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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-09-21 · 8 (21.9.1860) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
8 (21.9.1860)
Date
1860-09-21
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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— l» 59 ו<— seinen Bildungsgrad gefordert, als ein Zeugniß über die Lehrgegenstände der sogenannten dritten Volksschulklasse. — Gleichwohl oder vielmehr eben darum glaubten gar Biele, daß — wenn es mit der Echtheit der Dokumente streng genommen würde — nur sehr wenige Rabbiner ihre Befähigung zur Concurrenz darthuu könnte»; und in der That waren unter allen Bewerbern außer Schwab nur noch Joachim Pollak in Trebitsch und der privatisirende Naphtali Benedict im wirklichen Besitze selbst dieses geringen AuSmaßeS von Kenntnissen. Schwab mußte daher — wiewohl selber ohne die mindeste Selbsttäuschung über den Erfolg — dem Drängen seiner beiden Gemeinden nachgeben und als Mitbewerber auftreten. — Dieselbe Wahlordnung hatte aber den Wahlact gänzlich in die Hand von sechs Rabbinern gelegt und der Gemeinde nur so viel Einfluß gestattet, als dieselben durch ihre Bevollmächtigten in den respectiven Kreisstädten die sechs Wahlmänner nebst sechs Ersatzmännern auS den Rabbinern zu wählen hatten. — Schon bei diesen Urwahlen hatte Nikolsburg, eifersüchtig auf den seit lange besessenen Primat und gereizt durch daS auch in Schwab'S Wahl erkannte demonstrative Verhalten der Proßnitzer Gemeinde, alle Hebel angesetzt, uui Wahlmänner in seinem Sinne hervorgehen zu lassen; und als die Namen der sechs Rabbinen bekannt wurden, konnte nur noch bei Wenigen Zweifel darüber herrschen, nach welcher Richtung das Wahl-Resultat gravitiren werde. Ein Kampf war nur noch denkbar zwischen N. Trebitsch und Jcsaia Benedict (Sohn des verstorb. Landesrabb.) in Mislitz. Die mährische sogenannte Intelligenz, jeder Hoffnung auf Systemwechsel entsagend, wendete jetzt, in dem rein persönlichen Streit, sonderbarer Weise ihre Sympathien Jesaia Benedict zu, theilS auS Antagonismus gegen NikolSburg, theils auS Pietät für dessen verstorbenen Vater. Der Ausgang ist bekannt; wie lange die Endentscheidung höchsten Ortes schwebend gewesen, kann ker Leser besser aus der ttefflichen historischen ' Skizze: ״Das mährische LandeSrabbinat seit 100 Jahren (W. Blätter 1851, Nr. 43 ff.)" ersehen. Lange vor dem AuSgange dieser Angelegenheit, schon im Mär; 1851 hatte Schwab, begleitet von den Thränen und LiebeSbcweisen der gesammten Gemeinde den Ort verlassen, wohin er 19 Jahre vorher als armer Bocher gepilgert kam, um nun das Rabbinat in einer Gemeinde anzutreteu, welche an Seeleuzahl den zweiten, an Wohlstand und Bildung aber den ersten Rang in der Provinz rinnahm. Wir wollen unsere Leser nicht mit Beschreibung von Empfangsfeierlichkeiten belästigen, die sich in allen Gemeinden und zu allen Zellen wiederholt haben. Aber gewiß hätte jeder mit der Geschichte der Proßnitzer Geuieinde Vertraute, jeder der ihre Jahrzehnte hindurch gedauerte Partheikämpfe gekannt und chre in den letzten Zähren Trebitsch gegenüber so offen zur Schau getragenen schroffen Kälte und Gleichgültigkeit beobachtet hatte, erstaunen müssen, über die ungeheuchelte warme Theilnahme, die nun Schwab eutgegengebracht wurde, über den einstimmigen EnthusiaSuius, welchen seine Vorträge erregten, welcher sogar Leute die der talmudischen Gesinnung längst Lebewohl gesagt hatten, bewog ihre oft gar nicht verächtlichen talmudischen Studien wieder hervorzuheben, um den damals noch stark im Schwünge gewesenen Chilukim mit gehörigen: Verständniß folgen zu können. — Einer der bemerkenSwerthesten, sowohl durch vielseittge Bildung als durch virtuose Talmudkenntuiß unter diesen, war unstreittg der damals in Proßnitz als Hofmeister lebende — Holdheim. Eben jetzt da dieser erste Wortführer der relig. Radikal-Reform in Deutschland in ein anderes Leben hinübergegangen, dürfte eS Vielen nnserer Leser nicht uninteressant sein zu erfahren, wie dieser Mann, dessen Urtheil in P. bedeutendes Gewicht hatte, und der bekanntlich 17 Jahre später gegen Schwab polemisch auftrat, sich damals zu Letzterem verhielt und über ihn sich auSsprach. — Holdheiu war die kurze Zeit, die er noch in P. verweilte, beinahe täglich um Schwab, und die LieblingSunterhaltung Beider war — recht heißer Pilpul. Im Uebrigen sei'S uns erlaubt HoldheimS eigene Worte auS einem ftanzösischen Briefe, den er nach seiner Abreise von P., nach Böhmen an Schwab