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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-09-21 · 8 (21.9.1860) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
8 (21.9.1860)
Date
1860-09-21
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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—n 60 n-- — ״WaS nickt ist, kann werken", sagte kie Hebamme betroffen, ״zwar ich glaub auck nickt daran." — ״Aber kaS glaub ick unk könnte sckwören daraur", bub die-Flestckbackerin Genenkel an, ״laß er vor lauter Stolz und Ehrgeiz so sckleckt aussiebt." — ״Tie Genendel hat Reckt", sägte kie ihr gur Leite siyenre Schneikers.vittwe Gelle, eine nahebei 80jährige Frau. ״Ec war immer ein Gaiwenek ׳'Hockmürhiger), sckon als K-nk wollte er immer kie besten Miete er tragen unk alle Ehre für stck haben, kann erst als ״Iung^ hat er stck nobel geführt unk war ihm jeke Cbawruffe (Kameradsckaft >;11 gering. — Aber kaS must man sagen ein ״Plager" ist er immer gewesen wie lein zweiter. Seurem er verheirathet ist, seit 20 oder 21 Iahre,! — sc viel must es sckon sein — weil tamals mein Mann, in Ganeken ruht er — neck gelebt hat, seitdem ist er sckon gar ein kurioser Mensck geworren. — Tie Bergleicke zwiscken früher unk jetzt bänen sich aller Wahrschein- 'Uckkeir nach, noch länger fortgespcnnen, wenn nickt zum Umglück der straff gespannte Gekttlrfaren ker schwarzen Gütl (so kiest die zwar sehr reizbare als nickts weniger als reizende Frau res Srtsckullehrers: plötzlich in zweigeriffen wäre, tinr sie mit ker Vollgewalt ihrer ckreisckenren Stimme ker alten Vorspreckerin mit einem üblicken: ״Verzeiht mir Frau Gelle" ins Wort gefallen wäre. In Folge rieses glücklich ausgeführten Staatsstreichs lenkte sie kie Aufmerksamkeit von ker Vergangenheit gänzlick ab, um sie aus kie Gegenwart zu concentriren. ״Wer spricht vou kein was er ist gewesen? hier ist kie Reke von rem, was er jetzt ist, unk was er sich nllcs auf sich unk sein Weib unk aus seine .Minrer einbiirei. Ja. weil wir gerate von. seinen .Minkern reren. Ein Magraul Emigrant karf nickt ken Mops so hock tragen, käst er seine Minrer nickt in rie öffentliche Schule sckickl unk sie im Hause erlra unterrichten lästr, wie wenn cs Prinzen wären, unk käst er nickt einmal zugibt, käst sie mit ankern T rtskinkent ein Wörtcken reren sollen. Er sollte sick's lieber zur Ehre macken, wenn Einer ans reu Familienkäusern mit ihm unk sein Weih unk Mink ein gutes Wort wechselt, renn zuletzt ist er rock nur ein Mägrant. - 2ein Weib kann nickt Vorsteherin ker Eheivra werken, so wenig wie er zum Vorsteher ker Ebewra orer ker Genieinre gewählt werten kann. Was wahr ist, ist wahr, Ick kanns nickt ankers sagen." — Tie offenbar zu streng ausgebolte Erpectoration ker schwarzen Gütl hat nickt reu Veisall Aller zur Folge. Eine Flutk Veit Tckutzunk Mlage Reren brickt herein, kie jekes weitere Anhören ker kurckcinanrergrsisenren Stimmen zur reinen Unmöglichkeit »tacktz weshalb es auck rathsainvr erscheint, ken Faren rer Erzählung wiekcr selbststänrig ausznnehmen, unr ren Veser rbne weitere Umstänre, so weit cs uns bekannt ist, mit rem Wesen nur Streben Abraham Molms bekannt zu macken. Aber ganz vergebens