Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 8 (21.9.1860)
- Date
- 1860-09-21
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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der Stadt zur Miethe gegangen oder ein Bauplatz in der Stadt acqnirirt werde?' UnS erscheint es räthsclhast, wie hier nur in der definitven Entscheidung einen Augenblick geschwankt werden könne, wo das Richtige so nahe liegt. Wir glauben, daß das Interesse, welches von gewiffer Seite her den Real- und Gymnasialschülern, — die, wir sind davon feft überzeugt, wenn man ihnen die Wahl freistellte, es gewiß vorziehen würden, nachdem sie bereits einige Stunden in der Stadt geseffen, in die Helle freundliche.Lecpolkstadt hinaus zu gehen — zugewendet wirk, zum mindesten mit gleichem Reckte von der größtentheilS in der Leopcldstadt wohnenden und dort auch den Unterrickt genießenteis Vclkssckülern in Anspruch genommen werden darf. Wenn überhaupt auf Entfernung Rücksicht genommen soll, so glauben wir, es sei natürlicher, daß sie Allen und überall gleichmäßig werde. Und wozu der Gemeindecasse durch den Ankauf eines Platzes in der Stadt — der doch derselben sehr theuer zu sieben kommen würde — neue Kosten aufbürden, wenn man einen solchen Platz in der Leopoldsladt bereits besitzt und erwiesenermaßen ein auf demselben errichtetes Schulgebäude allen Interessen am ehesten und besten gerecht werden könnte? Hoffen wir, daß die so osl bewährte Intelligenz und der praktische Sinn der Leiter unserer Gemeinde auch diesmal das Richtige treffen, und daß die Entscheidung, in Anbetracht der Tringlickkeit des Gegenstandes nickt mehr, lange auf sich warten lasten wird. BrÜNN, im September. Ein schönes Seitenstück zu dem alle Israeliten Lesterreicks zu innigen Tanke und mit erbebender Freude erfüllenden Entgenkcmmen des Herrn FZM. Ben edel gegen den Lberrabbiner Herrn L>r. Meisel bildet hier ein höchst wohlwollendes Schreiben unseres neuernannten Statthalters, des Herrn Grafen Fcrzäcs an den Herrn Landesrabbiner für Mähren. Indem der Herr Statthalter dem Landesrabbincr, sowi« allen Behörden des Landes, seinen Amtsantritt ankündigt, erbittet er sich besten Rath in allen jüdischen Angelegenheiten und erbiethct sich, seinen ganzen Einfluß zur Verwirklichung aller gereckten Wünsche der Israeliten Mähren- und Schlesiens geltend zu machen. In Folge testen hat dieser Tage der Herr Landesrabbincr, begleitet von den Vertretern der hiesigen iSrael. Gemeinde, dem Herrn Statthalter die Aufwartung gemacht und bei dieser Gelegenheit aus reffen Munke die Versicherung erhalten, daß er jtp Geiste der hohen Regierung die Intereffen aller Bewohner des Landes ohne Unterschied der Eonfessionen zu vertreten gedenke. Tie hiesige israel. Genieinde ist in steter, erfreulicher Zunahme begriffen, so daß der vor 6 Jahren hier erbaute, damals noch geräumige Tempel, jetzt schon nicht mehr ausreicht und daß an eine nächsten Sommer vcrzunehmente Erweiterung kestelben allgemein gedacht wird. Erfreulich ist jetzt ein Rückblick aus frühere Zeiten. Tie statistischen Tabellen von 1791 zählen in der innern Stadt Brünn nur 15 jüdische Seelen und in den Vorstädten nebst den nahegelegcnen Törsern Lberowitz-, Kumerowitz rc. zusammen nur 30 jüdische Familien und jetzt schon ist Brünn die bedeutendste Gemeinde in Mähren, deren Seelenzahl in der letzten Volkszählung 2030 auSmachte und seitdem um Vieles gestiegen ist. Welch' einer schönen Zukunft kann diese junge Gemeinde in'unserer durch ihre Industrie immer mehr emporblühenden Stakt entgegen sehen! Selbstverständlich muß eine solche Gemeinde die Frage über die Besetzung des Rabbiner» ernstlick beschäftigen; jederman scheint es auch zu fühlen, welch' ein wichtiges Amt dem zu wählenden Seelsorger hier anvcrtraut! wird, ׳und man bestrebt sich mit außerordentlicher Vorsicht zu Werke zu gehen.! Nicht minder müsten auch die Bewerber von der Wichtigkeit des Postens! überzeugt sein, und eS ist eben darum nickt zu verwundern, daß wir mehr als ein halbes Hundert Compctenten von Rah' und Ferne, von weiterher! noch als LaS ״deustche Vaterland" selbst im Liede reickt, bekommen haben. 