern.! Wie haben absichtlich den Beinamen des Letzter» wiederholt angcgeden, um ikn bicdurch den Lesern als rechtlichen und berechtigten Familiantcnsolm vorzuführen; obwohl dies eigentlich schon daraus ersichtlich sein mnßte, daß sei» Bater zum Bersteber der Gemeinde gewählt werden konnte.:— Wie dem aber auch sei, genug, Leopold Stern, der leibliche Sohn des Borstehers, fand mehr als gewöhnliches Wohlgefallen an Esther, die bloS als Tochter Hanna'S, der Withschasterin Abrahani Kohn's, in den amtlichen Tabellen vorgenwrkt war ... Tie Neigung Leopold Stern's für Esther machte sick bald in aufsallender Weise bemerkbar. Tie öftere Einkehr in das Kokn'sche Haus, das längere Berbleibcn daselbst und verschiedene stunime und beredte Knndgcbuiigen, wie sie bei Liebenden allzeit üblich waren und in einem jeden Romane auf's ausführlichste beschrieben stellen — mußten es vor den Augen deS unerfahrensten, stnmpfsinnigste» Beobachters sonnenklar erscheinen lassen, daß es dem jungen Ster» mit seinen Besuchen eigentlich weniger um den neuen Freund, als vielmehr um die neue Freundin zu tllun war, die er in der kurzen Zeit seiner Bekanntschaft gewonnen zu haben glaubte. Sb diese gläubige Poraussctzling übereilt war, oder sich bei Esther bestätigte, können wir um so weniger mit Gewißheit angcbe», nachdem sic ja viel zu zurückhaltend, schweigsam und schüchtern war, um sich hierin so leicht gegen uns zn vcr rathcn. Wollen wir der reinen Wahrheit gemäß sprechen, so läßt sich vor der Hand nnr constatircn, daß die Persönlichkeit Stern's — seine äußere Erschciiiung und die Art seines Bcncllmcns — der gehegten BoranSsctznng nicht eben besonders hinderlich sein mochte. Um einige Jahre älter als Ioscxh — er zählte ungefähr '22 Jahre — war er um vieles erfahrener, lebhafter und geselliger. Seine UntcrhaltnngSgabe gehörte längst schon zn den anerkannten Tingcn der Gemeinde: weshalb er anck nlerall gerne gesellen wurde. Seine Bermögensvcrhälknisse waren ebenfalls reckt günstig gestellt. — Letzterer Umstand wird wohl bei Licbendcii nickt in Betracht gezogen unk dürfte in einer c>dichteten Novelle — wenn auch nickt im eigentlichen Leben — als prosaisch erscheine»; aber nichts desto weniger mußte er hier erwähnt werden, um unsere Angaben über Leopold Ster» in gewissenhaftester Weise zu vervollständigen. Während >S nun dem sreunklickc» Leser Hund welcher Leser wäre nickt freundlich: wenn er einmal schon so srenndlick ist — Leser zu sein?) gegönnt ist, ans Grund dieser als authentisch verbürgten Angaben den Grad der Begründung zu crinesseu, welche die Hossnungen Steni'S für sick haben möchte» — während kessen gibt eS in der ganzen *0 Familiante» zählenden KHille iiickts mehr zn bedeiiken unk nichts zu bezweifeln. Tie Sacke zivischen Leopold und Esther ist abgemacht. — LN an ist darüber so wenig i1>1 Zweifel) als man daran zweifeln könnte, daß jeder 7. Tag der Wecke ein heiliger. Sabbath ist. Ter Grund dieser ״Allwissenheit" liegt in den Berhältnissen des Städtchens. In der Thal ist der beengte Raum eines Ghetto mehr als jede andere Sertlickkeit, wo Menschen im geselligen Berbande zusammenן wol, neu, geeignet, die etwa vorkoininenden Neuigkeiten aufs Schnellste und Sicherste zur Scssentlichteit zu bringen. Was vcnnögen alle Zeitungen, Afsichen, Reklame nur selbst der so viel gerühmte wnndcrwirkenkc Tratll deS Telegraphen gegen die icuenklick leickt beschwingte Fama cincS-Ghetto! — Im Ghetto weiß man nickt blos alles waS geschieht, sondern auck manches was nickt geschieht und auch wohl niemals geschehen wird. Ein Ghetto ist wie das Sllr des Tionysins, das jeden »och so leisen Hanck, jeden noch so vorsichtig und bchntsam der be engten Brust des Liebenden entsteigenden Seufzer mit Blitzesschnelle aufrangt, und mit beträchtlicher Berstärknng vor das Sllr des PublikmnS bringt. ״Hast Tn schon gehört, was eS in der K Hille Neues gibt?"-.erscholl cs in allen Winkeln nnd Ecken unk wohl auch aus de» übrigen Räumen der Gasse herüber und hinüber: ״Leopold Stern hat sich in Hanna'S Esther verliebt und wird sie heirathcn." Tie Nachricht erregte allenthalben die freu kigste Sensation nickt nur bei den vielen Gevattern und Gevatterinnen, sondern auch bei allen Leuten, die es noch einst selbst zu werten die Aussicht hatten. Die schwarze Gütl und ihr Mann der Ortsschullchrer, den sie, neben bei gesagt, in Allem, außer dem Unterrichte der Kinder, vollständig repräsen-

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