sotten wir riesen Veffick rock nickt gemacht haben: ra wir bereits mehr als einen Stütz unr Haltpunkt für unser Unheil über Abraham Mohn gewonnen haben. — — — Wäre rer Eharaeter reffetbe» minrer unbeschollen gewesen, batte mau ihn nickt von Iugenr auf als guten,- ehrlichen, strebsanten Menschen gekannt, rer sein bisckeit Vermögen int Schweiße seines Angesichts aut rertickem Wege fick erworben: wäre er nickt als woblthätig nur fromm Petannt gewesen: so hätte — bei reut Umstänre seines schroffen Ventebmens tinr seiner gänztich.-n Zurückgezogenheit vom öffentlickeu?eben, kas Unheil in kteseut weiblichen Areopag allem Anscheine nack schärfer aussatten müssen. 2etbst rie schwarte (''iht wustte ihm nur seine -Eretnsivität in rer Erziehung seiner Minrer vorzuwersen nur ras! er — ein Magrant r. i. ein Emigrant sei! was er auch wirkt»!׳ gewesen ist. ״Ein Emigrant?" fragt rer Leser. ״Etwa gar eines rer unglücklicken T pser Robesrierre's nur Marat's? Tas rieckl ja nack Politik. Ptni, ein politisch vier —־ritt garstig Vier!" Getrost, es ist nickt im Ent- Zerntesten - unsere Absicht, rie großen Weltereignisse in ken bescheidenen Rahmen unserer Erzählung'einznsteckten. Anstatt reffen ntüffen wir einen stücktigcii Vtick werten auf kte socialen Zustänre nur gesetzlichen Einrichtungen, rie zu jener Zeit für rie Israeliten Mährens neck in voller Mrast unk Geltung bestanre». Es tunte wenigen unserer Veter unbekannt sein, rast innerhalb dieser Provinz rie Zahl rer jütischen Eben eine beschränkte war. In rer gesammten Markgrassckatt Mähren rursten ramals nickt mehr als;">40> > l zufällig mit ״chem?Aei -'numfang res Erräguatcrs in numerischer Uebereinstimmunz, ohne keshalb mit irgenr einent Ratnrgcsetze rie allergeringste Aebnlickkeit zu haben( jütische Familien wohnen, rie aus jcre einzelne Gemeinde ein für allemal vertheilt waren und wovon — wie erwähnt, auf den Schauplatz unserer Begebenhest nicht mehr als 80 entstehn. So lange als die sämmtlichen 80 patentirten Familienväter, sögenannte Familianten noch am Leben waren, durfte es Niemanden in den Sinn kommen, sein Lebensschifflein in den beglückenden Hafen des Ehestandes einlaufen zu lasten. Die Zahl war voll und durfte nicht überschritten werden. Erst wenn ein ״Familiant" mit Tode abgegangen, wenn somit eine Familienstelle in Erledigung gekommen, da war ein Concurs für alle Ehestandskandidaten eröffnet. Die so und so vielte Nummer (die Nummer, unter welcher der Verstorbene in dem Gemeindebuche eingetragen war) war zu besetzen, und derjenige Bewerber, welcher neben einem Dutzend beglaubigter i Dokumente und Ausweise sich die Gunst des jemaligen Rosch-Hakohl (Gemeindevotstehers) des Amtes und Kreisamtes auf die eine oder die andere Weise zu erwerben wußte, trug die Palme des Sieges davon. Alle Uebrigen waren auf tas Hinscheiken eines andern FimilienvaterS aufs Unbestimmte hingcwiesen. Ließe sich mm Gottes- und Naturgesetz stets den menschlichen Einrichtungen unterordnen, und hätte sich jeder ״Familiant" damit begnügt, nur einen männlichen Sprößling zu besitzen; so wäre die Handhabung oberwähnter ״Fannlicnordnung" mit keiner besonderen Inconvcnienz verbunden gewesen..