Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 9 (28.9.1860)
- Date
- 1860-09-28
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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—•1» 67 »« — r י .״• - tretende Verhältnisse zum Aufgeben der bisherigen Praxi» bewegten. So wird denn leider auch in Preußen ein tüchtiges geistiges Kapital in Bahnen gedrängt, in denen es theils nicht zur vollen naturgemäßen Anwendung kommen kann, theils ganz vcrkünimcrt. Ist es aber dieses allein, daS dem Lande verloren geht? Wer kann berechnen den Schaden, der der Verwaltung, der Justiz der Wissenschaft iu ihren verschiedenen Zweigen dadurch erwächst, daß jüdische Väter bei der Ungewißheit, die in Betreff der definitiven Regelung der den Juden gebührenden Rechte selbst unter tenl gegenwärtigen liberal sein wolleudeu Ministerium vorhanden ist, ihre Söhne, und wenn deren Anlagen und Fleiß selbst zu den besten und schönsten Hoffnungen berechtigen^׳ wenn sie das Gymnasium absolvirt haben, in Comptoire stecken, weil sie sie dem Glauben ihrer Väter erhalte» und bei Zeiten von einer Laufbahn zurückhaltcn wolle», auf der sie Mühe, Roth, Entsagung begleiten werden, um endlich — den Abfall zu erreichen. — Es ist wahr, lausend schöne Hoffnungen, tausend herrliche Ideale werden, kaum zur Blüte gereist, auf diese Weise vernichtet, aber man klage nicht die Väter an, sondern das unerbittliche Geschick, das s o zu handeln sie zwingt. Unsere Dramendichter haben jetzt Mangel an Stoffen und greifen zu den absurdesten barockesten Kombinationen, um der Phantasie ein elendes Rührspiel zu sabriziren. Warum hat sich noch keiuer daran gemacht, den geistigen Kampf eines jungen Menschen zu schildern, der aus der herrlichen und idealen Welt der Grieche» und Römer heraus» geriffen, in der Welt der Oel- und SpirituSfäffer, der Getreideböden und Hausknechte, der Börsen- und Wcchfelhantlungen sich zurecht finde» soll? Mau mißverstehe uns nicht, wir anerkennen vollkommen die Wichtigkeit und Bcdeutsanikeit des kaufniannstandes, aber nian wird uns doch eiliräunieu, daß es Naturen giebt, die für diesen Stand nicht geschaffen; und daß diese, weil sie zufällig von jüdischen Eltern geboren, ihre innerste und eigenste Persönlichkeit opfern müffen, finden wir — tragisch. Noch einer Bemerkung kann ich mich nicht entschlagen, möchte sie etwas fruchten. Wir sammeln für syrische Christen, warum ist e» uns bis heute nicht eingefallen, für diejenigen, die, weil sie dem Glauben ihrer Väter nicht untreu werden wollten, Ehre, Rang, Selbstständigkeit und eine sichere Exsi stenz auögeschlagen haben, eine Samvilung zu veranstalten? Wir wissen es positiv, daß viele dieser jungen Leute ein höchst kümmerliches Leben führen, der reiche Nabob kümmert sich nicht um sie. Wäre eS nicht an der Zeit, daß der jüdische Mittelstand hierin edler, menschlicher und religiöser denkend, eine wenn auch noch so kleine Gabe darbringe — um seinen in Noth und Kummer, vielleicht schwankend gewordenen Glaubrnsbruter zu erhalten? Vielleicht finden sich die Männer, die da» hier Angeregte verwirtlicheu, Gottes Segen wird ihnen für ihr edles Wirken sicher lohnen! Die L«igra»tr«familir. (FoNseyung.)') Doch kehren wir zu unserer Erzählung zurück. Kein Emigrant hat jemals die Schmach dieses Namens und die damit im Zusammenhänge stehenden mannigfachen Hintansetzungen und Demüthigungen so tief und schmerzlich empfunden, als Abraham Kohn. Ihm war die ausnahmsweise Stellung iu der Gemeinde mehr als jedem andern seiner Schicksalsgenossen unerträglich. Selten hat auch Jemand mit so vieler Anstrengung und Ausdauer, mit so großem Zeit- und Kostenaufwand die Perlechung einer Familienstelle »achgesucht, ja, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln darum gekämpft und gestritten, wie er. Und was war die Folge? — Hunderte Mal an dem heiß ersehnten Gestade der Gewährung angelangt, wurde seine Hoffnung Hunderte Mal durch irgend einen unvorhergesehenen Zwischenfall zu Richte gemacht! Am Ende stellte sich immer heraus — waS er gar nicht denken konnte oder mochte — daß einer seiner Mitbewerber den Sieg davon ttug. So gingS ihm fort und fort, durch den ansehnlichen Zeitraum von 14 — Manche behaupten sogar—16 Jahren. Nur wer jemals da» LoS batte, so lange auf der Folterbank der ״Hoffnung und Enttäuschung" gespannt zu sein, kann sich seine Lage denken. Endlich mußte der Blödeste — und daS war Abraham kohn nicht — zu der nie׳ verschlagenden Urberzeugung gelangen, daß all' sein Mühen und Ringen ') Siehe Nr. 8. fruchtlos sei. — Während der ganzen Zeit dieses Kampfe« verharrte