1 Ich erlaube mir hier auf den Vers Iesaias 'כ:יך מ־כיק ׳:־א nach einer geläufigen talmudiscken Teutungsregel r א zu beziehen. Toch Scher; bei Seite, wir finden Namen unter den Ecmpetenten, die in der jüdischen Literattir einen guten Klang haben, unter decken eine Dahl zu treffen, wirklick schwer fällt. Schon haben einige Probevorträge stattgefunten und die künftigen Feiertage, so wi« die nächst darauffolgenden Sabbathe, werden so Manchem Gelegenheit bieten, sich hier hören und erkennen zu lasten. Gebe - Gott, daß nach Beendigung des WeltkampfcS unter den Bewerbern, kein hitziger Wahlkampf unter den Wählern stattfinde, damit der von der Wahl Getroffene nickt etwa eine Wahlstatt der leidenschaftliche» Kämpfe und i Kämpfer finde! Zum Schluffe wieder einen Rückblick auf die Vergangenheit. Ich möchte der hiesigen jüdischen Gemeinde den Namen ״Alt-Neu-Gemeinde" beilegen; da wirklich schon vor einem halben Jahrtausende eine jüdische Gemeinde hier bestand, was aus einem Actenstücke, welches den Einzug König Johann'» und desten Gemahlin in Brünn anno 1311 schildert, deutlich hervorgeht. ״Außer dem Clerus urd der Bürgerschaft" heißt es daselbst, ״ging auch die ganze jüdische Synagoge mit der Thora entgegen." Vor einigen Wochen wurden auch zwei Tenkmäler dieser alten Zeit hier aufgefunken; zwei jüdische Grabsteine nämlich, die beide das Datum 133 — 1373 tragen, und demnach ein Alter von -187 Jahren haben. Angestellte Nachforschungen ergeben, daß in dem bis zum Jahre 183-1 allhier bestandenen Iudenthore viele jüdische Grabsteine eingemauert waren, welche bei der Niedereißung desselben zerstört und zu den in der Nähe dieses Platze» vorgenommencn Umnnd Neubauten verwendet wurden. Auffallend jedoch ist es, daß die um diese Zeit schon hier angesehenen Israeliten sich um diese h. Monumente so wenig gekümmert haben sollen. 8t. Folgender Fcstbericht ist uns von Seite des chrs. Vorstandes der israel. Gemeinde in Giins eingesendet worden: st uns, 7. September 18150. Geehrtester Herr Rctacteur! Kaum ist eine Monatsfrist verstrichen, seitdem hier ein Tempel der Menschenliebe seine Pforten aufthat: und abermals trägt unser sonst so stilles, nun wieder von Fremden belebtes Städtchen, ein festliches Gepräge; abermals soll ein Tempel sich öffnen, diesmal dazu bestimmt, um in Gebeten und Gesängen den Herrn zu preisen, und abermals ist es jener Edle, dessen Name wohl keinem mehr, der die Geschichte der Kultur in den Kreis seiner Bettachtungen zieht, unbekannt ist; abermals hat Philipp Cchey von Koromla einen Stein, man könnte sagen den Schlußstein gefügt in den Bau seiner Unsterblichkeit. Tie feierliche Einweihung des von ihm erbauten, für die GünSer Indengemeinde wirklich prachtvollen Gotteshauses, welche in Folge des Zusanimentteffens verschiedener Umstände einen kleinen Aufschub erleiden mußte, hat am 6. d. M. in würdiger und glänzender Weise stattgefunden, was wohl auch die Versicherung aller derer, die dem erhabenen Acte beizuwohnen Gelegenheit hatten, bestätigen mag: nämlich, daß sie diesen Tag zu den schönsten ihres Lebens rechneten, und keine Zeitdauer die Erinnerung daran aus ihrem Gekächtniffe venvischen werde. Was war es aber, das, abgesehen von der ganzen, tief-ernsten Bedeutung des Festes, diesen so mächtigen Eindruck hervorbrachte? Es waren zwei Gewalten, die noch, bei keinem fühlenden Herzen ihre Wirkung verfehlt haben, die aber insbesondere da tief erschüttern, wo sie selten wirken: eS waren die Macht der Rede und die Macht des Gesanges; die Erstere verkörpert in dem vom Feuer eines Iesaia durchglühten Prediger Herrn Dr. Iellinek, die Letztere verkörpert in dem herrlichen, in seiner Art wohl unüberttoffenen Sänger Herrn Professor S. Sulzer aus Wien, welcher von seinem vortrefflichen Sohne und den Herren Fischer und Frankl mit einem Theile des Wiener Chors auf das Würdigste unter» stützt wurde. Tie kirchliche Feier begann um 10 Uhr Vormittags, und ging auf folgende Weise vor sich: 1. Die heilige Lampe wird angezündet; Segensspruch. 2. Herr Lber-Eantor Sulzer recitirt ma tauwu. 3. Zug der Thora- Rollen, Gesang söu scheorim rosckechem. -t. Gesang: fchema, echod elauhenn, gadlu, lecho adonoj. 5. Hagboho; Recitativ: wesauS hatauroh. 6. Gesang: jehallelu, haudu, uwenuchäu jaumar. 7. Predigt und Gebet vom Prediger Herrn Dr. Iellinek. 8. Psalm t'XI. 9. Volks-Hymne. In dem neuen Gotteshause waren über 300 andächtige Zuhörer versammelt, und zwar außer den Glaubensgenoffen der Stadt und der ganzen Umgegend, unter weichen namentlich die würdigen Herren Rabbiner der Rechnitzer und Steinamangerer Gemeinde Dr. Zipfer und Königsberg zu nennen sind, sämmtliche Civil- und Militär-Autoritäten nnd die Vertteter der katholischen und evangelischen Geistlichkeit in GnnS, sowie viele Wiener Gäste, unter ihnen bekannte Persönlichkeiten.