— Bekanntlich aber sind — wie Süßmilck unk die tägliche Erfahrnng lehren — in jeder Familie durchschnittlich 2 — 3 Knaben, — ganz; abgesehen von der den Nackkommen Abrahams zugesickertcn Fruchtbarkeit;! und so kam es, daß um eine Eoncession, einen Hausstanb zu gründen, stets mehrere Bewerber auftraten, die oft Jahre lang vergeblich darum pro- , ccssirten. ' Es ist leicht begreiflich, daß hiedurch einer großen Anzahl junger Leute die Aussicht, jemals eine Familie zu gründen, gänzlich benommen war. Besonders den Zweitunk Nackgebornen, ta in der Regel die majorenen Erstgcbornen ken Vorzug erhielten. ' Unter.den vielen in dieser Weise von Hhmen's Reiche gesetzlich AuSgeschloffenen verharrte ein Theil im Eölibatcnstanke, ein anderer entzog sich dem Gesetze durch Answäiidernnz — zumeist nach Ilitgarn's freiem Boden, j wo sie sich unter dem Schutze irgend eines adeligen Grundherrn ansiekelten ' unk sich kas Heimathsrecht erwarben. Andere endlich ließen sich ohne die Eoncession der Behörde erhalten zu haben, im Geheimen ihre Ehehälfte anj trauen. Eine solche Trauung geschah wohl ker üblichen religiösen Vor- 1 sckrist gemäß, konnte aber weder in der Svnazoge, noch im Hofe desselben, nock überhaupt unter Gottes freiem Himmelszelte stattsinden. Tie Einsegnung geschah auch nickt vou dem Rabbinen des TrteS, sondern wurde pon einem; beliebigen ״Valuten" (Talinndskundigen) vollzogen. Die sonst übliche seiet- ' licke Prozession res Brautpaares durch die Gaste unter Sang und Klang mußte natürlich unterbleiben. Man war srok, daß die Trauungsact in irgend einer Hinterst» Iw oder Tackkammer in Gegenwart von 10 Männern außer dem obligaten Klirren des Trinkglases — ruhig und geräuschlos ablief. Tiefe nicht patentirtc Gatten uagnte man Emigranten, was, wie wir's bereits erfahren, in der Sprache det Khillc Magranten klang. Woher der Name herrültrt, wollen wir getrost den Philologen überlasten, vielleicht kam er ihnen deshalb zu, weil sie von Rechtswegen hätten auswandern sollen. Wie dem aber auck sei, so nannte man Gatten unr Familienväter, die in ter Gemeinre geboren und׳ erzogen, kie alle'Vasten eines berechtigten Staatsbürgers trugen unk Übertics noch eine unverhältnißmäßige Ueberfrackt für ihr bischen Iudenthunt auf sich laden mußten; Männer die jeden Winkel in der ״Gaste" und jeden Stein aus dem ״Ring" kannten — kiese nannte man in ihrer Heimath, in eben dem 2rte, wo sie geboren und erzogen wnrden. Fremde, Emigranten! In der Tbat war ihr ausnahmsweises Verhältniß und ihre Stellung selbst unter ihren Glaubensgenosten diesem Begriffe entsprechend. Vor kein Gesetze galten sie, auck wenn sie eine reiche Nachkommenschaft von Kindern unr Enkeln um sich sahen, für — ledig. Die Weiber derselben wurde» 'behördlich als Tienstmägde und Köckinen in die Aintsbückcr verzeichnet; die Minder, als. uneheliche immatriculirt, dursten nur den Namen ihrer Mutter, keineswegs aber den ihres rechtmäßigen Vaters tragen u. s. w. Aut Gemeinrcleben nahmen sie Kur in so ferne Theil, als sie zu den meisten Steuern in Anspruch genommen wurden; sonst konnten sie keine Eh renstellen erkalten, da sie de jure zu den Ledigen gehörten. Cie waren von

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