er im treuen Bräutigamsstande zu seiner geliebten Hanna. Es war dies die Tochter eines armen Schneiders. Ihre Eltern waren bereits alt und gebrechlich. Von einem Ortswechsel konnte bei Hanna keine Rede sein; weil sie die El- - lern um keinen Preis verlassen hätte. Dies bestimmte unfern Abraham von 1 seinem früher gefaßten Vorsatze, das Lank zu verlassen und in llngarn sein I Glück zu suchen — abzustehen, und bewog ihn zu dem für ihn harten aber ' unvermeidlichen Schritte — seine Hanna auf eine blos — dem mosaischen Gesetze entsprechende Weise, zu ehelichen. Seitdem war er, wie wir'ü dort im Frauenzirkel hörten, ei» ganz anderer Mensch — war er zum Emigrauten geworden! Wirkten die Freuden der Häuslichkeit mit ihrem beseligenden Zauber so fesselnd auf ihn ein, oder stieß ihn der frostig kalte Hauch der Außenwelt so sehr von sich ab — genug, es währte nicht lange, so war Abraham Kohn ein wahrer Ehe-Anachoret, oder es hat nirnials einen solchen gegeben. Er wollte nichts von der Welt wissen, an! wenigsten aber von der sogenannten ״legitimen" Familiantenwclt. Er scheuete sie alle; von seinen verhaßten zahlreichen Heirathskonkurrenten angefangen, bis zum letzten und jüngsten gesetzlich anerkannten Würnichen, das sich in deni Bereiche des Ghetto zu regen begann. Nicht als ob er ein Feind der Lcgimität gewesen wäre, sondern bloS weil er die Schmach nicht ertragen tonnte-, ihr nicht mit an^ugchörcn. So verdüsterte und verbitterte sich da« Geinüth des ehedetn leben«* . i frohen Abraham Kohn immer mehr und mehr. Er vermied nicht bloS jeden intimen geselligen Umgang mit den Leuten seines Ortes, sondern dehnte das Systeni der Abschließung auch auf sein Weib — und als er Kinder bekam — auch auf diese unschuldigen Geschöpfe aus. Wir wissen bereits, daß er deren zwei besaß, und daß er sie im Hause unterrichten ließ, anstatt sie der öffentlichen Schule anzuvertrauen, wo sie mit andern Kindern in nothwendige Berührung gekommen wären. Daß er keine Besuche abstattete, und folglich auch keine erhielt, versteht sich bei einem Manne wie Abraham Kohn von selbst. Wie in der Gemeinde darüber geurtheilt wurde, ist uns bekannt; nicht aber wie seine Hanna die Sache auffaßte. Sie, ihrerseits war mit rem Benehmen ihres Mannes in diesem Punkte eben so wenig einverstanden, als es ein Anderer war. Wenn sie sich in den Willen ihre» ManneS gehorsam fügte, so geschah da« keineswegs ohne inneres Widerstteben. Sie gehörte zu jenen einfachen harmlosen Naturen, die ihr Glück lieber zur Schau tragen, als eS verbergen. Nicht aus bloßer Eitelkeit, sondern weil sie in der Theilnähme Anderer doppelt genießen, sich doppelt glücklich fühlen. Sie war überzeugt, daß es nur wenige Frauen im Orte gebe, die ein so zufriedenes, * glückliches Leben n(t ihren Männern führen, wie sie eS mit ihrem Abraham führte. Sie wußtet daß wenige ״Familianten" ein so geordnete» Hauswesen haben, so sorgenfrei leben können. Und waS ihre Kinder belangt, so hätte sie zu jeder Zeit einen feierlichen Eid ablegen können, daß eS die schönsten und bestgerathenen nicht nur im Orte, sondern viele Meilen in der Runde seien. Mit solchen Kindern, dachte sie, könne man getrost unter die Leute gehen, ja man dürfe stolz auf sie Hinweisen, anstatt sie mit ängstlicher Sorgfall von allen Blicken entfernt zu halten. So dachte Hanna, und sie wäre nicht daS treue, gute Weib gewesen, als welches sie sich stets bewies, wenn sie gegen chren Mann aus ihren Gedanken eis Hehl gemacht hätte. Allein waS halfS? Abraham hörte ihren Vorstellungen geduldig zu und erwiderte nichts darauf, wenigstenso lange nicht, bis eS ihm nicht gelang, die MHrung zu bewältigen, die ihn dabei überkam. Dann aber pflegte er gefaßt, aber doch in ergreifender Weise zu sagen: ״Laß das Hanna, mein Kind. E» kann doch nicht anders sein. Ich kann's nicht zugeben, daß unsere Kinder von dem Erff-Besten die Frage hören, warum sie nicht den Namen ihre» Vater« tragen?!“ — Damit hatte die Diskussion ein Ende. So währte mit scheinbarer Uebereinstimmung beider Eltern die häu«- liche Abgeschlossenheit fort bi» zur Zeit, wo der Sohn sein 18. und die Tochter chr 17. Lebensjahr erreicht hatten. Bon da ab gewannen aber die Bedenken der Mutter die Oberhand. Sie hielt eine fortgesetzte strenge Ueberwachung der Kinder weder für rathsam noch auch für ausführbar; und eS gelang ihr endlich chren Mann dahin zu bewegen, daß er sich, freilich nach langer Celbstankämpfung entschloß — seinen Kindern zu Liebe der chm verhaßten Welt einen Schritt entgegen zu gehen. Und da» war wahrlich nicht wenig von Abraham kohn! — *