gerichtet hatte, anzuführen: ... In 8atisfaetiou de vous dire, que je vous ch£ris autant que je vous revere, et que man admiration poar vous est au-defa de toute expression, qu’en depit de pea de temps . . . . la sincere amiti6 et le vrai attacliement, que vous m’avez inspire 8c sont cimentes dune teile maniere, que ni la distance ni le temps ne aauraient jamais les altärer .... Vous qui savez 81 merveilleusement enchanter les coeurs par votre male eloquence et qui excellez taut dans l’art de l'orner et de l’embellir de oette grace noble et touchante, de cette imagination feconde et vive, dont vous disposez si souveraincment. Er nennt ihn ferner: Un genie superiear — un caractire 8i doux et 8i liumain, en un mot ce mälange si lieureux et 81 merveilleux, que la nature n’a que fort rarement pris plaisir de composer . . . (Fortsetzung folgt.) , Die (Cmigrautcufamilit. 1. F n. Es ist nicht die Sache des Verfassers nachfolgender Erzählung sich in ein ihm ftemdes Gebiet, und am allerwenigsten in ras derNovellistik einzuschnniggcl». WaS er hier darzustellen beabsichtigt, ist eine wahre Begebenheit, wie sie sich in! ersten Viertel dieses Jahrhunderts in dem mäh ׳ rischen Landstädtchen D... zugctragcn hat. In dem Landstädtchen D... also, um das Jahr 1820 »nd darüber war es, wo ein bereits im vorgerücktem Lebensalter stehender Familienvater, Namens Abraham Kohn unter de» scheinbar günstigsten Verhältnissen lebend — sich deßungeachtet — seines Daseins nicht erfreute. Daß er dies nicht gethan, das ist eben daS Auffallende in seiner Erscheinung und zugleich der Grund, weshalb wir gerade seine Geschichte »yd nicht die eines der übrigen 80 Familienväter erzählen, die damals die jüdische Bevölkerung des Städtchens bildeten. Abraham Kohn, hatte wie so eben bemerkt, niancherlei Ursachen, sich mit seinem irdischen Geschicke zufrieden zu geben. Er besaß in seiner Hanna ein treffliches biederes Weib und seine zwei Kinder, Joseph und Esther waren unstreitig die schönste!, und bestgesitteten im Orte; zudem galt Abraham Kohn für reich, besaß eines der niedlichsten Häuschen in ׳Ghetto und betrieb einen ziemlich einträglichen Handel. WaS in aller Welt konnte ein Ghettobewohner von damals mehr s wünschen?! Und doch war es unbezweifelt, ja offenkundig, daß Abraham Kohn einen oder mehrere unbefriedigte Wünsche nähre, die ihm nicht wenig zu schaffen machten. Sonst wäre er nicht so düsteren Gemüthes gewesen, hätte sich nicht so ferne von den Leuten gehalten, und so gut dies bei einem Geschäftsniannr angeht, jede Berührung mit der Außenwelt sorgfältig vermie den. War eS bloS krankhafte Gemüthsstimmnng oder waren eS trübe Erfahrungen, waS ihn zu dieser völligen Abgeschiedenheit veranlaßte? Hierüber waren die Ansichten sehr verschieden; und es wird gut sein, ehe wir unS eine bestimmte Ansicht über ihn erlauben, das Urtheil des OertchenS einzuholen und zu prüfen. Damit wir aber nicht die verschiedenartigen Meinungen von HauS;u Haus abzufragen genöthigt seien, wollen wir Gelegenheit nehmen, die sonst zerstreut vorkommenden Aeußerungen gleichsam in einem Brennpunkte gesammelt vorzufinden. Eine solche Gelegenheit bietet sich uns dar, wenn es dem Leser genehm ist, eine Sabbath-Nachmittags-Visite bei Berl Glasers Weib abzustatten, die gerade jetzt Chewra-Gabete (Vorsteherin des h. Vereines für Frauen) ist, wo sich außer den Spitzen der weiblichen Gemeinde auch die spitzigsten Zungen beisammen finden, die »nS gewiß über unser» Mann und seine Verhältnisse nicht lange im Dunklen lassen werden. Treten wir in die freundliche blankgescheuerte Sabbath-Stube ohne - Umstände ein. Wir sind da unbemerkte Zeugen eines bereits zu größter Lebhaftigkeit gediehenen Gespräches — und gerade beginnt Frau Mindel ihren Bortrag. ״Es ist nicht zu begreifen, wie er (offenbar Abraham Kohn) auSsieht. Nicht zum Erkennen, bei meiner Seele nicht zun. Erkennen, mehr kann ich nicht sagen." — ״Man munkelt allerlei", sagte die OrtShcbamnzc, Frau Sali in einem etwas gezierten Tone, augenscheinlich um ihrer Bemerkung mehr Nachdruck zu verleihen. — ״WaS man munkelt", fiel ihr die alte Lea inS Wort, ״daß wissen wir. Daß er mit seiner Hanna nicht gut lebt und daß er im Vermögen zurückgeht. Daß ist schon lange her, daS sagt man schon 10—12 Jahre hintereinander. Und noch immer hat er ihr nicht den ״Get" (Scheidebrief) gegeben und die Trommel ist auch noch nicht vor seinenl Hause gestanden; das sind leere Reden. Auf das gebe ich nichts.'« *

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